Jürgen Mette: Gnadenzeit

gnadenzeit

Rezension von Christian Döring:
Noch immer sind Krimis aus frommen Verlagen rare Artikel. Was der Theologe Jürgen Mette jetzt mit “Gnadenzeit” vorlegt, ist mehr als “nur” ein Kriminalroman. Auf 220 Seiten gelingt es Mette seine unterhaltsame und in weiten Teilen auch humorvoll erzählte Krimi-Story in eine theologisch tief gehende Aufarbeitung der Vielfalt unserer Gemeindelandschaft zu betten.

Der Mord an der jungen Lydia Weber ist der Ausgangspunkt von Hauptkommissar Alois Bachhubers Fall in den Allgäuer Alpen. Warum musste Lydia Weber, die tief in die Fänge einer Sekte hineingeraten ist, sterben? Wer zieht Nutzen aus ihrem Tod?

“Bachhuber, der ewige Provinzler, der nie über den Weißwurstäquator hinausgekommen” ist, hat mit dem Glauben nichts am Hut. Glücklicherweise bekommt er für seine Ermittlungen die Kirchenkennerin Maria Sonnlaitner an die Seite gestellt. Ebenso wichtig, und dies ist wohl der große Unterschied zu anderen Krimis, geht es Mette jedoch nicht nur um die Suche nach dem Mörder. Theologisch sauber arbeitet er heraus, wie es zur Gründung von Sekten kommen kann. Die Entfernung von der Bibel und die fehlende Anbindung an Gott setzen einen irdisch-fehlbaren Menschen an eine Machtposition, die ihm nicht zusteht.

Wahre Gnadenzeit gibt es nur bei Gott und dies ist die wichtigste Botschaft dieses Buches. Vor Überraschungen ist der Leser in dieser Story nicht sicher – nicht, was die Mördersuche angeht und auch nicht was die Anzahl der Mordopfer betrifft.

Ich muss ehrlich gestehen, Jürgen Mettes Einlassungen zum Entstehen einer Sekte und deren Praktiken haben mich mehr gefesselt, als die Aufklärung des Mordes an Lydia Weber. Aber selbst bei Bachhuber hat die Sache mit Gott deutliche Spuren hinterlassen, auch über diesen Fall hinaus.

Nach diesem 1. Fall von Hauptkommissar Alois Bachhuber erhoffe ich mir von Jürgen Mette schon bald einen 2. Fall. An Themen aus dem religiösen Milieu sollte es nicht mangeln!

Gerth Medien, ISBN 978-3-957-34027-6, Preis 14,99 Euro

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Jerry B. Jenkins: Ich, Saulus

ich saulus

Rezension von Christian Döring:
Im ersten Jahrhundert nach Christus, kommt der Arzt Lukas nach Rom um Paulus im finsteren Kerker zu besuchen. Das ist nicht leicht, aber er findet Möglichkeiten Paulus mit Nahrung zu versorgen und ihm eine letzte große Bitte zu erfüllen.

Während Paulus seiner Hinrichtung entgegenschaut arbeiten beide an einem Manuskript in dem der Apostel unter anderem beschreibt, wie und wo er aufgewachsen ist, wie er zu einem jungen Mann reifte und er lässt seinen Leser an seinen ersten Dialogen mit Gott teilhaben.

Parallel dazu wird eine Story erzählt, die in der Gegenwart spielt. Auf den ersten 180 Seiten hat diese Geschichte scheinbar nichts mit der Geschichte um Paulus zu tun. Vielleicht erscheint mir auch deshalb die Geschichte um den auf seine Hinrichtung wartenden anfangs spannender.

Als dann jedoch für den Leser klar wird, welch ein bedeutender Fund in Italien gemacht wurde und das dieser im direkten Zusammenhang mit Paulus zu sehen ist, ja dieser vielleicht sogar der Autor ist, da wetteifern beide Storys auf Augenhöhe um die Gunst des Lesers.

Augustin und Sofia wollen ihrem Freund Roger helfen, das verloren gegangene Manuskript zu retten. Dabei geht einiges schief, dunkle geldriechende Typen schrecken nicht vor Mord zurück … Eingebaut ist hier auch eine kleine nette Liebesgeschichte …

Dieser Thriller macht auf ungewohnte Weise mit dem Saulus bekannt, der später nur noch Paulus genannt wird. Sehr gut beschreibt Jerry B. Jenkins die Veränderung die sich im Leben des jungen Saulus vollziehen.

Beim Lesen habe ich das Gefühl, als spräche Paulus durch sein Manuskript, ich bekomme es hier teilweise direkt präsentiert, selbst zu mir!

Brunnen, ISBN 978-3-765-50932-2, 22 Euro

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Alexander Kissler: Keine Toleranz den Intoleranten

keine toleranz den intoleranten

Rezension von Christian Döring:

“Toleranz aber ist ohne Haltung nicht zu haben.” (S.10)

Was Alexander Kissel seinem Leser mit diesem Buch anbietet, ist eine solide Anstiftung zur Selbstreflexion. Er fragt nach dem Entstehen unserer westlichen Wertegemeinschaft und erklärt verständlich, wo wir herkommen und warum der Westen heute ein bedrohliches Verhältnis zur Toleranz hat.

“Toleranz meint die Duldung dessen, was man ablehnt. Sie verlangt zwingend eine eigene Haltung, einen eigenen Standpunkt – doch woher nehmen und nicht stehlen? Wem alles egal ist, auch das eigene Wertegerüst, der ist nicht tolerant, sondern ignorant.” (S.26)

Sind wir tatsächlich so arm dran? Haben wir keine eigene Haltung mehr? Was der Philosoph bestens in seinem Buch aufdeckt, ist die Wut und der Hass der Islamisten auf Juden. Er beschreibt Fälle, die ich so in den Medien nicht zu hören bekam …

“Der Westen ist ein Prinzip, der Islam erscheint als Ideologie.” (S.120)

Mit einer ganzen Reihe von Fällen aus den letzten Jahren in Deutschland, zeigt der Autor auf bedrückende Weise, wie schnell wir doch bereit sind, uns selbst aufzugeben: Halten Sie es für möglich, dass ein Kind in Deutschland heute Dschihad genannt werden darf? In Berlin ist dies vor kurzem geschehen, obwohl sich der Standesbeamte anfänglich weigern wollte. Evangelische Gemeinden laden inzwischen sogar schon umstrittene Imame zur Sonntagspredigt ein und es gibt bereits Gemeinden, die über eine “christlich-muslimische Taufe” nachdenken.

“Der Westen dankt ab, wo immer er die Symbole seiner Genese entsorgt.” (S.137)

Teils bin ich erschrocken über das was Alexander Kissler schreibt, weil er uns einen kritischen Spiegel vors Angesicht hält, dessen Bild der Gesellschaft wir aber ehrlicherweise als richtig erachten müssen. Bei Kissler höre ich aber auch, dass selbst Toleranz kein freier Tummelplatz für alles sein darf. Selbst unter dem Schirm von Toleranz dürfen seiner Ansicht nach Grenzen gezogen werden und dem stimme ich gern zu. Allerdings müssen wir uns selbst viel mehr als bisher hinterfragen: Welchen Inhalt vertrete ich eigentlich oder gehöre ich auch bereits zu den eingangs, im Zitat, Erwähnten “ohne Haltung”?

Ein top-aktuelles Buch, das zum Mitdenken und Stellung beziehen herausfordert!

Alexander Kissler führt einen sehr interessanten Themenblog. Hier kannst du gern mal hineinlesen!

Das Gütersloher Verlagshaus stellt uns ein Verlosungsexemplar zur Verfügung. Wer seinen Kommentar bis zum 7. September 2015 unter diesem Beitrag postet, nimmt automatisch an unserer Verlosung teil. Viel Glück!

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Elisabeth Büchle: Unter dem Polarlicht

unter dem polarlicht

Rezension von Christian Döring:
Chiara ist halt nur auf Probe in der Bank beschäftigt. Sie führt gerade ein Kundengespräch als sie zu ihrem Chef beordert wird. Der erzählt ihr etwas von Einsparungen und schon hat sie ihre persönlichen Sachen zusammengepackt und die Bank verlassen. Ihr erster Weg führt sie in das Haus ihrer besten Freundin. Die ist zwar seit einigen Wochen tot, aber Chiara geht weiter in dieses Haus, um den trauernden Witwer im Haushalt zu unterstützen und mit dem kleinen vierjährigen Leo zu spielen.

Als Büchle-Fan erlaube ich mir zu sagen, diese Story fällt aus dem Rahmen. Mit seinen gerade mal 200 Seiten kommt er, an den anderen Werken der Autorin gemessen, etwas schmalbrüstig daher und ich hoffe nicht, eine seichte Liebesschnulze in den Händen zu halten. Obwohl der junge trauernde Witwer nicht unsympathisch ist.

Bald beginnt die Adventszeit und Chiara steht ohne Einkommen da. Von ihrer Großmutter hat sie ein renovierungsbedürftiges Haus geerbt und bereits den ersten Bauauftrag ausgelöst … Da kommt tatsächlich über Nacht ein neuer Job ins Haus geflogen, aber dafür muss sich Chiara auf den Weg ins eisige Kanada machen.

Bisher lag den anderen Romanen der Autorin stets ein historisches Ereignis zugrunde. Diesem nicht. Dieser Gegenwartsroman kommt ohne Politik aus, lebt von einer spannenden Liebesgeschichte und ist keinesfalls so schmalbrüstig wie befürchtet. Es ist eben doch nicht immer nur eine Frage der Seitenzahlen.

In der Einsamkeit der kanadischen Kälte trifft Chiara ihren neuen Arbeitgeber. Bestsellerautor Florian Forster hat sich beide Hände gebrochen und sucht deshalb jemanden der seine neue Story tippt. So ganz nebenbei bekommt der Leser hier eine Menge darüber mit, wie ein neues Manuskript entsteht. Zu gern hätt ich doch gewusst, wie viel Elisabeth Büchle hier von eigenen Erfahrungen durchblicken lässt.

Forster sieht zwar aus wie ein Traummann, aber er führt sich auf wie ein ungehobelter Klotz. Es braucht eine Zeit bis Chiara mit ihm warm wird.

Geschickt versteckt die erfahrene Autorin ihre Botschaft. Chiara bezeichnet sich selbst als “tollpatschiges Pummelchen”. Oft genug hat sie erfahren, dass Männer über sie hinweg schauen, Beleidigungen aus der Schulzeit hat sie noch im Ohr. Chiara entdeckt, dass Vergebung ein schwieriges, aber doch sehr heilsames Kapitel ist, nicht zuletzt für sich selbst. Und noch ahnt sie nichts von der dunklen Seite der Vergangenheit im Leben von Florian Forster.

Die in Süddeutschland lebende Autorin geht in ihrer Story gemeinsam mit ihren Lesern die Kapitel Gottvertrauen und Vergebung durch. “Unter dem Polarlicht” ist der Beweis dafür, wie heilsam Gottes Botschaft in der Gegenwart sein kann!

Gerth Medien, ISBN 978-3-957-34078-8, Preis 12,99 Euro

Elisabeth Büchle hält ein signiertes Verlosungsexemplar bereit. Wer seinen Kommentar bis zum 7. September 2015 unter diesem Beitrag postet, nimmt automatisch an unserer Verlosung teil. Viel Glück!

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Timothy Keller: Gott im Leid begegnen

Gott im leid begegnen

Rezension von Christian Döring:
Keine Biografie ist frei davon. Es gibt keinen Versicherungsschutz gegen Leid. Also kommt es darauf an, Strategien zu entwickeln, um Leid zu akzeptieren und womöglich noch am Leid zu wachsen. Genau diesen Versuch unternimmt der amerikanische Theologe Timothy Keller und legt sein neues Buch Christen ans Herz.

Im Grunde genommen, ist sein Buch aber auch eine Art Angebot an gottesferne Leser, denn die Frage nach dem Umgang mit menschlichem Leid betrifft jeden und Gott ist jederzeit bereit unser Weinen und Klagen anzuhören. Im Vergleich zu anderen Religionen macht der Autor deutlich wie grundlegend anders bei Gott die Frage beantwortet wird, wie mit Leid umzugehen ist. Timothy Keller bedarf dabei keines Theologenchinesisch. Mit klaren verständlichen Worten, biblischen Geschichten und Geschichten der Gegenwart macht er deutlich, wie ein vertrauensvoller und von Liebe geprägter Dialog zwischen Gott und mir stattfinden kann.

Gleich von Anfang an macht Keller deutlich, dieses Buch ist nicht nur ein Buch für Leidende. Es gibt Menschen die gerade in einer Leidenskrise stecken, aber es gibt auch Menschen, denen dies noch bevor steht. Man muss es erst verinnerlichen, aber ohne Leid läuft nichts!

Immer wieder schaut Timothy Keller bei seinen Ausführungen auch auf andere Religionen. Dabei erwähnt er Fakten, die uns manchmal aus dem Fokus geraten. “Doch, Gott ist König, aber ein König, der zu uns auf die Erde kam und dort nicht auf einen Thron stieg, sondern ans Kreuz ging.”

Dieses Buch hat das Potenzial, meine Sicht auf Leid zu verändern und schafft zugleich das nötige Vertrauen sich im Leid an Gott zu wenden und den Weg in die Isolation zu meiden!

Brunnen, ISBN 978-3-765-50928-5, Preis 25,00 Euro

Der Verlag stellt uns ein Verlosungsexemplar zur Verfügung. Wer seinen Kommentar bis zum 6. September 2015 unter diesem Beitrag postet, nimmt automatisch an unserer Verlosung teil. Viel Glück!

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Ulrich Schacht: Grimsey

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Rezension von Christian Döring:

als die Limo noch 21 Pfennige kostete …

Wer Ulrich Schacht kennt, der wird wissen, auf was er sich einlässt. Ein Buch mit langen Sätzen, die man gelegentlich auch zweimal lesen muss, um sie in aller Gänze zu verstehen, aber auch herrliche Bilder, die nicht nur stimmig sind, sondern genau auf ihn selber zutreffen und uns Lesern selbst viel an Weisheit vermitteln. Eine Weisheit, die nicht verlischt wenn das Buch ausgelesen ist. Eine Lebensweisheit, die einem nachgeht, mit der man sich weiter beschäftigen kann.

1951 in der DDR im Knast geboren, wuchs er in Wismar auf. Schacht geht in seiner Novelle auf Reisen. Sein Ziel ist die isländische Insel Grimsey. Sehr genau beschreibt er, was er dort erlebt.

Aber Schacht springt nicht einfach in die Schublade Reisebericht. Er lässt sein neues Buch zum Lebensbericht werden. Springt immer wieder zurück in seine Kindheit. Ja, er hat recht, die rote DDR-Limo kostete nur 21 Pfennige… aber dafür gab es sie an wirklich heißen Tagen so gut wie nie im Konsum.

Vieles von dem, was der heute in Schweden lebende Schacht schreibt, kann ich gut nachvollziehen, ich frage mich, ob dies so ist, weil ich in derselben Gegend ein paar Jahre später aufgewachsen bin? Wie wird wohl ein junger Leser aus anderen deutschen Breitengraden mit diesem Buch zurecht kommen?

Bei allem was Schacht anpackt, ist er immer auch politischer Autor. Er wandelt bildlich zwischen Ostsee und Nordmeer, zwischen Kindheit und gestandenem erfolgreichen Autor. Und er fasst viele Weisheiten zusammen:

“Es ging um das Verhältnis des Menschen zur Welt … Das gnadenlose Mitglauben der jeweils neuesten Wahrheit.” (Seite 39) Schacht meint, gedankenloses mitglauben zieht “geistige Armut” nach sich und die wiederum macht unglücklich. Er zieht konsequenterweise Schlüsse aus seiner eigenen Biografie und wird so ganz nebenbei topaktuell. Genau dies ist es, was mich an Ulrich Schacht immer neu begeistert: Vordergründig schreibt er von sich und seinen Erfahrungen, aber er überlässt dem Leser nicht die Rolle des “passiven” Lesers. Der muss beim Lesen mitdenken!

Auch wenn Ulrich Schacht heute die “honigbraunen Papierstreifen” seiner Kindheit vermisst, alles andere in seiner Novelle ist aktueller denn je. Übrigens, die “Leimrolle”, die von den Lampen der Küchen in den 70er Jahren herunterhingen, die gibt es noch immer…

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Foto: Ulrich Schacht
(© Stefanie Schacht)

1973 musste Schacht in den DDR-Knast, er war vorher nicht frei und dann drei Jahre lang ebenso wenig. Aber war er frei als er in die BRD kam? Für mein Empfinden schlängelt sich Schacht ein wenig um ehrliche Antworten herum. Oder hat er keine? Seinen kurzen Ausflug zur Begrifflichkeit “vogelfrei” finde ich seiner insgesamt meisterhaften Novelle nicht zuträglich, vielleicht verschwindet der Einschub auch deshalb glücklicherweise schnell wieder und wird nicht weiter vertieft. Auf der Suche nach Freiheit kann vogelfrei kein Ziel sein. Aber fertige Antworten serviert der Autor halt nicht!

Ulrich Schacht verbreitet Lebensweisheiten, nicht als Klugscheißer, eher als Zeugnis vor sich selbst. Als Leser lasse ich mich von seiner Novelle inspirieren, die hat es in sich und ich empfehle sie gern weiter!

Aufbau Verlag, ISBN 978-3-351-03618-8, Preis 19,95 Euro

Ulrich Schacht hat Bücherändernleben nun folgende Fragen beantwortet:

Lieber Ulrich Schacht im Aufbau Verlag erscheint heute Ihre Novelle “Grimsey”. Warum ist dieses Buch ausgerechnet jetzt dran?

Dieses Buch ist schon vor längerer Zeit geschrieben worden, aber es war immer klar, daß es nicht “altern”, veralten konnte in einem vorschnellen, seinen Wert vermindernden Sinne. Deshalb mußte der beste Zeitpunkt für sein Erscheinen gesucht werden, und der schien dem Verlag und mir jetzt gekommen zu sein. Nicht zuletzt der Umstand, daß meine Novelle so Teil des Jubiläumsprogramms “70 Jahre Aufbau” werden konnte, spricht für das Erscheinungs-datum. Darin spiegelt sich auch bewußt ein Programmschwerpunkt von Aufbau.

Ist es eine völlige Fehleinschätzung von mir, wenn ich behaupte: So viel Ulrich Schacht war bislang in keinem anderen Ihrer Bücher drin?

Wer meine Bücher kennt, insbesondere die erzählenden wie “Brandenburgische Konzerte”, das 1989 erschien, oder “Verrat. Die Welt hat sich gedreht”, das 2001 herauskam, weiß, daß ich zu den Autoren gehöre, die vor allem aus dem Stoff ihres persönlichen Lebens schöpfen. Was wiederum ganz und gar nicht bedeutet, daß meine belletristischen Titel im Autobiografischen aufgehen. Ganz im Gegenteil: Sie sind, besonders die jetzt erscheinende Novelle “Grimsey”, oft ins Parabelhafte gewendete Texte, die weit über die persönlichen Bezüge hinausragen und Erfahrungsfelder eröffnen, in denen Leser mit ganz anderen Biografien sich selbst mit ihren Träumen, Niederlagen, Dramen und Glückseligkeiten wiedererkennen oder wieder begegnen können. Deshalb ist es zuletzt mein vorheriges Aufbau-Buch “Vereister Sommer. Auf der Suche nach meinem russischen Vater”, das Ihrer Vermutung am meisten entspricht: Es ist rein auto- und familienbiografisch, bis ins Dokumentarische hinein.

Im Abstand von zehn Jahren sind wir beide in einer Gegend unter gleichen politischen Bedingungen aufgewachsen. Selbst wenn man als junger Mann der Enge des real existierenden Sozialismus entkam, wird man die Spuren in seiner Biografie je los? Was bleibt?

Die Antworten zuvor enthalten schon in gewisser Weise eine Mit-Antwort auf diese Frage. Natürlich wird man solche Spuren nicht los. Aber es sind ja nicht nur Spuren, die an Negatives erinnern oder davon erzählen – in “Grimsey” wird die ganze Fülle des Lebens ausgebreitet, die einem jungen Menschen begegnen kann: begegnen unter ganz konkreten historischen Bedingungen, ohne sich in ihnen zu erschöpfen.

Sie wandern im Buch über die isländische Insel Grimsey, bildlich sozusagen von der Ostsee zur Nordsee. Was suchen Sie eigentlich?

Der Protagonist des Buches wanderte nicht nur an der Ostsee im Buch, er wandert auf “Grimsey” über eine kleine Insel zwischen Nordmeer und Atlantik, und alle seine Wanderungen dieser Art sind Wanderungen auf einen Traum zu: auf die Insel seiner äußeren und inneren Freiheit. Es geht in diesem Buch also zuerst und zuletzt um den Freiheitstraum seines Protagonisten und darum, wie er die Krise, nicht alle seine Träume verwirklicht zu haben, geistig bewältigt. Nicht irgendwo und irgendwie. Sondern genau an diesem so abgelegenen Ort, auf der kleinen isländischen Insel “Grimsey”, die ja deshalb eine geradezu erschütternde Überraschung offenbart. Aber was da Dramatisches passiert und warum, muß der Leser selbst herausbekommen. Insofern ist es fast ein Seelenkrimi.

Streckenweise kommt mir beim Lesen Ihres Buches das Wort Resümee oder auch Abrechnung in den Sinn. Was glauben Sie, wann hat sich ein Menschenleben gelohnt?

Nein, die Wörter “Resümee” oder gar “Abrechnung” sind hier keine Treibsätze, die die Geschichte, die erzählt wird, voranbringen. Der Weg über “Grimsey” ist ein Weg der Erkenntnis, der Selbsterkenntnis, also des Einverständigwerdens mit diesem Weg. Die positive Pointe läßt da keinen Zweifel übrig, ohne daß hier etwas in einem kitschigen Happyend auslaufen würde.

Sie selber wurden im DDR-Knast geboren. Haben Sie Freiheit je gefunden und hat sie neben Vorteilen auch Nachteile?

Der Protagonist in “Grimsey” hat an vielen Stellen des erinnerten und erzählten Lebenswegs das gefunden, was man “Freiheit” nennen könnte, und an diesen Stellen kommen sich Autor und Protagonist natürlich sehr nahe. Das Streben nach Freiheit hat keine Nachteile, vor allem nicht, wenn es um geistige Freiheit geht, aber gelegentlich muß man Konsequenzen tragen, die einem dafür Unfreiheit einbringen. Aber manchmal kann man die Freiheit nur dadurch verteidigen. Gefährlich wird die Freiheit für den einzelnen oder für alle nur, wenn sie als Ausleben von Egoismus, sei es individueller oder kollektiver Natur, praktiziert wird. Freiheit ohne Verantwortung ist entweder Anarchie oder Totalitarismus, und da sind sich Kapitalismus und Kommunismus ungeheuer ähnlich.

Was hat der Autor Ulrich Schacht nach “Grimsey” für seine Leser in den nächsten Jahren noch in petto?

2016 wird ebenfalls bei Aufbau mein erster Roman erscheinen. Er heißt “Notre Dame” und erzählt von einer leidenschaftlichen Liebe, einem Amou Fou, in der Wendezeit zwischen 1989 und 1991. Er spielt hauptsächlich in Paris, in der Erinnerung des Protagonisten, aber auch in Leipzig, Berlin und Hamburg, in Schottland und auf den Färöern. Es ist ein sehr umfangreicher Roman, über 400 S., der ein uraltes Thema verhandelt: in den Kulissen des Endes einer dramatischen Epoche, die für die Liebenden plötzlich zweitrangig wird, weil sie Teil einer sich auflösen Welt sind.

Herzlichen Dank für das Interview!

Der Aufbau Verlag stellt uns ein Verlosungsexemplar zur Verfügung. Wer seinen Kommentar bis zum 6. September 2015 unter diesem Beitrag postet, nimmt automatisch an unserer Verlosung teil. Viel Glück!

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Marco Politi: Franziskus unter Wölfen

Franziskus unter wölfen

Rezension von Christian Döring:
Als Papst Franziskus zum Oberhirten der katholischen Kirche gewählt wurde, ahnten wohl nur sehr wenige Insider, dass unruhige Zeiten auf die Kurie zukommen. Der neue Papst spricht nicht nur eine deutlichere Sprache, er benennt viel zu lang liegengebliebene Themen und hat nicht einmal Scheu vor Selbstkritik.

Der Mann, der sich den Namen Franziskus gab, verfolgt von Anfang an in Rom ein neues Miteinander. Er hat eine neue Vision von Kirche, die sicher vielen Angst einjagt. So will er Frauen mehr Mitspracherecht und sogar Ämter zusichern, er denkt laut über den neuen Umgang mit Geschiedenen nach und vor allem und dies ist dann tatsächlich neu: er labert nicht nur, er meint es ernst. Wie der Vatikan-Experte Marco Politi in seinem Buch zeigt, steht dieser Papst mit seiner bisherigen Biografie für die Glaubwürdigkeit seiner Reformversuche. Der Autor beschreibt, wie Bischof Jorge Mario Bergoglio in Buenos Aires den Geruch seiner Schafe aufgesogen hat, wie er sie ernst genommen und sich für sie eingesetzt hat. Aus heutiger Sicht mag man sagen: Das Fundament war damit bereits gelegt, aber man unterschätze die Wölfe nicht!

“Ein authentischer Glaube, so der Papst, sei nie bequem und nie individualistisch.”

Ein “Es wurde immer so gemacht” wird es mit Papst Franziskus nicht geben. Damit fordert er eine Vielzahl von Wölfen heraus, die ihn argwöhnisch beobachten und Gefahr für ihre Macht heraufziehen sehen. Und dieser Papst geht noch einen Schritt weiter:

Er fragt laut in die Runde: “Geben wir Bischöfe und Priester … den Gläubigen ihre rechtmäßige Freiheit?”

Völlig klar, dass die Sirenen der Wölfe an Dauerstress leiden! Aber wie gefährlich können die Wölfe dem Papst werden?

Wer in diesem Buch, es ist bereits vor einem Jahr erschienen, jetzt aber erst auf deutsch übersetzt, ein Enthüllungsbuch vermutet, wird vielleicht ein wenig enttäuscht sein. Das Buch macht sehr vertraut mit der Person Franziskus, man versteht nach der Lektüre sehr genau, warum er heute genau so handelt. Marco Politi zeigt besonders im Kapitel “Franziskus unter Wölfen”, wie clever Wölfe in Menschengestalt handeln und wie gemein selbst kirchliche Würdenträger in aller Öffentlichkeit über diesen Papst reden.

Marco Politi macht den Kampf des Papstes sehr deutlich. Er benennt die Fronten, an denen der Papst kämpft und nennt Wölfe beim Namen. Die Spannung im Buch kann nicht aufgelöst werden, weil der Kampf des Papstes noch lange nicht entschieden ist!

Herder Verlag, ISBN 978-3-451-34286-8, Preis 19.99 Euro

Wer den Autor mit seinem Buch in einer Veranstaltung erleben möchte hat hier Gelegenheit dazu.

Der Herder Verlag hält ein Verlosungsexemplar für uns bereit. Wer seinen Kommentar bis zum 1. September 2015 unter diesem Beitrag postet, nimmt automatisch an unserer Verlosung teil. Viel Glück!

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