Monatsarchiv: März 2012

Tobias Faix / Johannes Reimer: Die Welt verstehen

So klar und deutlich habe ich es selbst vom erfahrene Autorenduo Tobias Faix und Johannes Reimer bislang noch nicht gehört. Sie rufen dazu auf, den Blick hinaus in die weite Welt zu richten, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen und die warme, hin und wieder betriebsblind gewordene Gemeinde kritisch zu hinterfragen.
Was beschäftigt die Menschen draußen in unseren Städten? Wie leben sie? Warum finden sie nicht mehr den Weg in unsere Gemeinden? Wie kam es zu der Kluft des nicht mehr Ansprechens?
Um auf all die Fragen gut fundierte Antworten zu bekommen, bemühen die Autoren das Zauberwort „Kontextanalyse“. Mit ihrer Hilfe wird nach der Lebenssituation von Menschen geschaut, die unsere Gemeinden heute nicht mehr erreichen. Unter Berücksichtigung der Möglichkeiten der jeweiligen Gemeinde vor Ort, wird dann geschaut wie auch diesen Menschen von der Liebe Gottes erzählt werden kann.
Fragebögen und Beispiele aus der Gemeinde sind behilflich, wirksame Ansätze für eine Kontextanalyse zu finden. Von Gemeinde zu Gemeinde wird die Kontextanalyse sehr unterschiedlich aussehen, Hilfen wird aber jede Gemeinde aus diesem Buch finden können.
Was mir an diesem Buch besonders gefällt, ist der Blick in die Moderne und die immer wieder solide Rückschau auf biblische Werte. Beide Autoren stehen dafür und beweisen dies mit diesem Buch aufs Neue. Um so tiefer ich in dieses Arbeitsbuch eindringe, um so spannender liest es sich, eine Vielzahl von Chancen und Möglichkeiten von missionarischer Arbeit wird sichtbar.
Dieses Buch sollte Pflichtlektüre in allen Gemeindeleitungen werden?

Verlag der Franckebuchhandlung, ISBN 978-3-868-27319-9, Preis 24, 95 Euro

Dr. Tobias Faix und Prof. Dr. Reimer haben buecherandernleben nun folgende Fragen beantwortet:

Frage: Soeben ist „Die Welt verstehen“ erschienen. Sie versuchen in diesem Buch den Blick von Gemeinden für die Menschen zu schärfen die wir heute nicht mehr erreichen. Seit wann und warum ist zwischen ganzen Gruppen und unseren Gemeinden Funkstille?

Johannes Reimer: Gute Frage und wie jede gute Frage mit einem Satz nicht zu beantworten. Der Pietismus und die deutschen Freikirchen haben sich der Gesellschaft durch den nach dem 2. Weltkrieg intensiv gelebten Nonkonformismus und die theologische Abgrenzung von einer im Säkularismus verfangenen Gesellschaft entfremdet. Die Volkskirche hat sich dagegen weitgehend der Gesellschaft angepasst und hat damit ihr spirituelles Profil verloren. Beide Gruppen positionieren sich vor allem in der bürgerlichen Mitte und sind damit für andere Teile der Gesellschaft unattraktiv.

Tobias Faix: Ich glaube, dass das eine lange Entwicklung auf ganz unterschiedlichen Ebenen ist. Es ist ja eigentlich verrückt, dass die meisten Christen mitten im Leben stehen, an ihrer Arbeitsstelle, in Vereinen oder einfach in der Nachbarschaft. Aber innerhalb der Kirchen und Gemeinden haben sich in den letzten Jahren viele nur um sich selbst gedreht. Außerdem sind die Milieugrenzen in Deutschland zunehmend verhärtet und Gemeinden und Kirchen befinden sich meist in der Bürgerlichen Mitte und Traditionsbewussten und so sehen eben die Gottesdienste auch aus. Zudem wurde das diakonische Handeln professionalisiert und dadurch aus den Gemeinden ausgelagert.

Hat Kirche den Anschluss verpasst oder kann sie noch aufholen?

Tobias Faix: Es geht meiner Meinung nicht in erster Linie um „die Kirche“, sondern um die Menschen in und außerhalb der verschiedenen Kirchen. Und es ist nie zu spät, dass sich Menschen begegnen und Verantwortung füreinander übernehmen. Kirche braucht Strukturen und Traditionen, aber sie braucht es für und mit den Menschen.

Johannes Reimer:  Wenn wir nicht daran glauben würden, dass es eine Chance zur Erneuerung gibt, würde wir uns sicher nicht mehr entsprechend betätigen. Gottes Kirche hat sich immer wieder neu gefunden, weil sie eine Kirche des Geistes und damit der Hoffnung ist. Freilich wird die Erneurung einen grundsätzlichen Paradigmenwechsel im Bewusstsein der Verantwortlichen voraussetzen. Und dafür sehe ich bereits deutlichen Zeichen an der Wand.

Was muss ganz konkret geschehen damit sich möglichst viele Menschen aus unterschiedlichen Lebenssituationen wieder von uns einladen lassen?

Johannes Reimer

Johannes Reimer: Erstens, wir sollten die Einladung annehmen, die diese Menschen uns seit Jahren aussprechen und mit ihnen zusammen an der Verbesserung der Lebensqualität in unseren Dörfern und Städten arbeiten. Wer gehört werden will, sollte vor allem selbst zuhören lernen. Wer mitreden will, sollte andere zu Wort kommen lassen. Auch dann, wenn diese anderen anderer Meinung sind. Nichts wäre heute wichtiger als die Entscheidung der Christen das Reich Gottes in der Welt mit den Menschen zusammen zu bauen. Nicht für sie und erst recht nicht gegen sie, sondern MIT IHNEN.

Zweitens, wir sollten nach Ausdrucksformen der Spiritualität suchen, die von diesen Menschen verstanden werden. Das Evangelium muss für den heutigen Menschen kontextualisiert werden. Die Kirche wird sich deshalb von ihrem Stolz auf Tradition und museales Besserwissen verabschieden müssen. Sie muss ihre soziale Gestalt im Heute finden. Und da unsere Gesellschaft längst pluriform und multikulturell ist, wird die Kirche ihr einheitliches Gewand ablegen müssen.

Drittens, wir sollten uns Gott nähern. Nur eine Kirche, die spirituelle Kraft besitzt, die Kraft des Heiligen Geistes, die jenseits wohlformulierter theologischer Formeln lebt und Taten vollbringt, die Jesus vollbracht hat, kann den spirituell suchenden Zeitgenossen überzeugen. Solange ein indischer Guru „mehr kann“ als der evangelische Pfarrer, wird niemand die Fleischtöpfe Ägyptens verlassen und uns nach in das verheißene Land aufbrechen.

Tobias Faix: Ich glaube wir müssen die Menschen in ihren unterschiedlichen Lebensentwürfen ernst nehmen und ihnen zuhören, was sind ihre Hoffnungen, Ängste und Zweifel. Die Menschen sind es müde, Antworten auf Fragen zu bekommen, die sie nie gestellt haben. Außerdem müssen wir als Christinnen und Christen wieder neu lernen Verantwortung für unseren Ort oder Stadtteil zu übernehmen, uns einmischen und uns vor allem für die einsetzen, die keine Stimme haben. Wir Christen müssen wieder als prophetische Stimme in unserer Gesellschaft sein.

Fangen wir mal an zu träumen. Wir schließen die Kirchentür auf und alle sind gekommen, was haben wir zu bieten?

Tobias Faix

Tobias Faix: Ehrlich gesagt ist mein Wunsch, dass unsere Kirchentüren aufgehen udn die Christen rausrennen, raus zu den Menschen….

Die ersten die davon profitieren würden, wären wir als Christinnen und Christen, weil unser Leben dadurch neue Kraft und neues Leben bekommen würde. Geistlicher Wachstum geschieht innerhalb und außerhalb der Kirchentür, beides gehört zusammen und muss eine Balance bilden.

Johannes Reimer: Tja, so funktioniert es nicht und ich bin gar nicht erst bereit mich da in süße Träumereien einwickeln zu lassen. Nicht die Menschen kommen zu uns – wir sollten zu ihnen gehen, Unser Gottesdienst muss im Angesicht der Welt stattfinden, wie ich das in meinem gleichnamigen Buch vorgeschlagen habe. Nicht wir werden den Menschen etwas bieten, sondern wir betreten gemeinsam mit diesen Menschen Räume in denen Gott uns allen Sich selbst bietet! Das ist eine kirchliche Willkommenskultur, die auf Partizipation und Inklusion drängt. Eine solche Kultur rechnet mehr mit dem Wirken Gottes und weniger mit der Wirksamkeit kirchlicher Programme.

Ist es wirklich realistisch daran zu glauben, dass wir die noch erreichen die bereits resigniert das Gesicht abgewendet haben?

Tobias Faix: Klar, gerade für die ist Jesus gekommen. Die Kranken brauchen einen Arzt, nicht die Gesunden. Außerdem sind wir nur die Helfer und Helfeshelfer von Gottes großer Mission mit und unter den Menschen.

Johannes Reimer:  Ich komme aus der Sowjetunion, aus dem ersten Land der gelebten Unglaubens. Ich habe gesehen, was alles möglich ist, wenn Christen, und seien sie noch eine verschwindend kleine Gruppe, bewirken können, wenn sie beginnen ihrem Wesen und Auftrag entsprechend zu leben. Ich selbst war einer dieser „wissenschaftlich fundierter“ Atheisten. Und wenn Gott mich und Millionen anderer transformiert hat, warum sollte er uns Deutschen nicht erreichen können. Das ist keine Träumerei, das ist blanker Realismus, der gefüttert wird aus dem 2000 jahren alten Fundus der Kirchengeschichte.

Herzlichen Dank für das interessante Gespräch!

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Krista & Johannes Gerloff: Eine Busfahrt in Jerusalem

45 Episoden aus dem fernen Israel schreibt das seit vielen Jahren in Jerusalem lebende Ehepaar Krista und Johannes Gerloff. Es sind kurze Episoden die fern aller herkömmlichen Erwartungen den Alltag in Jerusalem beschreiben. Die Gerloffs scheinen viel mit dem Bus zu fahren. Für den Leser ist das nur gut, genau dort erfährt der Leser viel vom eigentlichen Leben in jenem fernen Land von dem uns vieles trennt und mit dem uns noch mehr verbindet.

Wer sich auf das Wagnis einlässt den Alltag in Jerusalem zu beschreiben, der kommt an der Politik und am Zusammenleben mit anderen Nationalitäten nicht vorbei. All dies machen die Gerloffs in ihren Episoden auch zum Thema. Ihre Beschreibungen lesen sich interessant, machen neugierig und lassen auch manchmal den Humor der Schreiber und Jerusalemer durchblicken, was mir aber besonders gut an diesem Buch gefällt, es beschreibt mir dies ferne Land so wie ich es bislang nicht sah.

Wer sein feststehendes Israelbild antasten lassen möchte ist hier genau richtig!

SCM Hänssler, ISBN 978-3-7751-5371-3, Preis 10, 95 Euro

Johannes Gerloff beantwortete buecherverandernleben nun folgende Fragen:

Lieber Herr Gerloff, seit Jahren leben Sie mit Ihrer Frau in Jerusalem. Seit vielen Jahren schon verfolge ich ihre Arbeit sehr kritisch. Viele Artikel in diversen Zeitschriften habe ich von Ihnen gelesen und dachte immer: „Was für ein blinder Israelfreund!“. Aber seit Ihrem Buch „Die Palästinenser“ ziehe ich den Hut vor Ihnen. Nun nehmen Sie Ihre Leser mit auf „Eine Busfahrt in Jerusalem“. Sie berichten vom Alltag in Israel. Warum ist es wichtig in Deutschland über den israelischen Alltag Bescheid zu wissen?

Weil unsere Vorstellungen über Israel und seine Völker viel zu sehr von Klischees, Stereotypen und Vorurteilen bestimmt sind.

Was genau machen Sie in Israel?

Ich arbeite als Journalist und Theologe.

Ist es richtig, dass sich Israel als das auserwählte Volk betrachtet?

Zunächst einmal ist „Israel“ heute ein Staat mit einer großen nichtjüdischen Minderheit. Wenn „Israel“ das jüdische Volk ist, muss man sagen, dass sich dieses von Anfang an (man kann das in der Bibel nachlesen) gegen die Erwählung gewehrt hat. Sie wollten und wollen sein wie alle anderen Völker, ganz normal. Natürlich gibt es Juden, die an die Bibel glauben – und damit zum zweiten Teil Ihrer Frage:

Ist es das und wenn ja warum?

Wenn Israel das auserwählte Volk ist, dann weil es jemand auserwählt hat. Die Bibel berichtet davon, dass sich Gott, der Schöpfer, Abraham, Isaak und Jakob offenbart hat, sich als „Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs“ identifiziert hat und diese Erzväter und ihre Nachkommen „erwählt“ hat.

Bevor man aus diesen (biblischen) Aussagen Schlüsse oder „Kurzschlüsse“ zieht müssen zwei Dinge betont werden:

1. Diese biblischen Aussagen bedeuten noch lange nicht, dass sich damit alle Juden einverstanden erklären. Tatsache ist: Die Mehrheit tut das nicht.

2. Wäre zu klären, was „Erwählung“ biblisch bedeutet. Eines ist klar: „Besser“ sind „die Juden“ deshalb noch lange nicht – und fehlerfrei oder gar sündlos schon gar nicht.

Für viele Deutsche werden zu oft Israels Interessen in den Medien hervorgehoben, die der arabischen Seite fallen oft herunter. Sehen Sie dies ähnlich oder ist das nur ein Gefühl?

So pauschal kann ich diese Frage nicht beantworten. Richtig ist, dass die Araber das so sehen. Insofern würde Ihre Frage die arabischen Interessen hervorheben. Richtig ist allerdings auch, dass die meisten Israelis das genau umgekehrt sehen. Was „objektiv“ Tatsache ist, vermag ich nicht zu sagen. Dazu bräuchte man eine wissenschaftliche Erhebung. Allerdings ist ein Araber, der von einem Israeli gequält oder umgebracht wird, definitiv mehr Aufmerksamkeit in deutschen Medien wert, als Tausend Araber, die von ihren arabischen Brüdern gequält oder umgebracht werden. Der so genannte „Arabische Frühling“ liefert den besten Beweis dafür. Warum ist das so?

Das war nicht ausgemacht, dass Sie jetzt die Fragen stellen, außerdem ist mir die Frage viel zu schwer. In Anlehnung an Ihr Buch „Die Palästinenser“ würden Sie dann meiner Aussage zustimmen: Genauso wie es nicht „den“ Palästinenser gibt, gibt es auch nicht „den“ Israeli?

Klar doch – oder gibt es „den Deutschen“?

Schon wieder ’ne Gegenfrage, dabei stelle ich doch hier die Fragen: Seit vielen Jahren schon leben Sie in Israel, wie sieht man dort heute die Deutschen?

Grundsätzlich sehr wohlwollend. Man weiß hier, dass Deutschland nach den USA der beste Freund Israels ist, man bewundert Deutschland und arbeitet in vielen Bereichen sehr, sehr eng mit Deutschland zusammen. Im Laufe der Jahre als Berichterstatter zwischen Israel und Deutschland habe ich den Eindruck gewonnen, dass die Komplexe der Deutschen gegenüber den Israelis bei weitem größer sind als die Verletzungen oder deren Nachwirkungen auf Seiten der Israelis.

Glauben Sie an einen dauerhaften Frieden im Nahen Osten und wie könnte der aussehen?

Natürlich glaube ich an einen dauerhaften Frieden im Nahen Osten. In vieler Hinsicht erlebe ich ihn täglich – die Frage ist immer, ob man sich darauf konzentriert, dass ein Glas halb leer oder halb voll ist. Ich erlebe täglich, dass Juden und Araber nicht nur kooperieren, sondern sogar mit einander befreundet sind. Es gibt einen Grund dafür, dass viele Araber freiwillig ihren Dienst in der israelischen Armee tun und es gibt einen Grund dafür, dass es in der arabischen Welt so viele „Kollaborateure“ mit den „Zionisten“ gibt – und dieser Grund ist nicht nur pekuniärer Art.

Falls mit „Frieden“ eine politische Lösung oder gar ein „Endstatusabkommen“, das möglichst alle zufriedenstellt (nach dem es also überhaupt keinen Terror und keine Ungerechtigkeit mehr geben soll), meinen, dann bin ich ziemlich pessimistisch. Aber haben wir diese Lösung denn in Europa? (Jetzt komme ich schon wieder mit einer Gegenfrage J) Haben wir einen Friedensvertrag mit Polen, Russland, Frankreich, Tschechien oder auch nur der Schweiz? Wir haben aber Landstreitigkeiten mit der Schweiz – und es gibt so ziemlich mit allen anderen unserer Nachbarn Landstreitigkeiten… Vielleicht sollten wir den Leuten hier im Nahen Osten einmal vorschlagen, sich die europäische Lösung nach dem Zweiten Weltkrieg als Option zu überlegen, anstatt hier Lösungsvorschläge zu machen, die auch bei uns nie funktioniert haben.

Auch auf die Gefahr hin, dass ich eine israelische Position vertrete (was im deutschsprachigen Raum gemeinhin argumentativem Suizid gleichkommt): Vielleicht sollten wir uns nach der Erfahrung des Arabischen Frühling und den Zigtausenden von Toten, die dieser jetzt schon gefordert hat, nicht doch einmal fragen, ob es nicht manche Probleme im arabisch-israelischen Konflikt gibt,  die in der arabischen Welt hausgemacht sind und für uns nur deshalb so attraktiv erscheinen, weil man dafür Juden verantwortlich machen kann. Ich meine das ernst mit dem Fragen (!), denn meine Gegenfrage auf Ihre Frage 4 ist so einfach nicht vom Tisch zu wischen. Das ist eine Anfrage an uns Deutsche! (Wobei ich jetzt nicht auf die Besonderheiten der deutsch-jüdischen Geschichte anspiele, sondern „uns Deutsche“ sage/schreibe, weil Sie und ich nun mal Deutsche sind. Wenn wir beide Engländer wären, würde ich „Engländer“ in diesem Zusammenhang sagen, weil das dort – wie auch bei den Franzosen – ebenso gilt.)

Herzlichen Dank für das sehr interessante Gespräch!

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Daniel Gerber: Schicksalstage am Fuße der Pyramiden

Dieses Buch hebt sich sehr von den vielen anderen Büchern zum Thema „Arabischer Frühling“ auf dem deutschen Büchermarkt ab. Es ist nicht eine eilig aneinander gereihte Sammlung von politischen Fakten. Hier hat sich ein europäischer Journalist auf den Weg nach Ägypten gemacht und hat sehr genau hingeschaut, wie es nach der Revolution gegen Hosni Mubarak den koptischen Christen im Lande geht.

Sie hatten auch unter seiner Herrschaft kein freies Leben, aber was Daniel Gerber nun in Ägypten sah und hörte, dass macht betroffen und fassungslos. Da werden aus den Familien der Christen die Töchter geraubt. Staatliche Stellen schauen tatenlos zu . . .

Da nimmt die Islamisierung des Staates von Tag zu Tag zu und von der Freiheit des Andersgläubigen ist keine Rede mehr. Gerber hat Familien besucht, die schrecklichste selbst erlebte Horrorgeschichten erzählen können.

Der Autor beschreibt eindrücklich die heutige Situation in Ägypten, immer im speziellen die der christlichen Bevölkerung. Er geht aber auch in die Geschichte des Landes zurück, die ja über eine tief verwurzelte christliche Tradition verfügt. Deutlich wird dabei, dass die Christen des Landes schon oft Ziel von Unterdrückung und Feindseligkeiten waren. Schon vor Jahrhunderten brannten christliche Kirchen in Ägypten.

Daniel Gerber zeichnet ein düsteres Bild der Christenverfolgung in Ägypten, er überführt die staatlichen Stellen der Mitwisserschaft und der Duldung der Verbrechen an den Christen, aber er zeigt auch die kleinen Pflänzchen der Hoffnung, wie beispielsweise die Muslima, die Christen hilft.

Brunnen, ISBN 978-3-765-54162-9, Preis 11, 99 Euro

Daniel Gerber hat buecherveraendernleben nun folgende Fragen beantwortet:

Lieber Daniel Gerber, ein Jahr nach der Revolution in Ägypten haben Sie das Land bereist. Wie haben Sie es vorgefunden?

Wir waren vor Ort, als die Revolution noch voll im Schwung war. Kurz zuvor war Husni Mubarak endgültig abgesetzt worden. Gemeinsam mit einer koptischen Delegation von Geschäftsleuten und Anwälten besuchten der in der Schweiz lebende ägyptische Journalist Medhat Klada und ich den Innenminister der Übergangsregierung, Mansur el-Essaui, um Gleichberechtigung für die Christen zu fordern. Solches Vorsprechen wäre vor der Revolution nicht denkbar gewesen. Auch waren wir mehrfach auf der allabendlichen Kopten-Kundgebung vor dem staatlichen Fernsehgebäude. In aller Offenheit forderten die Christen ihre Rechte – das wäre noch wenige Monate zuvor unmöglich gewesen. Durch den Zusammenbruch der Mubarak-Regierung herrschte im Land auch das Recht der Strasse und während früher alle paar Wochen von der gezielten Entführung christlicher Mädchen zu hören waren, geschah solches im Tages-Rhythmus. Wir waren auch in der Kirche in Imbaba, die in der Nacht zuvor niedergebrannt worden war, 15 Menschen starben, über 200 wurden verletzt. Die Attacke geschah vor den Augen der Sicherheitskräfte.

Sie haben koptische Christen besucht und dabei sehr tragische Geschichten von ihnen gehört. Warum werden Christen heute in Ägypten verfolgt und drangsaliert?

Im einst christlichen Ägypten sind die Christen eine Minderheit geworden, auf die herabgesehen wird. Ihr Glaube wird als minderwertig angesehen. Bestes Beispiel dafür ist Mohammed Hegazy. Er konvertierte vom Islam zum Christentum. Nun hat jeder Ägypter eine ID-Karte, die im alltäglichen Leben sehr wichtig ist und oft gebraucht wird. Auf dieser ist auch die Religion vermerkt. Und die wollte er geändert haben. Die Beamten verweigerten ihm dies und so ging er vor Gericht. Daraus wurde in Präzedenzfall, der Richter erklärte: «Monotheistische Religionen wurden von Gott in chronologischer Reihenfolge überbracht: Es ist also unüblich, von der neusten zu einer vorhergegangenen zu wechseln!» Bis heute ist Hegazy vor dem Staat ein Muslim. Wechselt ein Christ zum Islam, ist die ID-Karte im Handumdrehen angepasst.

Der Islam gilt als am Fortschrittlichsten, wer nicht Muslim ist, hängt in der öffentlichen Meinung etwas an, das rückständig ist. Er ist Bürger zweiter Klasse, der dies in allen Aspekten zu spüren kriegt, bereits als Kind wie auch später im Beruf.

Wie ist Ihre Prognose, haben christliche Gemeinden in Ägypten eine Zukunft oder wird es zum Auszug der Christen aus Ägypten kommen?

Derzeit herrscht in Ägypten eine scharfe Religions-Apartheid. In diesen Tagen starb der koptische Papst Shenouda III. Nun haben die Salafisten im ägyptischen Parlament eine Schweigeminute verweigert – und das ist bloss der jüngste von vielen Vorfällen.

Ich erinnere daran, das Ägyptens-Fussballnationaltrainer Hassan Shehata öffentlich sagte: «In der Nationalmannschaft lasse ich nur Fussballer antreten, die Muslime sind, andere kommen nicht zum Zug, auch wenn sie besser wären.» Wenn das der deutsche oder schweizerische Nationaltrainer sagen würde, wäre er seine Stelle noch am gleichen Tag los. Nicht Shehata, frohgemut gewann er danach den Africa Cup 2010. Jetzt haben die Islamisten die Wahl gewonnen und die Tonlage verschärft sich erheblich. Die NZZ berichtete bereits davon, dass die Salafisten fordern, dass die Dschizya-Steuer wieder eingeführt wird, eine zusätzliche Kopfsteuer für Nichtmuslime. Auch soll die Scharia verbindlich werden, bereits unter der früheren Regierung hatte sie einen hohen Stellenwert, dies dank Paragraph 2 der ägyptischen Rechtsprechung, der vorsieht dass kein irdisches Gesetz dem Islam widersprechen darf. Zwar folgen später tolerante Paragraphen, die aber in der Praxis durch Paragraph 2 ausgehebelt werden. Es wird somit für die Christen ungleich schwieriger und wenn das Steuer nicht herumgerissen wird, kann es zum Exodus kommen, wie er im einst christlichen Irak zu sehen war. Das ist die irdische Sicht der Dinge und ich bin alles andere als optimistisch, die Lage der Christen hat sich insgesamt innerhalb eines Jahres erheblich verschlechtert. In der Bibel verheisst Gott in Jesaja 19, in den Versen 22 bis 25, dass sich Ägypten eines Tages zu ihm wenden wird.

Es ist nicht Ihr erstes Buch, dass sich mit der Region im Nahen Osten beschäftigt, wie kam es dazu, dass Sie sich besonders mit diesem Thema beschäftigen?

Das hat verschiedene Gründe. Es geht mir darum, auf Verletzungen der Menschenrechte aufmerksam zu machen und dass Unterdrückte Freiheit finden – das gleiche ist mir auch für die anderen Gegenden der Welt wichtig; im Wissen dass mein Engagement ein Tropfen auf den vielzitierten, heissen Stein ist.

Beim Nahen Osten kommt dazu, dass etliche dieser Nationen in der Bibel erwähnt sind, und ich diese schon von klein auf von den Namen her kannte. Sie gefielen mir sehr gut, als ich sie zu bereisen begann.

Sehe ich das richtig, dass Ägypten in Zukunft ein Land der Muslimbrüder wird?

Es deutet vieles darauf hin. Die Muslimbrüder haben zahlreiche Stimmen gewonnen, als sie vor den Wahlen Lebensmittel verteilten. Inzwischen wird in ägyptischen Medien aber auch diskutiert, dass es zu einem erheblichen Wahlbetrug gekommen sei. So scheinen fundamentalistische Kreise aus Saudi-Arabien und Katar mehrere hundert Millionen ägyptische Pfund in den Wahlausgang «investiert» zu haben, zum Beispiel von der radikal-islamischen «Katar Foundation». So ist mittlerweile bekannt, dass manche Sympathisanten der Bruderschaft mit bis zu zwanzig Stimmausweisen unterwegs waren. Mehrere Zeitungen berichteten von neun Millionen Stimmen, die zu unrecht an die Islamisten gingen. Die Frage ist nun, wie viele Ägypter die Revolution als gestohlen bewerten werden und wie ihre Reaktion darauf sein wird.

Gibt es Möglichkeiten wie ich hier aus Westeuropa Christen in Ägypten helfen kann?

Die Stimme zu erheben ist wichtig, namentlich mit Leserbriefen. Wenn ein Medium sieht, dass das Thema interessiert, steigt die Chance, dass noch mehr darüber berichtet wird. Sinnvoll ist auch, wenn christliche Werke Petitionen durchführen, sich an diesen zu beteiligen. Öffentlicher Druck kann helfen, muss aber nicht zwingend – seit dem Wahlsieg gebärden sich die Muslimbrüder und die Salafisten nicht eben so, als wären ihnen Touristen und die Meinung der Weltöffentlichkeit sonderlich wichtig.

Eine weitere Möglichkeit ist, zum Beispiel in Deutschland, Kontakt mit Kopten aufzunehmen. Der koptische Bischof Anba Damian leitet in Höxter in Nordrhein-Westfalen ein koptisches Kloster; dort feiern übrigens einmal pro Jahr die Jesus Freaks auf seinem Gelände das «Freakstock-Festival».

Beten ist ebenfalls ein zentraler Punkt, Christen aus Ländern mit Verfolgung bitten stets um Gebet.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

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Björn und Mirja Wagner: Wunderkinder

Mirja und Björn Wagner haben viel durchgemacht in ihrem Eheleben. Sehen sie andere Paare fragen sie Gott „Warum kriegen wir kein Kind?“. Sie schreien in Verzweiflung und Zorn zu Gott und sie lassen den Leser wissen wie es in ihnen aussieht. In jeweils voneinander getrennten Texten beschreiben Ehemann und Ehefrau sehr speziell ihre Emotionen und als Vater von inzwischen großen Kindern finde ich mich in den Aufzeichnungen von Björn sehr oft wieder.

Eines Tages wird Mirja schwanger. Alles erlebt der Leser mit, alles bis hin zur Ausschabung. Brutal und hartherzig kann das Leben sein oder ist es Gott? Mirja wird noch einmal schwanger. Ihre Ärztin diagnostiziert eine „leere, deformierte Fruchthülle“. Aus ihr heraus wird Monate später unter dramatischen Umständen die gesunde Emilia geboren.

Das Ehepaar hat sich immer eine große Familie gewünscht, nun ist klar, Mirja wird keine Kinder mehr bekommen. Sehr genau schildern beide Autoren auch ihre Beziehungen zu ihren Freunden. Da sind die, die aus Verunsicherung einfach wegbleiben, die die nicht mehr wissen mit ihnen umzugehen und da bleiben aber auch Freunde auf die sich die Wagners verlassen können.

Eine große Familie wollten sie einmal sein, deshalb entscheiden sie sich und stellen einen Adoptionsantrag. Viele Monate später werden sie von einem Anruf des Jugendamtes völlig überrumpelt. Kinder kommen aber sehr oft überraschend ohne ausführliche Anmeldung. Als sie wenig später dann ihren wenige Stunden alten Sohn Emilio in Händen halten ist das Glück perfekt.

Dieses kleine Büchlein erschlägt. Mirja und Björn Wagner schildern ihre Erlebnisse auf unterschiedlichen Ebenen. Sie beschreiben positive und negative Erfahrungen mit Ärzten und Krankenhäusern, im Mittelpunkt stehen aber immer ihre Fragen und Zweifel an Gott. So hinterlässt uns das starke Ehepaar Wagner ein Glaubensbuch das sich sehen lassen kann.

Verlag der Franckebuchhandlung, ISBN 978-3-868-27309-0, Preis 9, 95 Euro

 

Mirja und Björn Wagner haben buecherveraendernleben nun folgende Fragen beantwortet:

In einem Zuge habe ich Ihr Buch „Wunderkinder“ gelesen. Besonders in Björns Texten konnte ich mich oft wiederfinden, haben meine Frau und ich vor Jahren doch Gleiches durchmachen müssen. Warum war für Sie dieses Buch gerade jetzt wichtig?

Mirja: Wir haben gemerkt, dass es auf diesem Gebiet viel Not gibt und vieles nicht ausgesprochen wird. Irgendwie werden solche Themen gerne umgangen. Als Betroffener fühlt man sich aber einfach allein und sehnt sich nach jemandem, der Ähnliches erlebt hat, so ging es auf jeden Fall uns.

Björn: Und da haben wir uns entschlossen etwas aufzuschreiben. Das daraus dieses Buch wurde ist mehr „Zufall“ – ich habe mit Anne Meiss vom Francke Verlag telefoniert und Mattis schrie im Hintergrund. Und als ich ihr erzählte wer da so schrie sagte sie: Schreibt das mal auf und schickt es mir. Für uns war der Prozess des Schreibens selbst wichtig, Sprache und Worte zu finden und auch einander die Geschichte zu erzählen. Wir haben uns auch selbst dadurch besser verstanden.

Was ist heute, im Nachhinein betrachtet, mit ihrem Verhältnis zu Gott? Wie würden Sie die Veränderungen beschreiben?

Mirja: Auf viele Fragen haben wir bis heute keine Antworten. Das wird wohl auch so bleiben. Aber in allem sehe ich, dass Gott treu ist und es auch in Zukunft sein wird. Gott macht keine Fehler, auch wenn wir seinen Weg nicht verstehen. Es gibt immer noch Momente, in denen die Trauer überhand nimmt, aber dann vertrauen wir darauf, dass Gott einen guten Weg mit uns geht – seinen Weg.

Björn: Er ist nicht verfügbar und doch da. Aus dem ausgeliefert-sein ist ein beständiges „ich gebe ihm von mir“ geworden, das noch lange nicht am Ende ist. Es ist eine andere Gottesbeziehung, ein zweites Vertrauen nach Vertrauensverlust. Ab und an seltsam…

Wie kann Ihr Buch für Betroffene zur Hilfe werden?

Mirja: Wir hoffen, dass Betroffene den Mut finden, ihre Gefühle Gott gegenüber zuzulassen. Ohne schlechtes Gewissen. Wir hoffen, dass sie es wagen, über ihren Verlust zu reden und Hilfe in Anspruch nehmen. Und wir hoffen, dass sie merken, dass sie fühlen: Wir sind nicht allein. Andere haben ähnliches erlebt.

Björn: Vielleicht bekommen sie beim Lesen das Gefühl, dass sie verstanden werden bei ihren eigenen Kämpfen, bei ihren Verlusten, in ihren Glaubenskrisen. Man kann mit uns auch persönlich Kontakt aufnehmen – wie steht im Buch.

Haben Sie schon Reaktionen auf das Buch und wie sehen diese aus?

Mirja: Ja, bei den Reaktionen gibt es eigentlich zwei Richtungen. Die einen sagen: „Oh, das ist aber mutig, so etwas aufzuschreiben, ist das jetzt nicht irgendwie komisch für euch, dass das alle lesen können?“
Die anderen sagen. „Endlich spricht es mal jemand aus!“

Björn: Da kann ich Mirja nur zustimmen.

Wie geht es heute Emilia und Emilio? Sind die Wagners eine rund um glückliche Familie?

Mirja: Den beiden geht es prima. Sie sind „normale“ Geschwister, die sich lieben, die sich auch mal nerven und zusammen Abenteuer bestehen. Jeder der beiden bringt seine Geschichte mit, der eine versteht sie schon mehr, bei dem anderen wird es wohl noch etwas dauern. Beide müssen lernen, mit dieser Geschichte zu leben, sie als ihre Geschichte zu akzeptieren.

Björn: Ganz ehrlich – die beiden sind klasse! Was mir noch fehlt ist Erholung und Schlaf. Mattis war lange nachts „unterwegs“ und ich habe so manche Nacht kaum ein Auge zugemacht. Ich merke nach diesen 2 1/2 Jahren, dass ich erschöpft bin. Erschöpft, aber froh Teil dieser wunderbaren Familie zu sein. Ab und an mal in Ruhe frühstücken wäre eine große Hilfe… 😉

Vielen Dank für das wunderschöne Gespräch!

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