Daniel Gerber: Schicksalstage am Fuße der Pyramiden

Dieses Buch hebt sich sehr von den vielen anderen Büchern zum Thema „Arabischer Frühling“ auf dem deutschen Büchermarkt ab. Es ist nicht eine eilig aneinander gereihte Sammlung von politischen Fakten. Hier hat sich ein europäischer Journalist auf den Weg nach Ägypten gemacht und hat sehr genau hingeschaut, wie es nach der Revolution gegen Hosni Mubarak den koptischen Christen im Lande geht.

Sie hatten auch unter seiner Herrschaft kein freies Leben, aber was Daniel Gerber nun in Ägypten sah und hörte, dass macht betroffen und fassungslos. Da werden aus den Familien der Christen die Töchter geraubt. Staatliche Stellen schauen tatenlos zu . . .

Da nimmt die Islamisierung des Staates von Tag zu Tag zu und von der Freiheit des Andersgläubigen ist keine Rede mehr. Gerber hat Familien besucht, die schrecklichste selbst erlebte Horrorgeschichten erzählen können.

Der Autor beschreibt eindrücklich die heutige Situation in Ägypten, immer im speziellen die der christlichen Bevölkerung. Er geht aber auch in die Geschichte des Landes zurück, die ja über eine tief verwurzelte christliche Tradition verfügt. Deutlich wird dabei, dass die Christen des Landes schon oft Ziel von Unterdrückung und Feindseligkeiten waren. Schon vor Jahrhunderten brannten christliche Kirchen in Ägypten.

Daniel Gerber zeichnet ein düsteres Bild der Christenverfolgung in Ägypten, er überführt die staatlichen Stellen der Mitwisserschaft und der Duldung der Verbrechen an den Christen, aber er zeigt auch die kleinen Pflänzchen der Hoffnung, wie beispielsweise die Muslima, die Christen hilft.

Brunnen, ISBN 978-3-765-54162-9, Preis 11, 99 Euro

Daniel Gerber hat buecherveraendernleben nun folgende Fragen beantwortet:

Lieber Daniel Gerber, ein Jahr nach der Revolution in Ägypten haben Sie das Land bereist. Wie haben Sie es vorgefunden?

Wir waren vor Ort, als die Revolution noch voll im Schwung war. Kurz zuvor war Husni Mubarak endgültig abgesetzt worden. Gemeinsam mit einer koptischen Delegation von Geschäftsleuten und Anwälten besuchten der in der Schweiz lebende ägyptische Journalist Medhat Klada und ich den Innenminister der Übergangsregierung, Mansur el-Essaui, um Gleichberechtigung für die Christen zu fordern. Solches Vorsprechen wäre vor der Revolution nicht denkbar gewesen. Auch waren wir mehrfach auf der allabendlichen Kopten-Kundgebung vor dem staatlichen Fernsehgebäude. In aller Offenheit forderten die Christen ihre Rechte – das wäre noch wenige Monate zuvor unmöglich gewesen. Durch den Zusammenbruch der Mubarak-Regierung herrschte im Land auch das Recht der Strasse und während früher alle paar Wochen von der gezielten Entführung christlicher Mädchen zu hören waren, geschah solches im Tages-Rhythmus. Wir waren auch in der Kirche in Imbaba, die in der Nacht zuvor niedergebrannt worden war, 15 Menschen starben, über 200 wurden verletzt. Die Attacke geschah vor den Augen der Sicherheitskräfte.

Sie haben koptische Christen besucht und dabei sehr tragische Geschichten von ihnen gehört. Warum werden Christen heute in Ägypten verfolgt und drangsaliert?

Im einst christlichen Ägypten sind die Christen eine Minderheit geworden, auf die herabgesehen wird. Ihr Glaube wird als minderwertig angesehen. Bestes Beispiel dafür ist Mohammed Hegazy. Er konvertierte vom Islam zum Christentum. Nun hat jeder Ägypter eine ID-Karte, die im alltäglichen Leben sehr wichtig ist und oft gebraucht wird. Auf dieser ist auch die Religion vermerkt. Und die wollte er geändert haben. Die Beamten verweigerten ihm dies und so ging er vor Gericht. Daraus wurde in Präzedenzfall, der Richter erklärte: «Monotheistische Religionen wurden von Gott in chronologischer Reihenfolge überbracht: Es ist also unüblich, von der neusten zu einer vorhergegangenen zu wechseln!» Bis heute ist Hegazy vor dem Staat ein Muslim. Wechselt ein Christ zum Islam, ist die ID-Karte im Handumdrehen angepasst.

Der Islam gilt als am Fortschrittlichsten, wer nicht Muslim ist, hängt in der öffentlichen Meinung etwas an, das rückständig ist. Er ist Bürger zweiter Klasse, der dies in allen Aspekten zu spüren kriegt, bereits als Kind wie auch später im Beruf.

Wie ist Ihre Prognose, haben christliche Gemeinden in Ägypten eine Zukunft oder wird es zum Auszug der Christen aus Ägypten kommen?

Derzeit herrscht in Ägypten eine scharfe Religions-Apartheid. In diesen Tagen starb der koptische Papst Shenouda III. Nun haben die Salafisten im ägyptischen Parlament eine Schweigeminute verweigert – und das ist bloss der jüngste von vielen Vorfällen.

Ich erinnere daran, das Ägyptens-Fussballnationaltrainer Hassan Shehata öffentlich sagte: «In der Nationalmannschaft lasse ich nur Fussballer antreten, die Muslime sind, andere kommen nicht zum Zug, auch wenn sie besser wären.» Wenn das der deutsche oder schweizerische Nationaltrainer sagen würde, wäre er seine Stelle noch am gleichen Tag los. Nicht Shehata, frohgemut gewann er danach den Africa Cup 2010. Jetzt haben die Islamisten die Wahl gewonnen und die Tonlage verschärft sich erheblich. Die NZZ berichtete bereits davon, dass die Salafisten fordern, dass die Dschizya-Steuer wieder eingeführt wird, eine zusätzliche Kopfsteuer für Nichtmuslime. Auch soll die Scharia verbindlich werden, bereits unter der früheren Regierung hatte sie einen hohen Stellenwert, dies dank Paragraph 2 der ägyptischen Rechtsprechung, der vorsieht dass kein irdisches Gesetz dem Islam widersprechen darf. Zwar folgen später tolerante Paragraphen, die aber in der Praxis durch Paragraph 2 ausgehebelt werden. Es wird somit für die Christen ungleich schwieriger und wenn das Steuer nicht herumgerissen wird, kann es zum Exodus kommen, wie er im einst christlichen Irak zu sehen war. Das ist die irdische Sicht der Dinge und ich bin alles andere als optimistisch, die Lage der Christen hat sich insgesamt innerhalb eines Jahres erheblich verschlechtert. In der Bibel verheisst Gott in Jesaja 19, in den Versen 22 bis 25, dass sich Ägypten eines Tages zu ihm wenden wird.

Es ist nicht Ihr erstes Buch, dass sich mit der Region im Nahen Osten beschäftigt, wie kam es dazu, dass Sie sich besonders mit diesem Thema beschäftigen?

Das hat verschiedene Gründe. Es geht mir darum, auf Verletzungen der Menschenrechte aufmerksam zu machen und dass Unterdrückte Freiheit finden – das gleiche ist mir auch für die anderen Gegenden der Welt wichtig; im Wissen dass mein Engagement ein Tropfen auf den vielzitierten, heissen Stein ist.

Beim Nahen Osten kommt dazu, dass etliche dieser Nationen in der Bibel erwähnt sind, und ich diese schon von klein auf von den Namen her kannte. Sie gefielen mir sehr gut, als ich sie zu bereisen begann.

Sehe ich das richtig, dass Ägypten in Zukunft ein Land der Muslimbrüder wird?

Es deutet vieles darauf hin. Die Muslimbrüder haben zahlreiche Stimmen gewonnen, als sie vor den Wahlen Lebensmittel verteilten. Inzwischen wird in ägyptischen Medien aber auch diskutiert, dass es zu einem erheblichen Wahlbetrug gekommen sei. So scheinen fundamentalistische Kreise aus Saudi-Arabien und Katar mehrere hundert Millionen ägyptische Pfund in den Wahlausgang «investiert» zu haben, zum Beispiel von der radikal-islamischen «Katar Foundation». So ist mittlerweile bekannt, dass manche Sympathisanten der Bruderschaft mit bis zu zwanzig Stimmausweisen unterwegs waren. Mehrere Zeitungen berichteten von neun Millionen Stimmen, die zu unrecht an die Islamisten gingen. Die Frage ist nun, wie viele Ägypter die Revolution als gestohlen bewerten werden und wie ihre Reaktion darauf sein wird.

Gibt es Möglichkeiten wie ich hier aus Westeuropa Christen in Ägypten helfen kann?

Die Stimme zu erheben ist wichtig, namentlich mit Leserbriefen. Wenn ein Medium sieht, dass das Thema interessiert, steigt die Chance, dass noch mehr darüber berichtet wird. Sinnvoll ist auch, wenn christliche Werke Petitionen durchführen, sich an diesen zu beteiligen. Öffentlicher Druck kann helfen, muss aber nicht zwingend – seit dem Wahlsieg gebärden sich die Muslimbrüder und die Salafisten nicht eben so, als wären ihnen Touristen und die Meinung der Weltöffentlichkeit sonderlich wichtig.

Eine weitere Möglichkeit ist, zum Beispiel in Deutschland, Kontakt mit Kopten aufzunehmen. Der koptische Bischof Anba Damian leitet in Höxter in Nordrhein-Westfalen ein koptisches Kloster; dort feiern übrigens einmal pro Jahr die Jesus Freaks auf seinem Gelände das «Freakstock-Festival».

Beten ist ebenfalls ein zentraler Punkt, Christen aus Ländern mit Verfolgung bitten stets um Gebet.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

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Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “Daniel Gerber: Schicksalstage am Fuße der Pyramiden

  1. jjohannes

    Das Thema ist hochaktuell und es ist schon bestürzend, wie rasant sich der radikale Islamismus ausbreitet (vor allem auch durch die Öl-Dollars). Ich hoffe, dass das Buch noch mehr Christen dafür sensibilisiert. Ich werde auf jeden Fall mindestens mal reinlesen!

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