Markus Reiter: Schlaue Zellen

Das menschliche Gehirn steht im Mittelpunkt dieses Buches. Der Autor Markus Reiter ist nicht etwa Mediziner, nein er ist Journalist. Dennoch habe ich in seinem Buch viel über das Gehirn und noch mehr über mich selbst erfahren.
Alles in unserem menschlichen Körper ist nach heutigem Stand der Medizin austauschbar. Herz und Lunge können beinah routinemäßig transplantiert werden, das Gehirn jedoch nicht und dies wird in Zukunft auch nicht möglich werden. Markus Reiter erklärt warum dies so ist und er überlegt ob der Mensch mit neuem Gehirn auch ein neuer Mensch wäre.
Vor diesem Buch muss kein Laie kapitulieren. Für Reiter ist es wichtig, dass er von möglichst vielen Menschen verstanden wird. Deshalb verzichtet er weitestgehend auf spezifische Fachausdrücke. Für Neugierige „Genau – Wissen – Woller“ beschreibt er in farblich unterlegten Texten Abläufe und Prozesse exakt und auch mit den jeweiligen Fachausdrücken. Sollte man diese Texte nicht verstehen, können sie getrost überblättert werden, man findet danach sofort wieder zurück in den fortlaufenden Text.
Besonders spannend sind jene Texte mit einem besonderen Symbol. Dort gibt Reiter sehr praktische Alltagstipps und räumt mit manch einer inzwischen veralteten und längst widerlegten Ansicht auf. Eine Wunderpille für ewig schlaue Zellen oder gar gegen die Vergesslichkeit kann der Autor auch nicht verschreiben, aber er bringt den Leser in seinem spannend geschriebenen Buch auf den aktuellen Wissensstand rund um das menschliche Gehirn.
Wenn es doch so etwas wie eine Zauberformel für ein ewig fittes Gehirn geben sollte, dann fasst Markus Reiter diese in drei Stichpunkte zusammen: „Laufen, Lieben, Lernen.“
Dieses Buch hat mich in seinen Bann gezogen, weil Markus Reiter mich auf eine spannende Reise vom Gehirn ausgehend mitgenommen hat und weil er mir praktisches Wissen mit an die Hand gibt um möglichst lange fit zu bleiben!

Gütersloher Verlagshaus, ISBN 978-3-579-06681-3, Preis 19,99 Euro

Markus Reiter hat uns buecheraendernleben nun folgende Fragen beantwortet

Lieber Markus Reiter, “Schlaue Zellen” heißt ihr soeben erschienenes Buch. Was hat sie an dem Thema menschliches Gehirn so sehr gereizt, dass es gleich ein Buch geworden ist?

Das Interesse entstand nach einem meiner vorherigen Bücher mit dem Titel „Klardeutsch“, in dem ich mich damit beschäftigt habe, wie Sprache im Gehirn verarbeitet wird. Das wiederum kam daher, dass ich hauptberuflich als Journalist und Schreibtrainer sehr viel mit Sprache zu tun und nach wissenschaftlichen Grundlagen für die Regeln journalistischen Handwerks gesucht habe. Im Zuge der Recherche hatte ich mich immer tiefer in die Neurowissenschaften vertieft und es entstand der Wunsch, dieses faszinierende Thema in einem eigenen Buch zusammenzufassen.

Einmal angefangen zu lesen, konnte ich mich ihrem Buch kaum mehr entziehen. Da waren zum einen allgemeine Erklärungen zum Gehirn, aber auch Alltagstipps für den Leser. Hat die Arbeit an diesem Buch ihren eigenen Lebensalltag verändert?

Zunächst einmal freut es mich sehr, dass mir offensichtlich gelungen ist, was ich erreichen wollte: nämlich durch Geschichten einen Sog zu erzeugen, der das Buch nicht nur lehrreich, sondern auch spannend macht. Seit den Recherchen für mein Buch bin ich, glaube ich, noch selbstreflektierter geworden. Ich bin mir noch bewusster, wie oft unser Gehirn uns über die wahren Ursachen und Motive unseres Handelns hinwegtäuscht. Und meinem Gedächtnis, besonders den Erinnerungen an bestimmte Ereignisse, vertraue ich noch weniger als zuvor.

Sie haben sich als Nichtmediziner an dieses Buch getraut. Hat man da nicht Angst vor dem Urteil der Fachleute und wie sehen deren erste Kommentare aus?

Ich bin mit ausreichendem Selbstbewusstsein an die Arbeit gegangen, weil mein früheres Buch über Neurowissenschaften und Sprache vor den Augen der Fachleute, mit denen ich darüber gesprochen habe, bestehen konnte. Besonders die Passagen über die neuronalen Vorgänge in „Schlaue Zellen“ habe ich aber doppelt- und dreifach überprüft und auch von Experten korrekturlesen lassen.

Sie beschreiben in ihrem Buch eine Situation, da stehen sie in der Charité um sich ein Gehirn anzuschauen, woher kommt die Faszination vor diesem Organ?

Markus Reiter

Mit diesem Interesse stehe ich nicht allein. Immer, wenn ich Gesprächspartnern erzähle, dass ich mich mit dem Gehirn beschäftigte, kommen ganz viele Fragen und ich stoße auf ein großes Interesse. Eine der grundlegendsten Eigenschaften eben dieses Gehirns ist ja die Neugier. Wir wollen nicht nur wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält, sondern auch, was uns Menschen zu Menschen macht. Die Wissenschaft, die uns im 21. Jahrhundert den Antworten auf diese Frage näher bringt, ist die Hirnforschung.

Mit ihrem Satz “Wir sind unser Gehirn” weisen sie auf einen bislang vielleicht noch nicht so bedachten Zusammenhang hin. In ihrem Buch begegnete mir zum ersten Mal der Hinweis, dass unser Gehirn im Zusammenhang mit unseren Beziehungen zu anderen Menschen enorm wichtig für unsere Leistungsfähigkeit ist. Sind dies neue Erkenntnisse?

Dass der Mensch ein soziales Wesen ist, weiß die Wissenschaft schon lange. Aber es kommen immer mehr Erkenntnisse zu Tage, wie sich dies in der Gehirnstruktur manifestiert; zum Beispiel, dass soziale Bindungen eine unmittelbare Auswirkung auf die Synapsenbildung im Gehirn haben.

Vor 50 Jahren glaubte wohl noch niemand an eine erfolgreiche Transplantation des menschlichen Herzen, heute ist sie möglich und der Mensch kann hinterher gut weiterleben. Beim Gehirn ist dies nicht möglich, in ihrem Buch äußern sie sich darüber skeptisch, schließen sie es wirklich aus?

Ich halte für unwahrscheinlich, dass dies in absehbarer Zeit möglich wird. Ausschließen kann man es aus genau dem von Ihnen genannten Grund nicht. 

Die noch viel spannendere Frage ist dann ja wenn es wirklich möglich sein sollte einem Christian Döring ein neues Gehirn zu transplantieren, ist der Mensch dann hinterher der Chr. D. mit den gleichen Gefühlen und Lebenseinstellungen?

Das ist exakt die Frage. Es würde aber gewaltige ethische und philosophische Probleme aufwerfen. Denn wenn „wir unser Gehirn sind“, wie sieht die Sache bei einem transplantierten Gehirn aus?  Wer ist dann dieser Mensch – der Besitzer des Körpers oder der Besitzer des Gehirns? Dahinter steht natürlich die Frage, ob die Persönlichkeit eines Menschen ausschließlich aus der neuronalen Vernetzung seines Gehirns besteht. Das ist das große Thema zwischen Philosophen, Theologen und Neurowissenschaftlern. Ich plädiere für eine gewisse Bescheidenheit und Zurückhaltung der Hirnforschung – wir wissen inzwischen viel über das Gehirn, aber unendlich viel mehr wissen wir nicht. 

Herzlichen Dank für das interessante Gespräch!

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Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “Markus Reiter: Schlaue Zellen

  1. Das scheint mir ein interessantes Buch zu sein; danke für den Hinweis! LG René

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