Fritz Stiegler: Valentina

Diese Geschichte geht auf eine wahre Begebenheit aus dem II. Weltkrieg zurück. Valentina ist eine sowjetische Zwangsarbeiterin und sitzt mitten in Deutschland in einem Arbeitslager. Das Thema ist längst bekannt und viele Male thematisiert, doch in diesem Buch hat der Autor es geschafft den Blick auf die Deutschen und die jeweils anderen vielschichtiger zu zeichnen.

Valentina gelingt die Flucht aus dem Arbeitslager. Von einer Bauernfamilie wird sie versteckt. Unter Lebensgefahr lebt Valentina auf dem Bauernhof, falls die Nazis Valentina bei den Bauern finden, werden auch sie getötet. Fritz Stiegler beschreibt sehr genau und detailreich das Leben in der damaligen Zeit.

Glaubhaft schildert der Autor Lebenswege von Nazis, die nicht ganz freiwillig als Wachpersonal im Arbeitslager Dienst taten. Ohne etwas entschuldigen zu wollen, gelingt es Stiegler den Nazi zu schildern, der ein Herz für die Zwangsarbeiter hat.

So hebt der Autor die in unseren Köpfen fertigen Schablonen des Schwarz-Weiß-Denkens auf und präsentiert uns einen Geschichtsunterricht, wie ihn kein Geschichtsbuch vermitteln kann.

Fritz Stiegler hat es mit seinem Roman geschafft gegen unser Schwarz-Weiß-Denken antreten zu können!

Brunnen, ISBN 978-3-7655-1237-7, Preis 16,99 Euro

Der Autor hat buecherveraendernleben folgende Fragen beantwortet.

Lieber Fritz Stiegler, mit Ihrem Buch greifen Sie ein Thema auf, dass fast 70 Jahre zurückliegt. Im Mittelpunkt steht Valentina, die russische Zwangsarbeiterin aus dem „Arbeitserziehungslager“ Langenzenn. Warum müssen wir heute noch solche Bücher lesen und warum gelangt dieses Buch gerade 2012 auf den deutschen Buchmarkt?

Frieden und Freiheit. Das höchste Gut, das uns in den letzten 67 Jahren geschenkt wurde, verdingt sich nicht von ungefähr. Es ist erschreckend, wie schnell  unzufriedene Menschen sich von brauen Parolen verführen lassen. Eine aufstrebende, rechtsnationale Partei im krisengeschüttelten Griechenland. Eine NPD, eine DVU im Landtag, gestützt durch Hassparolen, gewählt von unzufriedenen, von der Gesellschaft enttäuschten Menschen. Menschen, die sich wohl kaum damit beschäftigt haben, was es bedeutet, diktatorisch gesteuert zu werden. Menschen, die sich betören lassen: „Der Hitler hat ja den Menschen Arbeit gebracht, er hätte für Ruhe und Ordnung gesorgt. Damals war sowieso alles besser.“     Armut, Arbeitslosigkeit, Unzufriedenheit bildeten auch in der Weimarer Republik den Nährboden für den Aufstieg der NSDAP. Jedes Werk, das sich mit den Konsequenzen dieser Apokalypse beschäftigt, ist auch im Jahr 2012 nötiger denn je.

Nachdem ich die ersten Seiten gelesen hatte nahm Valentina Besitz von mir. Ihr Schicksal nimmt gefangen und zeigt für mich etwas völlig Neues. In Ihrem Buch verzichten Sie auf schwarz-weiss Malerei. Da gibt es nicht nur die bösen und menschenverachtenden Aufseher im Arbeitslager, da gibt es nicht nur die abweisenden Bauern. An dieser Stelle leistet Ihr Buch mehr als jedes Geschichtsbuch. Warum war es für Sie persönlich wichtig dieses Buch zu schreiben?

Schon als Bub verfolgte ich die Erzählungen meiner Großeltern und meines Vater mit großem Interesse. Es gab kaum einen Tag, wo am gemeinsamen Essenstisch nicht über diese Zeit geplaudert wurde. Über Franz Simonet, einen französischer Zwangsarbeiter, der jahrelang am Hof mitarbeitete und von meinen Großeltern in den letzten Kriegstagen, im Heuboden versteckt wurde. Über die Feuerwehreinsätze, die mein Großvater mit seinem Lanzbulldog in der ausgebombten Stadt leisten musste. Über die Schikanen, die mein Vater bei der Jungschar erdulden musste und vor allem über diese Zeit, in der ein menschlicher Umgang mit Juden, Zwangsarbeitern, Kriegsgefangenen und vielen anderen nicht ins arische Gedankengut der  Machthaber passte. Es  gab auch diejenigen, die nicht wegsahen, die unter Lebensgefahr Brot an die Böschungen legten, als die Zwangsarbeitertrupps vorbeimarschierten, die Kartoffeln über die Lagerzäune warfen. Und es gab auch Bauern, die den vielen Hamsterern zu essen gaben.

Damit diese Erinnerungen, über die Lebensweise einfacher Menschen in einfachen Dörfern, in extremer Zeit nicht vergessen wird, wollte ich als sogenannter Nachgeborener diese Geschichte unbedingt  zu Papier bringen. Aber es blieb eine Gratwanderung, über eine Zeit zu schreiben, die man nicht erlebt hatte, an die sich viele Zeitzeugen jedoch sehr genau erinnern. Drei Jahre brauchte ich für dieses Buch.

Geprägt haben mich auch die Worte meines Vaters, der sich stets ärgerte, wenn sich mancher Ratgeber zu Wort meldete: „Warum habt ihr Euch damals nicht gewehrt, warum habt ihr euch so geduckt.“ Dies in unaufdringlichen Passagen herauszustellen, wie sehr die damaligen Machthaber die Menschen kontrolliert und manipuliert hatten, war mir ein besonderer Ansporn. Ich versuchte mich in den Charakter des Täters zu versetzen, in den des Mitläufers und in denjenigen des Widerständlers. Der Respekt für diese letztgenannte Gruppe wuchs mit jeder Zeile.            

Oft bereute ich, mit dem Schreiben dieser Geschichte überhaupt angefangen zu haben. Die viele Arbeit am Bauernhof, die zahlreichen Überarbeitungen, die vielen Zeitzeugenbefragungen, die Verlagssuche, der Vertrieb.  Ja –  und nun freue ich mich wie ein kleines Kind, dass das Buch den Weg in die Buchhandlungen endlich gefunden hat.

Fritz Stiegler

„Weißt nicht, was in der Bibel steht?“ rechtfertigt eine mutige Bäuerin ihr Handeln 1944 Valentina gegenüber. Aus ihrer christlichen Verantwortung heraus hilft sie der aus dem Lager entflohenen Valentina. Damit setzt die Bäuerin das Leben ihrer ganzen Familie aufs Spiel. Fehlt uns heute oft unser Glaube um uns so stark für ihn einzusetzen?

Die Bäuerin Marie könnte meine Großmutter sein. Eine starke Persönlichkeit, deren Glaube an Gott an allererster Stelle stand, mit allen Konsequenzen für die Familie und nach ihrer eigenen Auslegung der Bibel besonders für den Ehemann. Sie war stur, bisweilen naiv, aber doch unerschrocken und hilfsbereit. Ihr unerschütterlicher Glaube bestärkte sie in ihrem Wirken. Der Gefahr, der sie sich und ihrer Familie aussetzte, war sie sich wohl kaum bewusst.

Diese Ausnahmesituationen, wie sie die Menschen in den Kriegsjahren erleben mussten, gibt es in unserem Rechtsstaat wohl kaum. Ich will damit sagen: Je extremer die Lebensumstände, desto größer anscheinend der Glaube an eine übergeordnete Macht.  

 

Die wahre Geschichte um Valentina reicht hinein bis in Ihre Familie. Bitte erzählen Sie uns ein wenig davon.

Die wahre Geschichte Valentinas wird mit Abstrichen nur bis zum Verteilerlager Neumarkt in der Oberpfalz erzählt.  Mit Valentina  hatte ich Briefverkehr und einige lange Telefonate. Sie spricht übrigens hervorragend Deutsch. Diese Frau bewahrte sich Ihren Lebensmut, war aber gezeichnet durch diese traumatischen Erlebnisse. Das Leiden begann ja von Neuen, als sie nach dem Krieg in die Ukraine zurückgekehrt, durch das  Stalinregime erneut verfolgt und schikaniert wurde. Der Kontakt zu ihr ist leider abgerissen, einen ausführlichen Fragenkatalog, besonders über die persönlichen Erlebnisse hat sie mir nicht mehr zurückgeschickt. Immerhin dürfte sie nun fast 90 Jahre alt sein, wenn sie denn noch lebt. Die Umstände im Lager, die geschilderten Greul taten  basieren auf weiteren Zeitzeugenbefragungen und vor allem den niedergeschriebenen Erlebnisberichten von Wladislaw Kostrzenski und Josef Gelin.  

Viele Jahre später kam Valentina als Zeitzeugin zurück nach Deutschland. Wie haben Sie diese Frau erlebt?

Vollkommen unbemerkt von der Öffentlichkeit, als Valentina vor 20 Jahren ihre Schwester in Frankreich besuchte, hatte sie in Langenzenn einen Zwischenstop eingelegt. Das hatte sie mir am Telefon erzählt.

Vor zwei Jahren wurden anlässlich der Gedenksteinsetzung durch unseren Arbeitskreis Zeitzeugen aus Polen eingeladen. Da gab es sehr viele emotionale Momente und Gespräche, allerdings mit Dolmetschern. Diese Eindrücke wurden beispielhaft für Valentinas Erlebnisse mit ins Buch eingearbeitet. Am Telefon jedenfalls erlebte ich sie während der beiden einstündigen Gespräche als hochintelligente, offene Frau, die sehr viel Herzlichkeit ausstrahlte. Ihr Sohn kam durch das Regime in Russland ums Leben, und ich hatte den Eindruck, dass die Angst in ihr noch immer Bestand hat.

Ich glaube jedoch, anhand der herzlichen Atmosphäre während unserer Gespräche, dass dies, was nun unter ihrem Pseudonym veröffentlicht wird, den vielen Opfern, denen man die Jugend, die Würde und oft genug das Leben geraubt  hatte, in aller Bescheidenheit, ein klein wenig gerecht wird.

   

 

 

 

 

Advertisements

3 Kommentare

Eingeordnet unter Uncategorized

3 Antworten zu “Fritz Stiegler: Valentina

  1. Maria Lahnstein

    Und wieder ein sehr interessantes Buch und eine Zeit, die bald in Vergessenheit gerät. Damit meine ich weniger die politischen Umstände, als das Leben der einzelnen Menschen zu dieser Zeit.

  2. Pingback: Fritz Stiegler: Valentina | Arbeitsgemeinschaft christlicher Rezensenten

  3. Erika Enslein-Löhlein

    Das Buch hat mich sehr berührt. Ich habe vieles gelesen, doch ist das hier so persönlich, weil es an eine junge Frau geknüpft ist. Mir war lange Zeit nicht bewußt, dass in meiner Nähe (Fürth) ein Lager in Langenzenn war.
    Ein anrührendes Buch.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s