Übersetzer vorgestellt

An dieser Stelle wollen wir heute die Arbeit von Übersetzern würdigen. Und wie ginge dies besser als sie selber zu Wort kommen zu lassen. Dazu habe ich Verlage gebeten mir die Kontaktdaten zu ihren Übersetzern zu übermittteln. Was geschah? Sehr schnell hatte ich diese Kontaktdaten und alle Vorschläge waren männliche Übersetzer. Die drei sagten dann auch sogleich zu.

Hier nun unser Interview mit Christian Rendel, Wolfgang Günter und Julian Müller:

Das hat aber schnell geklappt. Innerhalb von wenigen Minuten hatten Sie mir alle gemailt, dass Sie sich an unserem Gespräch beteiligen. Frecherweise traue ich mich gleich mal zu fragen: Sitzen Sie den ganzen Tag an Ihrem Computer und warten auf einen neuen Auftrag ein Buch zu übersetzen oder wie findet ein Verlag seinen Übersetzer?

Christian Rendel: Übersetzer arbeiten in der Regel so ähnlich wie „feste freie Mitarbeiter“ bei Zeitungen. Jeder Verlag hat seine Liste von Übersetzern, mit denen er regelmäßig zusammenarbeitet und unter denen er dann die anstehende Arbeit verteilt. Unabhängig davon sitzt man als Übersetzer natürlich sowieso den ganzen Tag am Computer – in der Regel aber nicht, um auf Arbeit zu warten, sondern um sie zu tun.

Wolfgang Günter: Die Verlage, für die ich arbeite, kennen mich inzwischen ganz gut. Sie wissen sogar, welche Bücher mir besonders Spaß machen könnten, und fragen dann wegen einer Übersetzung an.  Auch die Beziehung zwischen Verlag und Übersetzer muss eben wachsen. Und wenn das gelingt, ist das für beide Seiten gut. Hin und wieder muss ich auch dafür sorgen, dass mich ein Verlag, der mich noch nicht kennt, kennenlernt. Das klappt manchmal, manchmal aber auch nicht. Und ja, ich sitze tatsächlich den ganzen Tag am Computer.

Julian Müller: Das kleine „Dingdong“ einer neuen E-Mail macht einfach neugierig. Auch wenn sich das meiste als Werbung entpuppt. Aber es könnte ja ein Auftrag sein! Spaß beiseite: Natürlich hockt man nicht den ganzen Tag da und wartet auf den Auftrag. Da man mit einem Buch meist mehrere Monate beschäftigt ist, kommen die Aufträge dementsprechend auch in weiteren Abständen herein. Ansonsten findet der Verlag seinen Übersetzer über den Lektor bzw. die Lektorin. Der/die kennt nämlich seinen Stamm an Übersetzern und schätzt ein, wer für welches Buch am besten geeignet ist. Oder er nimmt Kontakt  zu einem neuen Übersetzer auf, der sich irgendwann einmal bei ihm beworben hat.

Wie wird man eigentlich Übersetzer und kann man davon leben?

Christian Rendel

Christian Rendel: Es gibt natürlich Ausbildungsgänge und Studienangebote für Übersetzer, aber man muss nicht unbedingt einen solchen Weg gehen, um diesen Beruf zu ergreifen. Ich selbst habe Germanistik und Geschichte studiert und gegen Ende meines Studiums aus Interesse an einem Übersetzungsseminar bei den Anglisten teilgenommen. Da sich dabei herausstellte, dass ich das ganz gut konnte, habe ich meine Dienste einigen Verlagen angeboten. Einige davon ließen mich daraufhin Probeübersetzungen anfertigen, und zwei erteilten mir schließlich Aufträge. Anfangs war das nur ein kleiner Nebenverdienst, um meine Studienkasse aufzubessern, aber mit der Zeit wurde es immer mehr, sodass ich nun schon seit über zwanzig Jahren ganz gut davon leben kann.

Voraussetzung dafür ist natürlich, dass man einigermaßen schnell ist bzw. ein ausreichendes Tagespensum hat. Bezahlt wird meistens nach Normseiten, sodass das Ganze etwas von Akkordarbeit hat. Je mehr man macht, desto besser verdient man. Andererseits geht es natürlich vor allem um die Qualität – irgendwo ist da dem Arbeitstempo also auch eine Grenze gesetzt. Letzten Endes hilft nur Ausprobieren, wenn man herausfinden will, ob man davon leben kann.

Wolfgang Günter:  Nach meinem Lehramtsreferendariat habe ich ein Praktikum beim R. Brockhaus Verlag gemacht. Dabei habe ich gelernt, wie so ein Verlag überhaupt funktioniert, und auch die Leute dort kennengelernt. Daraus ergab sich der erste Übersetzungsauftrag, und seitdem bin ich Freiberufler. Wer reich werden will, sollte sich allerdings für einen anderen Beruf entscheiden. Man kann gerade so davon leben, und im Grunde sind wir literarischen Übersetzer unterbezahlt. Auf der anderen Seite genieße ich aber eine andere Art von Luxus, nämlich meinem Traumberuf nachzugehen, mir den Tag selbst einteilen zu können und zu Hause zu arbeiten. Alles in allem ist mir diese Art von Luxus wichtiger.

Julian Müller: Zum Übersetzen führen unzählige Wege. Da es an sich keine geschützte Berufsbezeichnung ist, steht jedem diese Tür offen. Das macht das Ganze sehr reizvoll, aber dadurch gibt es natürlich auch alle erdenklichen Qualitätsstufen. Deswegen muss man im Bereich der Literatur in aller Regel dem Lektor durch ein Probekapitel erst  einmal beweisen, dass man in der Lage ist, den komplexen Vorgang des Literaturübersetzens zu einem guten Ergebnis zu bringen. Um das zu können, habe ich nach dem Studium noch ein Jahr drangehängt und mich in einem Aufbaustudiengang nur diesem Thema gewidmet.

Ob man davon leben kann, hat man gewissermaßen selbst in der Hand. Arbeite ich schnell oder langsam? Verhandle ich geschickt oder verkaufe ich mich unter Wert? Kann ich selbstdiszipliniert als Einzelkämpfer arbeiten oder kriege ich das nicht hin? Generell muss man leider sagen, dass Literaturübersetzen so schlecht bezahlt ist, dass uns sogar der Bundesgerichtshof zur Seite springen und angemessene Honorare verordnen muss. Viele Übersetzer machen daher nicht nur Literatur, sondern auch Fachübersetzungen, die besser bezahlt sind. Aber das haben wir eben mit vielen künstlerischen Berufen gemein: Reich wird man davon nicht, und trotzdem erfüllt es einen.

Warum haben mir die Verlage wohl nur männliche Übersetzer empfohlen?

Christian Rendel: Da bin ich ehrlich gesagt überfragt! Ich glaube eigentlich nicht, dass erheblich mehr Männer als Frauen in diesem Beruf arbeiten – wenn man die nebenberuflichen Übersetzer mit einrechnet, dürften es sogar eher mehr Frauen sein.

Wolfgang Günter: Es wäre natürlich interessant zu wissen, wonach Sie genau gefragt haben 😉 Zum Beispiel: „Arbeiten für Ihren Verlag Übersetzer, die für öffentliche Selbstbeweihräucherung im Internet zu gewinnen sind?“ „Fragen Sie doch mal Herrn Günter.“ Nein, im Ernst, ich weiß es nicht. Und weil ich mir bei jedem übersetzten Buch, das ich lese, auch anschaue, wer es übersetzt hat, weiß ich, dass es mindestens so viele hervorragende Übersetzerinnen wie Übersetzer gibt.

Julian Müller:  Wüsste ich auch gern. Männer sind in diesem Beruf eigentlich in der Unterzahl.

Wenn das englische Manuskript Sie dann erst einmal erreicht hat, wie gehen Sie dann ganz speziell an Ihre Arbeit?

Christian Rendel: Ich fange einfach an zu übersetzen, teils per Tastatur, teils per Spracheingabe. In der Regel brauche ich 20 bis 30 Seiten, bis ich mich auf den Stil des Autors eingestellt habe. Deshalb mache ich oft nach zwei Kapiteln schon einmal einen Korrekturdurchgang. Ansonsten übersetze ich einfach weiter und erledige Recherchen und Zwischenkorrekturen immer dann, wenn sie sich ergeben. Am Schluss kommen dann noch zwei Korrekturdurchgänge – einer fürs Formale, einer fürs Stilistische. Wenn die Zeit reicht, mache ich die stilistische Korrektur gerne mit ein paar Tagen Abstand. Wenn man noch zu dicht dran ist, entgeht einem Vieles.

Wolfgang Günter: Kaffee kochen. Erst einmal ein paar Zeilen übersetzen, damit etwas dasteht. Ich neige zu einem unsystematischen Vorgehen und gleichzeitig zur Penibilität – eine ganz fruchtbare Mischung, wie ich finde. Vieles ändere ich nachträglich, wenn sich herausstellt, dass zum Beispiel die Übersetzung für einen bestimmten Begriff nicht so recht passt, oder mir beim Zähneputzen eine brillante Formulierung für einen Satz einfällt, den ich zwei Tage vorher übersetzt habe. Und manchmal recherchiere ich stundenlang für einen einzigen Begriff, wenn ich zum Beispiel wissen will, wie ein bestimmtes Metallbauerwerkzeug auf Deutsch heißt.

Julian Müller: Gründlich lesen. Mit einem Bleistift in der Hand. Manchmal kommen einem Geistesblitze, wie man das eine oder andere übersetzen würde. Das schreibe ich gleich mal an den Rand. Dann rechne ich die Seiten durch und stelle mir ein tägliches Pensum auf, damit ich rechtzeitig fertig bin und pünktlich abgeben kann. Bei aller Romantik der Schreiberzunft muss am Ende eines Arbeitstages nämlich etwas auf dem Papier stehen – wie bei Autoren auch. Die ersten Tage sind  erfahrungsgemäß etwas schwerer, weil man eine Weile braucht, um hineinzukommen. Außerdem steht oft auch einiges an Recherche an, je nach Thema des Buches. Aber so nach und nach gewinnt die Sache an Fahrt. Oft lese ich morgens erst einmal den Abschnitt, den ich an diesem Tag zu übersetzen gedenke, damit ich weiß, wohin die Reise geht. Und dann heißt es überlegen, nachschlagen, ausprobieren und dran feilen.

Übersetzen Sie mehr dem Sinn nach oder stur Wort für Wort, denn immerhin dringen Sie ja in das Kunstwerk eines Dichters ein?

Christian Rendel: Natürlich mehr dem Sinn nach – für Wort-für-Wort-Übersetzungen gibt es ja Google. Was das „Kunstwerk eines Dichters“ angeht, so geht diese Frage natürlich in einen sehr subjektiven Bereich hinein. Es gibt Autoren, die ohne viel Stilbewusstsein und Sinn für sprachliche Gestaltung an ihr Werk gehen. Für mich sind das die schwierigsten Übersetzungen – nicht zuletzt, weil eine solche Arbeit nicht sonderlich motivierend ist. Viel leichter fallen mir Autoren, die einen erkennbaren, charakteristischen Stil haben, den ich mir dann quasi wie ein Chamäleon aneignen kann. Das geht bei mir sehr stark über mein persönliches ästhetisches Empfinden – ich versuche einen deutschen Text zu erzeugen, der auf den Leser ebenso wirkt wie der Originaltext auf mich.

Wolfgang Günter

Wolfgang Günter: Meine Idealvorstellung: Ich möchte das Buch so übersetzen, wie es der  Autor auf Deutsch geschrieben hätte. Ohne irgendetwas zu verfälschen  und ohne am Wortlaut zu kleben. Bei außergewöhnlich guten Büchern stellt das natürlich eine besondere Herausforderung dar, aber sie >beflügeln mich auch, so dass vieles sich fast wie von selbst übersetzt und das Endergebnis stimmt. Schlechte Bücher finde ich schwerer zu übersetzen.

Julian Müller:  Ich dringe nicht nur in das Kunstwerk eines Dichters ein, ich muss ja selbst eins schaffen! Wenn Übersetzen reines Handwerk wäre, würde niemand übersetzte Bücher lesen. Mit der Wort-für-Wort-Methode geht man schlichtweg baden. Wenn Übersetzen andererseits nur Kunst wäre, hätte meine Übersetzung wohl nur noch wenig mit dem Original gemein. Der Autor wäre nur noch der Ideengeber. Also liegt die Wahrheit dazwischen – im Kunsthandwerk. Als Richtwert wird oft die sogenannte „Wirkungsäquivalenz“ ins Feld geführt: Das Erlebnis, das ich beim Lesen des Originalmanuskripts hatte, soll der deutsche Leser beim übersetzten Buch auch haben. Bis ins Letzte durchdeklinieren kann man das nicht, schließlich kann man verschiedene Sprachen und  Kulturen nicht zur absoluten Deckungsgleichheit bringen. Aber in diese Richtung geht die Reise.

Neulich las ich ein Buch in dem der Übersetzer den Namen einer bekannten englischen Filmlegende einfach mit „Inge Meisel“ übersetzte. Was machen Sie in einem ähnlichen Fall oder wenn es beispielsweise um ein Sprichwort oder eine Redewendung handelt die im deutschen nicht bekannt ist?

Christian Rendel: Das mit Inge Meysel könnte sogar ich gewesen sein. Bei solchen Persönlichkeiten ist das eine knifflige Frage. Einerseits hat es keinen Sinn, den deutschen Lesern einen ihnen völlig unbekannten englischen Namen hinzuwerfen, von dem womöglich sogar die Pointe eines Witzes abhängig ist. Da hilft dann auch eine Fußnote nicht weiter. Ersetzt man ihn dagegen durch den bekannten Namen einer passenden deutschen Persönlichkeit, besteht oft die Gefahr, dass man damit das Setting verlässt und den Leser aus der inneren Wirklichkeit der Geschichte herausreißt. Manchmal bietet sich eine in Deutschland bekanntere englische Persönlichkeit als Ersatz an. Auf jeden Fall geht es darum, den Effekt des Textes hinüberzubringen, ohne dass es auf Kosten des Gesamtkontextes und der Integrität geht.

Bei Redewendungen und Sprichwörtern ist das Problem weitaus geringer. In den meisten Fällen lassen sich gute deutsche Entsprechungen dafür finden. Wenn nicht, dann eben erfinden!

Wolfgang Günter: Ich erinnere mich an eine Szene in einem Krimi, in der die Geschworenen für eine Gerichtsverhandlung ausgewählt wurden – schon allein das muss man dem Leser erklären, weil unser Rechtssystem völlig anders ist. Eine Kandidatin jedenfalls kam demonstrativ mit einem Buch von Rush Limbaugh herein, um ihre konservative Gesinnung zu demonstrieren. Nun kennt den hier keiner, und wer ihn kennenlernt, wird sich aller Regel von seinem üblen Populismus, seiner Arroganz, seinen mitunter verdrehten Aussagen nicht begeistert lassen. Also schrieb ich etwas von einem „ultrakonservativen Autor“, um beim deutschen Leser dasselbe innere Bild entstehen zu lassen wie beim amerikanischen. Noch schwieriger sind übrigens Wortspiele.

Julian Müller

Julian Müller: Ich bin mir sicher, dass der Übersetzer nicht „einfach“ Inge Meisel hingeschrieben hat, sondern sich einige Gedanken darüber gemacht hat, wie er dem deutschen Leser vermitteln kann, was hier für eine Person gemeint ist. Ohne Kontext lässt sich natürlich schwer sagen, ob sein Vorschlag gelungen ist. Als Übersetzer steht man immer in der Spannung: Kommt das Buch auf den Leser zu oder der Leser aufs Buch? Wie viel Fremdheit verträgt der Leser, wie viel Vertrautheit verträgt der Text? An welchen Stellen kann ich das Deutsche dehnen, und ab wann stößt sich der Leser dran und sagt: Das sagt man aber nicht so? Diese Entscheidung muss man Fall für Fall treffen und zugleich das große Ganze im Blick behalten. Wenn eine Redewendung partout nicht funktioniert, dann lieber nicht auf Biegen und Brechen eine holprige Alternative hineinschweißen, sondern diese Stelle entschärfen, sich im Kopf ein Häkchen machen und bei nächster Gelegenheit nachholen.

Nennen Sie unseren Lesern bitte das von Ihnen übersetzte Buch welches auf dem deutschen Buchmarkt ein Erfolg wurde.

Christian Rendel: Am erfolgreichsten dürften wohl die Narnia-Bücher von C. S. Lewis sein, die ich vor einigen Jahren neu übersetzt habe.

Übrigens hat Christian Rendel so gut wie alle Adrian Plass Bücher ins deutsche übersetzt, auch das im August im Brendow Verlag erscheinende „Kampf der Welten“.

Wolfgang Günter: Ich glaube, das „Handbuch zur Bibel“ ist vielen ein Begriff. Und – auch wenn Sie nicht danach nicht gefragt haben – mein persönlicher Liebling ist „Bilder eines Sommers“ von Dale Cramer.

Julian Müller: Die bisher erfolgreichste Übersetzung war Nick Vujicic, Mein Leben ohne Limits. Erschienen im März 2011 im Brunnen Verlag, mittlerweile in siebter Auflage.

Wir bedanken uns ganz herzlich für die Gespräche. Wir haben uns entschlossen in einer weiteren Runde Übersetzerinnen, jawohl wir haben sie gefunden,  gleiche Fragen zu stellen.

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3 Kommentare

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3 Antworten zu “Übersetzer vorgestellt

  1. Pingback: Interview « jm translations

  2. Maria Lahnstein

    Das war sehr interessant ! In der Tat habe ich mich schon öfters gefragt, wie das so läuft.

  3. Pingback: David Gregory: Das Wiedersehen | buecheraendernleben

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