Übersetzerinnen vorgestellt

Nachdem die Übersetzer bereits zu Wort gekommen sind und über Ihre Arbeit berichtet haben, hat uns nun der Verlag der Franckebuchhandlung in Marburg von den guten Erfahrungen mit seinen Übersetzerinnen erzählt. So haben wir nun Eva Weyandt, Dorothee Dziewas und Silvia Lutz ähnliche Fragen gestellt wie ihren männlichen Berufskollegen. Es ist spannend Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu entdecken:

1. Wie findet ein Verlag seine Übersetzerin?

Eva Weyandt: Vielleicht wäre eine bessere Formulierung, „Wie findet eine Übersetzerin ihren Verlag?“. Bei einer Feier lernte ich einen Literaturagenten kennen, der händeringendeine Übersetzerin suchte. Das war mein Einstieg in die Übersetzertätigkeit. Mit anderen Verlagen kam ich bei der Buchmesse in Frankfurt in Kontakt. Schriftliche Bewerbungen sind selten von Erfolg gekrönt, der persönliche Kontakt ist entscheidend.

Dorothee Dziewas: Ich würde sagen, in den meisten Fällen braucht der Verlag gar nicht zu suchen, sondern kann auf einen Pool von Leuten zurückgreifen, vor allem, wenn es sich um eine Übersetzung aus dem Englischen handelt. Es gibt recht viele Kolleginnen und Kollegen, wobei jede und jeder so seine Schwerpunkte haben dürfte. Ich selbst übersetze häufig und gerne Romane, aber auch Bücher im Bereich Spiritualität. Aus der Erfahrung heraus wird der Verlag dann entscheiden, welches Projekt er wem anbieten will – dabei habe ich natürlich als Übersetzerin auch die Möglichkeit, einen Auftrag abzulehnen, wenn mir Buch oder Autor nicht zusagen. Schwierig wird es, wenn ein Verlag sehr kurzfristig eine Übersetzerin für ein umfangreiches Werk sucht, denn ich bin meist auf etliche Monate im Voraus ausgebucht.

Silvia Lutz: Diese Frage müssten Sie den Verlagen stellen. Bei mir war es so, dass ich   nach meinem Studium mehrere Verlage angeschrieben habe. Von einigen kam   überhaupt keine Antwort, von anderen eine Absage, weil man schon mit einem   “bewährten Stamm an Übersetzern” zusammenarbeitet, einige baten um eine   Probeübersetzung. Insgesamt entwickelte sich daraus im Laufe der Jahre eine   gute Zusammenarbeit mit einigen wenigen Verlagen.

 

2. Wie wird man eigentlich Übersetzerin und kann man davon leben?

Eva Weyandt

Eva Weyandt: Schon als Schülerin habe ich Übersetzungen gemocht, am liebsten in die Muttersprache. Da habe ich gemerkt, dass mir Formulierungen liegen und ich Spaß daran habe, mit Sprache zu spielen. Studiert habe ich Englisch und Französisch für Lehramt Sekundarstufe II. Bei meinem ersten Staatsexamen war ich bereits verheiratet und hatte 2 Kinder. Als unsere Jüngste in den Kindergarten kam, hatte ich plötzlich viele Freiräume, die ich gern für eine sinnvolle Beschäftigung nutzen wollte. Dabei bin ich auf die Übersetzungstätigkeit gestoßen. Schon während meines Studiums hatte ich zwei Bücher übersetzt; das hatte mir viel Spaß gemacht, damals noch ohne PC – mit Papier und Bleistift und einer elektrischen Schreibmaschine.

Ob man heute von Übersetzungen leben kann, hängt natürlich davon ab, wie viele Aufträge man bekommt und wie schnell und zuverlässig man sie erledigt. Ich arbeitenun seit gut 20 Jahren mit großer Freude in meinem Beruf, habe für verschiedene Verlage zusammen mehr als 200 Titel übersetzt und damit bislang ein gutes Auskommen gehabt.

Dorothee Dziewas: Ich kann da nur für mich sprechen: Ich habe keine Ausbildung zur Übersetzerin gemacht, sondern Anglistik studiert, eine Zeitlang im englischsprachigen Ausland verbracht und anschließend einige Jahre als Lektorin in einem Verlag gearbeitet. Da das Übersetzen immer ein Traum von mir war, beschloss ich irgendwann, mein Glück als Freiberuflerin zu versuchen – mit Übersetzungen, aber auch im Lektorat und anderen Verlagsbereichen. Zunächst hatte ich noch eine zusätzliche Halbtagsstelle in abhängiger Beschäftigung, um eine finanzielle Grundlage zu schaffen. Denn ob ich vom Übersetzen würde leben können, wusste ich schließlich nicht. Schon bald stellte sich jedoch heraus, dass ich genügend Aufträge bekam, um meine andere Stelle aufzugeben. Das mit dem Davon-Leben klappt inzwischen recht gut. Ein Problem ist allerdings, dass die Vergütungssätze in der Regel für alle Projekte gleich sind und auf den Umfang bezogen werden, d.h. ein schwieriger, sagen wir theologischer Text, der vielleicht noch mit viel Recherchearbeit verbunden ist, “lohnt” sich für uns Übersetzer nicht im gleichen Maße wie eine Erzählung, die mit ihren Dialogen näher an der Alltagssprache ist und leichter von der Hand geht. Da muss dann eine Mischkalkulation erfolgen, sonst kommt (finanzieller) Frust auf.

Silvia Lutz: Ich habe am Fachbereich für Angewandte Sprachenwissenschaft der   Universität Mainz in Germersheim Diplom-Übersetzer studiert, d.h. 2 Sprachen   und ein Fachgebiet, in meinem Fall technische Übersetzungen. Übersetzer oder   Dolmetscher ist ein eigenständiger Studiengang mit vielen Elementen, die auch   im Anglistik- oder Romanistik-Studium vorkommen, aber es ist praxisbezogener   und beschränkt sich eben nicht nur auf die Fremdsprache, sondern auch   auf das jeweils gewählte Fachgebiet – wenn ich technische,   medizinische, wirtschaftliche oder   juristische Übersetzungen anfertige, muss ich auch das nötige   Fachwissen mitbringen – und, was nicht zu verachten ist, auf die deutsche   Sprache, in die man ja meistens übersetzt. Dazu kommen   übersetzungswissenschaftliche Seminare und Übungen, die sehr hilfreich sind.   Denn es geht beim Übersetzen ja nicht nur darum, dass ich den   ausgangssprachlichen Text verstehe, sondern darum, einen guten Text in der   Zielsprache verfasse.

Ob man davon leben kann? Verglichen mit anderen akademischen Berufen   verdient man relativ wenig. Das liegt u.a daran, dass Übersetzer eben keine   geschützte Berufsbezeichnung ist und das Studium nicht Voraussetzung dafür   ist, um als Übersetzer zu arbeiten. Als Fachübersetzer, also z. B. als   technischer Übersetzer, sind die Wort- oder Zeilensätze wesentlich höher als   bei literarischen Übersetzungen, die seitenweise bezahlt werden. Aber mir   macht es einfach Spaß und Freude, christliche Bücher zu übersetzen, und   deshalb habe ich irgendwann mit Fachübersetzungen aufgehört. Mir ist es   wichtiger, das zu tun, wo ich meine Berufung sehe, als reich zu werden. Und   wenn man hauptberuflich übersetzt, kann man auch davon leben.

3. Wenn das englische Manuskript Sie dann erst einmal erreicht, wie gehen Sie ganz speziell an Ihre Arbeit?

Eva Weyandt: Ich fange ganz einfach an zu übersetzen, ohne vorher zu lesen. Das erhält die Neugier auf den weiteren Inhalt des Buchs, was immer ein guter Ansporn für die zügige Fortsetzung der Arbeit ist. Es dauert eine Weile, bis ich mich in den Stil des Autors eingefunden habe. Aber dann „läuft“ es, und ich kann, je nach Art des Buches, zwischen 30 und 40 Seiten pro Tag in eine Rohfassung bringen, wobei es bei Sachbüchern natürlich etwas langsamer vorangeht. Mit der ausgedruckten Rohfassung und einem Bleistift mache ich es mir dann in unserem Wohnzimmer oder im Garten gemütlich und beginne mit der „richtigen“ Arbeit.

Für mich ist wichtig, dass der deutsche Leser einen gut formulierten, flüssigen Text in die Hand bekommt und ohne zu stocken lesen kann. Begleitend zu der Eingabe der Korrekturen in die digitale Fassung lese ich den kompletten Text nochmal. Die danach ausgedruckte Endfassung lese ich dann noch einmal durch, wobei letzte Rechtschreib- und Interpunktionsfehler ausgemerzt werden.

Dorothee Dziewas

Dorothee Weyandt: Als Erstes lese ich mich in den Text ein, mache mich mit der “Schreibe” des Autors oder der Autorin vertraut und mache mir ein Bild von den Charakteren. Dann fange ich an zu übersetzen. Dabei versuche ich von Anfang an möglichst genau den richtigen Ton zu treffen und die passenden Formulierungen zu wählen. Natürlich wird die erste Fassung anschließend noch einmal überarbeitet, aber größere Änderungen nehme ich dann nur noch selten vor. Sprachliche “dumme” Angewohnheiten und exzessiv benutzte Lieblingswendungen werden beim zweiten Durchgang ausgemerzt und ich überprüfe die Begrifflichkeit, gerade bei Sachbüchern, noch einmal ganz genau.

Silvia Lutz: Da ich, wie gesagt, christliche Bücher übersetze, die mich meistens   selbst interessieren, lege ich mich mit dem Buch erst mal gemütlich aufs Sofa   und lese es wie jedes andere Buch. Natürlich laufen im Hinterkopf dabei andere   Fragen und Prozesse ab, als wenn man ein Buch “einfach nur so liest.” Durch   das Lesen bekomme ich auch einen Eindruck von dem Buch. Bevor ich anfange   zu übersetzen, erstelle ich mir einen Zeitplan, um den Abgabetermin   einhalten zu können, und dann fange ich an, jeden Tag ein bestimmtes   Seitenpensum zu übersetzen. Danach lese ich meinen Text 3 mal, um Tippfehler   zu korrigieren, sprachliche Stellen, die mir nicht gefallen, zu ändern,   und um einfach zu sehen, ob es sich flüssig liest.  Wenn ich   genug Zeit habe, lese ich den Text auch noch ein viertes Mal, da man auch bei   dreimaligem Lesen immer noch das eine oder andere übersieht.

4. Übersetzen Sie mehr dem Sinn nach oder stur Wort für Wort, denn immerhindringen Sie ja in das Kunstwerk eines Dichters ein?

Eva Weyandt: Wenn ich übersetzte Bücher lese, stolpere ich machmal über Passagen hinter denen ich exakt die englische Formulierung erkennen kann. Das bremst den Lesefluss und damit auch das Lesevergnügen. Mein Ziel ist es, einen Text so zu bringen, wie ihn der Autor in der deutschen Sprache formuliert hätte. Man sollte die Übersetzungnicht bemerken. Inhaltlich ist die Übersetzung natürlich auf die Vorlage des Autors festgelegt. Künstlerische Freiheit bietet die Übersetzungsarbeit deshalb nur sehr begrenzt. Wichtig ist aber, dass man bei möglichst exakter inhaltlicher Wiedergabe die Sprache des Lesers trifft.

Dorothee Dziewas: Da meine Übersetzung ebenfalls ein Kunstwerk ist, hält sie sich natürlich nicht sklavisch an einzelnen Wörtern fest, sondern bringt vor allem die Bedeutung des Originaltextes rüber, aber auch den Geist, die Atmosphäre oder wie man das nennen will. Wenn ich eine Übersetzung lese und genau weiß, was im Original gestanden hat, dann ist die Übersetzung nicht frei genug – das ist meine Meinung. Einer guten Übersetzung sollte man (zumindest sprachlich) gar nicht anmerken, dass sie eine Übersetzung ist.

Silvia Lutz: Stur Wort für Wort kann man nur bei Ersatzteilelisten o.ä. übersetzen.   Ich habe den deutschen Leser im Auge und versuche, das Buch so zu übersetzen,   dass er es genauso gern liest, wie ich das englische Buch gelesen habe.

5. Neulich las ich ein Buch, in dem der Übersetzer den Namen einer bekannten englischen Filmlegende einfach mit „Inge Meysel“ übersetzte. Was machen Sie in einem ähnlichen Fall oder wenn es sich beispielsweise um ein Sprichwort oder eine Redewendung handelt, die im Deutschen nicht bekannt ist?

Eva Weyandt: Das geht natürlich nicht. Ich würde den englischen Namen bringen. Wenn er der Leser-Zielgruppe voraussichtlich unbekannt ist, wäre ein Hinweis sinnvoll, etwa: vergleichbar im deutschen mit Inge Meysel. (Anm. d. Übers.) Für ein Sprichwort oder eine Redewendung findet man in der Regel eine deutsche Entsprechung die in den Kontext passt.

Dorothee Dziewas: Redewendungen, die im Deutschen so nicht existieren, kann ich nicht einfach übernehmen. Hier ist wieder entscheidend, was das Bild oder Sprichwort an dieser Stelle aussagen will. Dann suche ich eine vergleichbare, deutsche Redensart, die das Gemeinte mit anderen Worten ausdrückt. In dem oben genannten Beispiel kommt es auf den Kontext an: Bei einer Erzählung, die in England spielt, würde ich versuchen, eine Person zu finden, die zwar dem deutschen Leser bekannt ist, aber Engländerin ist. Bei einem Sachbuch, das zufällig von einem Engländer geschrieben wurde, kann ein deutsches Beispiel sinnvoller sein.

Silvia Lutz

Silvia Lutz: Das kommt auf den Textzusammenhang an. Wenn in dem Buch eine Anekdote   oder ein Ausspruch dieser englischen Filmlegende zitiert wird, muss man   natürlich den Namen lassen, auch wenn der Name dem deutschen Leser kaum   bekannt ist. Notfalls erklärt man es eben mit einer Fußnote. Aber wenn z. B.   etwas Allgemeines über berühmte Filmlegenden geschrieben wird, ist Inge Meisel   eine viel bessere Übersetzung als ein englischer Name, bei dem der deutsche   Leser ins Stocken kommt und sich fragt, wer das ist. Ich habe auch schon bei   einem Erziehungsbuch, in der “Aunt Beverly” Ratschläge gibt, daraus   “Tante Hildegard” gemacht. Wenn es aber ein Roman im mittleren Westen der USA   ist, passt die Tante Hildegard nicht so gut.

 

6. Nennen Sie unseren Lesern bitte das von Ihnen übersetzte Buch, das auf dem deutschen Buchmarkt ein Erfolg wurde.

Eva Weyandt: Finale von Tim LaHaye und Jerry Jenkins, die Bände 1 bis 12. Besonders der erste Band war auf dem deutschen christlichen Buchmarkt ein großer Erfolg; er wurde auch in säkularen Buchhandlungen vertrieben. Entrückung und Endzeit bilden das Szenario der Romanhandlung. Die Autoren übertragen die Dramatik der biblischen Aussagen in unsere aktuelle Lebenswelt.

Dorothee Dziewas: Im konfessionellen Buchhandel sehr erfolgreich sind die Romane der Amerikanerin Lynn Austin, die ich seit einigen Jahren übersetze. Da ich mich hauptsächlich in diesem Bereich der Buchbranche bewege, ist der Sprung in die Spiegel-Bestsellerliste vielleicht nicht vorprogrammiert. Aber was nicht ist, kann ja noch werden …

Silvia Lutz: Da ich seit 25 Jahren übersetze, waren schon ein paar bekanntere dabei.   Z. B. habe ich die Amisch-Reihen von Beverly Lewis der   Francke-Buchhandlung übersetzt oder im letzten Jahr “Das Haus an der Küste”   von James Rubart oder “Ich bin bei dir”, 2 Bücher, die zurzeit   in christlichen Buchläden in den Regalen stehen.

Herzlichen Dank für das interessante Gespräch!

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