Martina Steinkühler: Das Inselcamp

Auf den ersten Blick vermutete ich beim Anblick dieses Covers eine nette Urlaubsgeschichte für Jugendliche. Aber schneller als erwartet steckte ich dann mittendrin im Gemeindeskandal. Ein Diakon hat es satt sich Woche für Woche mit seinen zwölf Konfirmanden herumzuärgern. Nicht mal einen Stuhlkreis bekommen die hin, Interesse am Konfiunterricht sucht man bei ihnen ebenfalls vergeblich, lediglich ihre Null-Bockstimmung bringen sie regelmäßig mit.
Aber dann wirft Diakon Jakobsen das Handtuch. Er bricht den Unterricht ab und erklärt den Teenagern und ihren Eltern: Eine Konfirmation wird es mit ihren Kindern nicht geben. Natürlich ist die Aufregung groß. Die Eltern schreiben sogar Beschwerdebriefe an die Kirchenoberen, auf Antworten warten sie vergeblich.
Jakobsen sieht nur noch einen Weg der eventuell zur Konfirmation führen könnte: „Das Inselcamp“. Und so fahren die Zwölf, eine begleitende Mutter und der Diakon auf eine Insel. Die zwei Wochen werden für niemanden langweilig . . .
Martina Steinkühler spricht in aller Offenheit über ein Thema über das viel zu oft in unseren Gemeinden geschwiegen wird. Sie beschreibt die Einstellung von Konfirmanden und deren Eltern: mal sehen was die Kirche uns vorsetzt. Das eine christliche Gemeinschaft eigentlich etwas völlig anderes meint, wird bei Martina Steinkühler sehr deutlich. Humorvoll und mit dem nötigen geistlichen Tiefgang geht sie mit ihrem Thema um und gibt Eltern und Teenagern eine sehr zu empfehlende Lektüre in die Hände.
SCM Hänssler, ISBN 978-3-7751-5402-4, Preis 12,95 Euro
Martina Steinkühler hat buecheraendernleben nun folgende Fragen beantwortet:

Liebe Martina Steinkühler, soeben ist Ihr Buch „Das Inselcamp“ erschienen. Das manchmal leidige Thema Konfirmandenunterricht behandeln Sie. Wie kamen Sie auf die Idee ein Buch dazu zu schreiben?

Wenn man wie ich seit der eigenen Konfirmandenzeit darüber nachdenkt und daran arbeitet, die biblische Botschaft und das Leben der Menschen zusammenzudenken, dann wird man aufmerksam für die Schnittstellen: Wo suchen Menschen Gott? Das geschah immer schon an den biografischen Schwellen: Geburt, Erwachsenwerden, Ehe, Tod … – ist bis heute sehr bedeutsam (während die andere, alltäglichere Glaubenspraxis mehr und mehr verloren geht).  – „suchen Gott“? Wirklich? Oder nur „ihr“ Fest und dafür u.a. eine Art von Segen? Die Konfirmanden sind hier ein besonders herausforderndes Beispiel. Warum wollen sie konfirmiert werden? Ich wage das nicht zu bestimmen. Aber eines ist deutlich und auch empirisch nachgewiesen: Im Sonntagsgottesdienst fühlen sie sich sehr fremd. Und die Rede von Gott, wie ihre Pastoren und Diakone sie ihnen meistens anbieten, berührt sie wenig. Ist nicht ihre Sprache, ihr Ding. Entwicklungspsychologisch ist das sogar plausibel: Sie sind in ihrem Alter mit sich selbst beschäftigt, suchen ihren Standpunkt, wollen wissen, wie sie ankommen, konzentrieren sich auf Beziehungen in der Gruppe der Gleichaltrigen, wenden sich von Eltern und Erwachsenen ab …

Was mich jenseits dieser Theorien mehr fasziniert: Hätte der christliche Glaube, hätte nicht Jesus Christus gerade diesen jungen Menschen in ihrer Such- und Identitätsbildungsphase so viel zu geben? War nicht Jesus für seine Zeitgenossen mindestens so unbequem und anstößig, „schräg“ und herausfordernd, wie es unsere Jugendlichen für uns bisweilen sind? Was – und das war das Gedankenexperiment, das schließlich zum „Inselcamp“ führte – was, wenn man die beiden einmal ungeschönt und ungeschminkt aufeinander losließe? Jesu Worte ohne Didaktik? Jugendliche ohne Ablenkung und Ausweich- und Verweigerungsmöglichkeit? Da müsste doch eine Menge passieren …

Die zwölf Konfirmanden im Buch haben Null – Bock auf ihren Konfirmandenunterricht und zu allem Unglück wirft auch noch der zuständige Diakon das Handtuch. War das dichterische Freiheit oder haben Sie das wirklich schon einmal irgendwo erlebt?

Wie oben schon geschrieben: Es ist ein Gedankenexperiment. (Ich weiß gar nicht recht, ob ich es erleben möchte … pädagogisch ist das sicherlich an der Grenze). Aber es speist sich schon aus biografischen Quellen: Da sind meine drei Söhne – den jüngsten haben wir gerade konfirmiert, so dass das Thema Konfer nun seit Jahren zu unserem Alltag gehört. Da ist natürlich mein Mann, Pastor i.R., der super gern Konfi- und Jugendarbeit gemacht hat, in den letzten Jahren aber nicht mehr so … Da sind die Konfis in der Kirche, über die ich viel nachdenke. Meine Arbeit im Lektorat „Religions- und Gemeindepädagogik“, wo ich immer wieder Neues zu lesen bekomme: wie die Konfis so drauf sind – neue Methoden – aber auch dies, was mir sehr zu denken gab: Überschütten wir die Kinder und Jugendlichen nicht allzu leicht mit unseren fertigen Antworten, und das, BEVOR sie überhaupt Fragen stellen? Überschütten wir sie mit Versprechen, BEVOR sie überhaupt merken, dass sie Sehnsucht haben? Einer meiner Lieblingsautoren, Bernd Beuscher, bringt es auf den Punkt: „Bitte nicht füttern“, überschreibt er ein Kapitel zur (fehlenden) Motivation Jugendlicher, sich auf Kirche einzulassen. Man müsse wohl erst die Sehnsucht nähren – und die Suche zulassen. (Bernd Beuscher, Set Me Free. Jugendarbeit als Lebens- und Berufsorientierung, Göttingen 2011). Da ist schließlich mein eigenes Autorendasein: Ich habe immer Jugendbücher geschrieben. Ich habe eine Bibel und eine Bibeldidaktik geschrieben. Ich schreibe Texte, die bewegen sollen. Im Inselcamp ist das alles einmal zusammengekommen: Jugend und Religion. Und irgendwas ist dann beim Schreiben explodiert und diese Sprache gelang (die ich sonst selten sprecheJ ).

Martina Steinkühler

Sehr deutlich wird in Ihrem Buch, mit welchen Erwartungen die Eltern der Konfirmanden der Konfirmation ihrer Kinder entgegenblicken. Was glauben Sie, woher kommt diese Mentalität, mal abwarten was mir geboten wird oder die Kirche wird’s schon machen?

Ein Konfirmationsgottesdienst, den wir neulich in Mecklenburg-Vorpommern erleben durften, bringt es auf den Punkt: „Unter dem Schirm des Höchsten sitzen“ ist ein schönes, starkes Bild aus Psalm 91. Es gibt aber verschiedene Schirme: Kinderschirme eines Kinderglaubens, der nicht ausbaubar war. Schirme für einen, die keinem zweiten Schutz bieten. Ja, und dann die Eisschirmchen – kleine Schirme zur Dekoration, so das Tüpfelchen auf der Sahnehaube des Eisbechers beim Konditor: nett anzusehen, gehören einfach dazu … aber: Schutz geben sie nicht. Tragen können sie nicht. (Wir erwarten das auch gar nicht). So ein Bild von Religion haben wohl viele Erwachsene, die sich wohl an Feststimmung und gute Laune, Ergriffenheit und Tränchen erinnern – aber ihren Hunger nach mehr verdrängt haben.

Das Problem ist: Die Jugendlichen können solchen falschen Zauber zwar mitmachen (auch sie sind für Stimmung empfänglich und setzen sich gern in Szene) – aber ernst nehmen können sie ihn nicht. Sie suchen das Echte. (Echter als Jesus ist keiner – aber gerade das entdecken sie eher selten im normalen Konfer und Reli-Unterricht …)

Der Diakon im Buch weigert sich das Spielchen mitzuspielen, ist er der große Held des Buches und wenn ja warum?

Diakon „Jott“ ist eher ein Antiheld als ein Held. Er hat die Gruppe nicht im Griff, er ist langweilig und nicht cool, er bringt sich nicht ein, er zieht sich zurück. Ein Loser – in den Augen der Konfis wie der Gemeinde. Und trotzdem ist er ein Stachel. Er lässt seinen Konfis keine Ruhe, er kriegt sie dazu, genauer hinzuschauen, er verwickelt sie in Fragen. Er reizt sie, selbst aktiv zu werden. Das entspricht dem oben erläuterten „Bitte nicht füttern“. Am Ende stellt sich heraus, er hat die Kinder unterschätzt. Und gerade das ist sein Triumpf, wenn Sie so wollen: sein Heldenstück. Christliche Helden sind selten strahlend und kraftvoll. Sie sind eher schräg. Schwach. Ratlos. Enttäuschen Erwartungen, trumpfen nicht auf. Man denke an Paulus. An Jesus selbst. An die Jahreslosung: Lass dir an meiner Gnade genügen. Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ Jott hat keinen Heiligenschein. Aber er ist ein Typ, der zum  Umdenken ruft. Rau und schroff wie der, dessen Namen er trägt. Nicht „Jesus“ – „Johannes der Täufer“.

Warum ist Ihnen dieses Buch wichtig?

Aus all den Gründen, die ich oben beschrieben habe. Für Jesus und für die Jugendlichen. Damit sie sich treffen. Damit sie sich da begegnen, wo es ihnen brennt: echt sein. Frei sein. Wahrhaftig sein. Und – warum nicht? –: die Welt bewegen.  

Herzlichen Dank für das Gespräch und viel Erfolg mit Ihrem Buch!

6. Von wem und warum sollte das Buch gelesen werden?

Ich fände es schön, wenn Jugendliche sich reinziehen lassen – mitfiebern … und mit entdecken, dass da noch mehr ist. Ich finde es aber auch gut, wenn Leute wie ich in diesem Buch entdecken: Wir müssen mehr wagen, mehr vertrauen – gerade auch den Jugendlichen. Ruhig mal provozieren. Und neue Wege gehen.

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