Andreas Nachama,Marion Gardei: Du bist mein Gott, den ich suche

Psalmen sind nichts anderes als Lieder. Man hat sie gesungen, um seinen Bitten und Klagen und seinem Lob freien Lauf zu lassen. Soweit so gut, aber sind wir Christen uns auch im Klaren darüber, dass die Psalmen ein wichtiges jüdisches Gebetbuch sind und dort manchmal ganz anders interpretiert werden?
Eine evangelische Theologin und ein Rabbi schreiben in diesem vorliegenden Buch ihre Gedanken zu den Psalmen auf. Welche Rolle spielen sie beispielsweise im jüdischen Gottesdienst und welche im christlichen? Spannend wird es für den Leser besonders an den Stellen, an denen beide Autoren einen ausgesuchten Psalm aus ihrer jeweiligen Tradition her interpretieren. Dabei werden unterschiedliche Wahrnehmungen deutlich, die sich bis hinein in den Glaubensalltag auswirken. So spielt der mir liebste Psalm, der 23., in der jüdischen Tradition heute beinah gar keine Rolle mehr. Wir Christen haben Jesus als den Hirten im Blick, die jüdische Tradition weist da verstärkt auf Mose und König David hin. So enthält dieses Buch noch mehr Aha-Erkenntnisse!
Das Buch ist anregend, weil beide Autoren auf der Höhe der Zeit argumentieren und nicht mit verstaubten Floskeln daherkommen. Sie verwischen keine Unterschiede fördern dafür aber den notwendigen Dialog!
Gütersloher Verlagshaus, ISBn 978-3-579-08138-0, Preis 16,99 Euro
Beide Autoren haben buecheraendernleben nun folgende Fragen beantwortet:

Wie kam es zur diesem Buch und was glauben Sie kann es dem Leser geben?

Andreas Nachama: Es kam zu diesem Buch im Anschluss an dieVeranstaltungsreihe „Bibel und Bach“ der Kirchengemeinde Dahlem. Dorthabe ich im Programmheft etwas über jüdische Psalmenrezeption geschrieben. Anschließend haben Pfarrerin Gardei und ich in dem gemeinsamen theologischen Arbeitskreis unserer beiden Gemeinden mit den Teilnehmern die Psalmen in Auswahl intensiv gelesen, erläutert und diskutiert. Im Gespräch mit dem Verleger entstand schließlich der Plan, dieses Dialogbuch zu schreiben. Es soll dem Leser ein Gefühl dafür geben, dass es neben der eigenen Tradition und Sicht der Psalmen auch jeweils eineandere gibt.

Marion Gardei: Die Evangelische Kirchengemeinde Dahlem, an der ich Pfarrerin bin, pflegt eine Freundschaft und Kooperation mit der jüdischen Gemeinde am Hüttenweg, an der Hr. Nachama Rabbiner ist, und die auf unsererm Gemeindegebiet liegt: Es gibt öfter mal gemeinsame Veranstaltungen und theologische Seminare. Eine Produkt dieser Zusammenarbeit ist, dass ich mit Rab.Nachama jedes Jahr das Programmheft zu „Bibel und Bach“ mit theologischem Hintergrundwissen vefasse. Bei Bibel und Bach wird ein ganzes biblisches Buch über 6 Sonntage verteilt ohne Kommentar gelesen nur mit der Musik Bachs als Begleitung. Im letzten Jahr waren es der Psalter.. Fragen über die Entstehung des Psalmen, ihre Bedeutung damals und heute haben Nachama und ich in dem Begleitheft erklärt. Da waren wir schon im Thema und haben gemerkt, wieviel Freude es macht, sich mit den Psalmen ausführlich zu beschäftigen. Und wir haben aus den Reaktionen zu unserem Heft gemerkt, wie hilfreich den Lesern unsere jüdisch-christlichen Kommentare waren. Da haben wir uns gesagt: Machen wir doch ein Buch daraus. Für Menschen, die die Psalmen beten und verstehen wollen. Die wissen wollen, aus welcher Tradition diese wunderbaren Gebete stammen, wo ihr „Sitz im Leben“ ist. Mensche, die manche Themen der Psalmen vertiefen wollen.Und die damit über die Texte der Psalmen hinaus tiefer in ihre verschiedenen Dimensionen eindringen möchten. Eine Verstehenshilfe, einfach geschrieben und verständlich, hoffentlich.

Es ist spannend zu lesen wie Juden und Christen sehr unterschiedlich mit Psalmen umgehen, bringt ein Austausch dennoch etwas für den Glauben des Einzelnen?

Rabbi Andreas Nachama

Foto: privat

Andreas Nachama: Wir hatten in unserem theologischen Arbeitskreis sehr stark das Gefühl, dass Psalmen ein verbindendes Element im christlich-jüdischen Dialog sind, weil jeder Gläubige, sei er jüdisch, sei er christlich, mit ihnen eine enge Verbindung hat. Dabei wurde die Sicht des jeweils Anderen als oft überraschende zusätzliche Einsicht angenommen – oder bei Gleichklang, als Bestätigung der eigenen Position empfunden. Alle mit denen wir im direkten Kontakt sind, waren sehr berührt von diesem Dialog. Das hoffen wir auch bei den Lesern zu erreichen.

Marion Gardei: Rab.Nachama und ich haben einen gemeinsamen christlich-jüdischen Bibelkreis, in dem wir Bibeltexte miteinander lesen und diskutieren, aus unseren jeweiligen unteschiedlichen Traditionen heraus aber in gegenseitiger Achtung. Mit diesen Menschen haben wir auch die Psalmen gelesen und darüber nachgedacht, was sie für unser Leben bedeuten. Dabei ist es sehr oft eine große Bereicherung für den Einzelnen, aus der jeweils anderen Religion heraus die Texte zu lesen, von seinen Erfahrungen mit Gott zu lernen, sich selbst in Frage stellen zu lassen. Aber auch das: zu erkennen, dass die Positionen nicht immer weit voneinander entfernt sind, sich im anderen wiederzufinden.

Der jüdisch – christliche Dialog ist in Deutschland, unten an der Basis, längst nicht der Normalzustand. Wie haben Sie es geschafft Menschen zu diesem Dialog zu motivieren und welche Auswirkungen kann so ein Dialog in die eigene Gemeinde mit hineinbringen?

Andreas Nachama: Wie wir den Dialog geschafft haben? Durch Begegnungen – das war in Fall dieser beiden Gemeindeneinfach, weil wir so benachbart sind und eben gelegentlich auch gemeinsam Gedenkgottesdienste gestalten oder Feste feiern. Aber es ist ja umgekehrt auch nicht so, dass da immer die ganzen Gemeinden zusammenkommen – aber richtig ist, es vertieftsich das Gefühl, zwei verschiedene Glaubensweisen zu haben, die den gleichen Ursprung und das gleiche Ziel haben, so unterschiedlich der Weg auch sein mag.

Marion Gardei: Aus der Tradition der Gemeinde Dahlem, die früher ein Zentrum christlichen Widerstands gegen Hitler und die Nazis war, wissen wir, was antijüdische Vorurteile anrichten können. Das sehen wir auch jetzt in der Verurteilung der Beschneidung, die jüdischen Menschen in unserem Land das religiöse Existenzrecht maßgeblich beschränkt. Im Gespräch miteinander lernt man, Vorurteile abzubauen, den anderen zu verstehen und zu achten. Der christlich-jüdische Dialog ist deshalb ein Schwerpunkt unserer Gemeindearbeit. Das wirkt sich auf die Predigt und auf das normale Gemeindleben aus. Wir lernen, dass wir kein schwarz.-weiss Denken brauchen, um unseren Glauben zu leben. Und wir lernen als Christen, dass wir z.B.Jesus nur als einen Juden recht verstehen können. Und dass wir das Geschenk der hebräischen Bibel mit dem Judentum teilen, verpflichtet uns als Christen zum Miteienander mit den Glaubensgeschwistern.

Das Buch war viel zu schnell zu Ende gelesen. Ist ein weiterer Bandmit einem Dialog über weitere Psalmen geplant?

Andreas Nachama: Wir sind noch ganz im Bann des ersten Buches, wiewohl wir im Augenblick in der Veranstaltungsreihe „Bibel und Bach“und in den nächsten Monaten im theologischen Arbeitskreis das Königsbuch mit seinen Elija und Elisageschichten lesen (werden). Es hat Spaß gemacht, das Buch zu schreiben und es könnte Spaß machen, ein zweites zu versuchen.

Pfarrerin Marion Gardei

Foto: Gütersloher Verlagshaus

Marion Gardei: Geplant noch nicht. Aber es wäre spannend, einmal die anderen biblischen Psalmen und Lieder zu betrachten, die nicht im Psalter stehen, sondern in anderen Teilen der Bibel zu finden sind. Das Moselied z.B. oder das Mirjam-Lied beim Auszug aus Ägypten: Befreiungslieder der Bibel.

Ich würde mich sehr auf einen Fortsetzungsband freuen. Herzlichen Dank für das interessante Gespräch!

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2 Kommentare

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2 Antworten zu “Andreas Nachama,Marion Gardei: Du bist mein Gott, den ich suche

  1. Hallo Christian,

    hast du gesehen, dass unter der Beschreibung zu dir verlinkt wird?

    Gruß Alex

  2. buecheraendernleben

    eben weil dann weiter unten noch ein Link zu einer online – Buchbesprechung gesetzt wurde, der hierher führt, tippe ich ja auf Dummheit. Der Leser muss sich doch verklappst vorkommen, wenn er hier meine Rezension liest und fast den identischen Text vor einer Minute auf der EKBO – Seite als Veranstaltungsbeschreibung gelesen hat?

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