Michael Heymel: Das Gesangbuch als Lebensbegleiter

Auch wenn im Untertitel etwas von „Studien …“ zu lesen ist, so handelt es sich beim vorliegenden Buch zum Thema Gesangbuch keinesfalls um eine theoretische Abhandlung zum Thema. Schon der angenehme Plauderton, gespickt mit vielen Geschichten und Episoden, des Autors, bewahren den Leser davor.

Vielmehr wird in diesem Buch etwas von der ungeheueren Kraft und auch Vielfalt religiösen Liedgutes spürbar. Der Leser erfährt sehr viel von der Geschichte des Gesangbuches. Mann kann etwas zugespitzt sicher sagen, Michael Heymel beschreibt die Karriere des Gesangbuches vom einstigen Lebensbegleiter bis hin zum verstaubten Relikt irgendwo in der hinterletzten Ecke des Wohnzimmerschrankes.

Dabei stecken seine Beschreibungen von Menschen, die in Kirchenliedern Trost und Zuversicht fanden an, sollten zum neuen Gebrauch des Gesangbuches verführen.

Zurück bleibe ich als Leser der viel aus der Geschichte des Gesangbuches erfahren hat, der aber auch um die heute schlummernde Ressource Kirchenlied weiß und der sich die Renaissance desselben wünscht. Vielleicht kann die Beschäftigung mit dem Thema ein erster Anfang dazu sein!

Gütersloher Verlagshaus, ISBN 978-3-579-08149-6, Preis 39,99 Euro

Michael Heymel hat buecheraendernleben nun folgende Fragen beantwortet:

Lieber Michael Heymel, soeben ist Ihr Buch „Das Gesangbuch als Lebensbegleiter“ erschienen. Wie kam es zu diesem Buch aus welcher Motivation heraus haben Sie es geschrieben?

Ich wollte wissen, welche Rolle Kirchenlieder für den Glauben und das Leben des Einzelnen spielen. Sie sind ja nicht nur für den Gottesdienst am Sonntag bestimmt, sondern auch für die häusliche Andacht und das Alltagsleben. Lieder, die ich selber früh kennengelernt habe, wie „Befiehl du deine Wege“ und „Der Mond ist aufgegangen“, begleiten mich schon lange. Sie waren in verschiedenen Lebenssituationen wichtig für mich. Und ich nehme an, das ist früheren Generationen, die noch stärker durch Kirchenlieder geprägt wurden, auch so gegangen. Gesangbücher faszinieren mich nicht nur durch ihren Inhalt, sondern schon durch ihre Form und Gestaltung, je älter sie sind, desto mehr. An alten Gesangbüchern kann man erkennen, wie intensiv sie benutzt wurden und welche Bedeutung sie für ihre Besitzer hatten. Das brachte mich auf die Idee, ausgewählte Gesangbücher aus dem 16. bis 18. Jahrhundert genauer zu untersuchen. In den Vorreden sind oft genaue Anweisungen zu finden, wie man geistliche Lieder singen soll, und die Inhaltsverzeichnisse zeigen, bei welchen Gelegenheiten sie gesungen werden. Das habe ich ausgewertet.

Als ich begann mich mit Ihrem Buch zu beschäftigen, war ich an einer Stelle so weit, legte es aus der Hand und suchte mein über 100 Jahre altes Gesangbuch. Meine Großmutter hat Kriege und Fluchtsituationen erlebt, hat mehrmals all ihren Besitz verloren, ihr Gesangbuch nie. Es gibt vieler solcher Beispiele, Sie selbst beschreiben sie in Ihrem Buch auch. Warum war den Menschen ihr Gesangbuch so wichtig?

In den Liedern des Gesangbuchs wird der christliche Glaube in poetischer Sprache aufbewahrt. Das ist die Form, in der sich Glaubenswahrheiten oder elementare Glaubenssätze den meisten Menschen am besten einprägen. Gute und bewährte Lieder bieten ihnen eine Sprache fürs Gemüt, in der sie ein Du ansprechen können. Im Gesangbuch kann ich sozusagen bei mir tragen, was mich trägt, worauf ich in Freude und Leid zurückgreifen kann, um Worte und Melodien zu finden, mit denen ich vor Gott bringen kann, was mich bewegt. Gerade in Krisenzeiten, wenn alles, worauf man sich sonst verlassen konnte, auf den Kopf gestellt wird, ist es besonders wichtig, einen verlässlichen Halt zu haben – das meint das alte Wort „Trost“. Ich vermute, dass Ihre Großmutter deshalb ihr Gesangbuch immer bei sich behielt. Wer durch den Krieg seine Heimat verlor und flüchten musste, konnte in den Liedern des Gesangbuchs Heimat (im geistlichen Sinn) finden und sich darin beheimatet fühlen.

Sie schreiben in Ihrem Buch von Konfirmanden die zu ihrer Konfirmation ein Gesangbuch geschenkt bekommen haben und dies hinterher in die Mülltonnen warfen. Ist das ein Beispiel für unsere schlecht erzogene Jugend oder haben Jugendliche heute kein Verhältnis mehr zum Gesangbuch, zum Kirchenlied schlechthin?

Nach meiner Erfahrung gelingt es uns Erwachsenen heute zu selten, den Jugendlichen zu vermitteln, welche Schätze das Gesangbuch enthält. Viele Jugendliche bekommen es im Konfirmandenunterricht zum ersten Mal in ihrem Leben mit Kirchenliedern zu tun. Wenn die Erstbegegnung so spät stattfindet, dann ist es natürlich schwierig, Jugendlichen Lieder nahezubringen, die sie sprachlich und im Musikstil für total altmodisch halten. Ein persönliches Verhältnis zum Gesangbuch braucht Zeit und überzeugende Vermittler. Es entsteht, wenn Jugendliche in der Kirche mit Menschen zusammentreffen, denen Lieder des Gesangbuchs etwas bedeuten.

Michael Heymel

In Ihrem Buch ist an mehreren Stellen vom Gesangbuch als Lebensbegleiter die Rede, Sie bringen wundervolle Beispiele aus der Vergangenheit, gehen auch speziell auf einzelne Lieder und deren Dichter ein, sehen Sie diese Zeit als Geschichte an?

Ich denke, die Zeit, von der ich in meinem Buch berichte, ist unwiderruflich Geschichte. Wir können das, was zur Zeit der Reformation, des Barock und des Pietismus möglich war – also in Zeiten der „Hochblüte“ von Kirchenlied und Gesangbuch – nicht einfach wiederholen. Aber wir können uns von Beispielen anregen und inspirieren lassen, z.B. indem wir versuchen, im eigenen Alltag eine praktikable Form zu finden, wie wir mit Liedern des Gesangbuchs leben können. Wenn es in solchen Krisenzeiten wie während des Dreißigjährigen Krieges möglich war, sich durch Kirchenlieder zu bilden, warum nicht auch heute?

5. Oft geht es in Ihrem Buch natürlich um Geschichte, aber Sie schlagen gelegentlich Brücken in die Gegenwart. Zum Beispiel dort wo ein Osnabrücker Pfarrer von der Kraft des Kirchenliedes heute berichtet. Wie glauben Sie, wie wird es mit der Bedeutung des Gesangbuches weitergehen?

Dort, wo Menschen Lieder des Gesangbuches als Kraftquellen, als Mutmacher und seelsorgliche Glaubenshilfen für ihr Leben kennengelernt haben, wird das Gesangbuch auch künftig ein wichtiges Buch sein. Gesangbücher sind Gebrauchsbücher, keine Museumsstücke, d.h. ihre Lebensbedeutung hängt ganz wesentlich daran, wie sie gebraucht werden. Es kommt also darauf an, den Umgang mit dem Gesangbuch zu kultivieren. Und da wünschte ich mir in der evangelischen Kirche mehr Einsicht, dass das eine dringende Aufgabe ist. Viele Menschen freuen sich, wenn Lieder im Gottesdienst nicht nur gesungen, sondern in Liedpredigten erklärt werden. Und sie sind dankbar, wenn jemand davon erzählen kann, wie ihm ein Lied bei der Bewältigung einer Krankheit oder bei der Begleitung eines sterbenden Angehörigen geholfen hat. Solche Anregungen, die den Einzelnen im bewussten Umgang mit Liedern des Gesangbuchs fördern, brauchen wir heute nötiger denn je.

Herzlichen Dank für Ihre interessanten Antworten!

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