Elisabeth Eberle: Jochen Klepper

Hat man erst einmal begonnen dieses Buch zu lesen, gerät man in einen Sog, dem man sich so gut wie nicht mehr entziehen kann. Chronologisch beschreibt Elisabeth Eberle das Leben von Jochen Klepper. Er wächst auf, lernt seine jüdische Frau kennen und gleichzeitig verdunkelt sich der politische Himmel über Deutschland.

Von Seite zu Seite wird das Leben für ihn zur Last und für mich als Leser bedrückend, weil ich weiß, wie das Ende des Kirchenliederdichters aussieht. Die Autorin hat diese Stimmung sehr gut an den Leser gebracht. Auch die Verknüpfung von politischen Fakten und Familienereignissen ist ihr gut gelungen. Als Leser, mit dem Wissen von heute, ist es beinah unverständlich, warum die Familie mit den beiden Kindern sich nicht viel früher um die Ausreise aus Deutschland gekümmert hat.

Als jeweilige Fußnote erscheinen auf den Seiten immer auch die im Text genannten Namen von Freunden der Familie. So ist man als Leser allseitig informiert und bekommt einen noch breiteren Einblick in die Zeit und vor allem auch ein Gefühl für die politische und allgemein menschliche Stimmung jener Zeit.

Zum 70. Todestag von Jochen Klepper ist diese Biografie geschrieben worden. Elisabeth Eberle hat ein sehr schönes, zeitloses Werk vorgelegt, welches ich sehr gern weiterempfehle!

adeo, ISBN 978-3-942-20872-7, Preis 16,99 Euro

Elisabeth Eberle hat buecheraendernleben nun folgende Fragen beantwortet:

Liebe Elisabeth Eberle, soeben haben Sie Ihre Jochen Klepper Biografie vorgelegt. Wie sind ausgerechnet Sie zu diesem Thema gekommen?

“Der Stoff findet uns” wie Franz Werfel sagte, das zitiere ich immer wieder, weil ich es häufig genau so erfahre – auch bei Klepper. Mehrere Komponenten kamen auf verblüffende Art und Weise zusammen (sie hier zu beschreiben würde zu weit führen)  aber alle einzelnen unabhängig voneinander und wenn ein Autor und ein Verlag aufeinandertreffen entsteht manchmal ein Buch:-)
Sie selbst sagen in Ihrem Buch über den ewig kränkelnden Klepper: “Er hatte kein Zeug zum Helden”, warum erscheint dann jetzt zu seinem 70. Todestag dennoch diese Biografie?
Diese Aussage ist natürlich ein bisschen provokativ gemeint. Was macht schon ein Helden aus? Es ist eine nachdenkenswerte Frage!  Jedenfalls: Jochen Klepper war, was sein Naturell und sein Wesen anbetrifft, nicht der Typus des starken, unumstößlich wirkenden Mannes, der sich unerschrocken und laut proklamierend vor seinen Feinden aufbaut, irgendeine gewiefte Tat im Untergrund vollbrachte, oder gar zu einem kriegerischen Schlag ausholte, also nicht das, was wir eben so landläufig als Helden schlechthin bezeichnen.
Er war ein Schöngeist und hochsensibel. Er beschönigte weder seine Schwächen noch redete er seine Ängste und Sorgen klein. Er versuchte, soviele Kompromisse einzugehen, wie er sie gerade noch verantworten konnte, er irrte sich auch in manchen Dingen, seine Urteile waren immer auch gefärbt von seiner ganz eigenen Schau, von seinem Wunsch, irgendwie durchzukommen, alles zu überstehen, die Seinen und sich zu retten. Aber er ging an manchen Stellen auch hart mit sich ins Gericht und warf am Ende alles in eine Waagschale, gab alles.
Dass zu gewissen Eckdaten Biografien erscheinen ist was ganz Normales, Logisches, es passiert täglich. Erinnern ist wichtig, es gibt kaum bessere Geschichten als Lebenszeugnisse. Sie sind Impulsgeber, Gedanken-Umkrempler, Haltestellen, sie machen das Herz größer, den Blick weiter. Alles wichtig, gerade heute.
Bislang kannte ich nur die Kirchenlieder von Jochen Klepper. Durch Ihr Buch habe ich auch von seinen Büchern erfahren. Spielen die heute auf dem Büchermarkt noch eine Rolle?
Seine Kirchenlieder sind in der Tat die bekanntesten geblieben. Das ist gut und ich bin sicher, es würde ihn freuen, JA, es freut ihn! Seine Prosawerke wie “Der Vater” und “Der Kahn der föhlichen Leute” spielen leider heute keine große Rolle mehr, immer wieder einmal werden sie neu aufgelegt, bleiben in der Regel aber ohne “Aufreger”. Dennoch sind sie lesenswert. V.a. im Kahn lernt man einen anderen Klepper kennen, das tut richtig gut, man lacht und staunt, und es befreit ein bisschen, es zeigt den Wilden, Jungen, Lebensdurstigen. “Der Vater” ist ein Monumentalwerk, man muss sich ganz drauf einlassen, nichts zum Runterleiern, aber höchst aussagestark, es ist ein Preussenbuch.
Seine Gedichte, zumindest die überlieferten, sind zudem sehr lesenswert, die gehen leider zu sehr unter. Deswegen habe ich auch einige ins Buch genommen, das war für mich ein absolutes Muss.
Elisabeth Eberle
Chronologisch erzählen Sie vom Leben Kleppers. Beim Lesen spürte ich von Seite zu Seite wie das Leben ihm immer mehr zur Last wurde und er es später nicht mehr ertrug am Leben zu sein. Wie schwer ist es Ihnen gefallen darüber zu schreiben, wie ich im Buch erfuhr haben Sie selbst jüdische Wurzeln. Hat für Sie das eine mit dem anderen zu tun?
Ja, das hat es sehr wohl.
Unter den gegebenen Bedingungen der Zeit, in die Kleppers Leben geworfen wurde, ist es nur zu gut nachzuvollziehen, wie Leben zur Last wird. Und doch hat nicht nur er es nicht mehr ertragen am Leben zu sein, das dürfen wir nicht aus den Augen verlieren! Jochen hing mehr am Leben als es vielleicht den Anschein vermittelt. Es war ein gemeinsamer Beschluss von allen drei Menschen, das Leben zu verlassen. Weswegen ist klar. Über all diese Dinge zu schreiben, war keine leichte Kost, nein.
Warum ist es wichtig, dass die heutige Generation Jochen Klepper kennenlernt?
Weil es zu allen Zeiten wichtig ist, das Leben der Eltern und Großeltern zu kennen, die Lebensumstände der Vorfahren, das Denken, den Zeitgeist, die Prägungen, die Rahmenbedingungen. Wieso? Weil es Brücken schlägt, weil es manches erklären kann, weil es barmherziger machen kann, aber auch, weil es aufmerksam macht, das Reflektieren schärft. So ist es auch mit Klepper. Er war auf gewisse Weise moderner als es uns anmutet, er war in mancher seiner Lebensentscheidungen so unkonventionell und mutig (Das ist im Übrigen ein Teil seines stillen Heldentums). Er hatte den Schneid, eine 13 Jahre ältere Frau zu heiraten, dazu eine Jüdin, (trotz all der oft so betonten Nähe der Christen zum “Volk Gottes”, war das ganz und gar nicht ohne und genau diese Haltung hat Jochen ja lange den Anfängen der Bekennenden Kirche verübelt)  Jochen musste wegen Johannas Jüdischsein 8 Jahre lang darauf verzichten, kirchlich getraut zu werden, er, der Pfarrersohn und studierte Theologe. (Das war eigentlich ein Skandal und seine Familie hat das nie wirklich verwinden können). Die Ehe der Kleppers ist dafür ein umso großartigeres Zeugnis gegenseitiger Liebe und Respektierung der jeweils anderen Person. Auch die Vertraulichkeit von Johannes Töchtern Jochen gegenüber, war bemerkenswert, uvm. Gerade auch davon zu erzählen war mir wichtig im Hinblick auf so manches, womit wir uns heute so herumschlagen – leider auch in christlichen Kreisen – machmal so schrecklich verkrampft. Da können die Kleppers Vorbild sein und durchaus zum Nachdenken anregen.
Herzlichen Dank für dieses sehr interessante Gespräch!
Advertisements

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Uncategorized

Eine Antwort zu “Elisabeth Eberle: Jochen Klepper

  1. Rosemarie Sauer

    Ich werde mir das Buch kaufen! Rosemarie Sauer

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s