Beruf: Lektor

Wie versprochen wollen wir in loser Folge an dieser Stelle Berufe vorstellen, die alle notwendig sind, um ein Buch herzustellen. Übersetzerinnen

https://buecheraendernleben.wordpress.com/2012/06/28/ubersetzerinnen-vorgestellt/

und Übersetzer

https://buecheraendernleben.wordpress.com/2012/06/25/ubersetzer-vorgestellt/

sind bereits zu Wort gekommen. Jetzt haben wir die Cheflektorin des Verlages der Francke-Buchhandlung

http://www.francke-buch.de/

Kathrin Schultheis eingeladen, um aus ihrem Berufsalltag zu berichten.

Liebe Frau Schultheis, vor ein paar Wochen war ich mit Ihrer Verlagschefin in Ihrem Büro und da hat sie mir Ihr Sofa gezeigt und dazu erzählt: „Und hier sitzt unsere Cheflektorin dann, wenn alle Arbeit mit dem Manuskript erledigt ist und liest alles noch einmal.“ Eigentlich ist Ihr Beruf doch wohl sehr entspannend, oder? Wie sind Sie Lektorin geworden?

Ich bin tatsächlich häufig auf meinem Sofa anzutreffen – allerdings so gut wie nie mit einem fertigen Manuskript – dazu fehlt mir leider die Zeit. Aber Manuskripte zu prüfen, die neuesten Entwürfe der Autoren durchzuarbeiten, die auf Feedback warten, oder ganz klassisch mit dem Rotstift zu lektorieren, ist tatsächlich auch in bequemer Sitzposition möglich J .

Dass ich Lektorin werden wollte, wusste ich, sobald ich das erste Mal von diesem Beruf hörte. Das war mit 13 oder 14. Und so habe ich mein erstes Verlagspraktikum bereits vor dem Studium absolviert und zielgerichtet das studiert, was mir am sinnvollsten erschien: Germanistik, Buchwissenschaft und BWL. Parallel habe ich weitere Praktika gemacht, unter anderem in einer Literaturagentur und beim Wilhelm-Heyne-Verlag in München, für den ich anschließend noch eine Zeitlang als freie Gutachterin arbeitete. Der Kontakt zu Francke kam auf der Leipziger Buchmesse zustande. Eigentlich wollte ich mich nur erkundigen, wann der nächste Band der Sturmzeiten-Saga erscheinen würde – aber Gott hatte weitreichendere Pläne. Und so wurde ich nicht nur die erste Francke-Volontärin, sondern bekam anschließend auch eine Stelle als Lektorin angeboten. Nach zwei Jahren wurde mir dann die Leitung des Lektorats übertragen.

Stellen wir uns mal vor, ich habe gerade eine Bombenstory geschrieben. Das Manuskript ist wirklich außergewöhnlich gut. Ich schicke es Ihnen und warte bereits sehnsüchtig nach dem vierten Tag auf Ihren Anruf, in dem Sie mir mitteilen, dass Sie ebenso begeistert sind. Wie lange muss ich wirklich auf Ihre Antwort warten und nach welchen Gesichtspunkten entscheiden Sie, ob das Manuskript genommen wird und entscheiden Sie dies ganz allein?

Ein paar meiner Autoren würden Ihnen bestätigen, dass es tatsächlich genau so läuft. Manchmal passiert es, dass ein Manuskript hier eintrifft, ich die ersten Sätze lese und sofort so begeistert bin, dass ich es mit nach Hause nehme, noch am selben Abend lese und am darauffolgenden Tag zum Telefonhörer greife. So war es zum Beispiel bei Melissa C. Feurers „Regentropfentage“.

http://www.francke-buch.de/main.php?hk=0&uk=0&aid=1775&suche=regentropfentage&start=0

Aber das sind Ausnahmefälle. Tatsächlich erreichen uns so viele Manuskripte, dass es manchmal mehrere Monate dauert, bis ein potenzieller Autor von uns hört. Es ist uns wichtig, jedes Manuskript gründlich zu prüfen, und das braucht einfach Zeit.

Ob ein Manuskript angenommen wird, hängt von mehreren Faktoren ab. Neben der genauen Kenntnis der Zielgruppe und der Einschätzung der Marktchancen spielt insbesondere die Übereinstimmung mit dem eigenen Verlagsprofil eine wichtige Rolle. Im Fall Francke bedeutet dies konkret, dass wir nur Bücher verlegen, die den christlichen Glauben dezidiert thematisieren und die darüber hinaus bestimmten sprachlich-stilistischen sowie inhaltlichen Ansprüchen genügen. Im Belletristik und Biografiebereich ist uns zum Beispiel wichtig, dass der Glaube natürlich in die Handlung des Buches eingewoben ist, also nicht wie ein Fremdkörper wirkt, und der Leser durch das Buch die Gelegenheit hat, geistlich zu wachsen. Letztlich verlegen wir die Bücher, die inhaltlich zu überzeugen vermögen und den Titeln, die auf dem säkularen Markt erscheinen, qualitativ in nichts nachstehen, die dem Leser aber darüber hinaus – quasi als Sahnehäubchen – vor Augen führen, wie Gott ist und wie gelebter Glaube aussieht. In vielen Fällen entscheide ich tatsächlich allein – manchmal bitte ich aber auch noch eine unserer anderen Lektorinnen oder unsere Verlagsleiterin um ihre Einschätzung.

Eine Lektorin ist, wenn sie sich erst einmal für ein Manuskript entschieden hat, doch sicher immer mit einem Rotstift bewaffnet, um Rechtschreibfehler zu eliminieren. Wie ist es, wenn Sie erst einmal zu einem Manuskript Ja gesagt haben, aber eine einzige Szene im Manuskript gefällt Ihnen überhaupt nicht, sind Sie dann so mächtig und können die ändern?

Cheflektorin Kathrin Schultheis

Um Rechtschreibfehler geht es in meinem Job nur sekundär, dafür gibt es die Korrekturleser. Aufgabe des Lektors ist es vielmehr, dem Autor zur bestmöglichen Form seines Manuskripts zu verhelfen. Und das beinhaltet, ihn darauf hinzuweisen, wenn eine Szene aus irgendeinem Grund nicht funktioniert, ein Charakter nicht rund genug ist, der Spannungsbogen nicht stimmt oder bei einem Sachbuch an einer bestimmten Stelle eine weitere Tiefenbohrung nötig ist. Im Normalfall schreibt ein Lektor eine Szene, die ihm nicht gefällt, also nicht eigenhändig um, sondern bittet den Autor um eine Überarbeitung.

Wie finden eigentlich die Manuskripte deutschsprachiger Autoren den Weg auf Ihren Schreibtisch? Werden die von ihren Autoren gebracht und machen Sie selbst sich auch auf die Suche?

Die meisten Manuskripte werden uns von den Autoren zugeschickt. Es ist immer sehr spannend, sich durch die vielen „unverlangt eingesandten Manuskripte“, wie sie im Fachjargon so schön heißen, zu arbeiten. Denn kein Manuskript ist wie das andere – jedes Buchprojekt hat seinen ganz eigenen Charakter.

Es kommt aber auch vor, dass wir als Verlag die Idee zu einem bestimmten Buch haben und dann nach einem geeigneten Autor dafür suchen (vor allem im Sachbuchbereich) oder aber uns eine bestimmte Person ins Auge sticht, von der wir denken: „Dieser Mensch hat eine so spannende Lebensgeschichte / arbeitet an einem so spannenden Projekt, dass wir ihn dafür gewinnen sollten, ein Buch zu schreiben.“ So war es zum Beispiel bei Daisy Gräfin von Arnim.

Eine Vielzahl der bei Ihnen erscheinenden Titel kommt aus dem amerikanischen Raum. Wer sucht die Titel? Sind Sie es da, die entscheidet, was zum Verlag der Francke-Buchhandlung passt?

Im Bereich Belletristik, Kinder- und Jugendbuch, Geschenkbuch und Biografien suchen unsere Verlagsleiterin Anne-Ruth Meiß und ich die Titel gemeinsam aus. Vor allem auf den Buchmessen, aber auch über das Internet informieren wir uns darüber, welche Titel unsere internationalen Geschäftspartner planen, und fordern interessante Manuskripte zum Prüfen an. Und dann heißt es lesen. Oft liest man dreißig, vierzig Bücher, bevor man endlich auf eines stößt, bei dem klar ist: „Das passt perfekt, das kaufe ich ein.“ Da hat man zwischendurch manchmal schon Angst, inzwischen zu kritisch geworden zu sein… Aber die Erfahrung hat gezeigt, dass es sich lohnt, auf den „richtigen“ Titel zu warten. Und es sind schöne Momente, wenn einer von uns einen tollen neuen Autor entdeckt hat, morgens begeistert ins Büro der anderen gestürmt kommt und sagt: „Du, ich hab da ein großartiges Buch entdeckt, das müssen wir unbedingt gleich einkaufen!“ Im theologischen Bereich läuft es ein bisschen anders, da arbeiten wir mit einem Beratergremium.

Wie oft haben Sie ein Manuskript gelesen, bevor es den Weg in die Druckerei antritt, um ein Buch zu werden?

Wenn es sich um eine Übersetzung handelt, ein bis zwei Mal. Einmal auf Englisch, um den Titel einzukaufen, und einmal auf Deutsch, wenn ich das sprachliche Lektorat selbst mache. Bei Manuskripten deutschsprachiger Autoren kann es durchaus vorkommen, dass ich das Manuskript sieben, acht Mal in den unterschiedlichsten Fassungen gelesen habe, bis es zur Veröffentlichung bereit ist …

Welche wichtigen Tätigkeiten einer Lektorin haben wir nun noch nicht angesprochen?

Bisher haben wir hauptsächlich über die Arbeit am Text bzw. mit dem Autor gesprochen, aber das ist nur ein Teil unserer Arbeit. Der Lektor ist in den letzten Jahren immer mehr zum Projektmanager geworden, der den reibungslosen Ablauf des gesamten Buchprojekts vom Manuskripteinkauf bis zur Drucklegung und darüber hinaus koordiniert. Er ist nicht nur für das Verfassen der Vorschau- und U4-Texte (das sind die Texte auf der Buchrückseite) zuständig, sondern auch für die Zusammenarbeit mit den Grafikern, die die Covergestaltung übernehmen. Die Lektoren klären mit der Herstellungsabteilung, wie der Satz des Buches aussehen sollte, stimmen mit der Presse- und Marketingabteilung ab, für welche Titel besondere Aktionen laufen sollten, präsentieren die Titel auf der Vertreterkonferenz und manchmal sogar auf Buchhändlerkonferenzen. Der Beruf des Lektors ist also deutlich vielseitiger, als manche meinen …

Wenn Sie abends nach Hause gehen, können Sie dann noch Bücher sehen oder machen Sie lieber einen großen Bogen um jedes Bücherregal?

Zum Glück bin ich ein Bücherjunkie – anders könnte ich diesen Job auch nicht machen. Natürlich gibt es manchmal Abende, an denen ich nach Hause komme und keine Lust mehr aufs Lesen habe, aber normalerweise ist mein E-Reader mit den englischsprachigen Manuskripten immer dabei und kommt zum Einsatz, sobald ich in meiner Freizeit etwas Zeit zum Lesen erübrigen kann. Da ist es natürlich schön, dass ich in einem Verlag arbeite, dessen Bücher ich selbst sehr gerne mag, denn dadurch kommt einem das kaum wie Arbeit vor, sondern fast wie Privatvergnügen… Und wer würde schließlich nicht gerne die neue Irene Hannon, die neue Kristen Heitzmann oder Sarah Sundin noch vor Erscheinen in den USA lesen! Oder eine wunderbare neue Autorin entdecken … Nur die drei Wochen Sommerurlaub, die gehören ganz mir, da lese ich „fertige“ Bücher, einfach nur, weil ich Lust dazu habe …

Vielen Dank für das interessante Gespräch!

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Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “Beruf: Lektor

  1. Maria L.

    Ein sehr interessanter Einblick in den Francke Verlag !

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