Sabine Zinkernagel: Wer nur auf die Löcher starrt, verpasst den Käse

 

Die Autorin legt ein Buch mit zwei sehr interessanten Erzählebenen vor. Da ist ihr Leben als Frau, die sich auf Kinder freut. Der erste Sohn ist behindert und
auch der zweite Sohn ist behindert. Das kann eine Frau, auch eine Ehe aus der Bahn werfen. Sabine Zinkernagel beschreibt in aller Offenheit, wie ihre Familie
zu einem „normalen“ Alltag gefunden hat. Die Autorin verschweigt Höhen und Tiefen nicht.

Die andere spannende Seite des Buches ist die Beziehung zwischen der Autorin und Gott. So ganz nebenbei ist Sabine Zinkernagel auch noch Pfarrfrau und hat sich ihren Lebensalltag an der Seite ihres Mannes völlig anders vorgestellt. Mühsam hat sie gelernt: „Wer nur auf die Löcher starrt, verpasst den Käse“. Sprachlos stehe ich vor den Briefen Sabine Zinkernagels an Gott. Alle Phasen von Trauer und Wut, aber eben auch Sehen lernen spiegeln sich in diesen Briefen wieder.

Bücher über Betroffene und gut gemeinte Ratschläge an sie gibt es unzählige. Hier kommt ein Buch aus der anderen Richtung und zeigt, worauf es ankommt im Leben. Eben nicht nur auf die Löcher? Und dieses Buch ist keinesfalls nur auf das Thema behindert sein anzuwenden.

http://www.neufeld-verlag.de, ISBN 978-3-862-56027-1, Preis 14,90 Euro

Sabine Zinkernagel hat buecheraendernleben folgende Fragen beantwortet:

Liebe Sabine Zinkernagel, soeben ist Ihr erstes Buch erschienen. Eigentlich meiden viele Leute die Öffentlichkeit wenn Sie ein behindertes Kind haben. Sie haben zwei behinderte Kinder und sind ganz bewusst an die Öffentlichkeit gegangen, Warum?

Da muss ich Ihnen gleich zu Beginn widersprechen: Die Zeiten, in denen man sich für ein behindertes Kind schämte und es versteckte, sind zum Glück einigermaßen überwunden.

Woran es noch fehlt, ist eine gewisse Selbstverständlichkeit, mit der Behinderte am öffentlichen Leben teilnehmen können.

Das liegt nicht nur an äußeren Gegebenheiten wie nicht-Rollstuhl-tauglichen Toiletten und Treppen. Das liegt auch daran, dass er vielen Menschen peinlich ist, Behinderten zu begegnen. Einfach, weil sie nicht wissen, wie sie reagieren sollen. Hilfe anbieten oder nicht? Hinschauen oder nicht? Und wenn ja, mit welchem Gesichtsausdruck? Spätestens, wenn man sich das überlegt, ist jede Natürlichkeit dahin.

Diese Scheu vor dem Andersartigen lässt sich aber nur durch intensivere Begegnung überwinden. Deshalb fahren wir mit unseren Kindern an „normale“ Urlaubsziele, vertrauen sie Jugendlichen für einen ganzen Nachmittag an, und deshalb habe ich auch mein Buch geschrieben. Um zu zeigen, dass Behinderten ganz normale Menschen sind, denen man ganz unbefangen begegnen kann. Auch wenn sie an einigen Punkten anders sind als die Mehrheit.

Und warum gerade zu diesem Zeitpunkt?

Das hat rein äußerliche Gründe. Unsere Jungs sind längst Teenager und schon ziemlich selbstständig. So habe ich einfach mehr Zeit fürs Schreiben. Außerdem lassen sich schmerzliche Situationen nur mit einem gewissen zeitlichen Abstand so schildern, dass man gemeinsam mit den Lesern darüber lachen kann.

Dass aus den einzelnen Episoden ein Buch geworden ist, daran ist die PID-Diskussion im letzten Sommer schuld. Ich habe dazu einen Artikel aus der Sicht einer betroffenen Mutter geschrieben, die dennoch dagegen ist. Darauf erhielt ich eine ermutigende Mail von einem Mann, der zusammen mit seiner Frau zwei Kinder mit Down-Syndrom adoptiert hat – und einen Verlag leitet. Er meinte ziemlich schnell: Aus den Episoden  machen wir ein Buch..

In einem sehr persönlichen Plauderton reden Sie in Ihrem Buch über Erfahrungen mit Ärzten und Krankenkassen, auch über die Reaktionen die Sie von Mitmenschen bekommen, warum haben Sie dies alles aufgeschrieben?

Ich habe versucht, besonders typische Situationen festzuhalten: Das behinderte Kleinkind, das eine geniale Lösung für sein Problem findet. Die Frage der Nachbarin, ob eine Abtreibung nicht für alle Seiten das Beste gewesen wäre. Andere Nachbarn, die uns einfach tatkräftig unterstützt haben, und dadurch viel Freude mit ihren Ersatz-Enkeln gewonnen haben. Marotten und Eigenarten unserer Kinder, für die wir lange nach Lösungen suchen mussten, und nicht immer erfolgreich damit waren.

Das sind dann hoffentlich nicht nur nette Geschichten, sondern Botschafter meines Grund-Anliegens: Dass jeder Mensch bewundernswerte Wesenszüge hat, dass jeder Mensch eine unveräußerliche Würde besitzt, dass jeder Mensch wertvoll ist. Ganz egal, wie sehr er von irgendwelchen Leistungsnormen abweicht.

Auf der einen Seite schildern Sie den ganz normalen Alltag einer Mutter mit zwei behinderten Kindern. Aber Ihr Buch hat auch noch eine andere Schiene. So ganz nebenbei sind Sie auch Pfarrfrau die wohl alle Höhen und Tiefen in Ihrem Glaubensleben an Gott durchlebt hat. Können Sie uns bitte kurz schildern was es mit ihrem Glauben gemacht hat, zwei behinderte Kinder zu haben?

Sabine Zinkernagel

Beim ersten Kind dachte ich noch: Okay, das ist zu schaffen – mit Gottes Hilfe. Aber beim zweiten behinderten Kind ist dieses Grundvertrauen dass Gott es letztendlich gut mit mir meint, gründlich zerbrochen. Dass er mir das alles aufgebürdet hatte, empfand ich als puren Sadismus.

Aber trotz allem war da tief in mir drin immer eine leise Sehnsucht danach, dass es zwischen Gott und mir wieder so vertraut werden würde wie früher. Nur konnte ich mir nicht vorstellen, wie das gehen sollte, nachdem Gott so viel Schlimmes in meinem Leben zugelassen hatte.

Ganz langsam haben mich einzelne Gedanken zum Thema „Leid“ dann doch angesprochen, bin ich an Gottes Hand ein wenig herausgestiegen aus dem dunklen Loch, in das ich gestürzt war. Besonders berührt hat mich der Satz „Gott sucht Menschen, die ihm vertrauen, auch wenn sie ihn nicht verstehen.“

Diese Grenze unseres menschlichen Fassungsvermögens zu akzeptieren, war für mich nicht einfach. Aber ich habe gemerkt, dass es für mich selbst leichter wird, wenn ich mir meine Begrenztheit eingestehe. Samt meiner Anhängigkeit von Gottes Liebe – auch an Punkten, an denen ich sie partout nicht sehen kann.

In meinem Buch schreibe ich dann noch, dass Menschen wohl solche Grenzerfahrungen brauchen, um persönlich und geistlich zu reifen. Dafür gibt es unzählige Beispiele.

Ob das auch bei mir passiert ist, darüber wage ich kein Urteil abzugeben.

Ich weiß nur, dass mein Glaube nicht mehr der gleiche ist wie vor 20 Jahren. Die Souveränität Gottes, seine letztendliche Nicht-Hinterfragbarkeit, haben wesentlich mehr Gewicht bekommen.

Auch in Ihrem Leben hat es eine Weile gedauert bis Sie Ihre Situation so akzeptiert haben wie sie heute ist, was glauben Sie, was kann Ihr Buch betroffenen Lesern geben?

Zunächst einmal die Erkenntnis, dass ich mich nicht als „hoffnungslos glaubensschwach“ fühlen muss, wenn ich angesichts einer persönlichen Katastrophe wütend auf Gott bin. Solche Gedanken sind ein ganz normaler Bestandteil jedes Trauerprozesses, und Gott hält sie bei mir genauso aus, wie er das bei unzähligen „gestandenen Christen“ vor mir schon getan hat. 

In dieser Tonart habe ich schon mehrere erleichterte Rückmeldungen von Leserinnen erhalten.

Aber ich will die Leser genauso wenig dort stehen lassen, wie ich dort stehen geblieben bin.

Dabei kann ich nur schildern, wie sich meine Gedanken zu diesem Thema entwickelt haben. Und hoffen, dass sie den ein oder anderen Leser ein paar Schritte mitnehmen kann hin zu einem Akzeptieren der eigenen Situation und einem neuen Vertrauen in einen manchmal verborgenen Gott..

Warum sollten auch andere Leser lernen nicht nur ‚auf die Löcher zu starren‘ ?

Natürlich weil es schade wäre, den Käse zu übersehen!

Im Ernst: Vorschreiben kann ich das niemandem. Denn wer ganz tief unten in einem seelischen Loch steckt, der ist einfach nicht mehr in der Lage, Gutes in seinem Leben zu sehen. Mein Buchtitel wird für ihn nur ein weiterer altkluger Spruch sein, der ihm keinen Deut weiter hilft. .  

Die Entdeckung des Käses neben den Löchern muss jeder Mensch für sich machen. Ich kann nur den Anstoß dazu geben, sich auf die Suche zu begeben.

Aber wer es schafft, in seiner wie auch immer verfahrenen Lebenssituation  neben dem Schweren Gutes zu entdecken, wer mancher Situation mehr mit Humor als mit Zynismus begegnet, der schafft es eher, sich mit den  Brüchen in seinem Leben zu arrangieren.

Und kommt damit wesentlich besser durchs Leben als jemand, der immer nur auf das Negative schaut.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

 

 

 

 

Advertisements

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Uncategorized

Eine Antwort zu “Sabine Zinkernagel: Wer nur auf die Löcher starrt, verpasst den Käse

  1. Maria L.

    Hut ab, vor dieser Frau ! Als Mutter von 4 Kindern kann ich mir sehr gut vorstellen, wie schwer es für sie war und ist, zwei behinderte Kinder zu haben. Nicht nur die Frage, warum hat Gott mir das geschickt ist schwer zu tragen. Vor allem die Umwelt wird das größte Problem sein. Dieses Buch werde ich auch auf jeden Fall lesen und ich überlege, ob es nicht etwas für eine Leserunde wäre, damit es noch mehr Leute lesen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s