Sönke C. Weiss: Hope.

Bereits 2006 hat Sönke C. Weiss vom Schicksal der Kindersoldatin Hope berichtet.
www.brendow-verlag.de hat auf Nachfrage mitgeteilt, dass von diesem Titel nur noch wenige Exemplare zu haben sind.
Im nun vorliegenden neuen Buch erzählt Christine Hope selbst ihre Geschichte und dabei wird einem heiß und kalt.
Das Mädchen aus dem Norden Ugandas wird, als sie 12 Jahre alt ist, von Konys Soldaten der „Widerstandsarmee des Herrn“ entführt. Sie selbst muss auf ihren Vater solange einschlagen bis dieser fast tot liegenbleibt. Ihr um zwei Jahre jüngerer Bruder überlebt die zwei Jahre im Busch als Kindersoldat nicht.
Voller Details beschreibt Christine ihre Zeit im Busch, ihre Flucht, ihre Wiederkehr als Schwangere. Sie beschreibt ihre Bekanntschaft mit dem Journalisten Sönke C. Weiss, ihre Rede vor der UNO, ihren Deutschlandbesuch. Ein weiterer Höhepunkt des Buches ist ihr Bericht des Besuches des deutschen Bundespräsidenten Horst Köhler in ihrem Heimatdorf.
Das Buch beeindruckt vor allem deshalb, weil hier nicht über Afrika oder ein afrikanisches Einzelschicksal berichtet wird, sondern weil hier eine Afrikanerin selbst ihre Erlebnisse in Form eines Buches verarbeitet. Dabei kommen Ein- und Ansichten zu Tage, die oftmals neu sein mögen, die aber unverfälscht genau das ausdrücken, was nur ein Afrikaner sehen kann.
Die spannende Frage ist, was kann ein Mensch noch von seinem Leben erwarten, der zu Morden gelernt hat, seinen Vater halb tot schlagen musste und nun eine Tochter großzuziehen hat?
Christine kann nicht einfach zurück in ihr Dorf. Alle müssen in ein Flüchtlingslager, jahrelang. Die junge Frau beschreibt, wie verzweifelt und ohnmächtig sich die Menschen im Lager fühlen und wie die Männer sich im Alkohol aufgeben.
Aber die junge Christin Christine erfährt auch immer wieder, dass es ein Weiter gibt. Mit Gott liegt sie zwar des Öfteren im Hader, aber Christine nimmt neue Ziele in Angriff. So beginnt sie eine Ausbildung zur Krankenschwester und besteht als Jahrgangsbeste.
Mit diesem Buch ist für mich die Geschichte der Christine Hope jedoch noch lange nicht zu Ende erzählt. Inzwischen wurde Öl in Uganda gefunden. Wieder einmal geht es um Macht und Geld. Das Land droht einmal mehr nicht zur Ruhe zu kommen.
Wer über Uganda und Afrika Bescheid wissen will, der sollte dieses Buch der ehemaligen Kindersoldatin lesen. Die Zeit, dass wir über Afrikaner berichten, ist mit Christine Hopes Lebensbericht endgültig vorbei.
Brendow, ISBN 978-3-865-06410-3, Preis 12,95 Euro
Sönke C. Weiss hat buecheraendernleben folgende Fragen beantwortet:

Erzählen Sie uns bitte wie Sie vor Jahren Christine kennengelernt haben.

Es war diese scheinbare Gelassenheit, die freundlichen Augen, der feste Händedruck, was mich an Christine Hope sofort faszinierte. Sie strahlte Menschlichkeit aus, inmitten dieser Hölle, was Norduganda 2003 noch war, als wir uns kennenlernten. Ich bereitete damals einen Filmdreh vor, sie versuchte die verlorenen Schuljahre wieder aufzuholen. Die Zeit, die man ihr geraubt hatte, als man sie in den Busch zerrte, sie zu einer Kindersoldatin umformte, aus ihr eine Tötungsmaschine machte. All das schien für sie nicht mehr zu existieren. Das ABC war jetzt wichtig, Mathematik, Verben korrekt zu konjugieren und ihren Vater zu pflegen, den sie halb totschlagen musste.

Ich hatte Dutzende von Kindersoldaten gesprochen. Im Kongo, im Sudan, in Norduganda. Die meisten von ihnen hatten diesen leicht unscharfen Blick. Etwas in ihnen war für immer zerstört worden. Bei Christine Hope hatte ich immer den Eindruck, dass ihre Seele noch intakt war, man ihr diese nicht hatte nehmen können.

Dann kam es zum ersten Buch 2006, wie ist das damals entstanden?

Als Christine Hope mich eines Tages bat, ob ich nicht ihre Geschichte aufschreiben könne, war ich mir nicht sicher, ob ich mir das überhaupt zutraue. Und ich glaube, dass sie sich nicht sicher war, ob sie diesen Weg wirklich gehen wollte. Denn hinter ihrem scheinbar gelassenen Äußeren verbarg Christine Hope tiefe Wunden in ihrer Seele, die noch immer erst langsam heilen. Doch ihre Entschlossenheit obsiegte.

Jetzt im zweiten Buch beschreibt Christine Hope aus ihrer Sicht ihre Geschichte und vervollständigt diese bis in die Gegenwart, warum sollte dieses Buch heute gelesen werden?

Ich glaube, dass ich erst nach der Fertigstellung des zweiten Buches über sie erkannt habe, was uns Christine Hope eigentlich sagen will. Dass ihre Geschichte mehr ist, als eine Biografie. Es ist eine Geschichte, die von Vergebung, von Nächstenliebe, Ermutigung, Gemeinschaft und von der transformierenden Kraft des Glaubens handelt. Dass letztendlich alle Kulturen eine Kultur sind und wir zusammengehören. In unserer Eigenschaft als Menschen und als Christen. Ihren Glauben nämlich, den hat Christine Hope nie verloren. Sie lebt ihn. Täglich.

Während meiner Aufenthalte in Norduganda hat mich Christine Hope sonntags immer mit in die Kirche genommen, die ich, um ehrlich zu sein, zu Hause meist nur zu den großen Feiertagen besuche oder wenn ich meine Tochter zum Kommunionsunterricht bringe. In Norduganda habe ich gelernt, dass das Evangelium die Menschen wirklich zusammenbringt. Dass die Wiederauferstehung von Jesus Christus der Triumph über den Tod ist, steht hier außer Frage. Christine Hope sagte mir: „Gnade existiert. Muss sie. Warum ich noch an Gott glaube? Weil ein Mensch, der nicht an Gott glaubt, zu allem fähig ist. Die Vergangenheit ist keine Rechtfertigung, nur eine Ausrede.“

Afrika ist uns eigentlich noch immer fremd, lese ich im Buch. Oft wird über Afrika und afrikanische Schicksale geschrieben. Sehr selten schreiben Afrikaner über sich selbst. Ist dies nur mein Empfinden oder ist dies wirklich so und wenn ja, warum ist dies so?

Sönke C. Weiss, Christine Hope und Tochter Maria.

Jedes afrikanische Land hat seine Geschichtenerzähler. Obwohl es in vielen Regionen üblich ist, die Geschichten mündlich zu überliefern und nicht unbedingt gedruckt auf den Markt zu bringen. Das wäre rein logistisch schon eine enorme Herausforderung. Dazu kommt, dass viele Menschen noch immer nicht lesen und schreiben können. Zum Beispiel im Sudan oder im Kongo, Länder, die gemeinsam größer als Westeuropa sind. Fast ohne Infrastruktur. Fast ohne funktionierendes Bildungswesen. Hier lebt vor allem die mündliche Überlieferung. Es gibt aber auch unzählige von Schriftstellern, die es mittlerweile zu Weltruhm gebracht haben.

 Zu den bekanntesten Schriftstellern gehören mit Sicherheit Wole Soyinka, der 1986 den Nobelpreis für Literatur erhalten hat, sowie der Romancier Chinua Achebe, Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. Beide stammen aus Nigeria. Afrika hat eine blühende Literaturszene, von der wir in Deutschland leider viel zu wenig wissen. Zum einen scheuen sich viele Verlage, afrikanische Autoren herauszubringen, weil sie befürchten, dass sie keine Leser finden werden. Zum einen besteht auch wenig Nachfrage.

Deutschland hat bis heute noch keinen Zugang zu Afrika gefunden. Anders als Frankreich, England oder Portugal haben wir kaum Bindungen nach Afrika, die diese Länder wegen ihrer Kolonialzeit besitzen. Ich glaube auch, dass die Deutschen wenig mit Afrika anfangen können, immer noch in Klischees denken. Daran sind auch die Medien mit Schuld. Sie betrachten Afrika von außen, nie von innen. Viele Autoren von Afrikabüchern manövrieren sich immer wieder selbst in die Afrika-Falle, wie ich zu sagen pflege, und hinterlassen beim Leser letztendlich ein skeptisches Gefühl. Wie passiert das?

Bei allzu häufigem Gebrauch der Ich-Form, wenn aus dem Buch also eine persönliche Entdeckungsreise wird, verstellt die Person des Autors den Blick aufs Thema. Dies ist ein Gesamtproblem der Historiografie Afrikas und zeugt davon, dass die Komplexität des Kontinents die Komplexität übersteigt, die so manche Publikumsverlage zu akzeptieren bereit sind. Viele Autoren beschließen ein Buch über Afrika zu schreiben und begeben sich erst dann auf die Reise. Das Resultat ist meist Folklore auf unterstem Niveau. Schon deshalb haben Hope und ich uns entschieden, das neue Buch in der ersten Person zu schreiben, also aus Hopes Sicht. Ich spiele keine Rolle.

Christine ist heute Krankenschwester, scheinbar hat sie es geschafft ein neues Leben zu beginnen. Haben Sie noch Kontakt zu ihr?

Absolut. Wir mailen uns regelmäßig oder telefonieren. Mindestens einmal im Jahr besuche ich sie und ihre Familie in Uganda. Wir führen eine sehr lebendige Freundschaft. Für Christine Hope steht der Zusammenhalt der Gemeinschaft im Vordergrund. Selbst wenn Norduganda im Jahr 2012 bei weitem noch nicht perfekt ist, ist das Land auch kein Friedhof der Illusionen. Im Gegenteil. So hoffe ich, dass Christine Hopes Geschichte uns lehrt, dass die Selbstzweifel, die Furcht und die Stunden in Finsternis ebenso dazugehören wie die kostbaren Augenblicke, die einem das Herz öffnen, wenn man sich an sie erinnert. Ich bin Christine Hope dankbar für ihre Erinnerungen und dass sie den Mut aufgebracht hat, diese mit uns zu teilen.

Bitte grüßen Sie Christine recht herzlich von ihren deutschen Lesern. Herzlichen Dank für das interessante Gespräch!

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Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “Sönke C. Weiss: Hope.

  1. Maria L.

    Sehr beindruckend !! Das Buch werde ich für meinen Vater besorgen, wobei ich mich beeilen muss, damit es nicht vergriffen ist…

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