Volker Wortmann: Ein Fest für Leonore

Birke hat gerade mal eine Nacht in der neuen Wohnung geschlafen. Da klopft es Morgens laut an ihrer Wohnungstür. Es ist Leonore, eine alte feine Dame, mit der sich Birke sofort anfreundet.

Aber schon bald wird Leonore sehr krank und es ist abzusehen, dass sie Weihnachten nicht mehr erleben wird. Als Leonore Birke im Krankenhaus von ihrem Wunsch erzählt noch einmal das Weihnachtsoratorium zu hören, da setzt Birke alle Hebel in Bewegung um ihrer alten Freundin diesen letzten Wunsch zu erfüllen.

Sehr behutsam konfrontiert Volker Wortmann Birke plötzlich in ihrem Lebensalltag mit Themen wie Krankheit, Leiden und Sterben. Er beschönigt dabei nichts, erwähnt selbst die strähnig – fettigen Haare der schwerkranken Leonore.

Für mich gehört „Ein Fest für Leonore“ zu den schönsten Kinderbüchern zum Thema Sterben und Tod. Volker Wortmann speist weder Birke noch Leser mit billigen Antworten ab, er sucht gemeinsam nach Antworten die über den Tod hinaus reichen!

adeo, ISBn 978-3-942208-73-4, Preis 9,99 Euro

Volker Wortmann hat buecheraendernleben nun folgende Fragen beantwortet:

Lieber Volker Wortmann, soeben ist Ihr Buch „Ein Fest für Leonore“ erschienen. Leider wird es nirgends als Kinderbuch beworben, beim Lesen dachte ich immer mal wieder: Genau das Richtige für Kinder ab 10 Jahre. Für wen haben Sie dieses Buch geschrieben?

Das Buch ist für Kinder wunderbar geeignet. Aber in gleicher Weise auch für die Großen. Sie können die Geschichte um Leonore, um das Abschiedsfest und die damit verbundene Trauer aus Perspektive einer Zwölfjährigen erleben, und das heißt: mit einer ganz unbelasteten Sicht auf die Dinge. Vielleicht hilft uns diese Perspektive ja auch, auf dieses schwere Thema mit einem ganz neuen Blick zuzugehen. Auf Neudeutsch würde man sagen: Es ist ein „All-Age-Book“. Und am liebsten wäre es mir, wenn es Erwachsene zusammen mit ihren Kindern lesen könnten.

Birke heißt die Heldin des Buches. Mit ihrer Familie ist sie in eine neue Wohnung gezogen und gleich am ersten Morgen freundet sie sich mit Leonore an. Die alte Dame hat nur noch wenige Wochen zu leben. So wird Birke mit Themen um Sterben und Tod und was danach kommt konfrontiert. Warum sind diese Themen so wichtig, dass Sie jetzt ein Buch darüber geschrieben haben?

Ich finde es fatal, wie Sterben und der Tod noch immer aus unserem Alltag verdrängt werden, abgeschoben in Altersheime, Krankenhäuser, Intensivstationen. Und das sage ich, obwohl ich weiß, wie viel sich in den letzten Jahren durch Hospiz-Vereine und Palliativmedizin schon verändert hat. Doch noch immer tun wir so, als sei der Tod die größte Katastrophe des Lebens. Dabei kann uns die Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit nur dabei helfen, ein gutes, erfülltes Leben zu führen. Diesbezüglich waren uns die früheren Generationen um einiges voraus, denn die wussten noch davon.

Volker Wortmann

Birke und ihr neuer Freund kommen in der Geschichte besser weg als die Erwachsenen. Können sie besser mit Themen wie Sterben und Tod umgehen?

Kinder haben zumeist noch überhaupt keine Idee vom Sterben – zumindest bis zu ihrer ersten schmerzvollen Erfahrung. Deshalb sind sie im Buch ja auch in der Lage, mit Leonores Sterben ganz unbelastet umzugehen. Zugleich aber finde ich, dass sich auch die Erwachsenen ganz vorbildlich verhalten, zumindest Ingrid und Walter, die sich aufopferungsvoll um ihre Mutter kümmern. Ich hab das so erlebt, wie es in der Geschichte beschrieben wird, und war seinerzeit tief beeindruckt von diesem liebevollen Umgang der erwachsenen Kinder mit ihrer sterbenden Mutter. Das war sicherlich auch einer der Gründe, das Buch schreiben zu wollen.

Leonore hat im Krankenhaus einmal von einem ihrer letzten großen Wünsche gesprochen und Birke tut alles um diesen für Leonore wahr werden zu lassen. Warum sind wir großen schlauen Leute oft nicht so spontan so einen Wunsch in die Tat umzusetzen?

Wir Großen sind viel zu sehr in unser Alltagsleben eingebunden, als dass wir Zeit hätten, uns solche „spinnerten Ideen“ auszudenken – geschweige denn, sie auch umzusetzen. Dazu braucht es Kinder mit ihrer Fantasie und Unbeschwertheit. Aber die Kinder wiederum brauchen die Erwachsenen mit ihrer Erfahrung, um aus den verrückten Ideen ein wirkliches Fest werden zu lassen  –  wenn sie sich darauf einlassen. Man sollte Erwachsene und Kinder nicht gegeneinander ausspielen – wir brauchen einander, um uns gegenseitig zu bereichern.

Auf dem Cover des Buches steht „Eine Weihnachtsgeschichte“. Für mich ist Ihre Geschichte die ideale zum Totensonntag, liege ich da falsch?

Für mich ist die Geschichte tatsächlich sehr weihnachtlich. Aber natürlich nicht im romantischen Sinn: mit Schnee und knisterndem Kaminfeuer, pausbäckigen Engeln und rührenden Familiengeschichten. In meiner Geschichte schneit es nur einmal, und das ist der Schneeregen bei Leonores Beerdigung. Aber wenn ich an Jesu Geburt denke, und das heißt: Maria und Josef weit weg von ihrem Zuhause, ganz allein, ohne helfenden Mutter oder Hebamme, und wie sie gerade noch rechtzeitig in diesem Stall unterkommen und nicht einmal ein Bettchen für das Baby haben – dann glaube ich, dass die improvisierte Aufführung des Weihnachtsoratoriums für Leonore, irgendwann im Oktober, ohne richtiges Orchester und Solisten, aber mit viel Herzblut und Leidenschaft, dass also diese ganze unprofessionelle Inszenierung der Geburt Jesu ganz schön nahe kommt, näher zumindest als irgendeine weihnachtliche Prachtveranstaltung am 24. Dezember. Vielleicht muss man ja, um Weihnachten wieder erfahrbar zu machen, vieles am Fest aufbrechen und verschieben – vielleicht es sogar auch einmal um zwei Monate vorverlegen. Was dann bleibt, hat auf jeden Fall nichts mehr mit Kitsch, Kommerz und Betriebsamkeit zu tun.

Zuletzt finde ich dann aber auch noch den Umstand sehr weihnachtlich, dass in das Sterben der alte Frau ein neues Leben geboren wird – ihr Urenkelkind. Auch das hat sich seinerzeit so begeben und es war wie ein Licht in der Dunkelheit.

Vielen Dank für das interessante Gespräch!

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