Shlomo Sand: Die Erfindung des Landes Israel

Es ist gut, dass ausgerechnet ein Jude dieses Buch geschrieben hat. Alles andere wäre um des Themas Willen nicht gut gewesen. Um so mehr bewundere ich den Mut des Historikers Shlomo Sand für seine klaren Aussagen und Analysen.

„Während Jerusalem in den fünf Büchern Mose überhaupt nicht erwähnt wird, taucht das Land Kanaan bereits im Buch Genesis mehrfach auf und dient fortan als Ziel, Schauplatz, Geschenk, Erbe, erwählter Ort und vieles mehr.“ (93)

Bleibt die alles entscheidende Frage: Was ist Israel also? Der Autor hat den großen Vorteil seit Jahrzehnten in Israel zu leben. Auch wenn das Buch zunächst den Eindruck macht, als würde es sich um ein wissenschaftliches Werk in trockenem Intellektuellendeutsch handeln, liest es sich schnell und außerodentlich leicht, weil der Autor oft große religiöse oder politische Sachverhalte an eigenem Erleben oder dem seiner Familie beschreibt. Immer wieder beeindruckt Sand mit Hinweisen darauf, dass Israel nicht so einfach als das angestammte Land der Juden bezeichnet werden kann.

„Bereits auf dem Berge Sinai, unmittelbar nach Aushändigung der Zehn Gebote, verspricht Jahwe, wie gesagt, die autochthone Bevölkerung des Landes zu vertreiben, um Platz für seine auserwählte Gefolgschaft zu schaffen.“ (97)

Dieser Art der Beweisführung folgen noch viele Beispiele. Aber der Autor fürchtet sich nicht auch die politischen Ereignisse der letzten Jahrzehnte genau ins Visier zu nehmen und stellt den politisch Verantwortlichen des Staates Israel kein gutes Zeugnis aus. Vielmehr macht der Historiker den Politikern den Vorwurf seit Jahrzehnten nur mit ihrem Gerede von der nationalen Verteidigung Israels staatlichen Zusammenhalt zu beschwören. Auch mit den Zionisten geht er hart vor Gericht.

Bleibt die Frage, was will Shlomo Sand mit seinem Buch? In aller Deutlichkeit sagt er, dass er gern in seiner Universität in Tel Aviv arbeitet: „…sie ist mir lieb und teuer.“ (141) Er glaubt auch nicht, „… dass es den Nachkommen der palästinensichen Flüchtlingen jemals vergönnt sein wird, in Scharen in ihre Heimatorte ihrer Eltern oder Großeltern zurückzukehren.“

Am Schluß dieses Buches habe ich den Eindruck, dass Shlomo Sand nur sehr wenig Hoffnung auf Veränderungen in seinem Land hat. Er spricht zwar deutlich von der Verantwortung des Staates Israel für die heimatlos gewordenen Palästinenser, aber Hoffnung auf den politischen Willen der israelischen Politiker heute sieht anders aus.

Ein höchst interessantes Buch, an dem sich die Geister scheiden werden!

Propyläen, ISBN 978-3-549-07434-3, Preis 22,99 Euro

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