Monatsarchiv: November 2012

Iris Muhl: In jedem Atemzug ist deine Liebe

Zunächst dachte ich: „Ach du lieber Himmel, bloß kein Liebesgeseusel!“, aber dann war ich positiv überrascht. Die Autorin beschreibt in fünf Geschichten sehr
unterschiedliche Liebeserfahrungen. Mal ist die Frau viel älter, mal darf die Liebe nicht gezeigt werden und mal heißt die Liebende sogar Katharina von Bora.

Ohne die Kitschschublade zu bedienen ist es Iris Muhl gelungen Liebe zu beschreiben, die es Wert ist gepflegt zu werden, um die gekämpft und gerungen werden sollte. All dies beschreibt die Autorin in ihren Geschichten.

Ich habe überlegt warum dieses Buch wohl in einem christlichen Verlag erscheint. Gut, für einige der Frauen war Gott ein wichtiger Fakt in ihrem Leben. Aber reicht das aus? Ich glaube ja. Liebe, Zuneigung und Vertrauen sind wichtige Themen, die im Mittelpunkt dieses Buches stehen. Ich bin mir sicher, dass ebenso gut Gottvertrauen in so eine Beziehung zweier Menschen gehört. Eine nicht gerade schöne Annette von Droste – Hülshoff beispielsweise wusste sehr genau, dass sie nicht das Zeug zur Schönheitskönigin hat, aber sie hatte ein solides Fundament und Gottvertrauen. Daraus erwuchs ihr Mut sich zu einer Liebe zu bekennen, die nicht so alltäglich war.

Somit ein bezauberndes und zugleich liebenswertes Buch!

SCM Hänssler, ISBN 978-3-775-15392-8, Preis 14,95 Euro

Die Autorin Iris Muhl hat buecheraendernleben nun folgende Fragen beantwortet:

Liebe Iris Muhl,  Ihr  neues Buch heißt “In jedem Atemzug ist deine Liebe”. Sie haben  sich fünf  berühmte Damen der Geschichte gesucht und beschreiben deren
große Liebe. Was  ist eigentlich die große Liebe?

Begegnet ein  Mensch der grossen Liebe, dann springt das Herz und er meint,  hineinzugleiten in eine neue aber unbekannte Wirklichkeit, die noch viel schöner ist als alles Vertraute. Alles scheint sich in dieser Welt langsamer zu bewegen und seine Wahrnehmung ist einerseits geschärft für alles Schöne, andererseits verliert er manchmal die Realität sehr schnell aus den Augen. Diesen Umstand finde ich sehr interessant.

Als Vorstellungstext steht auf  der Rückseite des Buches: “Sie heiratete ihre große Liebe, Michel …”  Wie hat es gefunkt und warum hält es noch immer mit der großen  Liebe?

Ich begegnete Michel in Zürich an einem Sommerabend im  Jahre 1988. Und als er so dastand auf diesem unsäglichen Parkplatz  neben unseren gemeinsamen Freunden, gab ich ihm die Hand zur  Begrüssung, sah ihm in die blauen Augen, die in der Dunkelheit eher  schwarz wirkten, und ich wusste instinktiv, dass er der Mann für mein  Leben war. Weshalb ich das wusste, kann ich bis heute nicht deuten. Er  wusste es damals nämlich nicht. Aber das Gefühl war ganz eindeutig und klar  und ich folgte meinem Instinkt, was sich bis heute lohnte. Wir  sind nun seit  24 Jahre ein Paar. Dass es sich so lange hält, haben wir  Gott zu verdanken.  Wir haben uns gemeinsam verändert und gingen  gemeinsam unseren Weg auch im  Glauben. Ein Paar zu sein bedeutet,  miteinander auf Augenhöhe voranzugehen,  auch hin und wieder zu  streiten, um danach wieder dankbar zu sein und vor  allem, den anderen  so sein zu lassen, wie er ist. An sich selbst zu arbeiten,  hält die  Liebe frisch, finde ich.

Iris Muhl

Betrachte ich die in Ihrem Buch beschriebene Liebesgeschichte der Annette von Droste – Hülshoff  und  die Liebesgeschichte der Nannerl Mozart, so sind sie doch  alle sehr unterschiedlich, haben ihren ganz eigenen Charakter. Wie kam es  gerade zu dieser Auswahl und was haben alle diese  Liebesgeschichten gemeinsam?

Ich recherchierte intensiv und fand diese Frauenleben wahnsinnig spannend, besonders auch, – und  das klingt sicher etwas seltsam – da einige die Liebe nicht ausleben  durften, die ihnen begegnete. Das fand ich sehr dramatisch –  besonders, da ich diese Privileg ja habe – und traurig zugleich, denn  ich liebe dramatische Geschichten sehr.  Sie gehen so sehr  ans Herz und wühlen einen auf. Auch solche Filme mag ich, die die  Sinnlichkeit und Dramatik auf die Spitze treiben: Remains of the day,  Jane Eyre oder Abbitte zum Beispiel. Das macht gute Geschichten aus.  Alle diese Liebesgeschichten von Droste-Hülshoff, über Jane Austen bis  Nannerl Mozart sind also sehr dramatisch auf ihre Art. Immer wieder suche ich mir solche Geschichten für Bücher und ich merke, dass ich  nicht die einzige bin, die solche Geschichten liebt. Da gibt es eine  Menge Leser und Zuschauer, die solche Geschichten genauso lieben, wie  ich es tue. Das trifft sich gut.

Haben all diese  Geschichten  etwas mit dem christlichen Glauben zu tun oder warum  erscheint Ihr Buch ausgerechnet in einem christlichen Verlag?

Hänssler ist ein hervorragender Verlag und ich wollte schon  längere Zeit mit diesem Verlag  arbeiten. Deshalb verhandelte ich mit  ihm über ein anderes Biographieprojekt mit einem Globetrotter. Das Buchprojekt kam aber nicht zustande. Dann wollten  sie eine Leseprobe  sehen von einer Liebesgeschichte der Droste-Hülshoff, die ich aber für  einen Literaturwettbewerb geschrieben hatte. Die Geschichte war  noch  ein wenig sinnlicher, verspielter und komplexer als die im Buch. Danach traf ich die Cheflektorin und wir hatten die Idee, ein Buch über Liebesgeschichten berühmter Frauen zu machen. Ich musste die  Droste –  Geschichte leicht umschreiben und weitere Geschichten  erarbeiten. Es hat  wirklich großen Spaß gemacht. Ausserdem war Annette  von Droste-Hülshoff ihren  Gedichten zu entnehmen eine gläubige Frau.  Bei allen Damen, die ich  porträtierte, war eine Affinität zum  christlichen Glauben vorhanden. Jedoch  wage ich nicht zu beurteilen, wie zentral der Glaube im Leben dieser Damen war.

In  einer uralten Filmmelodie heißt es “Die Liebe, die Liebe ist  eine  Himmelsmacht” – ist sie das wirklich?

Ja. Die Liebe zwischen zwei Menschen ist etwas unsagbar Schönes und Kostbares. Und so soll sie auch behandelt werden. Diese Liebe genannt Eros ist die erotische Liebe, die uns alle  entzückt. Sie ist aber sehr intim, manchmal auch egoistisch und ist nur  zwischen zwei Menschen möglich. Die Agape, die göttliche Liebe, ist selbstlos  und bewegt die Menschen auch sehr  stark. Diese Liebe schlägt Brücken und überwindet Mauern. Egal, an welche Liebe Sie denken, in Geschichten ist das  Thema immer wichtig.  Die wichtigsten Themen des Lebens – Liebe, Freundschaft,  Glaube,  Neugier, Vertrauen, Familie, Sehnsucht, Leidenschaft, Krankheit, Not, Existenzangst ect. – sind immer in guten Geschichten zu finden. Der Autor sucht beim Schreiben immer die tiefgreifenden Wurzeln des Lebens und deshalb liebe ich das Schreiben so sehr.

Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg mit Ihrem Buch!

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Orientierungsbibel

Diese Orientierungsbibel ist ein Mammutwerk. Allein die 52 Seiten Einführung sind eine Herausforderung. Ich muss gestehen, ich habe sie erst einmal links liegen gelassen.
Beim durchblättern und verweilen bei einigen biblischen Geschichten, wird sofort sichtbar, was die Herausgeber dieser Bibel mit Orientierungsbibel gemeint haben. Biblische Bücher, auch einzelne Geschichten, werden von uns oft alleinstehend betrachtet. Hier in diesem Buch befindet sich auf jeder einzelnen Seite am unteren Seitenrand eine Zeitleiste. Allerdings ist diese so klein, dass ich sie beispielsweise nur mithilfe einer Lupe lesen kann.
Weiter sind jeweils am linken Rand wichtige Informationen gelistet. Schnell ist dort zu erfahren wie sich der jeweilige Text in die Gesamtkonzeption Bibel einordnet und an welcher Stelle in Gottes Plan mit uns Menschen wir uns gerade befinden. Dies tut gut, weil ich oft bei den nicht allzu bekannten Texten Schwierigkeiten mit der historischen Einordnung habe. Clever auch die Idee mit den beiden ausgeklappbaren Karten am Ende der Bibel. Diese können so ausgeklappt werden, dass ich als Leser meines biblischen Textes dann auf einen Blick sehen kann welcher König in welchen Jahren regierte und an welcher Stelle der heilsgeschichtlichen Phase ich mich gerade befinde.
Diese Orientierungsbibel lässt mir die Freiheit, den zusammenhängenden biblischen Text ohne störende Erklärungen im Text zu lesen, weil diese in einer extra Textspalte zusammengefasst sind. Der eigentliche biblische Text wird davon nicht berührt.
Fazit: Ein solides Werk für Bibelleser die mehr Informationen wollen!
R. Brockhaus, ISBN 978-3-417-25168-5, Preis 49,95 Euro

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Antworten der Verlage

Antworten der Verlage

Nachdem wir in der letzten Woche unseren Beitrag

https://buecheraendernleben.wordpress.com/2012/11/20/christliche-verlage-im-netz/#comments

veröffentlicht hatten, erreichten uns sehr schnell 17 Mails und acht online gepostete Kommentare. Gleich mehrere Autorinnen zeigten sich enttäuscht darüber, dass beim Francke Verlag in Marburg FB Seiten und Blog oft parallel laufen. Auf dem Blog ist oft mehrere Tage lang kein neuer Eintrag. Natürlich wissen auch wir, dass die Verlagsmitarbeiter täglich ihr Bestes geben und oftmals mit dem Führen ihrer Sprachrohre an die Grenzen ihrer Belastbarkeit stoßen. Vom Mitarbeiter für Presse – und Öffentlichkeitsarbeit Sven Gerhardt wollten wir jetzt wissen, warum es für den Verlag unverzichtbar ist, beide Informationsquellen nebeneinander laufen zu lassen. Sven Gerhardt:

„Unser Weblog gibt es schon seit einigen Jahren und wir haben treue Leser/innen, die dort immer wieder nach Neuigkeiten schauen. Unseren Facebook-Auftritt haben wir erst seit knapp 1,5 Jahren und wir stellen fest, dass sich die Leserschaft auf beiden Medien überschneidet. Auf dem Blog finden sich meist ausführlichere Artikel, die wir all denen zur Verfügung stellen wollen, die nicht bei Facebook aktiv sind. Andererseits sind die Blogeinträge auch interessant für unsere Facebook-Freunde. Daher verlinken wir die Artikel. Dass beides parallel läuft und sich Inhalte überschneiden, sehen wir nicht als problematisch an. Wir überlassen es unseren Lesern, über welche Quelle sie sich informieren möchten. Zudem haben wir ja auch noch unser Francke-Magazin, das es sowohl als Printausgabe, als auch in digitaler Form auf dem Onlinedienst »issuu« gibt. Wir setzen also auf mehrere Kanäle, um möglichst viele Menschen zu erreichen.

Dass wir nicht jeden Tag einen Facebook-Post oder Blogeintrag verfassen, hat mehrere Gründe. Zum einen möchten wir unsere Leser nicht mit ständigen Informationen »nerven« und posten auch ganz bewusst nicht jede belanglose Kleinigkeit. Zum anderen ist das natürlich auch eine Frage der Kapazitäten unseres recht kleinen Teams. In »ruhigeren« Zeiten erstellen wir natürlich häufiger Einträge, als in sehr arbeitsintensiven Phasen, in denen wir mit dem kompletten Team am Programm arbeiten. Da setzten wir definitiv Prioritäten. Ich bin sicher, dass unsere Leser das verstehen und sich zudem mehr über gute Bücher, als eine ständige Aktualisierung unserer Facebook- und Webseite freuen.“

Auch beim Brunnen Verlag in Basel gibt es natürlich nur fleißige Mitarbeiter. Auch hier wollten wir nachgefragt,  warum FB heute für die Verlage unverzichtbar ist. Lektorin Vera Hahn nahm sich für uns Zeit:

„Für uns als Brunnen Verlag Basel ist Facebook die ideale Lösung, da wir keine eigene Homepage besitzen, die wir mit Informationen versorgen könnten. Die war bis jetzt nicht zwingend nötig, da unsere Bücher durch unseren Webshop http://www.bibelpanorama.ch und unseren deutschen Partner, die Brunnen Verlags GmbH in Gießen mit http://www.brunnen-verlag.de, prima vertreten sind.

Nun wollten wir aber doch gerne – vor allem auch für unsere Schweizer Buchhandels- und Privatkunden – ein Portal haben, auf dem wir auf Neuerscheinungen, neu eingetroffene Bücher, Autorenlesungen, Rezensionen usw. hinweisen können. Da war Facebook wie gesagt die ideale Lösung und ist deshalb unverzichtbar für uns, weil wir auch nicht bloggen oder twittern.

Dass die Seite nicht täglich mit Informationen versorgt wird, liegt einerseits daran, dass es nicht täglich etwas zu berichten gibt. Andererseits möchten wir auch unsere „Follower“ nicht mit Informationen überfluten, so dass sie vielleicht versucht sind, uns „abzubestellen“.

Von den Kollegen aus Gießen versuchten wir herauszukitzeln was an den Gerüchten dran ist, dass sich schon zur Buchmesse in Leipzig einiges am Erscheinungsbild des Verlages im Netz ändern wird. Johannes Jahn aus der Abteilung Verkauf und Marketing brachte ein wenig Licht ins Dunkel:

„Wir planen eine Relaunch unserer Website und hoffen, dass unsere beauftragte Agentur gerade fleißig dabei ist, unsere Wünsche umzusetzen. Unser Ziel ist es, zur Buchmesse in Leipzig unseren neuen Verlagsauftritt präsentieren zu können.“

Lektor Nicolas Koch vom Brendow Verlag meinte auf die Frage warum Brendow bei FB ist: “ Wir möchten natürlich dort sein, wo unsere Kunden sind. Und das ist heutzutage (auch) Facebook. Gegenüber anderen Kommunikationsmöglichkeiten (z.B. der eigenen Homepage) bieten sich hier schon ein paar Vorteile:

Die Kunden müssen nicht gezielt die Seite ansteuern, sondern jeder, der sich für uns und unsere Produkte interessiert, bekommt automatisch die Statusmeldungen angezeigt.

Man kann auf Facebook sehr direkt mit den Kunden und auch dem Buchhandel kommunizieren: Die Hemmschwelle, im Verlag anzurufen, ist recht hoch, aber mal schnell was auf Facebook posten – kein Problem. Zum Beispiel haben Leute gefragt, ob ein Buch noch zu bekommen ist, ob ein Titel auf einer wahren Begebenheit basiert … Das kann man hier schnell klären!

Der Nutzen ist natürlich schwer einzuschätzen. Für uns geht es bei Facebook in erster Linie um Präsenz und Kundennähe, weniger um Absatzzahlen. Dass Leute auch mal einen Blick hinter die Kulissen des Verlages werfen können, hier und da auch mal ein Gesicht auftaucht und man sieht, wer hinter den Produkten steckt.“

Bei der verantwortlichen der vorbildlich geführten FB Seiten des SCM Hänssler Verlages Annegret Prause, haben wir nach den neuen positiven Erfahrungen mit FB Lesern gefragt und auch hier wollten wir wissen ob und vor allem warum FB heute unverzichtbar ist:

„Ob FB unverzichtbar ist, darüber kann man sicherlich streiten. Wir schätzen aber den schnellen und direkten Kontakt zu unseren Lesern. Es ist toll, Feedback und Anregungen zu bekommen und Bücherfans auf einer persönlicheren Ebene zu begegnen. Gleichzeitig macht es uns natürlich auch Spaß, ein bisschen Verlagsleben zu teilen.“ 

Fazit: Facebook ist für „unsere“ christlichen Verlage ein beliebter heißer Draht um den Leser schnell zu informieren und von ihm Feedback zu bekommen!

Sehr gern hätten wir auch einen Mitarbeiter von Gerth Medien zu Fragen unseres in der letzten Woche erschienen Beitrages gehört,  aber leider sind die Mitarbeiter dort, derzeitig bereits so im Weihnachtsstress, dass sie keine Zeit für uns haben.

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Matthias Stiehler: Väterlos

Spannend, aber doch nicht so ganz einfach zu Lesen ist dieses Buch. Der Autor ist dem Mangel an Väterlichkeit innerhalb unserer Gesellschaft auf der Spur. Grenzen setzen ist die wichtigste Aufgabe eines Vaters, meint der Autor und will sein bemerktes Defizit nicht nur im Sinne von Vater und Mutter innerhalb einer Familie verstanden wissen. Als Vater frage ich mich natürlich, warum nur der Vater Grenzen setzen sollte, aber das Thema hat mich gepackt und ich lese weiter.
Der Autor analysiert unter Berücksichtigung seiner Gesichtspunkte noch einmal über einige Seiten hinweg den Fall zu Guttenberg. Die Kanzlerin, die der Autor nun in der Vaterrolle sieht, hat nicht richtig gehandelt, so die Meinung des Autors. Bei den ersten Anzeichen für ein Abschreiben seiner Arbeit hätte die Kanzlerin zu Guttenberg nicht mehr schützen dürfen, sondern ihm sogleich seine Grenzen aufzeigen sollen. Einsichtig ist mir die Argumentation von Matthias Stiehler schon, aber irgendwie umständlich zu Papier gebracht. Er zeigt sehr gut, was mit allen Beteiligten geschehen wäre, wenn die Kanzlerin väterlich reagiert hätte. Schaden wäre von zu Guttenberg, der Regierung und unserer Gesellschaft abgewendet worden, leider ist dies durch das Verhalten der Kanzlerin nicht geschehen. Spinnt man an diesem Fall weiter, dürfte wohl zu behaupten sein, dass die vielen damaligen Peinlichkeiten um zu Guttenberg nicht geschehen wären, sein Wiedereinstieg in die Politik sicher möglich gewesen wäre. Fehlende Väterlichkeit verbaut also im Stiehlerschen Sinn Chancen.
Im zweiten Teil seines Buches baut der Autor eine Vision von der uns fehlenden Väterlichkeit. Aufbauend von der familiären Ebene, wechselt er wiederum oft zur gesellschaftlichen. Hier wird nun für mich umso deutlicher, was Stiehler meint.
Er nennt die erfreulich ansteigende Zahl von Vätern, die sich Zeit für ihre Väterzeit nehmen und er schreibt von den viel zu wenigen männlichen Erziehern in Kindergärten. All das hat Auswirkungen, nicht nur auf die Heranwachsenden. All dies ist richtig, aber dennoch glaube ich, hat der Theologe Matthias Stiehler seine vielen Themen im Buch nicht so dargestellt, dass eine breite Leserschaft ihm bis zum Schluss folgen wird. Es ist ein thematisches Herumspringen auf mindestens zwei Ebenen. Damit kein Zweifel aufkommt: für mich höchst spannend, aber man muss sich eben doch beim Lesen oft erst vergewissern, auf welcher Ebene Matthias Stiehler jetzt ist.
So ziemlich zum Schluss des Buches lese ich dann: Eben weil wir zu einer väterlosen Gesellschaft gekommen sind, sagen uns unsere Politiker heute nicht das Unangenehme, obwohl wir mittlerweise wissen, dass wir es zu hören bekommen müssen. Aus anderen Diskussionen heraus bin ich mir sicher, dass im zunehmenden Maße eine Sehnsucht nach Väterlichkeit besteht.
Äußerst interessant zu Lesen!
Gütersloher Verlagshaus, ISBN 978-3-579-6657-8, Preis 19,99 Euro
Dr. psych. Matthias Stiehler hat buecheraendernleben nun folgende Fragen beantwortet:

Lieber Matthias Stiehler, heute erscheint offiziell Ihr Buch „Väterlos“. Sie beklagen darin das Fehlen der Väterlichkeit in Familie und Gesellschaft. Was sagen Ihre Beobachtungen, seit wann nimmt sich der Mann zurück, nimmt seine Aufgaben nicht mehr richtig wahr?

Mit Beginn der Industrialisierung, also vor etwa 150 Jahren begann eine Herauslösung der männlichen Arbeitswelt aus der Familie. Die Väter waren nun viele Stunden außer Haus und die Kinderversorgung und alltägliche Erziehung lag viel stärker als zuvor in den Händen der Mutter. Als Folge dieser Entwicklung entstanden zwei Grundmuster: der autoritäre und der abwesende Vater. Dies führte in der Folge der modernen Geschlechterdebatte zu einer Ablehnung sogenannter „traditioneller Väterlichkeit“. Es wurde sogar immer wieder die Frage gestellt, ob es eines Vaters überhaupt bedarf und ob nicht die Mutter allein ausreicht. Und auch wenn die meisten Menschen die Frage so beantworten werden, dass ein Vater schon wichtig sei, ist die entscheidende Frage, wofür. In der gegenwärtigen familienpolitischen Diskussion lautet die Antwort: als Entlastung der Mutter. Das heißt, es fehlt an einer klaren Vorstellung, was denn die ganz eigenständige Aufgabe von Vätern bei der Kindererziehung ist.

Selbst bin ich vaterlos aufgewachsen. Heute habe ich fünf Kinder. Und bei Ihnen lese ich, dass Väter die Aufgabe haben Grenzen zu setzen. Rückblickend würde ich sagen, meine Mutter hat mir viel zu viele Grenzen gesetzt. Warum ist das Grenzensetzen gerade Männersache?

Die Beantwortung dieser Frage muss differenziert erfolgen und zeigt auch die Schwierigkeit, die das Thema Väterlichkeit aufwirft. Es geht als allererstes um ein Prinzip menschlicher und gesellschaftlicher Beziehungen. Überall da, wo Menschen, aber auch Institutionen für Menschen Entscheidungen treffen und tätig werden, wirken sie „mütterlich“ und/oder „väterlich“. Das mütterliche Prinzip meint Gewähren, Fürsorge, Aufmerksamkeit, liebevolle Umsorgung. Das väterliche Prinzip meint bei Weitem nicht nur Grenzen ziehen, sondern ebenso Strukturierung, Prinzipienfestigkeit, Zumutung. Bildlich können wir uns das vorstellen als „Mutterraum“ und „Vaterkraft“.

Diese Darstellung zeigt, dass diese beiden Prinzipien erst einmal nicht geschlechtsspezifisch zu verstehen sind. Mütter müssen auch väterlich, Väter auch mütterlich agieren. Dass überhaupt die Begriffe „Mütterlichkeit“ und „Väterlichkeit“ sinnvoll sind, hängt mit der grundlegenden und unaufhebbaren biologischen Ausgangssituation zusammen. Ein Kind wächst im Bauch der Mutter heran und ist auf sie in der ersten Zeit existenziell angewiesen. Sie ist die Nährerin, die Umsorgende, die Selbstverständliche. Der Vater ist dagegen der Hinzukommende. Der Fachbegriff für diese Aufgabe des Vaters in der frühen Entwicklung des Kindes lautet „Triangulierung“ und er bedeutet, dass damit die ursprüngliche Zweisamkeit von Mutter und Kind aufgelöst wird. Das ist zwangsläufig störend und trifft auf den Widerstand des Kindes, ermöglicht aber dessen soziale Entwicklung. Für ein heranwachsendes Kind ist demnach beides notwendig. Mütterlichkeit und Väterlichkeit müssen in einem guten Ausgleich zueinander sein.

Dr. Matthias Stiehler

In den heutigen Familien ist jedoch sehr oft ein Mangel an Väterlichkeit festzustellen. Und das gerade auch bei den Vätern, die sich aktiv in die Kinderbetreuung hineinbegeben. Zumeist tun sie das, indem sie die Rolle einer zweiten Mutter übernehmen. Sie sind Versorger, Spielkamerad, aber oft zu wenig väterliches Gegenüber.

Später nivelliert sich der geschlechtsspezifische Unterschied in der Elternrolle zunehmend, wirkt aber tendenziell fort. Das zeigt sich beispielsweise auch dann, wenn die Kinder das Elternhaus verlassen. Hier berichten viele Mütter, dass ihnen dabei „etwas aus der Seele geschnitten wurde“. Nicht umsonst wird in dieser Phase auch vom „Hotel Mama“ gesprochen. Und auch wenn sich das im Einzelfall genau anders herum darstellen kann, bleibt tendenziell die Geschlechterdifferenzierung bestehen und rechtfertigt den Gebrauch der Begriffe „Väterlichkeit“ und „Mütterlichkeit“.

Für mich war das Buch sehr spannend, aber nicht ganz einfach zu Lesen, weil es auf mindestens zwei nicht leichten Ebenen spielt. Sie reden von Familie und Gesellschaft, überall ist das Fehlen von Väterlichkeit zu bemerken. Mit dem Beispiel Merkel – zu Guttenberg haben Sie ein herrliches Beispiel für das gebracht, was Sie meinen. Mir leuchtet ein, hätte die Kanzlerin ihrem Herrn Minister gleich auf die Finger geklopft und ihn nicht erst wie die Mutti beschützt, dann wäre das leidige Theater schneller beendet gewesen und das Abschreiben nicht zum Kavaliersdelikt verkommen. Wem hat die Kanzlerin mit ihrer mütterlichen Art geschadet.

Das zentrale Problem, das ich in den Familien wie in der Gesellschaft gleichermaßen feststelle, ist eine Ablehnung der als unangenehm empfundenen Väterlichkeit. Wenn wir uns die oben genannten Eigenschaften von Väterlichkeit vor Augen halten, dann sind sie im ersten Moment oft nicht schön. Angenehmer scheint das Gewähren, das Verständnis, die unerschöpfliche Versorgung zu sein.

Die dramatischste Folge einer überbordenden Mütterlichkeit ist die weltweite Schuldenkrise. Hier fehlte es jahrzehntelang an einer rechtzeitigen Begrenzung. Wir sehen es jetzt schon an Griechenland, dass die Spätfolgen für die Menschen furchtbar sind. Aber wir sollten dabei gar nicht so sehr auf andere schauen. Auch hier in Deutschland wird eine Politik betrieben, die möglichst wenig begrenzend, möglichst wenig schmerzhaft sein soll. Ich bringe in meinem Buch nicht nur das Beispiel Merkel-Guttenberg. Die reflexartige Ablehnung von als unangenehm empfundenen Entscheidungen ist in allen Bereichen des öffentlichen Lebens unsere Normalität. Es ist auch keinesfalls den Politikern allein anzurechnen. Wir machen da gleichermaßen mit. Zerstört wird dabei auch moralisches Handeln.

Betrachten wir wieder die Familien, haben Sie Angst, dass die Kinder von heute Weicheier werden? Und wenn ja, wie wird sich das für unsere Gesellschaft auswirken?

Michael Winterhoff beschreibt in seinen Büchern eindrucksvoll, wohin es führt, wenn Kinder zu wenig Struktur und Führung erhalten. Entwicklungsdefizite und soziale Fehlentwicklungen sind die Folge, die wir längst beobachten können.

Für das erwachsene Leben muss festgestellt werden, dass viele junge Menschen orientierungslos sind. Das zeigt sich in einer Zunahme von Depressionen, aber auch – quasi als Gegenreaktion – im rechtsextremen und gewalttätigen Verhalten.

Was mir besondere Sorge macht, sind die hohe Zahl an Scheidungen und Trennungen sowie die immer häufiger anzutreffende Ablehnung der eigenen Elternschaft. Hier zeigt sich, dass es eine immer größere Abneigung gegenüber Beschwerlichkeiten des Lebens gibt. Das Leben soll einfach so laufen, Anstrengungen werden gescheut. Das sehe ich als unmittelbare Folge eines Mangels an Väterlichkeit.

Wie haben Sie eigentlich Ihren Vater in Erinnerung?

Mein Buch ist eine Analyse der gegenwärtigen Situation, die in etwa mit meiner Generation – ich bin jetzt 51 Jahre alt – Einzug gehalten hat. Mein Vater war für mich als Jungen oft unerreichbar, der typisch abwesende Vater. Und wenn er zu Hause war, hat er häufig im Auftrag der Mutter autoritär „mit der Faust auf den Tisch gehauen“. Ich wollte es dann anders machen und bin als Vater dann selbst in die Falle des „unväterlichen Vaters“ getappt. Daraus hat sich ein mühevoller Lernprozess entwickelt, dessen Ergebnisse ich in dem Buch niedergeschrieben habe – natürlich angereichert durch meine jahrelange Männer- und Paararbeit, meine männerpolitischen Aktivitäten und meine wissenschaftliche Forschung.

Wer sollte Ihr Buch lesen und was glauben Sie, was kann es beim Leser bewirken?

Väter haben wir alle und Frauen wie Männer müssen sich mit den Prinzipien „Mütterlichkeit“ und „Väterlichkeit“ auseinandersetzen. Worum es mir aber vor allem geht, ist eine gesellschaftliche Diskussion, was die eigenständigen Aufgaben von Vätern sind. Die jetzige gesellschaftliche Anschauung, dass Väter die zweiten Mütter sind, muss überwunden werden. Und zwar zum Wohl unserer Kinder, aber auch für eine bessere Verfasstheit unserer Gesellschaft. Wir wissen längst, dass unser Wohlstand nicht endlos wachsen kann und bereits heute zerstörerisch wirkt. Daraus kaum Konsequenzen zu ziehen, wie es derzeit in der Politik geschieht, lässt sich als Mangel an Väterlichkeit beschreiben.

Vielen Dank für das interessante Gespräch!

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Sandra Hoffmann: Was ihm fehlen wird, wenn er tot ist

Janek Bilinski liegt im Hospiz und wartet auf seinen Tod. Er hat Blasenkrebs, macht in die Hosen und seine Gedanken entschwinden ihm manchmal.

Gefühlvoll beschreibt Sandra Hoffmann das Leben des Alten. Sein Warten auf den letzten Tag, aber auch was er ein Leben lang erlebt hat, bestimmen seinen Tagesablauf. Alles erzählt er seiner Krankenschwester.

Die Geschichte dieses Mannes berührt, ganz besonders an so einem Tag wie heute – Totensonntag. Gleich mehrere Erzählebenen verfolgt die Autorin. Da ist das würdevolle Sterben, welches leider in unserer so reichen Gesellschaft nur wenigen Menschen ermöglicht wird, und da ist die Möglichkeit zu reden. Viele Sterbenden würden gern reden, haben aber niemanden.

Ein Buch zum Nachdenken, denn einmal kommt auch Deine letzte Stunde.

Hanser Berlin, ISBN 978-3-446-24028-5, Preis 17,50 Euro

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Karen Armstrong: Die Geschichte von Gott

 

„Die Geschichte von Gott“ mag für einige ein ketzerischer Titel sein. Im Buchtitel steckt bereits die Möglichkeit, dass Gott veränderbar beziehungsweise formbar ist. Aber ist er nicht eine feste Konstante der wir uns immer wieder anvertrauen und auf die wir vertrauen dürfen?

Die Autorin beschäftigt sich in ihrem Buch mit den vielen Gottesbildern die existieren und vor allem stellt sie die provokative Frage: Formen wir Menschen uns von Anbeginn an unseren Gott nach unseren Wünschen?

Ja, dass tun wir, meint die ehemalige britische Nonne. Und sie legt in beeindruckender Weise vor, was sich ihr in Jahrzehnten erschlossen hat. Was die Religionswissenschaftlerin hier zu Papier gebracht hat ist richtungsweisend. Karen Armstrong geht davon aus, dass Menschen schon immer das Bild von Gott nach ihren jeweiligen Lebensverhältnissen geformt haben. In leicht verständlicher Form erklärt sie dies in ihrem Buch und man eilt förmlich durch ihr Werk, weil die Autorin zu begeistern weiß. Oft erging es mir beim Lesen so, dass ich „ja“ zum eben gelesenen sagen musste und dann vor dem Fazit der Autorin stand. Und dies war nicht etwa ablehnend Gott gegenüber.

Denn Karen Armstrong ist sich sicher, selbst nach dem Wissen um das sich ändernde Gottesbild brauchen wir ihn auch in der Zukunft.

Was die Autorin mit ihrem Buch geschaffen hat, ist ein Bild von ihm geworden, welches ihn in archaischen Anfängen zeigt und welches sehr deutlich macht: Gott ist auch in der Gegenwart wichtig für uns Menschen.

Pattloch, ISBN 978-3-629-13005-1, Preis 24,99 Euro

 

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Jörg Zink: Aufrecht unter dem Himmel

 

 

 

 

Mit diesem Festbuch stieß ich darauf, dass ich exakt 40 Jahre nach Jörg Zink geboren wurde. Vielleicht erklärt dies ein wenig, warum ich seit Jahrzehnten
alle seine Bücher in mich aufsauge und mir schon zu DDR-Zeiten seine Bücher in die DDR schmuggeln ließ.

Fünfzehn Autoren haben nun in diesem Büchlein dem 90-jährigen Jubilar Jörg Zink ihre Aufwartung gemacht. Mir ganz aus dem Herzen spricht die ebenfalls aus der DDR stammende Katrin Göring-Eckardt. Sie weißt darauf hin, dass Zink gerade einer ist, der mit verständlichen Worten von jenem fernen Gott zu sprechen vermag, dessen wir bedürfen und mit Worten, die uns Freiheit bringen.

Wie sie in Jörg Zink den „Archetyp des alten Weisen erkennen“ durfte, beschreibt Marion Küstenmacher. Sie berichtet von Besuchen beim Jubilar und ist fasziniert wie geistig rege er mit weit über 80 noch ist. Sie erinnert, dass der Jubilar oft seiner Zeit vorraus war und bringt als Beweis seinen bekannten Satz: „Der Konfessionsgott ist ein Götze, dem viel zu viel geopfert wird, das wissen wir doch!“ Sie erinnert daran, dass Zink oft in seinem Leben angefeindet wurde und zitiert ihn mit den Worten: „Das gehört zum Leben dazu. Aber man darf da nicht in Resonanz gehen und das Böse erwidern. Man geht mit Jesus in Resonanz, das führt zur inneren Versöhnung.“

Es ist ein sehr schönes Festbuch zu Ehren von Jörg Zink geworden. Er kommt selbst auch des öfteren zu Wort. Die Autoren zeichnen einen jeweils anderen Blick auf den Jubilar und machen das Bild über ihn rund und vielseitig zugleich.

Dem Jubilar Jörg Zink wünsche ich noch schöne Jahre hier auf Gottes Erden und wenn er eines Tages abberufen wird, wünsche ich ihm die gleiche Gelassenheit, die er mich lehrte. Vielen Dank Jörg Zink!

Gütersloher Verlagshaus, ISBN 978-3-579-06582-3, Preis 17, 99 Euro

 

Hier zwei neue interessante Seiten zum Werk von Jörg Zink:

http://www.joerg-zink.de/gottesgedanken-2/

und

http://www.joergzink90.de/

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