Hanns – Josef Ortheil: Das Kind, das nicht fragte

Ortheil verwickelt mich immer wieder in Geschichten und fasziniert mich mit Gestalten, denen ich im wahren Leben sicher aus dem Weg gehen würde. So auch diesmal. Sein Protagonist, der Ethnologe Benjamin Merz, landet gerade mit dem Flugzeug auf Sizilien. Eigentlich will Benjamin die Lebensgewohnheiten der Menschen in Mandlica erforschen.
Dafür allerdings muss er mit Menschen ins Gespräch kommen, ihnen Fragen stellen und schon ist Hanns – Josef Ortheil am eigentlichen Problem dran. Benjamin ist menschenscheu, wie er selbst rückblickend sagt von „starken Phobien“ geplagt. Er hat vier große Brüder. Sie sind wesentlich älter als er und nahmen ihm, als sie noch Kinder waren, die Luft und die Freiheit für eine gesunde Entwicklung. Nahm die Familie beispielsweise die Mahlzeiten ein, saß der kleine Benjamino eingekeilt zwischen Vater und Mutter und sagte kein Wort. Gespräche liefen nur zwischen den großen Brüdern und den Eltern. Verstand er einmal nichts, traute er sich nicht nachzufragen. Manchmal kam es vor, dass er einfach vom Mittagstisch aufstand, weglief und sich in seinem Zimmer einschloss. Seine Eltern reagierten viel zu spät auf Benjamins Fehlentwicklungen.
Benjamin Merz mietet sich in Mandlica in einer Pension ein, die von einer redseligen Deutschen geführt wird. Ihre Schwester, die schweigsame Paula, wohnt auch in der Pension. So wie Benjamin seine Forschungsarbeit beginnt, so blickt er zurück in sein Leben. Er bekommt Kontrollanrufe seiner besorgten Brüder, die alle in Köln leben und er nimmt den Leser mit hinein in die Beziehung zwischen ihm und dem lieben Gott. Ich bin dabei als der Katholik Benjamin kurz vor seiner Kommunion zum ersten Mal in seinem Leben auf dem Beichtstuhl sitzt und vom Priester erfährt, wie ein Gespräch mit Gott möglich ist. Ich spüre förmlich, wie Benjamin in dieser Sekunde aufgeatmet hat.
Den Erzählungen Ortheils kann man sich als Leser kaum entziehen. Viel zu geschickt erzählt der Autor von Benjamin und sich selbst. Ohne etwas von der Handlung hier preis zu geben, kann ich behaupten: Es war für Benjamin Merz sehr heilsam diese Forschungsreise zu beginnen, sie endet in einer Befreiung des ängstlichen Typs und für mich war es ein herrliches Leseereignis mit nachdenklich stimmenden, aber lohnenswerten Szenen über das Leben an sich und über den lieben Gott!
Luchterhand Literaturverlag, ISBN 978-3-630-87302-2, Preis 21,99 Euro
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3 Kommentare

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3 Antworten zu “Hanns – Josef Ortheil: Das Kind, das nicht fragte

  1. Danke für die interessante und überzeugende Besprechung. Ich hatte das Buch bereits in der Vorschau entdeckt und auf meine Wunschliste gesetzt, weil mich die Kurzbeschreibung sehr angesprochen hat. Bisher kenne ich noch nichts von Ortheil, dies wäre mein erstes Buch von ihm. Wie bist du auf das Buch aufmerksam geworden? Hattest du zuvor schon etwas von ihm gelesen?

  2. buecheraendernleben

    Ortheil gehört für mich zu den zeitgenössischen Autoren die wirklich etwas mit Potenzial zu sagen haben. Unbedingt empfehlenswert ist auch sein Roman „Die Erfindung des Lebens“. Dir viel Spaß beim Lesen!

  3. köppl

    endlich jemand, der nicht den klappentext abtippt, danke vielmals!!!

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