Florian Sitzmann: Bloß keine halben Sachen

 

 

Florian Sitzmann will auffallen wie ein bunter Hund, damit alle über ihn reden. Sicher werden dies auch so gut wie alle tun, die ihm draußen auf der Straße begegnen, denn er hat keine Beine. Der Autor ist ohne Beine unterwegs und hat nicht die Absicht sich in seinen vier Wänden zu verstecken. Er will, dass die Menschen mit Rollstuhlfahrern reden, denn nur so können Barrieren abgebaut werden.

In seinem Buch hakt der Autor akribisch alle Lebensbereiche ab. Er beschreibt wie es war, ein Auto zu finden und was es für einen Rollstuhlfahrer überhaupt bedeutet, ein Auto fahren zu können. Weitere Themen, die er aufgreift, sind Wohnen, Arbeit, Liebe, Mode und viele weitere.

Beeindruckt bin ich von seinem 14. Kapitel. Der Autor schwärmt von gelungener Inklusion und schreibt oben drüber: „Ein Traum, der wahr werden kann“. Im Text wird dann schnell klar, der Autor will kein Mitleid, er hat hohe Erwartungen an beide Seiten, an Nichtbehinderte und Rollstuhlfahrer.

Florian Sitzmann lässt uns in sein Leben hinein und will uns in einen Dialog ziehen. Entziehen wir uns diesem, werden wir die immer noch bestehenden Barrieren mitten in Deutschland nicht los!

 

 

Gütersloher Verlagshaus, ISBN 978-3-579-06649-3, Preis 17,99 Euro

Florian Sitzmann hat buecheraendernleben jetzt folgende Fragen beantwortet:

Hallo Florian, Dein zweites Buch erscheint in diesen Tagen. „Bloß keine halben Sachen“ heißt es und Du beschreibst darin Dein Leben als Rollstuhlfahrer im noch lange nicht barrierefreien Deutschland. Was glaubst Du was kannst Du mit so einem Buch bewirken?

Ich bin seid einer ganzen Weile in den Medien unterwegs, habe somit neben meiner Webseite eine Plattform auf der ich publizieren kann. Das „drüber reden“ ist der erste Schritt für Veränderungen. Und eben das provozieren ich mit meinen Auftritten. Ich hoffe das die Menschen sich darüber unterhalten, dass sie einen ohne Füße gesehen haben, erfahren haben wie er das macht und das zu einem Teil mit in ihren Alltag nehmen, damit Ihnen auffallen kann wo es noch hakt. Früher oder später kommt jeder an den Punkt an dem er sein Leben an seine körperliche Konstitution anpassen muss. Der eine früher, der andere etwas später 🙂

Vor 30 Jahren bin ich mit anderen zusammen und zehn Rollstuhlfahrern für eine Woche lang durch Mecklenburg gewandert. Viele Autofahrer hielten damals an und wollten unbedingt helfen, weil sie glaubten es wäre ein Unfall geschehen. Wenn wir ihnen erklärten, dass wir eine lustige wandergruppe sind schüttelten sie verständnislos den Kopf und manche fühlten sich als Autofahrer plötzlich von uns belästigt. Erlebst du es heute auch noch, dass Nichtbehinderte Rollifahrer einfach in Schubladen stecken und diesen es sehr schwer gemacht wird da wieder rauszukommen?

Florian Sitzmann

Ich für meinen Teil bin damit im Alltag nicht konfrontiert, da ich die Menschen nicht dazu kommen lasse mich in eine Schublade zu stecken.

Was mir an Deinem Buch positiv auffällt, Du sagst Du willst nicht mit Samthandschuhen angefasst werden, Du willst gefragt werden, auch von fremden Menschen. Warum ist das wichtig und für wen ist das wichtig?

Es ist oft der erste Satz, der das Eis schmilzen lässt und eventuelle Vorurteile abbaut. Wenn man zeigt das man jemand ist und auch etwas will, ist Behinderung zweitrangig. Auf den Auftritt kommt es an. Das es viele Menschen mit Behinderung gibt da draußen denen das nicht so geht wie mir weiss ich. Oft liegt das wohl aber auch an Berührungsängsten derer die keine Behinderung haben. Und man kann Ihnen das auch nicht wirklich vorwerfen. Woher sollen sie den wissen, wie sie mit einem Menschen umgehen sollen der eine Behinderung hat!? Aufklärungsarbeit ist hier wichtig und auch mein tägliches Brot :). Da müssen vorallem die Menschen mit Behinderung denen die keine haben was abnehmen. Zum Beispiel die Scheu! Wenn mich Menschen fragen wie sie mich ansprechen und behandeln sollen, sage ich immer…na normal oder wollen sie mit mir ein Treppenwettsteigen veranstalten, dann reden wir noch mal drüber. Die meisten vergessen das ich im Rollstuhl sitze wenn sie mal eine Weile mit mir im Gespräch sind.

Vor 30 Jahren kannte ich in der DDR jugendliche Rollstuhlfahrer die sich im Altersheim mit 90-jährigen Opas ein Zimmer teilen mussten, ist so etwas heute noch denkbar?

Ich denke das ist es. Es ist aus meiner Sicht auch eher positiv. Ich habe von meinen Großeltern viel gelernt fürs Leben. Ob man überhaupt zwei Menschen in einem Altersheim oder einer Einrichtung längerfristig zusammen in einem Zimmer unterbringen sollte ist hier wohl eher die Frage. Nicht wie alt sie sind oder woher sie kommen.

Im Buch schreibst Du über Deine persönliche Wohnsituation. Ich hab mich beim Lesen gefragt: „Oh man, wie hat er das alles bezahlt.“ Sind umgebaute Möbel nicht furchtbar teuer?

Ich habe viele Holzmöbel. Ich mag diesem Werkstoff, wollte ich doch in meinem Leben auf zwei Beinen gerne Schreiner werden. Ich schlug einen anderen Weg ein, habe aber zu dem Schneidermeister der mich als 15-jähriger ein Schulpraktikum machen lies ein sehr gutes Verhältnis. Er zählt zu meinem inneren Kreis. Er hilft mir etwas zu fertigen wenn ich einen Wunsch habe. So bleibt es finanzierbar.

Wenn Du draußen unterwegs bist, ziehst Du sicher viele neugierige Blicke auf Dich. Wie empfindest Du das? Im Buch sagst Du an einer Stelle, es sei ein Weg der Kommunikation. Aber mal ganz ehrlich, gehen Dir die neugierigen Blicke nicht wenigsten hin und wieder auf den nicht vorhandenen Senkel?

Florian Sitzmann

Ich bin immer ehrlich und kann sagen: nein 🙂 ich denke so: jeder der mich sieht, Fragen hat und diese nicht sofort an mich stellt, wird den Tag wohl unwissender beenden als ich ;-). Ich würde auch schauen, wenn der „bunte Hund“ an mir vorbei geht. Es ist nichts dabei zu schauen. Es ist letztendlich auch ein Test für den der angeschaut wird, wie gut er mit seiner Situation umgehen kann und über den Dingen steht. Es kann das Selbstbewusstsein stärken, wenn man in der Anfangszeit einer Rollikarriere nach einem „Stadt-Gaffer-Tag“ nach Hause kommt und denkt: „ich habe das heute gut gemacht und alle anderen dürfen mich mal gern haben“ Ich geh meinen Weg!

Ein bisschen Zeit und Anstrengung vergeht bis man da hinkommt, aber der Lohn ist dann ein gutes Gefühl und irgendwann eine selbstverständliche Nichtbeachtung derer die Schauen und die Fixierung aufs Wesentliche ;). Sein eigenes Leben.

Inklusion ist heute das Zauberwort. In Deinem 14. Kapitel im Buch träumst Du einen Traum. Es geht um den Idealzustand im Zusammenleben von Rollstuhlfahrern und den sogenannten Nichtbehinderten. Was glaubst Du warum ist dieser Zustand schon seit Jahrzehnten nicht zu erreichen?

Zum einen sicher, weil es zu wenig flächendeckende Aufklärungsarbeit über Menschen mit Behinderung gibt. Der Wahnsinn an sich schon, denn rund 10% der Deutschen sind Menschen mit Behinderung! Zum anderen aus meiner Sicht auch, weil es viel mehr Menschen mit Behinderung geben muss die über eben diese Behinderung öffentlich sprechen sollen! Typen wie ich einer bin. Es gibt ein paar, aber eben zu wenig! Auch die Politik könnte sich hier und da mehr einsetzen. Warum Herr Schäuble da nicht seine Prominenz nutzt um großes zu bewegen, ist mir ein Rätsel. Er ist eben Politiker und kein Behinderter 😉

Vielen Dank für das Interview!

 

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