Matthias Stiehler: Väterlos

Spannend, aber doch nicht so ganz einfach zu Lesen ist dieses Buch. Der Autor ist dem Mangel an Väterlichkeit innerhalb unserer Gesellschaft auf der Spur. Grenzen setzen ist die wichtigste Aufgabe eines Vaters, meint der Autor und will sein bemerktes Defizit nicht nur im Sinne von Vater und Mutter innerhalb einer Familie verstanden wissen. Als Vater frage ich mich natürlich, warum nur der Vater Grenzen setzen sollte, aber das Thema hat mich gepackt und ich lese weiter.
Der Autor analysiert unter Berücksichtigung seiner Gesichtspunkte noch einmal über einige Seiten hinweg den Fall zu Guttenberg. Die Kanzlerin, die der Autor nun in der Vaterrolle sieht, hat nicht richtig gehandelt, so die Meinung des Autors. Bei den ersten Anzeichen für ein Abschreiben seiner Arbeit hätte die Kanzlerin zu Guttenberg nicht mehr schützen dürfen, sondern ihm sogleich seine Grenzen aufzeigen sollen. Einsichtig ist mir die Argumentation von Matthias Stiehler schon, aber irgendwie umständlich zu Papier gebracht. Er zeigt sehr gut, was mit allen Beteiligten geschehen wäre, wenn die Kanzlerin väterlich reagiert hätte. Schaden wäre von zu Guttenberg, der Regierung und unserer Gesellschaft abgewendet worden, leider ist dies durch das Verhalten der Kanzlerin nicht geschehen. Spinnt man an diesem Fall weiter, dürfte wohl zu behaupten sein, dass die vielen damaligen Peinlichkeiten um zu Guttenberg nicht geschehen wären, sein Wiedereinstieg in die Politik sicher möglich gewesen wäre. Fehlende Väterlichkeit verbaut also im Stiehlerschen Sinn Chancen.
Im zweiten Teil seines Buches baut der Autor eine Vision von der uns fehlenden Väterlichkeit. Aufbauend von der familiären Ebene, wechselt er wiederum oft zur gesellschaftlichen. Hier wird nun für mich umso deutlicher, was Stiehler meint.
Er nennt die erfreulich ansteigende Zahl von Vätern, die sich Zeit für ihre Väterzeit nehmen und er schreibt von den viel zu wenigen männlichen Erziehern in Kindergärten. All das hat Auswirkungen, nicht nur auf die Heranwachsenden. All dies ist richtig, aber dennoch glaube ich, hat der Theologe Matthias Stiehler seine vielen Themen im Buch nicht so dargestellt, dass eine breite Leserschaft ihm bis zum Schluss folgen wird. Es ist ein thematisches Herumspringen auf mindestens zwei Ebenen. Damit kein Zweifel aufkommt: für mich höchst spannend, aber man muss sich eben doch beim Lesen oft erst vergewissern, auf welcher Ebene Matthias Stiehler jetzt ist.
So ziemlich zum Schluss des Buches lese ich dann: Eben weil wir zu einer väterlosen Gesellschaft gekommen sind, sagen uns unsere Politiker heute nicht das Unangenehme, obwohl wir mittlerweise wissen, dass wir es zu hören bekommen müssen. Aus anderen Diskussionen heraus bin ich mir sicher, dass im zunehmenden Maße eine Sehnsucht nach Väterlichkeit besteht.
Äußerst interessant zu Lesen!
Gütersloher Verlagshaus, ISBN 978-3-579-6657-8, Preis 19,99 Euro
Dr. psych. Matthias Stiehler hat buecheraendernleben nun folgende Fragen beantwortet:

Lieber Matthias Stiehler, heute erscheint offiziell Ihr Buch „Väterlos“. Sie beklagen darin das Fehlen der Väterlichkeit in Familie und Gesellschaft. Was sagen Ihre Beobachtungen, seit wann nimmt sich der Mann zurück, nimmt seine Aufgaben nicht mehr richtig wahr?

Mit Beginn der Industrialisierung, also vor etwa 150 Jahren begann eine Herauslösung der männlichen Arbeitswelt aus der Familie. Die Väter waren nun viele Stunden außer Haus und die Kinderversorgung und alltägliche Erziehung lag viel stärker als zuvor in den Händen der Mutter. Als Folge dieser Entwicklung entstanden zwei Grundmuster: der autoritäre und der abwesende Vater. Dies führte in der Folge der modernen Geschlechterdebatte zu einer Ablehnung sogenannter „traditioneller Väterlichkeit“. Es wurde sogar immer wieder die Frage gestellt, ob es eines Vaters überhaupt bedarf und ob nicht die Mutter allein ausreicht. Und auch wenn die meisten Menschen die Frage so beantworten werden, dass ein Vater schon wichtig sei, ist die entscheidende Frage, wofür. In der gegenwärtigen familienpolitischen Diskussion lautet die Antwort: als Entlastung der Mutter. Das heißt, es fehlt an einer klaren Vorstellung, was denn die ganz eigenständige Aufgabe von Vätern bei der Kindererziehung ist.

Selbst bin ich vaterlos aufgewachsen. Heute habe ich fünf Kinder. Und bei Ihnen lese ich, dass Väter die Aufgabe haben Grenzen zu setzen. Rückblickend würde ich sagen, meine Mutter hat mir viel zu viele Grenzen gesetzt. Warum ist das Grenzensetzen gerade Männersache?

Die Beantwortung dieser Frage muss differenziert erfolgen und zeigt auch die Schwierigkeit, die das Thema Väterlichkeit aufwirft. Es geht als allererstes um ein Prinzip menschlicher und gesellschaftlicher Beziehungen. Überall da, wo Menschen, aber auch Institutionen für Menschen Entscheidungen treffen und tätig werden, wirken sie „mütterlich“ und/oder „väterlich“. Das mütterliche Prinzip meint Gewähren, Fürsorge, Aufmerksamkeit, liebevolle Umsorgung. Das väterliche Prinzip meint bei Weitem nicht nur Grenzen ziehen, sondern ebenso Strukturierung, Prinzipienfestigkeit, Zumutung. Bildlich können wir uns das vorstellen als „Mutterraum“ und „Vaterkraft“.

Diese Darstellung zeigt, dass diese beiden Prinzipien erst einmal nicht geschlechtsspezifisch zu verstehen sind. Mütter müssen auch väterlich, Väter auch mütterlich agieren. Dass überhaupt die Begriffe „Mütterlichkeit“ und „Väterlichkeit“ sinnvoll sind, hängt mit der grundlegenden und unaufhebbaren biologischen Ausgangssituation zusammen. Ein Kind wächst im Bauch der Mutter heran und ist auf sie in der ersten Zeit existenziell angewiesen. Sie ist die Nährerin, die Umsorgende, die Selbstverständliche. Der Vater ist dagegen der Hinzukommende. Der Fachbegriff für diese Aufgabe des Vaters in der frühen Entwicklung des Kindes lautet „Triangulierung“ und er bedeutet, dass damit die ursprüngliche Zweisamkeit von Mutter und Kind aufgelöst wird. Das ist zwangsläufig störend und trifft auf den Widerstand des Kindes, ermöglicht aber dessen soziale Entwicklung. Für ein heranwachsendes Kind ist demnach beides notwendig. Mütterlichkeit und Väterlichkeit müssen in einem guten Ausgleich zueinander sein.

Dr. Matthias Stiehler

In den heutigen Familien ist jedoch sehr oft ein Mangel an Väterlichkeit festzustellen. Und das gerade auch bei den Vätern, die sich aktiv in die Kinderbetreuung hineinbegeben. Zumeist tun sie das, indem sie die Rolle einer zweiten Mutter übernehmen. Sie sind Versorger, Spielkamerad, aber oft zu wenig väterliches Gegenüber.

Später nivelliert sich der geschlechtsspezifische Unterschied in der Elternrolle zunehmend, wirkt aber tendenziell fort. Das zeigt sich beispielsweise auch dann, wenn die Kinder das Elternhaus verlassen. Hier berichten viele Mütter, dass ihnen dabei „etwas aus der Seele geschnitten wurde“. Nicht umsonst wird in dieser Phase auch vom „Hotel Mama“ gesprochen. Und auch wenn sich das im Einzelfall genau anders herum darstellen kann, bleibt tendenziell die Geschlechterdifferenzierung bestehen und rechtfertigt den Gebrauch der Begriffe „Väterlichkeit“ und „Mütterlichkeit“.

Für mich war das Buch sehr spannend, aber nicht ganz einfach zu Lesen, weil es auf mindestens zwei nicht leichten Ebenen spielt. Sie reden von Familie und Gesellschaft, überall ist das Fehlen von Väterlichkeit zu bemerken. Mit dem Beispiel Merkel – zu Guttenberg haben Sie ein herrliches Beispiel für das gebracht, was Sie meinen. Mir leuchtet ein, hätte die Kanzlerin ihrem Herrn Minister gleich auf die Finger geklopft und ihn nicht erst wie die Mutti beschützt, dann wäre das leidige Theater schneller beendet gewesen und das Abschreiben nicht zum Kavaliersdelikt verkommen. Wem hat die Kanzlerin mit ihrer mütterlichen Art geschadet.

Das zentrale Problem, das ich in den Familien wie in der Gesellschaft gleichermaßen feststelle, ist eine Ablehnung der als unangenehm empfundenen Väterlichkeit. Wenn wir uns die oben genannten Eigenschaften von Väterlichkeit vor Augen halten, dann sind sie im ersten Moment oft nicht schön. Angenehmer scheint das Gewähren, das Verständnis, die unerschöpfliche Versorgung zu sein.

Die dramatischste Folge einer überbordenden Mütterlichkeit ist die weltweite Schuldenkrise. Hier fehlte es jahrzehntelang an einer rechtzeitigen Begrenzung. Wir sehen es jetzt schon an Griechenland, dass die Spätfolgen für die Menschen furchtbar sind. Aber wir sollten dabei gar nicht so sehr auf andere schauen. Auch hier in Deutschland wird eine Politik betrieben, die möglichst wenig begrenzend, möglichst wenig schmerzhaft sein soll. Ich bringe in meinem Buch nicht nur das Beispiel Merkel-Guttenberg. Die reflexartige Ablehnung von als unangenehm empfundenen Entscheidungen ist in allen Bereichen des öffentlichen Lebens unsere Normalität. Es ist auch keinesfalls den Politikern allein anzurechnen. Wir machen da gleichermaßen mit. Zerstört wird dabei auch moralisches Handeln.

Betrachten wir wieder die Familien, haben Sie Angst, dass die Kinder von heute Weicheier werden? Und wenn ja, wie wird sich das für unsere Gesellschaft auswirken?

Michael Winterhoff beschreibt in seinen Büchern eindrucksvoll, wohin es führt, wenn Kinder zu wenig Struktur und Führung erhalten. Entwicklungsdefizite und soziale Fehlentwicklungen sind die Folge, die wir längst beobachten können.

Für das erwachsene Leben muss festgestellt werden, dass viele junge Menschen orientierungslos sind. Das zeigt sich in einer Zunahme von Depressionen, aber auch – quasi als Gegenreaktion – im rechtsextremen und gewalttätigen Verhalten.

Was mir besondere Sorge macht, sind die hohe Zahl an Scheidungen und Trennungen sowie die immer häufiger anzutreffende Ablehnung der eigenen Elternschaft. Hier zeigt sich, dass es eine immer größere Abneigung gegenüber Beschwerlichkeiten des Lebens gibt. Das Leben soll einfach so laufen, Anstrengungen werden gescheut. Das sehe ich als unmittelbare Folge eines Mangels an Väterlichkeit.

Wie haben Sie eigentlich Ihren Vater in Erinnerung?

Mein Buch ist eine Analyse der gegenwärtigen Situation, die in etwa mit meiner Generation – ich bin jetzt 51 Jahre alt – Einzug gehalten hat. Mein Vater war für mich als Jungen oft unerreichbar, der typisch abwesende Vater. Und wenn er zu Hause war, hat er häufig im Auftrag der Mutter autoritär „mit der Faust auf den Tisch gehauen“. Ich wollte es dann anders machen und bin als Vater dann selbst in die Falle des „unväterlichen Vaters“ getappt. Daraus hat sich ein mühevoller Lernprozess entwickelt, dessen Ergebnisse ich in dem Buch niedergeschrieben habe – natürlich angereichert durch meine jahrelange Männer- und Paararbeit, meine männerpolitischen Aktivitäten und meine wissenschaftliche Forschung.

Wer sollte Ihr Buch lesen und was glauben Sie, was kann es beim Leser bewirken?

Väter haben wir alle und Frauen wie Männer müssen sich mit den Prinzipien „Mütterlichkeit“ und „Väterlichkeit“ auseinandersetzen. Worum es mir aber vor allem geht, ist eine gesellschaftliche Diskussion, was die eigenständigen Aufgaben von Vätern sind. Die jetzige gesellschaftliche Anschauung, dass Väter die zweiten Mütter sind, muss überwunden werden. Und zwar zum Wohl unserer Kinder, aber auch für eine bessere Verfasstheit unserer Gesellschaft. Wir wissen längst, dass unser Wohlstand nicht endlos wachsen kann und bereits heute zerstörerisch wirkt. Daraus kaum Konsequenzen zu ziehen, wie es derzeit in der Politik geschieht, lässt sich als Mangel an Väterlichkeit beschreiben.

Vielen Dank für das interessante Gespräch!

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