Armin Sierszyn: 2000 Jahre Kirchengeschichte

 

kirchengeschichte

 

In veränderter und überarbeiteter Form ist nun Armin Sierszyns „2000 Jahre Kirchengeschichte“ erschienen.

Besonders auffallend ist für mich gleich zu Beginn, dass sehr ausführliche (18 Seiten) Inhaltsverzeichnis. Es macht einen Leseeinstieg genau dort möglich, wo es mir thematisch interessant erscheint.

Auch wenn dieser Wälzer Hochschulniveau hat, fällt sie gute Lesbarkeit des Buches auf. Interessierte Laien werden diesem Geschichtswerk gut folgen können.

Chronologisch wohl sortiert und solide beschrieben entfaltet der Autor Stück für Stück die 2000 Jahre Christentum, die bereits zurückliegen. Das seine Beschreibungen vom gegenwärtigen Istzustand nicht gut ausfallen, verwundert wohl niemanden. Mit Blick auf Europa schreibt Armin Sierszyn: „Ein geistlicher oder geistiger Beitrag der Kirchen ist in der Öffentlichkeit kaum noch gefragt, auch nicht beim Aufbau der EU.“ (Seite 867).

Besonders da, wo der Theologe und Kirchengeschichtler Themen streift, die die Gegenwart berühren, wird es für mich spannend. Armin Sierszyn sieht Gefahren in der Gegenwart, aber er zeigt mit seinem Finger auf die geschichtlichen Stellen, die uns heute weiterhelfen können.

Spannend und hilfreich für die Gegenwart!

SCM R. Brockhaus, ISBN 978-3-417-26471-5, Preis 49,95 Euro

Armin Sierszyn hat buecheraendernleben folgende Fragen beantwortet:

Lieber Herr Armin Sierszyn, soeben ist Ihr überarbeitetes Geschichtswerk „2000 Jahre Kirchengeschichte“ erschienen. Warum muss man ein Geschichtswerk überarbeiten?

 Seitdem der erste Teilband meiner Kirchengeschichte erschien, sind 17 Jahre vergangen und 8 Auflagen gedruckt worden. Die Geschichtswissenschaft steht nicht still. Neue Forschungserkenntnisse und Literatur sind laufend ins Werk zu integrieren. Die Leserschaft, darunter viele Studierende, haben Anspruch auf einen einigermassen aktuellen Forschungsstand.
Was bei Ihrem 900 Seiten Werk auffällt und dem Leser auch ein wenig die Angst vor so einem gewaltigen Wälzer nimmt, ist das sehr übersichtlich gestaltete Inhaltsverzeichnis. So habe ich Ihr Buch nicht von vorn bis hinten durchgelesen, sondern bin immer wieder neu eingestiegen bei Themen die mich besonders interessiert haben. Was ist gegen so ein Leseverhalten einzuwenden?
Es gibt immer wieder Leute, die das Werk in einem Zug durchlesen, weil sie den Eindruck gewinnen, die Geschichte der Christenheit sei packend und das Buch lese sich leicht und flüssig.  Studierende arbeiten das Werk in der Regel thematisch innerhalb von vier Semestern mit dem Filzstift durch: Alte Kirche – Mittelalter – Reformation – Neuzeit. Wieder andere interessieren sich für spezielle Themen, Personen oder Epochen. Das Inhaltsverzeichnis am Anfang verschafft einen anschaulichen Überblick über die Fülle des Buchinhalts, es will den Leser für einzelne Themen sensibilisieren. Wer etwas ganz Bestimmtes sucht, greift zum Stichwortverzeichnis am Ende des Buches, das 2100 Suchwörter mit Seitenangaben umfasst.
Welche konkrete Zielgruppe hatten Sie beim Schreiben eigentlich vor Augen?

Studierende motivierten mich, eine Kirchengeschichte in flüssiger Sprache zu schreiben, weil sie bei einigen Werken die Erfahrung machten, dass ihnen bei der Lektüre des Stoffs Gaumen und Seele vertrockneten. Deshalb begann ich, für Studierende ein Buch in möglichst anschaulicher und flüssiger Sprache zu schreiben. Bald zeigte sich, dass auch interssierte Leserinnen und Leser ausserhalb der Theologie das Buch kauften, nicht zuletzt auch Christen katholischer Herkunft.
 „2000 Jahre Kirchengeschichte“ zu beschreiben wie schwer ist das? Hatten Sie nicht Angst etwas zu vergessen? Oder würden Sie im nachhinein heute etwas anders schreiben?
armin
Armin Sierszyn
Was man lehren und weitergeben will, muss man von Herzen lieben. Zwischen Evangelium, Kirche, Geschichte, Kultur, Politik, Heimat und Seelsorge bestehen organische Zusammenhänge, die mich seit Jahrzehnten faszinieren. Der klassische Rahmen einer Kirchengeschichte ist mir in etwa bekannt. Natürlich braucht es immer auch den Mut zur Lücke. Mit Angst könnte ich kein Buch schreiben. Ganz besonders am Herzen liegen mir die Entstehung der christlichen Bibel oder des Mönchtums, ferner die hellen Seiten des angeblich so finsteren Mittelalters, die aktuelle Bedeutung der Reformation oder die europäische Entwicklung der Neuzeit mit allen Licht- und Schattenseiten, die sich bis heute bemerkbar machen.
Besonders spannend liest sich Ihre Beschreibung der heutigen Christenheit in Europa. Ihre Einschätzung klingt nicht positiv: „Ein geistlicher oder geistiger Beitrag der Kirchen ist in der Öffentlichkeit kaum noch gefragt, auch nicht beim Aufbau der EU.“ Wo sehen Sie die konkreten Fehler die die Kirchen in Europa gemacht haben?
Die kirchliche Entwicklung der Neuzeit auf dem europäischen Kontinent ist zwiespältig. Neben erfreulichen erwecklichen, karitativen und missionarischen Aufbrüchen vorab an der Basis erliegt die evangelischen Theologie und Kirche zu sehr der Faszination säkular-revolutionärer Ideologien. Die unkritische Übernahme einer der Evangelium gänzlich fremden Denkweise führte zur radikalen Bibelkritik. Mit dem Verlust des Gotteswortes fehlen der Kirche seit dem 19. Jh. Quelle, Kraft, Kompetenz, Identität und Profil. Idealismus, Nationalismus, Liberalismus, Nationalsozialismus, marxistischer Sozialismus, Feminismus oder Gender füllen als kryptoreligiöse Mächte das geistliche Vakuum.  Seitens der Kirche ist das kein Naturgesetz, es ist auch Schuld, Verblendung und Haschen nach vermeintlicher Macht. Seit dem nachhaltigen Stoss der 68er Kulturrevolution sterben die Kirchen in Europa lautlos und sichtbar. Das Evangelium, Grundpfeiler von Freiheit und Recht auf unserem Kontinent, ist zum Randphaenomen geworden.
Wenn Sie keine Erwartungen oder Hoffnungen an die europäische Christenheit mehr hätten, hätten Sie dieses Buch sichern icht geschrieben. Was muss in der Gegenwart geschehen damit in 2000 Jahren ein Autor auf 4000 Jahre Kirchengeschichte zurückblicken kann und wo kann ein Blick in die Geschichte heute hilfreich sein?
Die Hoffnung stirbt zuletzt, ganz besonders bei den Christen. Während wir derzeit in Europa sterbende Kirchen sehen, wächst der christliche Glaube rund um die Welt. Dass es  christliche Kirchen nach nunmehr 2000 Jahren noch gibt, ist nicht so sehr das Ergebnis von mehr oder weniger frommen Menschen; es ist vielmehr das Resultat der Treue des auferstandenen Christus, der versprochen hat: ich bin bei euch bis ans Ende der Welt. Europa und seine Kirchen bräuchten in ihrer geistlichen und geistigen Dürre eines milden Südwindes und nachhaltigen Regens. Dies würde sich dann einstellen, sobald oben im Himmel die Winde drehen. Doch das liegt nicht in unserer Macht, aber wir sollen und dürfen darum bitten und darauf hin im Glauben leben. Es ist gut möglich, dass sich Gott Europas wieder erbarmt und der neue Regen kommt, wenn es fast niemand mehr erwartet. Das ist meine Hoffnung.
Herzlichen Dank für das interessante Gespräch!
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