Miroslav Volf: Von der Ausgrenzung zur Umarmung

von der ausgrenzung

Das für mich faszinierende am Autor des vorliegenden Buches, er lebt seine Theologie selbst vor. Dem ist nicht oft bei Theologen so, aber wenn Wort und Tat überinstimmen, dann ist das beeindruckend und im Falle von Miroslav Volf richtungsweisend.

In sieben Kapiteln seines aktuellen Buches

– Distanz und Zugehörigkeit

– Exklusion

– Umarmung

– Geschlechtliche Identität

– Unterdrückung und Gerechtigkeit

– Täuschung und Wahrheit

– Gewalt und Frieden

zeichnet Miroslav Volf einen gangbaren Weg für Christen auf um in dieser Welt aktive Mitgestalter einer friedlichen Zukunft zu werden. Ausgehend von biblischen Geschichten, besonders beeindruckt war ich hier von seinen Beispielen vom verlorenen Sohn und von Kain und Abel, zeigt er dicht an der Realität wie ein jeder Christ heute an seinem Platz etwas für Versöhnung tun kann.

Um dieses Buch ganz zu erfassen wird man es sicher mehr als einmal lesen müssen. Es ist wie eine Schatztruhe der Inspiration. Immer wieder entdecke ich in ihm neue Ansatzpunkte bei denen Miroslav Volf mich ermutigt mein privates Wohnzimmer zu verlassen und mein Christsein in die Welt zu tragen.

Verlag der Franckebuchhandlung, 978-3-868-27355-7, Preis 19,95 Euro

Der Übersetzer des Buches, der Theologe Peter Aschoff, hat buecheraendernleben folgende Fragen beantwortet:

Hallo Peter, vor wenigen Tagen ist ein neues Buch von Miroslav Volf auf deutsch erschienen. „Von der Ausgrenzung zur Umarmung“ heißt es. Du hast es übersetzt, wie kam es dazu?

Ich bin auf Miroslav Volf schon vor längerer Zeit gestoßen, als ich mich für das Thema Christsein und Arbeitswelt interessierte. Das hat er als einer der wenigen Theologen ernsthaft angepackt. Ich finde, er nimmt viele großartige Impulse von Jürgen Moltmann auf und denkt sie auf eine sehr feine Art in unterschiedliche Richtungen weiter. Exclusion and Embrace wurde in den letzten Jahren auf vielen Blogs zitiert und diskutiert, da habe ich mich gefreut, als die Anfrage von Francke kam, es ins Deutsche zu übersetzen. Ich habe es dann erst einmal ganz durchgelesen und mich dann an die Arbeit gemacht.

Du bist also nicht nur so einfach der Übersetzer, man könnte auch sagen, dass Miroslav Volf für Dich ein theologischer Weggefährte oder Lehrer ist?

Im Blick auf das Buch bin ich wirklich einfach nur Übersetzer und habe mich bemüht, das so gut wie möglich zu machen. Aber freilich war mein Anliegen auch, hier einen Autor, seine Themen und seine Art zu denken etwas bekannter zu machen – zumal ich denke, wir haben an den Punkten, die Volf anspricht, wirklich noch Nachholbedarf in Deutschland. Das Übersetzen hat natürlich dazu geführt, dass der Inhalt tief in mein Denken eingesunken ist und dann auf Deutsch wieder „herauskam“. Insofern stimmt das mit dem „Lehrer“ dann auch.

Der Autor wird ja in Deutschland viel diskutiert. Es ist auch nicht sein erstes Buch auf deutsch. Was genau fasziniert Dich so an Volf?

Von mir aus dürften noch mehr Leute seine Arbeit diskutieren! Ich finde es faszinierend, wie er ganz verschiedene biographische und theologische Einflüsse verbindet, er ist viel weniger monokulturell als viele andere Theologen, weil er von Kroatien über Deutschland in den Westen der USA und dann nach Yale gegangen ist und weil er vom Pfingstler zum Episkopalen bzw. Anglikaner wurde. Zudem greift er wirklich die heißen Eisen auf, also die großen Konflikte unserer Zeit, und behandelt das im Dialog mit Philosophen und Sozialwissenschaftlern. Und er kommt dabei immer wieder erfrischend anders auf zentrale biblische Themen zu sprechen.

umarmung

Peter Aschoff,

hier gehts zu seinem Blog:

http://www.elia-gemeinschaft.de/wordpress/

Liege ich richtig wenn ich behaupte, Volf ist ein politisch denkender Theologe, der an uns Christen den Anspruch hat, mit unserem Christsein haben wir den Auftrag die Welt ein Stückchen friedfoller werden zu lassen?

Volf ist ein politischer Theologe, das heißt, der Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf der Fragestellung, wie sich Christen in die globale Gesellschaft des 21. Jahrhunderts mit ihren Fragen nach Gerechtigkeit und Gemeinwohl, der Überwindung von Hass und Gewalt befruchtend und konstruktiv einbringen können. Er arbeitet heraus, welche Anstöße die biblische Überlieferung dazu gibt, wie diese unter heutigen Bedingungen zu verstehen sind und wie sie umgesetzt werden können.

Wenn dem so ist, warum hat Miroslav Volf dann so viele Christen als seine Kritiker? Was befürchten seine Kritiker?

Ich habe bisher nicht so schrecklich viel Kritik an Volf mitbekommen, vielleicht lese ich dafür auch nur die falschen Publikationen. Von daher kann ich zur Kritik an Volf wirklich nichts sagen. Ganz allgemein gibt es einen reaktionären Flügel in verschiedenen Konfessionen, der massiv auf Konfrontation, Angst und Ausgrenzung setzt. Manche Leute würden ihre identitätsstiftenden Feindbilder verlieren, und das verunsichert sie.

Die letzte Frage ist sicher die schwerste Frage. Sag uns bitte in fünf Sätzen was in Volfs aktuellem Buch drin steht.

Volf skizziert die ethnischen, sozialen, religiösen und kulturellen Konflikte in unseren Gesellschaften und deren massives Gewaltpotenzial. Dann fragt er ausgehend vom Gleichnis vom verlorenen Sohn, wie Christen (die allzu oft Gewalt gerechtfertigt haben) eine Sicht von sich selbst und „dem anderen“ entwickeln können, die diese Teufelskreise durchbrechen kann. Er geht weiter zum Kreuz und entdeckt dort wieder die Geste der ausgebreiteten Arme Gottes. Im zweiten Teil des Buches buchstabiert er dann in mehreren Feldern durch, wie diese Haltung zum Ausgangspunkt von Veränderungen werden kann: Im Verhältnis der Geschlechter (eine ungelöste Aufgabe, was Deutschland betrifft, wie die aktuelle OECD-Studie zeigt), im Streit um konkurrierende Wahrheiten, beim Problem der Gewalt und der Frage, in welchem Verhältnis Religion und Gewalt nun stehen. Waren das jetzt 5 Sätze?

Exakt 😉

Vielen Dank für Deine Antworten!

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5 Kommentare

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5 Antworten zu “Miroslav Volf: Von der Ausgrenzung zur Umarmung

  1. Pingback: peregrinatio » Ausgefragt

  2. „Ganz allgemein gibt es einen reaktionären Flügel in verschiedenen Konfessionen, der massiv auf Konfrontation, Angst und Ausgrenzung setzt. Manche Leute würden ihre identitätsstiftenden Feindbilder verlieren, und das verunsichert sie.“ (Peter Aschoff)

    Das ist Peters zynische Definition derer, die das historische Christentum gegen den Schlammregen moderner Umdeutungen verteidigen. Da scheut er sich dann auch nicht vor massiver Ausgrenzung.

    • Matthias

      Hm. Da versteht sich also jemand als „Verteidiger“ des historischen Christentums gegen einen „Schlammregen“. Und beklagt sich dann über „Ausgrenzung“. Aber die steckt ja schon im Selbstbild, nämlich diesem eigenartigen Alleinvertretungsanspruch auf alles echte Christsein, während das Christsein der anderen eben nur Dreck ist. Oder sehe ich das falsch?

  3. Lieber Christian,
    da ich Peter persönlich kenne und schätze kann ich Deine Aussage aus der persönlichen Erfahrung nicht teilen. Gerade der Hinweis auf die „verschiedenen Konfessionen“ zeigt die balancierte Aussage Peters. Es gibt in allen menschlichen Gruppierungen – und dazu zähle ich die Konfessionen – die Neigung dazu eher auf Konfrontation, Angst und Ausgrenzung zu gehen, als zu Umarmen. Der Hinweis auf die Universalität dieses Phänomens stellt fest, aber legt nicht fest.
    Ich verstehe auch nicht recht, was du mit „das historische Christentum“ meinst und was der „Schlammregen moderner Umdeutungen“ sein soll und wie das im Zusammenhang mit Volf und dem Buch steht? Meinst Du Volf ist einer der modernen Umdeuter?

    • christianarguing

      Nun, die Emergenten selbst sehen ihren Ansatz als „kopernikanische Wende“ und gern als umfassenden „Paradigmenwechsel“. Peter Aschoff befindet sich auf einer Art Dauerfeldzug gegen das Opium protestantischer Orthodoxie, das dem Christenvolk seine sozialrevolutionäre, transformative Motivation raubt, und setzt die Methodologie und das gesamte Instrumentarium moderner Philosophie ein, um die Glaubensinhalte des historischen Christentums reihum genüsslich zu demontieren.

      Seine persönliche Frömmigkeit und Integrität ziehe ich nicht in Zweifel. In meinem Fall allerdings bekämpft er Ausgrenzung mit Ausgrenzung und widerspricht damit seinen eigenen Prinzipien. Seine weit geöffneten Arme sind gegen eine einzige Bevölkerungsgruppe verschlossen: Die „beati possidentes“, die sich „im Besitz der Wahrheit“ wähnen, sind die Wurzel allen Ausgrenzungsübels, denn nur wenn niemand DIE Wahrheit hat, haben alle die Wahrheit.

      „Gebt mir Details! Denn ohne Details gibt es keine Wahrheit“ (Stendhal)

      Das protestantische Christentum glaubt an die kausale Schöpfung am Beginn der Geschichte, an die separate Schöpfung des Menschen nach Gottes Ebenbild, an den Sündenfall durch die mutwillige Rebellion eines Menschen. An die Menschwerdung der zweiten Person der Gottheit, der eine zuvor existierende menschliche Natur annahm, ein sündloses Leben führte und sein Leben als stellvertretendes Opfer für die Sünden vieler gab. Die Versöhnung mit Gott durch das Blut Christi erfolgt durch persönliche Umkehr und Glauben: Die Menschen verändern sich und dadurch verändert sich die Welt:

      „Die Leute, die die ganze Welt in Aufruhr bringen, sind auch hierher gekommen“ (Apg. 17,6)

      Die Weite des Evangelium liegt eben darin, was von Volf und Aschoff als „Enge“ und „Ausgrenzung“ verstanden wird: In der universalen Predigt dieses Evangeliums inklusive aller Details als den einzigen Weg der Rettung vor dem zukünftigen Zorn Gottes.

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