Thomas Franke: Das Tagebuch

thomas frankedas tagebuch

Auf den Berliner Autor Thomas Franke bin ich vor zwei Jahren aufmerksam geworden. „Das Haus der Geschichten“ hat er damals vorgelegt und mich durch seinen großartigen Erzählstil begeistert. Jetzt hat er mit „Das Tagebuch“ einen weit über 500 Seiten langen Wälzer draufgesetzt.

In die französische Geschichte entführt er seine Leser diesmal. Der deutsche Archäologe Leon Weber führt in Frankreich Grabungen durch. Weber ist eine internationale Kapazität in der König Artus Forschung. Seine Expedition steht unter keinem guten Stern, aber dennoch wird er fündig. Sicher völlig anders als geplant, aber es ereignen sich Dinge, die das Leben des Wissenschaftlers umkrempeln können.

Beim Lesen fallen mir Frankes wunderschöne Sprachgebilde auf. Detailverliebt beschreibt der genaue Beobachter Orte, Personen und Szenen, die nicht nur unmittelbar mit der Handlung zu tun haben, die aber dennoch wichtig für die literarische Gesamtkomposition sind. Ich habe das beruhigende Gefühl, hier schreibt ein großes Erzähltalent, ohne von der Zeit gejagt zu werden.

Immer weiter kommt die spannende Geschichte vorran und Leon Weber kommuniziert mithilfe eines alten Tagebuches mit einem Menschen aus grauer Vorzeit. Dies wird nicht groß als Science Fiction aufgebauscht, es ist ganz unaufgeregt das literarische Mittel, um den Leser erkennen zu lassen, dass sich Zeiten wohl ändern, nicht aber die Probleme der Menschen, ganz gleich in welchem Jahrhundert sie auch leben.

Thomas Franke taucht in die Geschichte ein, um der Gegenwart zu begegnen. Er benutzt Leon Weber und ich habe das Gefühl, er meint mich.

Ein gewaltiger Wälzer eines deutschen Erzähltalents!

Gerth Medien, ISBN 978-3-865-91751-5, Preis 17,99 Euro

Thomas Franke hat buecheraendernleben nun folgende Fragen beantwortet:

Lieber Thomas Franke, „Das Tagebuch“ heißt Ihr zweiter Roman der in diesen Tagen bei Gerth Medien erschienen ist. Es ist ein gewaltiger Wälzer von weit über 500 Seiten. War von Anfang an so eine umfangreiche Geschichte geplant oder hat sich dies erst im Verlaufe des Schreibens so ergeben?

Eigentlich war ein deutlich geringerer Umfang geplant und auch mit dem Verlag abgesprochen. Aber die Geschichte wuchs beim Schreiben. Das liegt z.T. daran, dass zwei Handlungsstränge mit zwei Protagonisten, die in unterschiedlichen Jahrhunderten leben, auch ein wenig Platz brauchen um sich authentisch zu entfalten. Zudem liebe ich es, wenn ein Geheimnis sich erst Stück für Stück offenbart. Das erhöht die Spannung.

Ich freue mich daher sehr, dass Gerth Medien bezüglich des Umfangs so entgegenkommend war.

So ganz nebenbei gehen Sie ja auch noch arbeiten. Wie lange haben Sie für dieses Buch gearbeitet und was war an Vorbereitungen alles notwendig?

Die eigentliche Arbeit an dem Buch hat ein knappes Jahr in Anspruch genommen. Allerdings habe ich, um alles zu schaffen, einen Monat unbezahlten Urlaub genommen. Ich bin meinem Arbeitgeber und meinen Kollegen sehr dankbar, dass Sie es mir ermöglicht haben, für vier Wochen zum Vollzeitschriftsteller zu werden.

Ich konnte übrigens jede Minute gut gebrauchen, denn es war für mich eine neue Erfahrung, eine Geschichte vor historischem Hintergrund zu schreiben. Die Recherche war zum Teil ein hartes Stück Arbeit, aber auch ungemein interessant. Vor allem eine Zusammenstellung von Augenzeugenberichten hat mich sehr beeindruckt.

Beim Lesen fragte ich mich oft: „Mann wie schafft der das nur immer den Überblick über alle Szenen und Personen zu behalten?“ Gibts einen geheimen Trick des Autors Thomas Franke oder haben Sie ein Riesenhirn?

Ein Riesenhirn wäre sehr praktisch. Aber leider verfüge ich nur über ein ganz normales Durchschnittshirn und muss mir daher mit Namenstabellen, Szenenskizzen und Stichwörtern helfen. Für mich ist es wichtig, kontinuierlich am Text zu arbeiten. Nach längeren Pausen vergesse ich zuviel. Aber wenn ich am Ball bleibe, habe ich die Szenen zumindest im Groben im Kopf. Wenn ich dann nach zweihundert Seiten nicht mehr weiß, ob ich ein bestimmte Information schon in den Text eingearbeitet habe, erinnere ich mich meist an irgendein markantes Wort oder eine Formulierung, die ich der Szene zuordnen kann. Über die Suchmaschine bin ich dann im passenden Abschnitt und kann die Details nachlesen.

Sie beschreiben so detailverliebt und benutzen viele schöne Sprachbilder, dass es eine Freude ist Ihren Wälzer zu genießen. Haben Sie keine Angst, dass die hohe Seitenzahl viele Leser zurückschrecken lässt?

Ich gehe von mir selber als Leser aus. Für mich ist die Anzahl der Seiten sekundär, entscheidend ist, dass es nicht langweilig wird. Ich versuche daher die Handlungsstränge so zu verknüpfen, dass man als Leser in die Geschehnisse hineingezogen wird und gewissermaßen aus Eigennutz erfahren möchte, wie es weitergeht. Ich hoffe, dass es mir hie und da gelingt.

Der deutsche Wissenschaftler und Archäologe Leon Weber ist zusammen mit anderen in Frankreich unterwegs um Ausgrabungen zu machen. Dabei findet er ein uraltes Tagebuch und es kommt ein sonderbarer Dialog zustande. Was möchten Sie, was diese Ihre Geschichte mit dem Leser machen soll?

Ich selber empfinde die Vorstellung, mit einem Menschen aus einem anderen Jahrhundert kommunizieren zu können, absolut faszinierend und ich hoffe, dass es den Lesern ähnlich geht.

Aber neben der Faszination an diesem Gedanken ging es mir noch um etwas anderes: Ich glaube, dass wir Menschen trotz mancher Vergangenheitsnostalgie oftmals ein instinktives Überlegenheitsgefühl gegenüber unseren Vorfahren haben. Das liegt daran, dass es uns im nachhinein sehr leicht fällt, ihre Fehler zu sehen. Die Frage allerdings ist, ob wir in jeglicher Hinsicht weiter sind als die Menschen früherer Zeiten? Vielleicht ist so mancher Fortschritt im Grunde genommen lediglich ein „Wegschritt“? Nur weil man sich schneller bewegt, bedeutet das nicht automatisch, dass man in der richtigen Richtung unterwegs ist. Nur weil man bestimmte Fragen nicht mehr stellt, bedeutete das nicht, dass man sie beantwortet hat.

Ihr Roman ist frei von frommen Floskeln und dennoch ein Aufruf mit Leon Weber zusammen über das Leben nachzudenken. Immer öfter dachte ich, umso weiter sie in die französische Geschichte zurückschreiten umso mehr geht es um ganz aktuelle Glaubensfragen. Sind wir von den Menschen die vor Jahrhunderten lebten gar nicht soweit entfernt?

Ich glaube, dass die grundsätzlichen Fragen der Menschen vollkommen unabhängig vom Lauf der Geschichte sind. Diesbezüglich sitzen wir alle im gleichen Boot.

Chesterton der alte Provokateur hat es einmal so formuliert: „Es ist nicht nur wahr, das alle alten Dinge schon tot sind: Es ist auch wahr, dass alle neuen Dinge schon tot sind. Denn die einzigen Dinge, die nicht sterben, sind die Dinge, die weder alt noch neu sind. “

In diesem Sinn würde es mich sehr freuen, wenn sich der ein oder andere Leser von Leon und Angelique dazu inspirieren lassen würde, über das Leben nachzudenken.

Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg mit Ihrem Meisterwerk!

Bis Samstagabend punkt 20 Uhr kannst du hier Deinen kommentar hinterlassen und nimmst automatisch an der Verlosung des von Thomas Franke signierten Buches „Das Tagebuch“ teil. Viel Erfolg!

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5 Kommentare

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5 Antworten zu “Thomas Franke: Das Tagebuch

  1. Hört sich sehr interessant an! Viel Erfolg!

  2. Esther M.

    „Das Haus der Geschichten“ ist wirklich ein tolles Buch und ich freue mich, dass Thomas Franke etwas Neues geschrieben hat!

  3. Monika

    Das klingt ja echt spannend – und macht neugierig 🙂

  4. Maria Lahnstein

    Das hört sich sehr gut an ! Nach diesem Beitrag möchte man das Buch direkt lesen !

  5. Christiane

    Ein tolles Buch! Ich habe es verschlungen. Historischer Roman trifft Gegenwart und Fantasy. Einfach klasse!

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