David Sieveking: Vergiss mein nicht

vergiss mein nicht

„Vergiss mein nicht“ ist das mutige Bekenntnis eines über 30jährigen Sohnes zu seiner an Alzheimer erkrankten Mutter. Endlich ist David Sieveking finanziell unabhängig von den monatlichen Überweisungen seiner Mutter und beginnt erfolgreich seinen Weg als Filmemacher.

Er zieht aus dem Elternhaus aus. Seine um Jahre älteren Geschwister haben dies bereits getan. Sie haben bereits selbst Kinder und stehen fest im eigenen Berufsleben. Da häufen sich dann immer mehr die Momente in denen die Mutter Dinge vergisst, ja nicht einmal mehr ihren Mann oder ihren Sohn erkennt.

Vielschichtig ist das Buch des Filmemachers. Er schildert die vielen Arztbesuche. Oft wurde seine Mutter wieder nach Hause geschickt mit den Worten Alles in Ordnung.“ Und doch wussten alle die sie kannten, dies stimmt nicht. Aber eines Tages steht das Wort Alzheimer“ im Raum und keinem der Kinder ist es möglich wieder ins Elternhaus zurückzukehren. Sie leben ihr Leben.

Da kommt Sohn David auf die Idee private Sorgen mit beruflichem zu verknüpfen. Er zieht wieder zu Hause ein und dreht einen Film über seine Mutter und deren Krankheit. Aber für David wird es vielmehr als nur ein Film. Er kommt seiner Mutter, seinen Eltern und deren Leben und vielem anderen näher als je zuvor.

Für mich ein sehr ergreifendes Buch vor dessen Thema sich niemand sicher sein kann!

Herder, ISBN 978-3-451-32574-8, Preis 17,99 Euro

Davis Sieveking hat buecheraendernleben nun folgende Fragen beantwortet:

Lieber David Sieveking, „Vergiss mein nicht“ ist in meinen Augen ein sehr mutiges Buch. Sie erzählen in aller Offenheit vom geistigen Verfall ihrer Mutter und auch von ihrem Elternhaus, warum war Ihnen dieses Buch so wichtig?

Ich habe ja zuerst einmal einen Dokumentarfilm über das gleiche Thema gemacht. Die Dreharbeiten erstreckten sich in Etappen über einen Zeitraum von gut anderthalb Jahren, während derer ich die Entwicklung der Demenz meiner Mutter begleitete. Da ist natürlich eine Menge Material entstanden und noch viel mehr habe ich drumrum erlebt. Der Film der zum Schluss dabei rausgekommen ist, ist aber nicht mal 90 Minuten lang und konzentriert sich sehr auf ganz bestimmte Aspekte. Im Buch habe ich die Dinge aufgeschrieben, die im Film weniger beleuchtet wurden. So kann ich beispielsweise die Vorgeschichte bis es endlich zu einer medizinischen Demenz-Diagnose meiner Mutter kam im Buch viel besser erzählen als im Film, so was lässt sich literarisch besser verarbeiten als in einem Dokumentarfilm, da ich damals ja noch nicht gedreht hatte. Ich wollte den Film aber nicht zu interviewlastig gestalten und diese Ereignisse vor der Kamera nacherzählen lassen. Das kann man im Buch viel eleganter machen. Auch die letzte Phase der Demenz meiner Mutter war mir wichtig zu beschreiben. Da gab es viele medizinische Komplikationen und dramatische Krankenhausepisoden, die ich beim besten Willen nicht hätte filmen können. Im Buch lasen sich solche Erlebnisse viel besser verarbeiten. Ich hatte während der Arbeit am Film schon viel über Alzheimer und Demenz gelesen, aber wie es tatsächlich mit jemand Betroffenen zu Ende geht, darüber hatte ich praktisch nichts erfahren. Man stirbt ja nicht an Alzheimer oder einer Demenz, sondern an Folgeerkrankungen bzw. Folgeerscheinungen. Überhaupt habe ich gemerkt, dass in Deutschland mehr über Sterbebegleitung aufgeklärt werden sollte und viel mehr Zugang und Akzeptanz für Palliativmedizin nötig wäre. In meinem Buch geht es nämlich auch darum, wie eine Familie versucht einen Angehörigen natürlich im Kreis der Familie „gehen“ zu lassen – das ist gar nicht so einfach in diesem Land.

Ihre Mutter bekommt Alzheimer, eigentlich nichts schönes, aber so traurig finde ich Ihr Buch gar nicht. War die Erkrankung Ihrer Mutter auch eine Chance sich ihr und Ihren Eltern neu zu nähern?

Die Krankheit, die ich in vieler Hinsicht eigentlich lieber eine „Veränderung“ nennen würde hatte neben den tragischen Seiten auch viele positive Auswirkungen. Durch den Gedächtnisverlust meiner Mutter sind sich meine Eltern noch einmal näher gekommen, haben sich geradzu neu verliebt. Auch ich habe eine innige Verbindung zu meiner Mutter aufgebaut, die sehr und schön und anders war als früher. Das Problem war, dass man sich erst einmal von dem alten Bild und den alten Gewohnheiten verabschieden musste. Da verliert man viel Zeit in der man der Vergangenheit nachtrauert und gar nicht offen ist für das was in der Gegenwart noch möglich ist. Wir haben aber wirklich noch viel Spaß gehabt gemeinsam mit meiner Mutter, die in ihrer Demenz zwar ihr Gedächtnis, nicht aber ihren Humor verloren hat. Sie hat sogar noch einen neuen, sehr originellen Wortwitz entwickelt in dieser Zeit und war unwahrscheinlich liebenswert.

Erstaunt war ich darüber, wie oft Ihre Mutter von Ärzten immer wieder zu hören bekam: „Alles in Ordnung“. Was haben Sie in solchen Momenten gedacht?

Aus meiner Sicht erschien das absurd. Meine Mutter hatte sich massiv verändert, war dem Alltag nicht mehr alleine gewachsen, hatte ihren Geruchsinn verloren, hatte das Kochen verlernt, wusste das laufende Jahr nicht mehr und nicht den Weg zum Supermarkt. Trotzdem hieß es: „Machen sie sich mal keine Sorgen“ Und die erste Diagnose war dann schon mit massiven Alltagseinschränkungen nach zwei Jahren in denen meine Mutter immer weiter abbaute eine „Leichte kognitive Beeinträchtigung“ – das klang für uns irre untertrieben und unangemessen. Zumindest bekamen wir dann eine Pflegestufe. Aber eine richtige Demenz wurde erst über ein Jahr später diagnostiziert. Dann hieß es plötzlich die Demenz sei schon sehr fortgeschritten und man könne therapeutisch eigentlich nichts mehr machen. Da haben wir uns ziemlich allein gelassen gefühlt und mein Vater verlor das Vertrauen in die Medizin.

Wenn Sie das erneute Zusammenleben mit Ihren Eltern zusammenfassen müssten in drei Sätzen, was hat es Ihnen gebracht?

Meine Eltern haben in der Zeit der Demenz meiner Mutter eine neue Intimität gewonnen. Meine Mutter musste sich daran gewöhnen abhängig und auf Hilfe angewiesen zu sein und mein Vater musste lernen Verantwortung zu übernehmen, für den Haushalt zu sorgen und für meine Mutter da zu sein. Nicht mehr nur derjenige zu sein, der das Geld verdient. Meine Mutter hatte zum Glück einen liebenden Partner an ihrer Seite, der sich dann auch gerne auf ihre Bedürfnisse einließ. Mein Vater sagte dann sogar, er wäre dankbar, dass er noch einmal die Liebe seines Lebens intensiv erleben durfte.

Ihr Buch entwickelt sich auf dem Buchmarkt gerade zu einem Kassenschlager. Haben Sie damit gerechnet und was glauben Sie warum kaufen Leser Bücher zu einem Thema von dem doch niemand selbst betroffen sein möchte?

Keine Ahnung ob das Buch ein „Kassenschlager“ wird und ob man das jetzt schon bemessen kann, aber ich glaube, dass gerade in Deutschland ein großes Bedürfnis besteht jenseits von bloßen Zahlen und Statistiken über das Altern und das Sterben nachzudenken, von dem sich unser Leben ja ziemlich abgekoppelt hat. Es ist ja auch unbestritten, dass der Staat die große Überalterung der Gesellschaft nicht auffangen kann, sondern das es vor allem familiäre Strukturen sein müssen, die die Alten und Schwachen versorgen. Auch wenn man nicht unbedingt selbst von einer Demenz betroffen sein sollte, so kenne ich doch fast niemanden, der nicht einen Fall in seiner Familie oder in seinem Bekanntenkreis hat. Und um das Altern und Sterben an sich kommt ja sowieso keiner drumrum. Also könnte das Buch theoretisch eine ganze Menge Leute interessieren, da stimme ich zu.

Vielen Dank für das interessante Gespräch!

Hier gibt es Informationen zum Film:

http://vergissmeinnicht-film.de/

Der Herder Verlag hat uns ein Verlosungsexemplar zur Verfügung gestellt. Wer bis Freitag 20 Uhr unter diesem Beitrag seinen Kommenentar postet nimmt an unserer Verlosung teil. Viel Glück!

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5 Kommentare

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5 Antworten zu “David Sieveking: Vergiss mein nicht

  1. Maria Lahnstein

    Das Interview hat mich schon sehr mitgenommen. Ich habe mich schon oft gefragt, was ich tun würde, wenn es meinen Eltern schlecht gehen würde. Ich würde trotz eigener Familie versuchen, die Pflege zu übernehmen.
    Sehr Eindrucksvoll, wie sich das Verhältnis zwischen dem Autor und der Mutter /den Eltern verändert hat bzw. wie innig es noch war.

  2. Adeline Warkentin

    Wennjemand so eine Krankheit hat, ist das schon sehr heftig. Ich bin immer wieder beeindruckt, wenn Menschen mit soeiner Situation so gut umgehen. Hört sich sehr interessant an.

  3. Sigrid Wink

    Da die Menschen immer älter werden, tritt gerade dieses Krankheitsbild vermehrt auf. Der Trailer zum Film gibt ja einen kleinen Einblick und ich muß sagen, ich bewundere den Autor, mit viel Feingefühl und Liebe begleitet er seine Mutter. Ich denke, dazu sind nicht viele Menschen bereit oder auch in der Lage. Meine Hochachtung.

  4. Frieda Kramer

    Viele Menschen reisen gern geografisch und lernen Neues in und von anderen gesellschaftlichen Kulturen.
    Wenn aber Menschen in unserer nächsten Nähe mehr oder weniger plötzlich in einer „anderen Welt“ leben, ergibt sich die Gelegenheit einer besonderen Entdeckung. Die Bereitschaft, auch dorthin zu reisen und auch dort dazuzulernen, ist mit Sicherheit bereichernd für alle Beteiligten.
    Aber es ist eine anstrengende und mitunter schmerzliche Reise.
    Ich bin dankbar für jeden Reisebericht.

    • Das finde ich eine sehr interessante, spannende und in meinen Augen völlig zutreffende Sicht der Dinge. Und natürlich ist es nicht leicht, vor allem für die Angehörigen. Danke auch an den Blogersteller für das Interview!

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