Monatsarchiv: Februar 2013

Anke Weidinger: Die Nachtigall von Derbyshire

die nachtigall

Englandfan Anke Weidinger nimmt ihre Leser in ihrem aktuellen Roman „Die Nachtigall von Derbyshire“ mit in das 17. Jahrhundert. Doktor Gordon Tulliver und seine Frau Amy erwarten vielleicht noch in dieser Nacht ihr erstes Kind. Doch plötzlich klopft es an der Tür und der Doktor wird vor eine große und wichtige Entscheidung gestellt. Will er jetzt bei seiner Frau bleiben? Oder will er dem Hilferuf der Einwohner von Eyam folgen? Dort ist die Pest ausgebrochen und viele Tote sind bereits zu beklagen.

Sofort weiß der Doktor wo ihn die Menschen jetzt dringender brauchen. Er bricht sofort auf und trennt sich noch in dieser Stunde von seiner hochschwangeren Frau.

Sehr gut gelingt es der Autorin die hoffnungslose Lage der Einwohner von Eyam zu beschreiben. Auf den ersten Seiten hat Anke Weidinger auch noch das gleichzeitige Vorhandensein der Anglikanischen Kirche und der Puritaner erwähnt. Unterschiede beginnt sie zu beschreiben, leider wird dieser Faden durch ihren Roman hindurch immer dünner.

Die Liebesgeschichte zwischen Gordon und Amy ist das große Thema des Buches. Wochen und Monate sind beide voneinander getrennt ohne voneinander zu wissen. Hinzu kommt, dass sich die Bewohner von Eyam dazu entschließen ihr Dorf unter Quarantäne zu stellen. Gordon fällt die Zeit der Trennung nicht leicht. Aber Amy und ihr Kind mussten inzwischen ihr Haus verlassen. Der Sohn des Gutsbesitzers hat sie entführt und seine Mutter zwingt sie in die Stellung eines Kindermädchens.

Beim Lesen dachte ich manchmal, da ist hin und wieder zu viel Beiwerk geschrieben, dass für die Romanhandlung nicht wichtig ist. Dennoch kommt zum Ende hin immer mehr Spannung in den Romanverlauf. Deutsche christliche Autoren sind in unseren christlichen Verlagen noch immer eine Minderheit. Sie sollten von den Verlagen gehegt und gepflegt werden.

Bei aller Kritik, eine lesenswerte Liebesgeschichte aus dem alten England!

SCM Hänssler, ISBN 978-3-7751-5334-8, Preis 14,95 Euro

buecheraendernleben ist es leider nicht gelungen mit der Autorin einen Kontakt herzustellen. Anke Weidinger lebt im Großraum Hamburg und arbeitet als Englischlehrerin. Sie ist verheiratet und hat nicht vor das Schreiben zu ihrem Beruf zu machen.

Der Verlag SCM Hänssler hat uns von diesem Titel ein Verlosungsexemplar zur Verfügung gestellt. Wer also bis Sonntag 20 Uhr seinen Kommentar unter diesem Beitrag postet macht mit bei der Verlosung. Viel Glück!

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Raschid Idrissi: Der Sohn des Imams

der sohn des imams

Raschid Idrissi wächst in einer muslimischen Familie in Marokko auf. Sein Vater ist ein strenger und auch schlagender Herrscher seiner Familie. Er arbeitet als Imam, Vorbeter und Koranschullehrer. Völlig normal nehmen dies alle hin, sie sind tief in ihrer Tradition verhaftet. Raschid beweist mit seinem Buch sehr deutlich, dass er von klein auf an ein genauer Beobachter des Lebens um ihn herum ist.

Ein fleißiger, schnell lernender Schüler war der Autor. Er studiert, besucht zum ersten Mal Deutschland auch die damals noch sozialistische Sowjetunion und kommt eines Tages als Germanistikstudent nach Freiburg. Alles, was so hoffnungsvoll für ihn beginnt, endet sehr bald schon im Knast. Schnell wird ihm klar, nach Verbüßung seiner Haftzeit werden straffällig gewordene Ausländer abgeschoben.

Der Autor vergleicht christliches Leben mit seinem muslimischen Glauben. Im Knast hat er Begegnungen mit Christen. Nach reiflicher Überlegung, und er macht es sich nicht einfach, lässt er sich im Gefängnis taufen.

Es ist ein sehr bewegendes Buch. Stellenweise habe ich mit Raschid mitgefiebert. Plötzlich findet er sich im Auto wieder, dass ihn nach Frankfurt zum Flughafen bringt. Alle Anstrengungen seines Anwaltes hatten keinen Erfolg. Seine Abschiebung steht kurz bevor.

Wer in dieses Buch eintaucht, dem erzählt Raschid Idrissi gleich mehrere Geschichten. Er beschreibt den Alltag in seiner alten Heimat, den Vergleich beider Religionen. Wir werden Zeugen des wundersamen Eingreifens Gottes in das Leben des Autors.

Der Name „Raschid Idrissi“ ist lediglich ein Pseudonym. Aus Furcht vor Anschlägen verrät er nicht seinen Namen. Er lebt heute in Süddeutschland ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Brunnen Basel, ISBN 978-3-765-54192-6, Preis 9,99 Euro

Aus verständlichen Gründen gibt es in diesem Beitrag kein Foto des Autors. buecheraendernleben hatte aber Gelegenheit dem Autor einige Fragen zu stellen:

Lieber Raschid, Dein Buch hat mich sehr berührt, weil Du nicht mit Wut und Hass auf Deinen Vater und Deine muslimische Herkunft zurückschaust, sondern mit Verständnis. Woher kommt dieses Verständnis?

Dieses Verständnis kommt daher, dass ich als Christ mit der Zeit lernte, anderen Menschen egal welcher Herkunft oder welchen Glaubens sie sind nicht mehr verurteile, weil es Jesus von mir erwartet und weil es eine von mehreren Grundlagen des Christseins ist. Dies konnte ich auf keinen Fall, als ich Moslem war. Ich habe als Moslem und Araber die Juden sehr gehasst, wie die Nazis. Dies ist unfair!

Aus einem deutschen Gefängnis heraus wurdest Du mit einem Polizeiauto in Richtung Frankfurter Flughafen gefahren. Deine Abschiebung nach Marokko war beschlossene Sache. Doch es kam alles ganz anders, hast Du heute eine Erklärung dafür?

Es war und ist eindeutig, dass der Herr, unser Retter, lebendig ist und hat in der richtigen Zeit mein Gebet, dass vom Tiefsten kam, erhört. Das habe ich persönlich erlebt und dies hat mein Leben sehr verändert.

Dein Vater war sein Leben lang Koranlehrer und ein sehr strenger Vater. Wie hat er reagiert als er erfahren hat, dass Du Christ bist?

Er war natürlich entsetzt und fing an, mir aus dem Koran zu zitieren. Ich für meinen Teil aus dem Evangelium. Er war sehr entäuscht, weil er nicht in der Lage war, seinen Standpunkt aus dem islamischen Hintergrund und Prägung zu verlassen. Es ist auch klar, dass es schwierig für ihn war, als Imam und Koranschullehrer, seinen Glauben so schnell zu verlassen.

Warum ist Dein Buch unter einem fremden Namen erschienen, hast Du heute Angst?

Ich hatte bis zu den letzten Seiten meines Manuskriptes immer noch meinen echten Namen geschrieben und wollte sogar mein Buch mit einem Bild von mir versehen; bis mir Christen aus verschiedenen Gemeinden sagten, ich soll doch Rücksicht auf meine deutsche Frau und Kinder nehmen, da ich den Koran und den Islam kritisierte.

Warum war es Dir wichtig dieses Buch zu schreiben und warum sollten wir es unbedingt lesen?

Schon von Beginn an, als ich mich damals im Gefängnis taufen ließ, war es mir sehr wichtig, alles aufzuschreiben, was ich mit Jesus Christus erlebte und wie er mich umformte und mir so viel Ruhe und Zuversicht gab. Dann konnte ich von vielen wahren Christen aus verschiedenen Evangelischen Gemeinden in der Freiheit danach vieles lernen. Der Umgang untereinander in der Ehe, mit anderen Menschen und auch die enge Beziehung mit Gott tagtäglich und nicht nur am Sonntag in der Kirche. Gott hat mich auch persönlich sehr positiv verändert.

Aus diesem Grund möchte ich jedem Leser gerne zeigen, dass der Menschen Sohn, der von Anfang an das Wort Gottes war, noch heute lebt und in das Leben des Einzelnen eingreift. Wer sein Leben ihm anvertraut und ihm Dient, dem verspricht er auch das Ewige-Leben. Auch meine Geschichte ist eine wahre Geschichte und keine fiktive.

Vielen Dank für dieses interessante Gespräch!

Der Brunnen Verlag Basel hat uns zwei Verlosungsexemplare zur Verfügung gestellt. Wer bis Sonntag 20 Uhr unter diesem Beitrag seinen Kommentar postet, nimmt an der Verlosung teil. Viel Glück!

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Rainer Buck: Fjodor M. Dostojewski

rainer buckfjodor dostojewski

Der Autor beginnt das Leben Dostojewskis ausgerechnet mit dem 22. Dezember 1849. Das ist der Tag, an dem der russische Dichter seinem Tod so nah ist, wie nie zuvor. Er wurde zum Tode verurteilt und in letzter Sekunde vom Zaren begnadigt.

Erschossen wird Dostojewski zwar nicht, dafür muss er aber für Jahre in die Verbannung. Bei seiner Ankunft in Sibirien überreicht ihm eine unbekannte Frau ein Neues Testament. Dies ist der Beginn an dem Dostojewski sich von Jesus Christus ansprechen lässt. Noch oft in seinem Leben wird der spielsüchtige Dichter mit all seiner Unvollkommenheit und seiner Krankheit vor Gott liegen und ein Weiterleben erscheint ihm nur möglich, weil er von der Hoffnung Gottes zehrt.

Ganz leicht ist diese einzigartige Dostojewski Biografie nicht zu lesen. Rainer Buck verfolgt gleich mehrere Erzählstränge. Er erzählt aus dem bewegten Leben des Dichters. Er geht auf alle großen Romane des Russen ein und schildert wann und unter welchen Umständen diese entstanden sind. So hat Dostojewski seine „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“ beispielsweise als Verarbeitung seiner Verbannungszeit in Sibirien geschrieben. Buck schildert auch, wie die einzelnen Romane beim russischen Leser ankommen, politisch waren die 60er und 70er Jahre des 19. Jahrhunderts ja nicht ungefährlich. Besonders spannend sind auch des Autors Schilderungen, wie Dostojewski zum Glauben an Gott steht und wie sich dieses Verhältnis mit den Lebensjahrzehnten des Dichters weiterentwickeln.

Dabei dürfte es äußerst interessant zu lesen sein, wie hoch aktuell Dostojewskis Versuche sind Gott in den Lebensalltag hineinzuholen. Manchmal klingt es unwahrscheinlich, dass rund 150 Jahre zwischen Dostojewski und uns heute liegen. Sehr präzise formuliert der Autor Dostojewskis Ansichten über einen Christenmenschen in seiner Gesellschaft.

Dostojewskifreund Rainer Buck outet sich spätestens mit diesem Buch als Dostojewskikenner und macht auf den russischen Dichterfürsten neugierig!

Brendow, ISBN 978-3-865-06458-5, Preis 14,95 Euro

Rainer Buck hat buecheraendernleben nun folgende Fragen beantwortet:

Hallo Rainer, Du bist schon lange in Dostojewski verliebt. Wann hat Deine Liebe zu ihm begonnen?

Hast Du den Eindruck, dass ich wie ein Verliebter über ihn schreibe? Ich muss allerdings schon bekennen, dass meine erste Lektüre der „Brüder Karamasow“ mich gepackt hat wie bis dahin kein anderer Roman. Da war ich etwa 20. Aber es hat dann trotzdem noch einige Jahre gedauert, bis ich weitere Bücher von ihm las und mir den „Karamasow“-Roman noch einmal vorgenommen habe. Für Dostojewskis Lebensgeschichte habe ich mich erst relativ spät interessiert. Aus heutiger Sicht denke ich, dass man zu manchen Werken vielleicht erst den Schlüssel findet, wenn man mehr über die Lebensgeschichte des Verfassers weiß.

Heute erscheint im Brendow Verlag Dein Dostojewski Buch. Wer sollte es lesen und was hat uns dieser alte russische Schriftsteller heute noch zu sagen?

Es ist ein hoffentlich anschauliches Buch für jeden, der Dostojewski von seiner persönlichen Seite her kennenlernen und etwas über den Hintergrund seines Schaffens erfahren will. Vielleicht ist es sogar eine anregende Lektüre für Leute, die vor den dicken Dostojewski-Romanen kapitulieren. Ich habe natürlich versucht, deren Essenz einzufangen. Außerdem gleicht Dostojewskis Leben in seiner Dramatik stellenweise einem Roman. Dass er heute noch relevant ist liegt daran, dass er sich mit Fragen beschäftigt, die zeitlos sind. Dostojewski stößt in die Seelentiefen vor, die durch Modewellen und Zeitgeist nahezu unangetastet bleiben. Der „alte Adam“ steckt ja in uns allen. Die Chance ist gut, dass ein Leser in Dostojewskis vielschichtigen Figuren etwas von sich selbst entdeckt. Und interessanterweise ist dabei jede seiner Figuren eine potentielle Fundgrube. Es gibt keine Sortierung nach Schwarz und Weiß. Man wird mit Abgründen genauso wie mit Idealen konfrontiert.

Auf für mich beeindruckende Weise schreibst Du Dostojewskis Leben auf und verbindest seine Romane sehr direkt mit seinem Leben. Woher hast Du all das Wissen, was fasziniert Dich so an Dostojewski?

Zumindest Dostojewskis Hauptwerke hatte ich gelesen. Da ist viel hängengeblieben. Was sein Leben betrifft, kann man auf gute Literatur zurückgreifen. Spannend sind die hinterlassenen Briefe und auch das, was Zeitgenossen über ihn schreiben. Den letzten Kick bekam das Projekt durch meine Mailbekanntschaft mit dem Mann, der die umfangreichste deutsche Dostojewski- Homepage unterhält ( http://www.dostojewski.eu). Mit Klaus Trost pflege ich seither einen lebhaften Gedankenaustausch. Er geht auf eine sehr gute Weise respektlos mit Dostojewski um. Ich finde es in der Tat angemessen, Dostojewski nicht auf einen Sockel zu stellen. Das Staunen ist umso größer, wenn man sieht, dass hinter diesen als Weltliteratur anerkannten Werken ein verunsicherter, verzweifelter, um Liebe und Anerkennung flehender Mensch mit schwierigen Charaktereigenschaften steckt. Dostojewski hätte aufgrund seiner Biografie und den vielen Enttäuschungen, die er verarbeiten musste, als Verbrecher enden können. Stattdessen hat er aus den persönlichen Tragödien Stoff für Bücher gesammelt. Die Kraft dazu schöpfte er in den kritischsten Phasen seines Lebens aus dem Glauben. Es ist ein Glaube, der immer wieder durch das Feuer des Zweifels geht. Ich kenne keinen Schriftsteller, der wie Dostojewski bis zur Schmerzgrenze den eigenen Glauben hinterfragt. Gleichzeitig gibt es kaum einen, der so offen Jesus Christus als seine einzige und letzte Hoffnung beim Namen nennt. Den Bezug zwischen Biografie und Werk muss man bei Dostojewski nicht suchen und konstruieren, auch wenn er nicht immer so offensichtlich ist wie im Fall des Romans „Der Spieler“, in dem er seine eigene Spielsucht spiegelt.

Es ist nicht Dein erstes Buch. So ganz nebenbei gehst Du auch noch arbeiten und hast eine Familie. Wieviele Stunden hat Dein Tag?

Manchmal nicht genug, wobei ich ja nur phasenweise viel Zeit fürs Schreiben investiere. Meist Abendstunden. Dafür bin ich relativ uninformiert in Bezug auf Dschungelcamp und ähnliche Beiträge zur Kulturgeschichte. In einem Buch steckt zwar einiges an Arbeit, aber ich sehe diese durchaus als einen Ausgleich zum Beruf. Das ist bei den meisten Autoren so, denn kaum einer lebt ja wirklich vom Bücherschreiben.

Vielleicht wirst Du spätestens jetzt mit diesem Buch Millionär. Aber was war die eigentliche Motivation für Dich, so ein zeitaufwendiges Buchprojekt in Angriff zu nehmen?

Ich habe mir bisher den Luxus geleistet, nur Bücher zu schreiben, die aus eigener Begeisterung oder Neugier heraus geboren wurden. Da besteht wohl nicht einmal die Gefahr, dass der Verlag damit reich wird, vom Autor ganz zu schweigen. Wichtig ist mir, dass die Zeit, die ich mit Schreiben verbringe, gut verbrachte Zeit ist. Zeit, in der ich bei mir selbst bin und es vielleicht sogar schaffe, mir Gottes Gegenwart bewusst zu sein. Im Idealfall kann daraus etwas entstehen, das mit einem besonderen und eigenen Klang bei anderen Menschen ankommt. Manchmal wird ja schon ein gelassener und unangestrengter Ton dankbar registriert und als wohltuend empfunden.

Wenn jemand Rainer Buck heißt, dann hat er garantiert schon längst neue Pläne im Kopf. Magst Du uns etwas davon verraten?

Jetzt bin ich erst einmal gespannt, wie die Dostojewski-Biografie aufgenommen wird. Ein bisschen hoffe ich zudem, dass damit mein Roman „Aljoscha“ nochmals Aufmerksamkeit erhält. Das ist ja sozusagen meine persönliche moderne Leicht-Variante eines Dostojewski-Romans. Neue Pläne müssen nicht unbedingt neue Bücher sein. Ich hätte Lust und Material für Lesungen, Vorträge oder andere literarische Begegnungen. Total geehrt hab ich mich gefühlt, aufgrund meiner letztes Jahr erschienenen Karl-May-Biografie vom Förderkreis des Karl-May-Museums in Radebeul eine Einladung erhalten zu haben. Dort werde ich diesen Herbst etwas über die überraschend vielen Parallelen zwischen May und Dostojewski sagen, die ich auf dem Weg zu meinen beiden Biografien entdeckt haben.

Vielen Dank für das interessante Gespräch!

Der Brendow Verlag hat uns ein Verlosungsexemplar zur Verfügung gestellt. Wer als bis Samstag 20 Uhr unter diesem Beitrag seinen Kommentar postet, hat die Chance dieses Buch von Rainer Buck zu gewinnen. Viel Glück!

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Holger Witzel: Gib Wessis eine Chance

Holger Witzelgib wessis eine chance

Holger Witzel (Foto: Natalia Laska)

Nach „Schnauze Wessi“ setzt die Leipziger Biene Holger Witzel ein Jahr später noch eins drauf. Mit „Gib Wessis eine Chance“ pieckt er in so manch einen emotionsgeladenen Gefühlsstau und provoziert bei seinen Lesern Meinungen, die es dringend bedarf miteinander ins Gespräch zu kommen.

Dieses Buch nimmt politische Geschehnisse des letzten Jahres aufs Korn. Nach meinem Empfinden ist Witzel tiefschürfender an den Themen dran als noch im Vorjahr. In einer Kolumne stellt er die Ausgangslage der Diskussion sehr gut dar. Da ist auf der einen Seite ein so ziemlich beieinander stehendes westdeutsches Volk und da ist auf der anderen Seite ein in weit mehr als zwei Gruppen geteiltes ostdeutsches Volk. Allein dieser Dialog beherbergt jede Menge Sprengkraft.

Interessant ist bei diesem Büchlein für mich auch die Entdeckung, dass der Autor viele Kommentare zu seinem ersten Buch hier mit verarbeitet. Manche zeigen wie sich die Ost – West – Debatte doch auch immer mehr versachlicht, natürlich wird die Kultur des Ossi – Wessi – Streits hier auch ein wenig gehegt und gepflegt. Ein wenig darf ja wohl auch gelacht werden?

Für mich bleibt es unverständlich warum so viele Jahre nach der Wende, einige in Ost und West sich noch immer unversöhnlich gegenüberstehen. Bleibt uns Bürgern in diesem Jahr ja noch das demokratische Mittel Bundestagswahl. Wir sollten unsere Politiker vor der Wahl genau prüfen ob sie uns auch als Volk so regieren, dass endlich zusammenwächst was zusammengehört.

Ich hoffe im Februar 2014 auf ein weiteres Leseabenteuer von Holger Witzel!

Gütersloher Verlagshaus, ISBN 978-3-579-066442-4, Preis 14,99 Euro

Holger Witzel hat buecheraendernleben nun folgende Fragen beantwortet:

Vor einem Jahr haben Sie mit „Schnauze Wessi“ einen Supertitel hingelegt. Jetzt treten Sie mit „Gib Wessis eine Chance“ wieder ins Rampenlicht. Sind Sie wirklich ein „Spalter, Hetzer und Zonenlümmel“ wie einige behaupten?

„Zonenlümmel“ fand ich nicht so treffend. Die anderen Titel schmeicheln mir zwar, aber überschätzen den Einfluss, den ein kleiner Lohnschreiber hat. Die Spaltung Deutschlands ist auch ohne meine Sticheleien groß genug, wenn man sich etwa Löhne und Vermögen anschaut, nicht mal nur im Ost-West-Vergleich. Ehrlich gesagt halte ich die sogenannte soziale Marktwirtschaft – zumindest, wie wir sie in den letzten Jahren kennen lernen durften – für eine ziemlich verlogene Phrase. Ein echter Hetzer hätte da leichtes Spiel. Ich dagegen stehe ja nur in der Satire- und Geschenkbuch–Ecke.

Ihr Buch ist eine Sammlung aus Sternkolumnen die regelmäßig erscheinen. Warum werden Ossis und Wessis nicht warm miteinander?

Keine Ahnung, vielleicht weil der kalte Krieg noch länger dauerte? Auf der anderen Seite müssen ja auch nicht immer alle sofort warm miteinander werden. Vereinzelt gibt es Freundschaften, selbst bei mir immer noch. Aber womöglich war es gerade eines der Grundmissverständnisse, dass sich Ost- und Westdeutsche sofort wieder so gut verstehen würden wie vor dem Krieg. So gesehen ist es vielleicht sogar ganz gut, wie es ist. Wenn Gefühle füreinander nur in Sonntagsreden beschworen werden, hält das dem Alltagstest die Woche über oft nicht stand. Mit Europa ist das ja auch nicht so einfach. Bei übertriebener Propaganda, wenn sich die Leute veralbert vorkommen, schlägt das auch schnell ins Gegenteil um.

Manchmal sind es ganz handfeste Gründe die uns trennen. Manchmal aber auch nur ganz feine emotionale Sachen. Glauben Sie, dass sich diese Trennlinie zwischen Ost und West eines Tages überlebt?

Ich hoffe nicht! Also, handfest muss es von mir aus nicht werden, aber die kleinen feinen Unterschiede genieße ich schon noch sehr. Gerade weil sie nicht immer einfach zu benennen sind, mache sie Spaß. Artenvielfalt halte ich überhaupt für einen kulturellen Reichtum. Wenn sich alle wie Westdeutsche benehmen würden, könnten ja nicht mal mehr Ostdeutsche über sich selber lachen.

Ihr Kolumnen kann man nicht einfach so lesen und schön finden. Man hat ganz einfach eine Meinung dazu. Mit welchem Ziel provozieren Sie?

Das ist eine gemeine Frage. Natürlich möchte ich ins Schwarze treffen, am besten das Schmerzzentrum. Leider geht das manchmal im Gelächter unter. Bei Lesungen freue ich mich zwar auch über Lacher, aber zustimmende Schenkelklopfer haken die Dinge auch oft zu schnell ab. Noch mehr freue ich mich, wenn sich jemand ärgert und dann vielleicht merkt, dass es eben nicht nur um reine Provokation geht. Dass sich nicht alles als Polemik wegwischen lässt. Es ist ja trotzdem eine journalistische Form, nicht nur Quatsch. Ab und zu bleibt etwas hängen, dann haben sogar Westdeutsche die Chance, etwas zu verstehen.

Aller guten Dinge sind Drei. Wie wird Ihr Buch im Februar 2014 heißen?

Das weiß ich nicht. Dann steht die Mauer schon 25 Jahre nicht mehr und trotzdem wird es sich im Osten anfühlen wie 1993: Ob Grundstücke oder Wirtschaft, Justiz oder Verwaltung, die Deutungshoheit über Geschichte oder aktuelle Themen in den Medien – alles ist nach wie vor fest in westdeutscher Hand oder von deren stumpfsinniger Wachstums-Kultur geprägt. Daran ändern auch ein paar Alibi-Posten an der Bundesspitze nichts, im Gegenteil. Insofern scheint das Thema kein abgeschlossenes Sammelgebiet zu sein. Es wird dadurch aber auch nicht lustiger. Deshalb halte ich irgendwann vielleicht auch wieder selbst die Schnauze. Es ist ja eigentlich nicht unsere Art, andere ständig zu belehren. Vor allem, wenn es keinen Zweck hat.

Autor Holger Witzel schenkt einem Gewinner ein signiertes Buch. Also einfach einen Kommentar bis Dienstag 20 Uhr unter diesem Beitrag posten und mit ein wenig Glück bekommst Du das Buch. Viel Glück!

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Elisabeth Büchle: Himmel über fremdem Land

elisabeth büchlehimmel über fremdem land

Die niederländische Familie van Campen hatte schon bessere Tage gesehen. Aber nun, 1908, war das Geld dahin und die drei Töchter des Hauses mussten versorgt werden.

Anki geht als Kindermädchen nach Russland. Tilla wird mit einem Berliner Industriellensohn verheiratet. Und Demy, meine Lieblingsfigur, muss als Gesellschafterin ihrer Schwester mit nach Berlin ziehen. Anfangs weigert sich die freiheitsliebende Demy, aber die 13-jährige muss gehorchen. Sie wird für drei Jahre älter erklärt und kommt als 16-jährige in die aufstrebende deutsche Metropole.

Geschickt verbindet Elisabeth Büchle das Schicksal der drei Schwestern, ihre neu gewonnen Eindrücke an ihren neuen Lebensorten, mit historischen Fakten jener Zeit. Auch wenn das Cover auf einen seichten Liebesroman hindeutet, es handelt sich in diesem ersten Teil einer groß angelegten Familiensaga um einen Roman der am Schicksal von Menschen sehr deutlich die unterschiedlichen politischen Stimmungen in Deutschland vor fast 100 Jahren einfängt. So detailliert und politisch sachkundig gab es dies bei der Autorin bislang noch nicht. Für mein Empfinden ist dies ein nochmaliger literarischer Qualitätssprung und die erneute Bekräftigung der Autorin, die Topautorin der deutschsprachigen christlichen Literaturszene zu bleiben!

Eine globale Dimension erreicht die Autorin, indem sie immer wieder auch einen Blick auf Russland und die damalige deutsche Kolonie „Deutsch-Südwestafrika“ wirft. Aber keine Angst, wer die süddeutsche Autorin kennt, der kann sich darauf verlassen, auch bei diesem Werk kommt die Liebe nicht zu kurz.

Autorinnen wie Elisabeth Büchle, die beinah im Jahrestakt einen weiteren Toptitel auf den deutschen Büchermarkt stellen, stehen immer in der Gefahr eines Tages eine Pleite zu erleben. Mit diesem Buch allerdings auf keinen Fall!

Gut ausgewogen erzählt Elisabeth Büchle den Beginn einer großen Story. Dabei halten sich diesmal Liebe und Politik die Wage. Literarisch gesehen halte ich „Himmel über fremdem Land“ für das Beste was die Autorin ihren Lesern bislang vorgelegt hat!

Gerth Medien, ISBN 978-3-865-91750-8, Preis 16,99 Euro

Elisabeth Büchle hat buecheraendernleben jetzt folgende Fragen beantwortet:

Liebe Elisabeth Büchle, soeben ist der erste Teil Deiner Familiensaga „Himmel über fremdem Land“ erschienen. Der erste Band spielt im Jahr 1908, ein mutiger Held im Buch sagt bereits den I. Weltkrieg voraus. Wie bist Du auf das Thema gekommen?

Die Grundidee zu diesem Roman stammt von einer Lektorin des Verlags Gerth Medien.

Da sich im Jahr 2014 der Kriegsausbruch zum 100-mal jährt, fand sie es eine gute Idee, darüber einen Roman zu verfassen, und da sie mir anbot, dass ich dies gleich in zwei oder drei Bänden »ausleben dürfe«, konnte ich unmöglich ablehnen! Im Gegenteil, ich war begeistert! Eine Kriegskulisse bietet immer ein spannender historischer Rahmen für eine Geschichte, für interessante Persönlichkeiten und ihre Schicksale.

Als Leser bekomme ich immer die fertige Geschichte präsentiert. Bei so einem gewaltigen Werk, dessen Gesamtseitenzahl sicher etwa um die 1500 Seiten betragen wird, stelle ich mir vor, dass es für die Autorin sehr schwierig sein muss den Überblick über Personen und Handlungsstränge zu behalten. Welche Tricks nimmst Du da zuhilfe?

Tricks gibt es dabei weniger, vielmehr eine Menge Papierkrieg. Ich führe beim Schreiben meiner Bücher unzählige Listen; angefangen von einem Personenverzeichnis, über Handlungsorte und Hinweise zu recherchierten Fakten (wo finde ich was zu welchem Thema wieder …). Dazu verfasse ich Listen zu den einzelnen Handlungssträngen, ihre Verzweigungen und die Verknüpfungen, die am Ende (hoffentlich) alles sinnvoll zusammenführen und auflösen. Herausfordernd und neu war es für mich, einige der angerissenen Handlungsstränge über einen zweiten und einen dritten Teil hinweg aufrechtzuerhalten.

Bei der Trilogie kamen zusätzliche Listen dazu, wie die über die historischen Personen oder welche Schreibweise ich für ein russisches Wort oder einen russischen Namen benutzt habe, denn da gibt es viele Varianten. Als kleines Beispiel sei nur der Fluss Newa – oder eben Neva – genannt.

Für mein Empfinden ist „Himmel über fremdem Land“ das bislang politischste Buch von Dir. Ich lese von Walter Rathenau und Rosa Luxemburg, von arm und reich und Du stellst die sozialen und politischen Verhältnisse jener Zeit sehr schön dar. Bist Du die große Geschichtsexpertin oder wie sahen deine Recherchearbeiten aus?

Die politischen Themen konnte ich bei einer Trilogie rund um den Ersten Weltkrieg nicht unter den Tisch fallen lassen, obwohl ich bald bemerkt habe, dass ich gehörig auf die Bremse drücken musste. Die Gefahr, sich in den damaligen Strömungen und Veränderungen politischer und gesellschaftlicher Art heillos zu verheddern und aus einem Roman ein Sachbuch zu machen war groß! Von einer Geschichtsexpertin bin ich weit entfernt, doch historische Hintergründe faszinieren mich, weshalb ich auch gern recherchiere. Etwa 10 Prozent von dem, was ich dann nachgelesen habe, hat schließlich den Weg in das Manuskript gefunden. Aber zugegeben: Der Rechercheaufwand war noch bei keinem meiner Roman so gewaltig wie für diese Trilogie. Ein Historiker wird schnell bemerken, dass ich nur an der Oberfläche gekratzt habe. Aber natürlich steht bei aller Liebe zum Detail der flüssige Lesegenuss für meine Leser und Leserinnen im Vordergrund. Wer sich nach der Lektüre tiefer in die Geschehnisse einarbeiten möchte, kann das dann gern tun! Dennoch hoffe ich, dass ich den Menschen von damals eine Stimme, ein Gesicht geben konnte.

Was glaubst Du warum ist es für uns heute wichtig die Lebensumstände von vor hundert Jahren zu kennen?

Geschichte ist nicht dazu da, um arme Schüler mit trockenen Jahreszahlen zu ärgern, sondern um aus den Fehlern vergangener Generationen zu lernen und es besser zu machen. Auch hege ich den Wunsch, dass jüngere Menschen ein Verständnis dafür entwickeln, dass die »Alten« (die wird es immer geben, auch wenn sie den Ersten Weltkrieg natürlich nicht mehr erlebt haben!) ihre eigenen Kämpfe zu meistern hatten und von diesen geprägt wurden. So hoffe ich auf Verständnis für die Andersartigkeit zwischen den Generationen, auf Respekt vor dem, was die Alten geleistet haben – und für unsere Jugendlichen, die nicht unbedingt in einer leichteren »Geschichte« drinstecken.

Ich vermute mal, es werden jetzt noch zwei Bände folgen. Kannst Du uns schon mal verraten wann die kommen und vielleicht auch mit welchem Jahr die Romanhandlung abschließt?

Teil 2 der Trilogie ist für den Herbst 2013 geplant. Dieser Roman spielt dann ab Sommer 1914, also bei Kriegsausbruch, und endet im Dezember 1916. Teil 3 wäre für das Frühjahr 2014 an der Reihe, schließt sich nahtlos dem 2. Teil an und endet im Sommer 1919.

Einem Glücklichen wir Elisabeth Büchle ein von ihr signiertes Exemplar ihres Buches schenken. Wer also bis Montag 20 Uhr seinen Kommentar unter diesem Beitrag postet hat die Chance das Buch zu gewinnen. Viel Glück!

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Claudia Lietha: Borreliose

claudia Liethaborreliose

Selbst bereits oft genug zeckengeplagt habe ich mich gleich auf diese aktuelle Neuerscheinung gestürzt und dabei Claudia Lietha kennengelernt.

Die junge Schweizerin wächst in einem frommen Elternhaus auf und sehr früh bereits steht für sie fest: „Ich will Schriftstellerin werden!“ Mit elf Jahren hat sie ihre erste Geschichte vollendet, über 100 handgeschriebene Seiten. Doch der Weg zur Schriftstellerin wurde für Claudia Lietha lebensgefährlich.

Nach einem Zeckenstich erkrankt sie sehr schwer. Ärzte sind unsicher. Können sich selbst vieles nicht erklären. Während dessen liegt die 16 jährige Teenagerin mit schwersten Muskel -, Gelenk- und Nervenentzündungen sowie Lähmungen in den Beinen, abgemagert bis auf 30 Kilogramm im Krankenhaus.

Sehr offen lässt Claudia Lietha ihre Leser in ihr Leben schauen. In der Einleitung beschreibt sie, dass sie dieses Buch eigentlich nicht geplant hatte. Der Verlagsleiter selbst hat sie überredet.

Gut, dass er es geschafft hat!

Brunnen, ISBN 978-3-765-51544-6, Preis 16,99 Euro

Claudia Lietha hat buecheraendernleben nun folgende Fragen beantwortet:

Liebe Claudia Lietha, auf Dein Borreliose Buch habe ich mich gleich gestürzt. Weißt Du auch warum? Weil ich mit meiner Familie in einem einsamen Häuschen mitten im Walde wohne und schon 16 Mal von einer Zecke gestochen wurde. Glücklicherweise bin ich davon nur ein Mal erkrankt, aber bei weitem nicht so schlimm wie Du es warst. Deine ganze Teenagerzeit hindurch hast Du an den Folgen eines Zeckenstichs zu leiden gehabt. Wie geht es Dir heute mit ein wenig Abstand betrachtet mit all diesen Erfahrungen?

Es geht mir heute eigentlich wieder erstaunlich gut, aber ich versuche natürlich im Alltag all diese Krankheits-Erlebnisse so gut wie möglich zur Seite zu legen. Dennoch muss ich zugeben, dass man solche schwerwiegenden Erlebnisse nie mehr völlig vergisst. Man ist nicht mehr der gleiche Mensch wie vor der Erkrankung, weil man halt tiefgreifende Erfahrungen gemacht hat, die einen auch fürs Leben prägen. Ich war wegen dieser Borreliose fast 20 Jahre lang in intensiver medizinischer Behandlung, das verändert einen – aber nicht nur in negativer Weise: Die Dankbarkeit und die Freude, am Leben zu sein und sich wieder am Leben freuen zu dürfen, ist beispielsweise viel grösser, wie wenn ich niemals erlebt hätte, wie es sich anfühlt, so vieles zu verlieren, was das Leben lebenswert macht. Ich lebe dadurch nun auch bewusster, weil ich realisiert habe, dass nichts selbstverständlich ist. Es sind andere Werte und Ziele in meinem Leben wichtig geworden.

Klar, zwischendurch sitzt mir auch noch der „Schreck in den Gliedern“, dass ich all das so lange erleben und durchstehen musste, bis es endlich eine wirksame Behandlung gegen diese schwere Krankheit gab. Und manchmal gibt es sogar Momente, wo ich ein wenig Traurigkeit empfinde, dass ich so abrupt aus meiner Kindheit gerissen worden bin und nie eine normale, unbeschwerte Jugend erlebt habe. Im Großen und Ganzen kann ich jedoch sagen, dass ich heute trotz – oder vielleicht gerade wegen all dieser Erfahrungen – ein lebenswertes Dasein führen kann. Vielleicht sogar ein sinnvolleres Dasein, wie wenn ich niemals krank gewesen wäre.

Die Krankheit ist die eine Sache, aber was hat diese Krankheit mit Deinem Gottesbild gemacht? Als kleines Mädchen warst du glücklich mit viel Fantasie ausgestattet, es stand für dich ja bereits fest, Du wirst eines Tages Schriftstellerin sein. Und dann plötzlich kommt alles ganz anders und du hast Jahre ums Überleben zu kämpfen. Bist du da nicht stinksauer auf den lieben Gott?

In der ersten Krankheitszeit ging es mir so schlecht, dass ich über gar nichts mehr nachgedacht habe. Ich bin die meiste Zeit in einer Art Fieberzustand vor mich hin gedämmert und habe einfach nur darauf gewartet, dass der Tag vorüber ging. Schwieriger wurde es dann, als ich in die Pubertät kam und wieder etwas mobiler wurde, jedoch immer noch so krank war, dass ich eigentlich kaum lebensfähig war. Zu diesem Zeitpunkt, als die Gleichaltrigen sich aufmachten, ins Leben hinauszugehen, ging bei mir aufgrund der Krankheit gar nichts: Ich konnte keine Ausbildung beenden, war kaum
arbeitsfähig, war nicht in der Lage, Beziehungen zu führen, war sozial isoliert, hatte keine Aussicht auf Heilung usw.

An diesem Punkt fiel es mir zunehmend schwerer, in meiner Krankheit einen Sinn zu sehen. Die Tatsache, praktisch lebensunfähig zu sein, nichts mehr verwirklichen zu können, wovon ich immer geträumt hatte – und nicht zu wissen, wie lange ich noch in diesem Zustand leben musste – war nicht immer einfach zu ertragen. Da kam dann zeitweise schon die Frage auf „Was fange ich bloß mit einem solchen Leben an?“. Aber dadurch, dass ich auch in den schlimmsten Krankheitszeiten nie gänzlich die Hoffnung verloren habe, sind bei mir eigentlich nie wirklich Gefühle von Wut gegenüber Gott aufgekommen.

Ich habe beispielsweise Gott nie für mein Schicksal verantwortlich gemacht. Der Glaube hat mir im Gegenteil sehr geholfen, diese Zeit zu überstehen und mir immer wieder neue Kraft und Zuversicht gegeben. Die schwere Krankheit hat jedoch mein Gottesbild insofern verändert, als dass ich mir jahrelang intensive Gedanken darüber gemacht habe, „wer“ oder „was“ Gott eigentlich ist, wie er wirkt, wie unsere Welt „funktioniert“ usw. Meine Vorstellung von Gott hat sich in all der Zeit vom „kindlichen“ Gottesbild zu einem „komplexeren“ Gottesbild gewandelt.

Was Du selbst über die Ärzte und ihren Umgang mit der Borreliose schreibst, deckt sich fast mit meinen Ärzteerfahrungen hier in Norddeutschland. Warum wissen unsere Ärzte immer noch zu wenig über diese Krankheit?

Ich denke, das hat verschiedene Gründe, die in der Schweiz als auch in Deutschland sowie anderswo auf der Welt überall ähnlich sind: Einerseits ist kaum ein öffentliches Bewusstsein für diese Krankheit vorhanden, war die Borreliose-Krankheit doch lange Zeit kein gravierendes Problem. Meine Eltern berichten, dass in den 1950- und 60-er Jahren in der Schweiz niemand von dieser durch Zecken übertragenen Krankheit namens Borreliose gewusst habe, und ich vermute, das wird in Deutschland ähnlich gewesen sein. Es erkranken zwar schon seit Tausenden von Jahren Menschen an Borreliose, aber erst 1981 entdeckte Dr. Willy Burgdorfer den Krankheitserreger (zuvor hatte man der Krankheit alle möglichen Namen gegeben, und wusste nicht genau, was es damit auf sich hatte). Aber diese Borreliose-Fälle waren, verglichen mit heute, „Einzelfälle“. Es wusste also lange Zeit praktisch niemand in der Bevölkerung, was das überhaupt für eine Krankheit ist, und so ging es auch den Ärzten. Sogar die wenigen Spezialisten für Zeckenkrankheiten, die es in den 80-er Jahren bereits gab, hatten kaum profunde Kenntnisse über den Verlauf und die Auswirkungen der Krankheit, Forschung gab es auch so gut wie keine damals. Die Krankheit steckte sozusagen noch in den Kinderschuhen.
Die IDSA (Infectious Dieseases Society of America) hat dann die Leitlinien erstellt, dass eine Borreliose mit einer vierwöchigen Antibiotika-Therapie zu heilen sei. Diese Leitlinien stützten sich auf relativ fragwürdige Studien und daraus gezogene Schlussfolgerungen, wie spätere Analysen ergaben, aber da waren die Leitlinien schon geschrieben. Die Leitlinienautoren versicherten zudem, dass eine Borreliose nicht chronisch verlaufen kann, was in der Zwischenzeit auch wissenschaftlich widerlegt worden ist. Diese medizinischen Behandlungsrichtlinien aus den USA sind später jedoch fraglos weltweit übernommen worden, so z.B. auch in Deutschland und der Schweiz. Demgegenüber stand die Tatsache, dass sich – vermutlich auch durch die Klimaerwärmung – von Jahr zu Jahr immer mehr infizierte Zecken verbreiteten und immer mehr Menschen an Borreliose erkrankten. Die zunehmenden Fälle von Therapieversagen bei Patienten, die trotz einer maximal vierwöchigen Antibiotikabehandlung chronisch krank blieben, sind dann erst mal nicht weiter beachtet worden – und die Patienten, die durch die schwere Infektion sehr erschöpft und geschwächt waren, hatten verständlicherweise gar keine Kraft, um auf sich aufmerksam zu machen, und sind dann irgendwann – von der Öffentlichkeit nicht beachtet – einfach „von der Bildfläche verschwunden“, sprich bei der Sozialhilfe oder den Rentenversicherungen gelandet, wo sie für die Gesellschaft natürlich inexistent blieben. Das mangelnde Bewusstsein für die Existenz dieser Krankheit hat auch dazu geführt, dass sich die Behörden weltweit – und auch hier in Deutschland, Österreich und der Schweiz – bisher kaum darum gekümmert haben, sich auch nicht darum gesorgt haben, dass beispielsweise Ärzte darüber informiert werden. Und die weltweiten Borreliose-Patientenorganisationen sind alle von selber Betroffenen gegründet worden und werden meist von den Behörden – auch finanziell – nur minimal unterstützt, wodurch auch diesen Patientenorganisationen Grenzen gesetzt sind, über die Krankheit umfassend aufzuklären. Des weiteren kommt noch dazu, dass sich die Pharmaindustrie ebenfalls nicht für diese Krankheit interessiert, kann eine Borreliose doch mit Antibiotika, auf welche die Patente bereits abgelaufen sind, und mit Komplementärmedizin, die nicht in den Bereich der Pharmaindustrie fällt, behandelt werden. So ist die Pharmaindustrie verständlicherweise nicht groß daran interessiert, Informationsmaterial über Borreliose für Ärzte zu produzieren, oder sogar Geld für Borreliose-Forschung zur Verfügung zu stellen. Nicht zuletzt ist Infektiologie in Deutschland erst 2003 wieder in die ärztliche Weiterbildung aufgenommen worden, und auch aus der Schweiz ist bekannt, dass Borreliose bis vor einiger Zeit nicht als eigenes Krankheitsbild im Medizinstudium gelehrt worden ist – den meisten Ärzten fehlen also schlicht infektiologische Grundkenntnisse!

Zusammengefasst kann man folglich sagen, dass eine fast schon unglückliche Verkettung von Ereignissen dazu geführt hat, dass die meisten Ärzte bis heute kaum etwas über diese Krankheit wissen.

Glücklicherweise bist du nun als junge Frau wieder gesund. Was machst Du heute beruflich?

Ich arbeite heute als Museumspädagogin und als Kinderbuchautorin, sowie für den Schweizerischen Verband der Kinder- und Jugendbuchschaffenden. Ich hatte ehrlich gesagt lange Zweifel, ob ich den Anschluss ins Berufsleben überhaupt noch schaffe, habe mir ernsthafte Gedanken gemacht, inwiefern ich auf dem Arbeitsmarkt noch Chancen habe nach dieser langen Krankheit. Aber auch hier haben sich auf wunderbare Weise einige Türen geöffnet. Eine besonders schöne Überraschung war natürlich die Feststellung, dass ich wieder Bücher schreiben kann. Lange Zeit war ich nämlich nicht mehr in der Lage, richtig zu schreiben, und es war ungewiss, wie weit sich mein Gehirn von der schweren Krankheit wieder erholen würde. Eigentlich hatte ich den Traum vom Schreiben schon längst aufgegeben …

Dein Traum ist also wahr geworden. Kannst Du mir denn Dein selbstgeschriebenes Buch empfehlen?

Ja, völlig unverhofft, in der Tat. Ich darf natürlich nicht gut meine eigenen Bücher weiterempfehlen J Aber ich kann dazu erzählen, dass es eine lustige Fantasie-Abenteuer-Geschichte ist „für Kinder und solche die es im Herzen geblieben sind“, wie eine Leserin geschrieben hat. Und für mich persönlich hat dieses Buch insofern eine besondere Bedeutung, als dass eine erste Version dieser Geschichte in meiner Jugendzeit entstanden ist, kurz vor Ausbruch der schweren Krankheit. Das Neuaufarbeiten dieser alten Geschichte war also irgendwie auch symbolisch ein Wiederanknüpfen an mein früheres Leben. Und damit auch ein Zeichen, dass nun doch wieder alles gut gekommen ist, und nach schlimmen Zeiten wieder schöne folgen …

Der Brunnen Verlag hat uns zwei Verlosungsexemplare von diesem Titel zur Verfügung gestellt. Wer sich dafür bewerben möchte, schreibt bitte unter diesen Beitrag seinen Kommentar und mit ein wenig Glück gehört er Montag 20 Uhr zu den Gewinnern. Viel Glück! Gleichzeitig die Postadresse bitte an meine Adresse im Impressum schicken.

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Gerhard Engelsberger: Gemeinde

kirchenjahrgerhard engelsberger

Foto: Gerhard Engelsberger (Quelle: Gerhard Engelsberger)

In diesem dritten Band seiner Wanderung durch das evangelische Kirchenjahr, geht der Pfarrer Gerhard Engelsberger gemeinsam mit seinen Lesern den Weg von Ostern bis zum Ewigkeitssonntag.

Was mich an diesem Buch, aber auch an den beiden ersten Teilen fasziniert, dass ist ihre ungeheuere Lebendigkeit seiner Worte. Diese Lebendigkeit dringt vor bis in die Gegenwart und zeigt vor allem ich stehe nicht allein da mit meinen Empfindungen und mit meinem Glauben.

Der Autor berichtet von Alltagsbegebenheiten, erzählt aus seinen Jahren als Pfarrer und holt in sein Buch auch Theologen wie Jörg Zink und Dorothee Sölle mit hinein. Wie denken oder dachten sie über spezielle theologische Fragen? Engelsberger geht dem nach und lässt seine Kollegen auch selbst zu Worte kommen.

Immer mehr entpuppt sich dieser Wanderführer zu einer Fundgrube. Meditationen und Gottesdienstkonzepte laden ein sich zu bedienen.Da wo manch ein Laie oder auch kirchlicher Mitarbeiter nicht sicher auf eigene Worte vertraut, da kann er sich hier bedienen. Es kann neu sortiert und ergänzt werden.

Gerhard Engelsberger hat ein Werk geschaffen, welches wichtige Bausteine für Gottesdienste und Andachten liefert. Dafür gebührt ihm Dank und Anerkennung!

Gütersloher Verlagshaus, ISBN 978-3-579-06188-7, Preis 19,99 Euro

Gerhard Engelsberger hat buecheraendernleben nun folgende Fragen beantwortet:

Lieber Gerhard Engelsberger, Ihr nun erschienenes Buch ist der dritte Band Ihrer Wanderung durch das Kirchenjahr. Wie kamen Sie auf die Idee, so eine Trilogie zu schreiben?

Das war zuerst keine eigene Idee. Ich hatte 2008 ein Buch zu Advent und Weihnachten geschrieben. Dann ergab sich die Fortsetzung (2011 Passion und Ostern) – und logisch – nun der Großteil des Kirchenjahres zwischen Himmelfahrt und Ewigkeitssonntag.

Oft bin ich erschrocken darüber, wie wenig sich Christen heute in unserem Kirchenjahr auskennen. Warum ist das so?

Nach meiner Überzeugung ist dies ein „Eigentor“ der Kirche. Es gab – und gibt noch – eine deutliche Vermittlungskrise, noch deutlicher: eine Unfähigkeit, über den eigenen Glauben zu sprechen. Theologische Wissenschaft ja, Bibel ja, aber über den eigenen Glauben zu reden, ist „peinlich“. Das leere Feld besetzten „freie“ evangelische Gemeinde und Fundamentalisten.

Ich und meine eigene Generation sind Traditionen misstrauisch begegnet. Das hatte bei der deutschen Vergangenheit seine berechtigten Gründe, führte aber nach dem „Traditionsbruch“ zu einer „Traditionsarmut“ oder „Traditionslosigkeit“. Nach über 60 Lebensjahren und 40 Jahren Dienst in der Kirche weiß ich: Traditionen halten oft heilend etwas zusammen, was auseinanderzubrechen droht bzw. „erinnerungsunfähig“ macht und den Umgang mit der eigenen Geschichte „outsourced“.

Warum ist es überhaupt wichtig, Farben und auch Bezeichnungen und Bedeutungen der einzelnen Sonntage zu kennen?

Farben und Namen sind nur Synonyme. Wir stecken mitten in einer tiefen Sinnkrise. Eine Kultur, die keine Mythen mehr hat, wird unsicher, verarmt, geht auf den Markt und sucht und winkt und schreit und rennt, sucht verzweifelt, macht auf sich aufmerksam, schlägt um sich und fügt sich selbst Schmerzen zu. Eine Kultur, die den Zugang zu den eigenen Mythen verweigert, verarmt, wird blutleer und stirbt aus.

Es ist also meines Erachtens nicht so wichtig, „auswendig zu lernen“, sondern die Be-„Deutung“ zu erfahren und Mythen nicht als „Ammen-Märchen“ zu verharmlosen.

In ihrem Buch sagen sie ganz viel durch selbst erlebte oder gehörte Geschichten. Sind erzählte Geschichten für den Glauben wichtig?

Nur erzählter Glaube ist biblischer Glaube. Die Bibel lebt ausschließlich davon, dass Menschen von den Erfahrungen erzählen, die sie mit dem Glauben machen bzw. gemacht haben. Jedes Gespräch, jede Predigt und jedes Buch ist eine Fortschreibung dieser „Erzählung“. Wird nicht mehr auf je neue Weise und „aufregend“ erzählt, wird die „story“ belanglos.

Aus ihrem Buch kann man Ideen schöpfen. Für Andachten und Familiengottesdienste sind wichtige Tipps und Konzepte dabei. Was glauben sie: Gehört den Laien die Zukunft in der Verkündigung?

Ja und nein.

Ja deshalb, weil die evangelische Kirche bis auf wenige Zeiten diesem qualitativen Unterschied zwischen „Klerus“ und „Laien“ immer widersprochen hat. Der Glaube wird nicht durch uns Theologen zur Tradition, sondern durch das Erzählen von Eltern und Großeltern, Paten und Mitarbeiterinnen in den Gemeinden und durch ein schlichtes, im Alltag gelebten „Bekenntnis“.

Nein deshalb, weil das Fundament unseres Glaubens, die Bibel und darin die Erzählungen von Jesus Christus verlangen, dass Menschen sich kundig machen. Das beginnt bei den Sprachen (Hebräisch und Griechisch) und endet bei schwierigsten ethischen Fragen (Gentechnologie u.ä.). Kirche muss wissenschaftlich durch ihre Theologinnen und Theologen auf der Höhe der Zeit sein, überzeugende Antworten auf alte und immer wieder neue, veränderte und weiter gewachsene Fragen geben können. Deshalb stellt die Kirche sozusagen ihre Pfarrerinnen und Pfarrer, Theologinnen und Theologen von Arbeiten frei, damit sie sich für die Gemeinde und mit der Gemeinde kundig machen.

Kluge Theologen rufen allerdings die Lebens- und Glaubenserfahrung der Laien immer wieder als Korrektur eigener Gedanken ab bzw. bitten um Mitarbeit und gedanklichen Austausch.

So liegt wie in der Vergangenheit auch in der Zukunft die „Verkündigung“ bei beiden. Würde das eine oder das andere ausgeschlossen, landet die Kirche in einer sektiererischen Ecke. Das wäre nicht nur das Ende protestantischer Freiheit, sondern auch das Ende der Glaubwürdigkeit.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Das Gütersloher Verlagshaus stellt buecheraendernleben ein Exemplar dieses Titels als Verlosungsexemplar zur Verfügung. Wer also bis Sonntag 20 Uhr seinen Kommentar unter diesem Beitrag postet, kann zu den Gewinnern gehören. Wer mir noch nicht seine Postadresse mitgeteilt hat, darf dies gern nachholen, bitte an meine Mailadresse im Impressum. Viel Glück!

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