Johano Strasser: Gesellschaft in Angst

johano strgesellschaft in Angst

Johano Strasser (Foto: Marion Mutschler)

Johano Strasser macht die immer mehr um sich greifende Angst und Unsicherheit zum Thema. Er schaut sich unter den Völkern um, bricht das Thema dann aber auch auf uns Menschen innerhalb einer kleinen Gemeinschaft herunter und damit wird das Thema umso spannender.

Er führt eine Vielzahl von Beispielen auf. Für so ziemlich alles gibt es inzwischen Versicherungen, an einigen Schulen ist es Schülern bereits verboten während der hofpause den Schnee zu berühren, ein Schneeball könnte ja einen Mitschüler treffen, aus Angst vor terroristischen Anschlägen stellen wir uns in die Nacktscanner … Strasser sagt, wir opfern dem Götzen Sicherheit unsere Freiheit. Ein Satz der nachdenklich macht.

„Das Streben nach Sicherheit ist ohne Zweifel in der Natur des Menschen angelegt.“ meint der Autor. Er erinnert an den ständig neu zu prüfenden Balanceakt zwischen Demut und sträflichem Übermut. Der Autor stellt provokante Thesen und Fragen in den Raum und lässt seinem Leser Zeit diese Fragen selbst zu beantworten. Mit seinen Thesen beispielsweise zeigt er mir die Sprengkraft seiner Überlegungen. Strasser sagt, Angst und Unsicherheit verdecken gegenwärtige Probleme und er kommt auf die immer weiter auseinandergehende Schere von arm und reich. Vieles klingt logisch!

Provozierend will der Autor dann wissen: „Macht Freiheit Angst?“ Das Buch ist spannend, weil es die Ängste eines jeden Lesers direkt anspricht und man sich in diesem Buch wiederfindet. Aber Johano Strasser lässt mich mit seiner provozierenden Art und mit seinen Fragen nicht allein. Er entwickelt Strategien der „Entängstlichung“ wie er das nennt. In Kurzform könnte man vielleicht sagen: Lass dir nicht so vieles vorgaukeln, setz lieber öfter mal dein Hirn ein!

Gütersloher Verlagshaus, ISBN 978-3-579-06640-0, Preis 19,99 Euro

Johano Strasser hat buecheraendernleben jetzt folgendes Interview gegeben:

Lieber Johano Strasser, soeben ist ihr Buch „Gesellschaft in Angst“ erschienen. Wie kam es zu diesem Thema?

Der eigentliche Auslöser war eine Tagung zum Thema Depression, zu der ich einen literarisch-essayistischen Beitrag zu liefern hatte. Bei der Vorbereitung meines Vortrags stieß ich auf immer mehr Belege dafür, wie trotz überbordender Sicherheitsanstrengungen in der modernen Gesellschaft Ängste und Angstzustände in letzter Zeit zunehmen. Besonders verblüffend war der Befund, dass gerade auch technisch-organisatorische Vorkehrungen gegen Gefahren zu Angst machenden Faktoren werden können.

Ängste zu haben ist eine ganz normale, sicher auch wichtige menschliche Eigenschaft. Zur Zeit scheint die Angst vor allem und jedem aus dem Ruder zu laufen. Warum ist das so?

Wenn wir in die Geschichte der letzten zweitausend Jahre blicken, stellen wir fest, dass es in gewissen Abständen immer mal wieder Wellen der Angst, der tiefen Verunsicherung und der Hysterie gegeben hat. Meistens handelte es sich um Umbruchzeiten, in denen die Menschen sich nicht mehr in ihrer Welt zurechtfanden. Heute leben wir wieder einmal in einer solchen Umbruchzeit. Die rasante Beschleunigung innovativer Prozesse, die enorm gestiegenen Mobilitätsanforderungen, die schnelle Entwertung erworbenen Wissens, die Auflösung vieler lebensleitender Institutionen und das zunehmende Versagen der einst so leistungsfähigen Sicherheitsstrategien setzen immer mehr Menschen unter einen permanenten Stress, dem sie nicht gewachsen sind. Obwohl sie wenig bis gar keine Kontrolle über die sie verunsichernden Prozesse haben, fühlen sie sich in unserer hyperindividualistischen Welt für ihr eigenes Schicksal verantwortlich. Individualisierung der Verantwortung bei gleichzeitigem Kontrollverlust führt oft zu Überforderung, Angstzuständen, Burnout, Depression.

Sie schreiben in ihrem Buch Angst und Unsicherheit verdecken gegenwärtige Probleme. Schnell kommen sie auf die Schere die Arme und Reiche immer weiter voneinander entfernt. Politiker müssen unbedingt handeln, aber was bleibt uns zu tun?

Nach den über Jahrzehnte sorgfältig erhobenen Befunden, die Wilkinson und Pickett in ihrem Buch Gleichheit ist Glück vorgelegt haben, gehen wachsende Einkommens- und Besitzunterschiede in der Gesellschaft offenbar mit zunehmender Kriminalität, schärferer Statuskonkurrenz, Vertrauensverlust, sogar höherem Krankenstand einher. Es kann kaum einen Zweifel daran geben, dass ein Klima gelassener Zivilität im Umgang miteinander in Gesellschaften größere Gleichheit eher zu haben ist. Das hängt offenbar auch damit zusammen, dass wir als Menschen eher in Gemeinschaft mit anderen Menschen, nicht in der Statuskonkurrenz mit ihnen glücklich werden können. Wenn die Bessergestellten tatenlos zusehen, wie immer mehr Menschen, Arbeiter, kleine Angestellte, Rentner und Arbeitslose, in ihrer Würde verletzt und in Armut getrieben werden, wird die Gesellschaft auch für sie selbst
ungemütlicher werden. Teilen kann auch für die Bessergestellten von Vorteil sein.

Spannend finde ich ihre Frage: „Macht Freiheit Angst?“ Können sie selber ihre Frage mit drei Sätzen beantworten?

Wo der Mensch sich seiner Sterblichkeit und Freiheit bewusst wird, wo er ins Offene tritt und Verantwortung für sein Leben übernimmt, wird er sich auch seiner Ausgesetztheit bewusst. Das ist unvermeidlich, und es wäre sinnlos, sich dagegen aufzulehnen. Aber wir sind nicht allein auf der Welt, wir finden um uns herum andere Menschen, deren Grundverfassung die gleiche ist. Mit ihnen zusammen können wir unser Leben so einrichten, dass wir nicht ins Bodenlose fallen, wenn uns etwas zustößt. Wir können zusammen Feste feiern und fröhlich sein, im Unglück zusammenstehen, und uns gegenseitig helfen, wir können organisatorische Vorkehrungen treffen, die uns unsere Freiheit lassen, aber uns nach Möglichkeit Schutz gewähren. Dieser Schutz kann, wie wir wissen, nie vollständig sein. Darum gehört dazu, daß man sich mit (philosophischer oder religiöser oder heidnischer) Gelassenheit in die condition humaine fügt und dann und wann auch einmal mit Humor reagiert, wenn uns etwas daneben geht.

Ich habe mich jetzt in meiner Wohnung eingeschlossen. Türen und Fenster sind mit modernsten Sicherheitsschlössern gesichert. An meiner Seite stehen zwei große Kampfhunde. Gibt es noch einen anderen Weg um meine Ängste zu besiegen?

Wer überall Gefahren und Feinde wittert, wer sich zu seinem Schutz allein oder vor allem auf technisch-organisatorische Sicherheit verlässt, gerät fast zwangsläufig in eine soziale Isolation, die das Misstrauen gegenüber anderen vergrößert und so soziale Kontakte weiter erschwert. Es ist wichtig sich klar zu machen, dass es eine absolute Sicherheit selbst bei perfekter technischer Ausstattung der eigenen Wohnburg nicht gibt. Der sicherste Weg zu einem in Maßen angstfreien Leben ist der vertrauensvolle Umgang mit seinen Mitmenschen, sind zuverlässige Freundschaften, geregelte Arbeitsbeziehungen, öffentliche Institutionen, die im Notfall Hilfe leisten, sind zuverlässige Solidarversicherungen gegen Risiken, die wir allein, in der Familie und im Freundeskreis nicht tragen können, und die Berücksichtigung der Lebensinteressen der vielen Millionen Menschen auf der Welt, denen es schlechter geht als uns, um so nach Möglichkeit Verzweiflung und Hass gar nicht erst aufkommen zu lassen.

Herzlichen Dank für das interessante Gespräch!

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Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “Johano Strasser: Gesellschaft in Angst

  1. Maria Lahnstein

    Ein sehr interessantes Thema !

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