Claudia Lietha: Borreliose

claudia Liethaborreliose

Selbst bereits oft genug zeckengeplagt habe ich mich gleich auf diese aktuelle Neuerscheinung gestürzt und dabei Claudia Lietha kennengelernt.

Die junge Schweizerin wächst in einem frommen Elternhaus auf und sehr früh bereits steht für sie fest: „Ich will Schriftstellerin werden!“ Mit elf Jahren hat sie ihre erste Geschichte vollendet, über 100 handgeschriebene Seiten. Doch der Weg zur Schriftstellerin wurde für Claudia Lietha lebensgefährlich.

Nach einem Zeckenstich erkrankt sie sehr schwer. Ärzte sind unsicher. Können sich selbst vieles nicht erklären. Während dessen liegt die 16 jährige Teenagerin mit schwersten Muskel -, Gelenk- und Nervenentzündungen sowie Lähmungen in den Beinen, abgemagert bis auf 30 Kilogramm im Krankenhaus.

Sehr offen lässt Claudia Lietha ihre Leser in ihr Leben schauen. In der Einleitung beschreibt sie, dass sie dieses Buch eigentlich nicht geplant hatte. Der Verlagsleiter selbst hat sie überredet.

Gut, dass er es geschafft hat!

Brunnen, ISBN 978-3-765-51544-6, Preis 16,99 Euro

Claudia Lietha hat buecheraendernleben nun folgende Fragen beantwortet:

Liebe Claudia Lietha, auf Dein Borreliose Buch habe ich mich gleich gestürzt. Weißt Du auch warum? Weil ich mit meiner Familie in einem einsamen Häuschen mitten im Walde wohne und schon 16 Mal von einer Zecke gestochen wurde. Glücklicherweise bin ich davon nur ein Mal erkrankt, aber bei weitem nicht so schlimm wie Du es warst. Deine ganze Teenagerzeit hindurch hast Du an den Folgen eines Zeckenstichs zu leiden gehabt. Wie geht es Dir heute mit ein wenig Abstand betrachtet mit all diesen Erfahrungen?

Es geht mir heute eigentlich wieder erstaunlich gut, aber ich versuche natürlich im Alltag all diese Krankheits-Erlebnisse so gut wie möglich zur Seite zu legen. Dennoch muss ich zugeben, dass man solche schwerwiegenden Erlebnisse nie mehr völlig vergisst. Man ist nicht mehr der gleiche Mensch wie vor der Erkrankung, weil man halt tiefgreifende Erfahrungen gemacht hat, die einen auch fürs Leben prägen. Ich war wegen dieser Borreliose fast 20 Jahre lang in intensiver medizinischer Behandlung, das verändert einen – aber nicht nur in negativer Weise: Die Dankbarkeit und die Freude, am Leben zu sein und sich wieder am Leben freuen zu dürfen, ist beispielsweise viel grösser, wie wenn ich niemals erlebt hätte, wie es sich anfühlt, so vieles zu verlieren, was das Leben lebenswert macht. Ich lebe dadurch nun auch bewusster, weil ich realisiert habe, dass nichts selbstverständlich ist. Es sind andere Werte und Ziele in meinem Leben wichtig geworden.

Klar, zwischendurch sitzt mir auch noch der „Schreck in den Gliedern“, dass ich all das so lange erleben und durchstehen musste, bis es endlich eine wirksame Behandlung gegen diese schwere Krankheit gab. Und manchmal gibt es sogar Momente, wo ich ein wenig Traurigkeit empfinde, dass ich so abrupt aus meiner Kindheit gerissen worden bin und nie eine normale, unbeschwerte Jugend erlebt habe. Im Großen und Ganzen kann ich jedoch sagen, dass ich heute trotz – oder vielleicht gerade wegen all dieser Erfahrungen – ein lebenswertes Dasein führen kann. Vielleicht sogar ein sinnvolleres Dasein, wie wenn ich niemals krank gewesen wäre.

Die Krankheit ist die eine Sache, aber was hat diese Krankheit mit Deinem Gottesbild gemacht? Als kleines Mädchen warst du glücklich mit viel Fantasie ausgestattet, es stand für dich ja bereits fest, Du wirst eines Tages Schriftstellerin sein. Und dann plötzlich kommt alles ganz anders und du hast Jahre ums Überleben zu kämpfen. Bist du da nicht stinksauer auf den lieben Gott?

In der ersten Krankheitszeit ging es mir so schlecht, dass ich über gar nichts mehr nachgedacht habe. Ich bin die meiste Zeit in einer Art Fieberzustand vor mich hin gedämmert und habe einfach nur darauf gewartet, dass der Tag vorüber ging. Schwieriger wurde es dann, als ich in die Pubertät kam und wieder etwas mobiler wurde, jedoch immer noch so krank war, dass ich eigentlich kaum lebensfähig war. Zu diesem Zeitpunkt, als die Gleichaltrigen sich aufmachten, ins Leben hinauszugehen, ging bei mir aufgrund der Krankheit gar nichts: Ich konnte keine Ausbildung beenden, war kaum
arbeitsfähig, war nicht in der Lage, Beziehungen zu führen, war sozial isoliert, hatte keine Aussicht auf Heilung usw.

An diesem Punkt fiel es mir zunehmend schwerer, in meiner Krankheit einen Sinn zu sehen. Die Tatsache, praktisch lebensunfähig zu sein, nichts mehr verwirklichen zu können, wovon ich immer geträumt hatte – und nicht zu wissen, wie lange ich noch in diesem Zustand leben musste – war nicht immer einfach zu ertragen. Da kam dann zeitweise schon die Frage auf „Was fange ich bloß mit einem solchen Leben an?“. Aber dadurch, dass ich auch in den schlimmsten Krankheitszeiten nie gänzlich die Hoffnung verloren habe, sind bei mir eigentlich nie wirklich Gefühle von Wut gegenüber Gott aufgekommen.

Ich habe beispielsweise Gott nie für mein Schicksal verantwortlich gemacht. Der Glaube hat mir im Gegenteil sehr geholfen, diese Zeit zu überstehen und mir immer wieder neue Kraft und Zuversicht gegeben. Die schwere Krankheit hat jedoch mein Gottesbild insofern verändert, als dass ich mir jahrelang intensive Gedanken darüber gemacht habe, „wer“ oder „was“ Gott eigentlich ist, wie er wirkt, wie unsere Welt „funktioniert“ usw. Meine Vorstellung von Gott hat sich in all der Zeit vom „kindlichen“ Gottesbild zu einem „komplexeren“ Gottesbild gewandelt.

Was Du selbst über die Ärzte und ihren Umgang mit der Borreliose schreibst, deckt sich fast mit meinen Ärzteerfahrungen hier in Norddeutschland. Warum wissen unsere Ärzte immer noch zu wenig über diese Krankheit?

Ich denke, das hat verschiedene Gründe, die in der Schweiz als auch in Deutschland sowie anderswo auf der Welt überall ähnlich sind: Einerseits ist kaum ein öffentliches Bewusstsein für diese Krankheit vorhanden, war die Borreliose-Krankheit doch lange Zeit kein gravierendes Problem. Meine Eltern berichten, dass in den 1950- und 60-er Jahren in der Schweiz niemand von dieser durch Zecken übertragenen Krankheit namens Borreliose gewusst habe, und ich vermute, das wird in Deutschland ähnlich gewesen sein. Es erkranken zwar schon seit Tausenden von Jahren Menschen an Borreliose, aber erst 1981 entdeckte Dr. Willy Burgdorfer den Krankheitserreger (zuvor hatte man der Krankheit alle möglichen Namen gegeben, und wusste nicht genau, was es damit auf sich hatte). Aber diese Borreliose-Fälle waren, verglichen mit heute, „Einzelfälle“. Es wusste also lange Zeit praktisch niemand in der Bevölkerung, was das überhaupt für eine Krankheit ist, und so ging es auch den Ärzten. Sogar die wenigen Spezialisten für Zeckenkrankheiten, die es in den 80-er Jahren bereits gab, hatten kaum profunde Kenntnisse über den Verlauf und die Auswirkungen der Krankheit, Forschung gab es auch so gut wie keine damals. Die Krankheit steckte sozusagen noch in den Kinderschuhen.
Die IDSA (Infectious Dieseases Society of America) hat dann die Leitlinien erstellt, dass eine Borreliose mit einer vierwöchigen Antibiotika-Therapie zu heilen sei. Diese Leitlinien stützten sich auf relativ fragwürdige Studien und daraus gezogene Schlussfolgerungen, wie spätere Analysen ergaben, aber da waren die Leitlinien schon geschrieben. Die Leitlinienautoren versicherten zudem, dass eine Borreliose nicht chronisch verlaufen kann, was in der Zwischenzeit auch wissenschaftlich widerlegt worden ist. Diese medizinischen Behandlungsrichtlinien aus den USA sind später jedoch fraglos weltweit übernommen worden, so z.B. auch in Deutschland und der Schweiz. Demgegenüber stand die Tatsache, dass sich – vermutlich auch durch die Klimaerwärmung – von Jahr zu Jahr immer mehr infizierte Zecken verbreiteten und immer mehr Menschen an Borreliose erkrankten. Die zunehmenden Fälle von Therapieversagen bei Patienten, die trotz einer maximal vierwöchigen Antibiotikabehandlung chronisch krank blieben, sind dann erst mal nicht weiter beachtet worden – und die Patienten, die durch die schwere Infektion sehr erschöpft und geschwächt waren, hatten verständlicherweise gar keine Kraft, um auf sich aufmerksam zu machen, und sind dann irgendwann – von der Öffentlichkeit nicht beachtet – einfach „von der Bildfläche verschwunden“, sprich bei der Sozialhilfe oder den Rentenversicherungen gelandet, wo sie für die Gesellschaft natürlich inexistent blieben. Das mangelnde Bewusstsein für die Existenz dieser Krankheit hat auch dazu geführt, dass sich die Behörden weltweit – und auch hier in Deutschland, Österreich und der Schweiz – bisher kaum darum gekümmert haben, sich auch nicht darum gesorgt haben, dass beispielsweise Ärzte darüber informiert werden. Und die weltweiten Borreliose-Patientenorganisationen sind alle von selber Betroffenen gegründet worden und werden meist von den Behörden – auch finanziell – nur minimal unterstützt, wodurch auch diesen Patientenorganisationen Grenzen gesetzt sind, über die Krankheit umfassend aufzuklären. Des weiteren kommt noch dazu, dass sich die Pharmaindustrie ebenfalls nicht für diese Krankheit interessiert, kann eine Borreliose doch mit Antibiotika, auf welche die Patente bereits abgelaufen sind, und mit Komplementärmedizin, die nicht in den Bereich der Pharmaindustrie fällt, behandelt werden. So ist die Pharmaindustrie verständlicherweise nicht groß daran interessiert, Informationsmaterial über Borreliose für Ärzte zu produzieren, oder sogar Geld für Borreliose-Forschung zur Verfügung zu stellen. Nicht zuletzt ist Infektiologie in Deutschland erst 2003 wieder in die ärztliche Weiterbildung aufgenommen worden, und auch aus der Schweiz ist bekannt, dass Borreliose bis vor einiger Zeit nicht als eigenes Krankheitsbild im Medizinstudium gelehrt worden ist – den meisten Ärzten fehlen also schlicht infektiologische Grundkenntnisse!

Zusammengefasst kann man folglich sagen, dass eine fast schon unglückliche Verkettung von Ereignissen dazu geführt hat, dass die meisten Ärzte bis heute kaum etwas über diese Krankheit wissen.

Glücklicherweise bist du nun als junge Frau wieder gesund. Was machst Du heute beruflich?

Ich arbeite heute als Museumspädagogin und als Kinderbuchautorin, sowie für den Schweizerischen Verband der Kinder- und Jugendbuchschaffenden. Ich hatte ehrlich gesagt lange Zweifel, ob ich den Anschluss ins Berufsleben überhaupt noch schaffe, habe mir ernsthafte Gedanken gemacht, inwiefern ich auf dem Arbeitsmarkt noch Chancen habe nach dieser langen Krankheit. Aber auch hier haben sich auf wunderbare Weise einige Türen geöffnet. Eine besonders schöne Überraschung war natürlich die Feststellung, dass ich wieder Bücher schreiben kann. Lange Zeit war ich nämlich nicht mehr in der Lage, richtig zu schreiben, und es war ungewiss, wie weit sich mein Gehirn von der schweren Krankheit wieder erholen würde. Eigentlich hatte ich den Traum vom Schreiben schon längst aufgegeben …

Dein Traum ist also wahr geworden. Kannst Du mir denn Dein selbstgeschriebenes Buch empfehlen?

Ja, völlig unverhofft, in der Tat. Ich darf natürlich nicht gut meine eigenen Bücher weiterempfehlen J Aber ich kann dazu erzählen, dass es eine lustige Fantasie-Abenteuer-Geschichte ist „für Kinder und solche die es im Herzen geblieben sind“, wie eine Leserin geschrieben hat. Und für mich persönlich hat dieses Buch insofern eine besondere Bedeutung, als dass eine erste Version dieser Geschichte in meiner Jugendzeit entstanden ist, kurz vor Ausbruch der schweren Krankheit. Das Neuaufarbeiten dieser alten Geschichte war also irgendwie auch symbolisch ein Wiederanknüpfen an mein früheres Leben. Und damit auch ein Zeichen, dass nun doch wieder alles gut gekommen ist, und nach schlimmen Zeiten wieder schöne folgen …

Der Brunnen Verlag hat uns zwei Verlosungsexemplare von diesem Titel zur Verfügung gestellt. Wer sich dafür bewerben möchte, schreibt bitte unter diesen Beitrag seinen Kommentar und mit ein wenig Glück gehört er Montag 20 Uhr zu den Gewinnern. Viel Glück! Gleichzeitig die Postadresse bitte an meine Adresse im Impressum schicken.

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4 Kommentare

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4 Antworten zu “Claudia Lietha: Borreliose

  1. Lea

    Das Buch klingt ziemlich interessant. Ich selber bin auch gerne im Wald unterwegs und gefühlt nach jedem Heidelbeerpflücken habe ich auch gleich ein oder mehrere Zecken. Ich finde es schön, eine Geschichte zu lesen, die Mut macht, das es auch heute noch Heilung nach schwerer Krankheit gibt.

  2. Adeline Warkentin

    Ein Buch mit einem sehr interessanten und heftigen Thema. Vorallem, weil es eine wahre Geschichte ist. Ich würde das Buch gerne lesen und mit Claudia Lietha mitfühlen.

  3. Maria Lahnstein

    Ich kann die Autorin nur zu gut verstehen ! Wenn man krank wird, schwer krank, ist das eine Prüfung für den Glauben.

    • Schön zu lesen dass es diese Autorin geschafft hat diese schreckliche Krankheit zu besiegen.Von endgütiger Heilung kann man erst nach einigen Jahren sprechen wenn diese komplett beschwerdefrei sind. Laut Experten stellt im vortgeschrittenen Stadium der Borreliose die Theraphie eine extrme Herausforderung dar . Selber bin ich ebenfalls seit 16 Jahren an Neuroborreliose erkrankt habe alles in Deutschland ausprobiert und konnte nicht mehr Laufen, Auf anraten eines Mediziners bin ich vor 4Jahren in die Tropen übergesiedelt ,habe auf eine basische Ernährung umgestellt und kann inzwischen wieder Radfahren und Sport treiben . Borrelien vertragen keine Hitze und können sich in den Tropen nicht vermehren . Aber deswegen ist man auch hier noch lange nicht geheilt, aber weitgehend bescherdenfrei und das ist schon mal sehr viel . Daher kann ich den Umzug in wärmere Breitengraden für jeden chronisch Erkrankten bestens empfehlen . Aber auf eine endgültige Heilung im Spätstadium zu hoffen halte ich auch heute noch für sehr vage ?

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