Thomas Weißenborn: Anders Leben

thomas Weißenbornanders leben

Foto: Thomas Weißenborn (Quelle: Thomas Weißenborn)

Mal ehrlich, können Sie sich vorstellen zu Heilig Abend auf den Christbaum zu verzichten? Geben Sie es ruhig zu es fällt schwer.

In der Familie des Autors gibt es seit Jahren keinen Christbaum mehr. Dafür wird eine kleine Zimmerpalme geschmückt. Auf dem Foto im Buch sieht es ganz nett, aber doch auch gewöhnungsbedürftig aus.

Glücklicherweise ist Thomas Weißenborn nicht einer derjenigen die für jede Gelegenheit den perfekten Ratschlag hat, er lässt auch Menschen mit anderen Entscheidungen -wie eben einem Christbaum- ohne schlechtes Gewissen leben, aber er sagt ganz eindeutig, so wie bisher ist ein Weiterleben unmöglich.

Was dieses Büchlein so überzeugend macht, der Autor redet über seine Familie. Vieles wird diskutiert, einiges „fairsucht“, aber auf alle Fälle ist die Familie Weißenborn aus dem Stadium des nur Zusehens erwacht. Die Weißenborns in Marburg versuchen im Alltag kleine Zeichen zu setzen und geben durch ihr Beispiel ihren Lesern Momente über die sie Nachdenken können und vielleicht selbst etwas für eine gerechtere Welt tun können.

Dieses Buch diktiert nichts, aber der Leser wird Zeuge wie Andere beginnen Zeichen zu setzen. Dieses Buch ruft nach Nachahmern, jeder an seiner Stelle, jeder nach seinen Möglichkeiten.

Verlag der Franckebuchhandlung, ISBN 978-3-868-27371-7, Preis 9,95 Euro

Thomas Weißenborn hat buecheraendernleben nun folgende Fragen beantwortet:

Lieber Thomas Weißenborn, soeben ist Ihr Buch „Anders Leben“ erschienen. Es hebt sich wohltuend von anderen penetranten Büchern ab, die oftmals darauf ausgerichtet sind, dem Leser ein schlechtes Gewissen einzureden. Wie kam es zu diesem Buch? War es tatsächlich der im Buch beschriebene Englandaufenthalt?

Der Englandaufenthalt war sicher nicht der Auslöser für dieses Buch, dazu liegt er zu lange zurück. Aber der BSE-Skandal ist tatsächlich der erste richtig „große“ Lebensmittelskandal, an den ich mich erinnern kann. Und der hat auch wirklich dazu geführt, dass sich meine Frau und ich (Kinder hatten wir damals noch keine) zum ersten Mal ernsthaft Gedanken darüber gemacht haben, was wir eigentlich jeden Tag auf dem Teller liegen haben. Andere Skandale kamen dazu und das Unbehagen stieg.
So um 2007/8/9 herum kam dann das Thema „Konsumgesellschaft“ dazu. Ich bin ja beruflich in der Ausbildung von GemeindediakonInnen und JugendmitarbeiterInnen tätig und da bekommt man hautnah die Klagen von Haupt- und Ehrenamtlichen über die „Konsummentalität“ unter Christen mit. Mich hat das Thema so sehr beschäftigt, dass ich mich intensiv damit auseinander gesetzt habe. Herausgekommen ist das Buch „Christsein in der Konsumgesellschaft“.
Das ist nun ein Thema, mit dem man sich nicht mal eben kurz beschäftigt, um es dann wieder ad acta zu legen, sondern es macht etwas mit einem. Ich habe mich selbst als Konsumenten entdeckt und muss sagen, ich war und bin darüber nicht nur glücklich. Als Familie haben wir uns deshalb Gedanken darüber gemacht, wie wir anders leben können – jeder auf seine Weise und alle miteinander. Das war sozusagen der Startpunkt eines Prozesses, in dem wir die verschiedenen Bereiche unseres Lebens unter die Lupe nehmen und überlegen, wie wir nachhaltiger leben können. Einen Zwischenstand liefert „Anders leben“.

Gehen Sie noch immer zu Fuß in die Marburger Innenstadt? Ich weiß wovon ich rede, bin oft genug in Ihrer Heimatstadt Berg auf Berg ab gelaufen.

Ja, natürlich. Außer Bequemlichkeit gibt es ja eigentlich keinen Grund, es nicht zu tun. Großeinkäufe erledigen wir immer noch mit dem Auto, bei kleineren Dingen kann man aber sehr gut die Lasten auf verschiedene Rucksäcke verteilen. Wenn es warm ist, fahre ich auch ganz gern Fahrrad, aber das ist im Gegensatz zum Laufen immer gleich Sport…
Und wenn Sie Marburg kennen, wissen Sie auch, dass das Laufen eine Menge Vorteile hat: Im Gegensatz zu der manchmal recht langwierigen Verkehrsführung mit dem Auto kann man Dank Friedhof und kleiner Gassen zu Fuß fast überall hin Luftlinie laufen. Und das allseits beklagte Parkplatzproblem betrifft einen auch nicht.

Ihr Büchlein ist nicht so ganz toternst, aber doch eine ehrliche Annäherung an eine zum Thema „Anders Leben“. Sie Zeigen an Beispielen wo jede Familie im praktischen beginnen kann. Ist meine Macht als Einzelner oder als Familie wirklich so groß um etwas Großes zu bewegen?

Das ist eine Frage, die man eigentlich überall stellen kann und muss. Was bringt meine Stimme bei Wahlen? Was nutzt es, wenn ich im Internet irgendwo „Gefällt mir“ anklicke oder nur zwei Sterne vergebe? Ist es nicht egal, ob ich diese oder jene Unterschriftenaktion mitmache oder nicht? Als winzig kleiner Teil einer riesengroßen Masse ist mein bzw. unser Einfluss natürlich auch nicht größer als der von anderen winzig kleinen Teilen. Aber er ist trotzdem da. Kleinvieh macht eben auch Mist, wie man so schön sagt. Insofern glaube ich nicht, dass man „die Welt rettet“, wenn man anders lebt – vermutlich wird man es noch nicht einmal in einer Statistik sehen. Aber was macht das schon, alles andere, was ich tue, sieht man da ja auch nicht. Ich arbeite jedoch nicht an meiner Ehe, um die Scheidungsstatistik zu ändern, ich investiere nicht in die Ausbildung meiner Kinder, weil ich Deutschlands Rang bei der nächsten PISA-Studie verbessern möchte – und ich laufe nicht, weil ich denke, dass dadurch die Luft in Marburg signifikant besser wird. All das mache ich, weil ich es an sich für gut und richtig halte. Und deshalb haben wir auch nicht das große Idealbild vor Augen, wie ein in jeder Hinsicht „absolut nachhaltiges Leben“ (was auch immer das sein könnte) aussehen muss, das wir nun mit aller Gewalt allen aufdrücken wollen. Das ist es gar nicht. Wir wollen nur unseren Beitrag zur Lösung leisten, so wie wir auch vorher (und in vielen Bereichen immer noch) unseren Beitrag zum Problem geleistet haben. Und dabei geht es schlichtweg darum, in diesem Jahr ein wenig besser zu leben als im letzten. Und im nächsten wieder und so weiter.
Ich bin allerdings fest davon überzeugt, dass wir dabei in gewisser Weise doch Großes leisten: Denn alle Indikatoren weisen daraufhin, dass wir nicht mehr so weiterleben können wie bisher, dass es einfach nicht geht, weil unser Planet das nicht aushält. Insofern halte ich es für unglaublich wichtig, unseren Kindern die entsprechenden Werte mitzugeben, ihnen zu zeigen, wie man sich anders als über den Konsum definiert, wie sinnvolle Lebensziele jenseits des „ständig Mehr“ aussehen können. Schließlich werden sie in einer Welt leben müssen, in der sie solche und ähnliche Fragen beantworten müssen.

Ich beneide Sie sehr um Ihren Aufenthalt bei den Amisch Leuten in den USA. Wie haben Sie sich dort gefühlt und was für Anregungen für Ihren deutschen Lebensalltag haben sie mitgenommen?

Im Grunde habe ich in „Anders leben“ alles dazu geschrieben. Das wirklich Verrückte ist, dass wir die Amischen vorher ganz anders wahrgenommen haben als sie tatsächlich sind. Allgemein werden sie ja unter „technikfeindlich“ und damit zumindest im romantischen Sinne (Stichwort: „gute alte Zeit“) als „ökologisch“ abgehandelt. Das sind sie aber überhaupt nicht, im Gegenteil. Einer der Amischen, mit den wir es zu tun hatten, hat eine Art Trimmdich-Anlage für seine Pferde und Ziegen entwickelt, mit der sie im Winter ihren Auslauf bekommen – und dann darüber nachgedacht, ob man die Sache nicht so modifizieren könnte, dass auch noch Energie damit erzeugt wird.
Was den Amischen nämlich wirklich am Herzen liegt, ist der Gedanke der Gemeinschaft. Deshalb betrachten sie jede Neuerung kritisch unter diesem Gesichtspunkt – bevor sie sie einführen. Wir dagegen finden in der Regel erst im Nachhinein heraus, dass uns scheinbar so „gemeinschaftsfördernde“ Dinge wie E-Mails, Internet, Smartphones, Soziale Netzwerke usw. eigentlich vor allem einen Haufen Zeit kosten, der dafür sorgt, dass die Gemeinschaft vor Ort zerbricht. Die Amischen sind da schlauer, weil sie wie gesagt vorher darüber nachdenken. Nun kann man im Einzelfall darüber diskutieren, ob ihre Entscheidungen immer die sinnvollsten sind, aber das Grundprinzip imponiert mir sehr. Das ist jedenfalls etwas, was wir mitgenommen haben: Vor der Einführung neuer Dinge und Verhaltensweisen schauen wir nun vorher sehr viel kritischer hin, was das mit uns machen wird. Deswegen bin ich bei bestimmten Dingen, die ich gern hätte, immer noch sehr zurückhaltend. Ich besitze zum Beispiel kein WLAN. Das hat mich zwar schon oft geärgert, weil ich fürs Internet immer ins Arbeitszimmer muss, aber genau aus diesem Grund will ich es auch gar nicht haben. Denn das hält mich davon ab, abends noch mal schnell auf dem Sofa nach meinen Mails zu schauen – um mich dann für die nächste halbe Stunde mit unerfreulichen Dingen zu beschäftigen statt etwas Nettes zu machen…

Gibt es bei Ihnen tatsächlich keinen Christbaum zu Weihnachten? Wie kam es dazu?

Ja, wir haben keinen. Als wir noch zu zweit waren, war es meiner Frau und mir nicht wirklich wichtig, wir haben einfach ein paar Tannenzweige dekoriert. Mit Kindern ist das natürlich anders. Also habe ich jedes Jahr einen Weihnachtsbaum gekauft – mich über den doch recht stolzen Preis geärgert – und ihn drei Wochen später wieder rausgeworfen. Irgendwann kam meine Frau dann auf die Idee, dass wir statt dessen doch eine wiederverwendbare Pflanze kaufen könnten, für die wir ruhig auch einmalig einen größeren Betrag zahlen könnten. Und da sich ein Tannenbaum als ganzjährige Zimmerpflanze nicht wirklich eignet (und ungeschmückt auch langweilig aussieht), haben wir uns nach Alternativen umgesehen. Freunde von uns hatten einen riesengroßen Kaktus, der uns gefallen hat. Aber für den wird es bei uns nicht warm genug. Also haben wir uns mit einer Palme südländisches Flair ins Wohnzimmer geholt. Und die Kinder fanden es obercool, die im Winter zu dekorieren.

Was wünschen Sie sich zur Wirkungsweise Ihres Buches?

Ein Freund von mir, dem ich das Buch geschenkt habe, hat es mit in den Urlaub genommen. Dort hat es seine Frau gelesen und ihm auf der Rückfahrt gesagt: „Wir müssen mal reden, wie wir unser Leben anders gestalten können.“ So etwas wünsche ich mir. Das Buch enthält ganz bewusst nur sehr wenige konkrete Anregungen, weil das dazu einladen würde, die Dinge einfach zu kopieren und sich nicht weiter mit dem Thema zu beschäftigen. Genau das möchte ich aber gerade nicht. Ich möchte, dass sich meine Leser ähnliche Gedanken über ihren Lebensstil machen wie wir sie uns machen, dass sie miteinander ins Gespräch kommen und sich überlegen, welche Schritte sie gehen können, um ihr Leben nachhaltiger zu gestalten. Nur um ein Beispiel zu nennen: Ich laufe zur Arbeit. Das passt für mich und macht in meiner Situation Sinn. Ein anderer wird vielleicht auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen oder das Fahrrad nehmen. Eine Frau, die ich gut kenne, ist vom Auto auf ein eigens dafür angeschafftes E-Bike umgestiegen. Ein Mann, der sich eigentlich ein Nobelauto aus dem süddeutschen Raum kaufen wollte, hat sich aufgrund meines Buches für ein kleineres, sparsameres entschieden. Wieder ein anderer möchte seinen Firmenwagen ein paar Jahre länger fahren als die eigentlich übliche Zeit. All das sind Schritte, die das jeweilige Leben nachhaltiger werden lassen, deshalb freue ich mich über alle gleichermaßen und bin nicht enttäuscht, dass ich der „einzige Läufer“ bin. Und ich freue mich auch deshalb, weil das alles Dinge sind, auf die die Leute nicht nur selbst gekommen sind, sondern die sie auch durchhalten werden, die also eine langfristige Veränderung bringen. Hätte ich das Laufen zur einzig wahren Fortbewegung erklärt, dann wäre bei all denen, die aus welchen Gründen auch immer nicht laufen können, gar nichts passiert. Was wir aber brauchen, ist kein für alle gleichermaßen gültiges Modell, sondern einen tiefgreifenden Prozess, in dem jede und jeder Einzelne ihr bzw. sein Leben kritisch unter die Lupe nimmt und sich fragt, welche konkreten Schritte möglich und sinnvoll sind, um nachhaltig eine Verbesserung herbei zu führen. Wenn das Buch bei diesem Prozess eine Hilfe sein kann, dann hat es sein Ziel erreicht.

Vielen Dank für das interessante Gespräch.

Der Autor Thomas Weißenborn schenkt einem Gewinner ein von ihm singiertes Buch. Wer sich für dieses Buch bewerben möchte, schreibt seinen Kommentar bis Donnerstag 20 Uhr unter diesen Beitrag. Viel Glück.

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4 Kommentare

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4 Antworten zu “Thomas Weißenborn: Anders Leben

  1. Lea

    Das Buch klingt sehr gut und regt bestimmt dazu an, das eigene Leben zu reflektieren. Ich finde es gut, dass es sich um Gedankenanregungen handelt, durch die kein schlechtes Gewissen vermittelt wird und bei dem Toleranz gegenüber anderen Lebensweisen bestehen bleibt. Bei meinen Eltern gab es, bis auf ein einziges Mal, noch nie einen Weihnachtsbaum, was bei vielen Menschen auch zu Verwirrung führt 🙂

  2. Maria Lahnstein

    Das finde ich mal interessant ! Ja, mehr als den Konsum halte ich mittlerweile das Anspruchdenken vieler für problematisch. Jedes Jahr mehrmals in Urlaub (dafür müssen dann beide arbeiten gehen), bestimmte Kleidermarken, immer das neuste Handy uä. In der Zeit, wo ich aufgewachsen bin, gab es kein Handy, kein Computer und das Fernsehprogramm hatte noch 3 Programme. Außerdem war es noch selbstverständlicher wie heute, dass man den Eltern geholfen hat und die Menschen hatten noch Zeit.
    An der Generation meiner Ältesten konnte ich sehen, wie sich die Zeit wandelt. Glaube ist out, man macht nur, was einem Spass macht (auch Arbeitsmäßig ! ), Party und durch die Welt reisen ist angesagt, Helfen ist Ausbeute uä.
    Das liegt natürlich zum einen an der finanziellen Unterstützung, dass manchmal beinahe 30 Jährige nicht wissen, was sie tun (arbeiten) möchten und erstmal weiterstudieren und auch an dem Denken, dass man alles machen kann, was man möchte. Das führt dann wiederrum dazu, dass frühere Werte verlorengehen.
    Was ich in dem Zusammenhang immer wieder feststelle, eine Hausfrau zählt heute nichts und wird für dumm gehalten (auch Intelligenzmäßig) wenn sie sich um ihre Kinder kümmert, statt arbeiten zu gehen. Wohin geht unsere Gesellschaft ?
    Das vorliegende Buch ist in dem Zusammenhang schon mal ein Gedankenanstoß in die richtige Richtung.

  3. Esther M.

    Das Buch hatte ich mir schon vorgemerkt, weil das Thema für mich persönlich aktuell ist und die Herangehensweise so erfrischend anders klang. Wie schön, dass es zu halten scheint, was die Werbung verspricht. Ich würde mich daher sehr über das signierte Exemplar freuen! 🙂

  4. Maria

    Das Buch würde mich auch sehr interessieren, da ich schon seit einiger Zeit versuche, minimalistischer zu leben. Vieles ist einfach unnütz, braucht man nicht dringend, nimmt nur Platz weg und macht zusätzliche Arbeit. Von dem Buch erhoffe ich mir noch weitere Anregungen.

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