Ebba Hagenberg – Miliu: Allein ist auch genug

ebbaallein ist auch genug

Foto: Ebba Hagenberg-Miliu (Quelle: privat)

Neugierde auf ein altes Thema hat mich zu diesem Buch geführt. Das es mich nun so sehr in die Gegenwart führt hätte ich nicht für möglich gehalten.

Wenn ich von Eremiten höre dann denke ich nicht zunächst an Deutschland und schon gar nicht an das Jahr 2013. Aber die Autorin dieses Buches beweist, dass die Lebensweise der Eremiten wieder im kommen ist. Ebba Hagenberg – Miliu präsentiert eine ganze Reihe Eremiten der Gegenwart und erzählt von ihren persönlichen Lebensgeschichten.

Das sind keineswegs irgendwelche Vagabunden. Oft sind es Menschen die einst einen guten Beruf hatten, dann aber in eine Sinnkrise gelangten. In einer Zeit in der kaum noch die Zeit vorhanden ist um in sich selbst hineinzuhören, ziehen immer mehr Menschen die Notbremse und steigen aus. Unter oftmals primitiven Verhältnissen leben sie dann weiter und finden ihre neue Bestimmung. Anders als bei dem herkömmlichen Bild von Eremiten muss dies heute nicht mehr bedeuten, Tag und Nacht zu Gott zu beten. Die Vielfalt die uns die Autorin vorstellt ist groß.

Wenn die Autorin ihre Leserschaft auch nicht dazu aufruft Eremit zu werden, so hat sie es jedoch geschafft, dass ich das Tempo des eigenen Lebens neu justiere!

Gütersloher Verlagshaus, ISBN 978-3-579-06588-5, Preis 19,99 Euro

Ebba Hagenberg – Miliu hat buecheraendernleben nun folgende Fragen beantwortet:

Liebe Frau Hagenberg – Miliu, soeben ist Ihr Buch über das Leben moderner Eremiten erschienen. Wie sind Sie auf dieses Thema gekommen?

Durch meine journalistische Arbeit. Ich bin Lokaljournalistin in Bonn und hatte davon gehört, dass in der alten Eremitenklause am Godesberg eine waschechte Eremitin zugezogen war. 200 Jahre hatte die Klause leer gestanden. Ich nahm also Kontakt mit Schwester Benedicta auf. Was mochte da auf mich warten? Ich war neugierig und voreingenommen zugleich: Eremitisches Leben war bestimmt journalistisch interessant, war exotisch, aber ging mich selbst sicher überhaupt nicht an. Ich stecke voll im hektischen Journalistenalltag drin, bin verheiratet, habe zwei Kinder. Und dann traf ich auf eine Frau, die keineswegs seltsam und weltfremd, sondern absolut aus Fleisch und Blut war und mitten im Leben stand.

Haben Sie selbst Eremiten getroffen und wie waren Ihre Begegnungen?

Die Begegnung mit der ersten leibhaftigen Eremitin meines Lebens, Schwester Benedicta, hat mich schon fasziniert. Sie zeigte mir, was es ganz praktisch heißt, sich in die Stille zurückzuziehen, die Langsamkeit zuzulassen, sich asketisch auf das Nötige beschränken zu können und so etwas wie die Vermessung des Ichs anzugehen. Und natürlich, so betont es Schwester Benedicta, in direkten Dialog mit Gott zu treten. Es heißt aber oft auch, seelsorgerisch auf Hilfesuchende eingehen zu können. Eine ganze Reihe Eremiten betreut Menschen in schwierigsten Lebenssituationen. Erstaunlich. Mir hat die Bonner Eremitin als Türöffnerin einige Kontakte zu anderen kirchlich ausgerichteten Eremiten geebnet. Zu denen ich dann in einem sensiblen Prozess mit Fingerspitzengefühl Vertrauen aufbauen konnte. Andere Kontakte auch zu freien Eremiten sind durch journalistische Recherche entstanden. Etwa der zu Anthon Wagner, der sich seit Jahrzehnten in einem engen Schäferkarren auf einer Wiese in der Schwäbischen Alb absolut genug ist. Der eine Freude an der Natur, der Schöpfung, ja eine Lebensfreude ausstrahlt, die ansteckend wirkt.

Über Sinnkrisen und Neufindung ist in Ihrem Buch viel zu lesen. Wie ist das aber im ganz praktischen Leben. Ist ein moderner Eremit beispielsweise krankenversichert?

Gute Frage. Die meisten haben keine Krankenversicherung oder sonstige Absicherungen. Außer denen, die in ihren Orden oder unter die Fittiche einer Diözese zurückkehren können, wenn Alter oder Krankheit drohen, setzen sich Einsiedler meist großen Gefahren aus. Eremitisches Leben zu wagen, heißt auf jeden Fall, auf die Risikotaste zu drücken. Ich meine mit Eremiten also nicht die Menschen, die mal auf Zeit aus dem Hamsterrad des Alltags aussteigen, um dann mit neuen Kräften voll wieder einzusteigen. Ich meine nicht diejenigen, die zeitweise vor dem Leben flüchten, weil sie mit Gott und der Welt nicht zurecht kommen, sondern diejenigen, die meist nach existentiellen Krisen bewusst eine Reise ohne Rückfahrkarte buchen. Die kirchlich nahen Eremiten würden sagen: die sich berufen fühlen und die Reise mit Gottvertrauen antreten. Es ist aber schon mancher Eremit voll gegen die Wand gefahren.

Was macht ein Eremit der zurück in den Alltagstrott will? Ist Ihnen so ein Eremit schon einmal begegnet?

Ich habe von Eremiten erzählen hören, die irgendwann merkten, dass die Entscheidung für sie persönlich nicht gut war. Denn kein eremitisches Modell ist wie das andere. Da muss jeder selbst seinen Weg finden. Eine kirchennahe Eremitin hat sich etwa plötzlich verliebt und hat sich dann in eine Partnerschaft verabschiedet. Das haben ihr die „Kollegen“ nicht übel genommen, weil sie ehrlich zu ihrem Gefühl stand. Ein anderer Eremit soll mit der Entscheidung nicht glücklich geworden sein und seither ständig unter Krankheiten leiden. Es scheint also auch sehr schwer, sich einzugestehen, den falschen Weg für sich eingeschlagen zu haben. Ein Eremit hat zuvor ja auch fast alle Brücken abgebrochen. Ich hörte auch von Eremiten, die psychiatrisch behandelt werden mussten oder Selbstmord begingen.

Was glauben Sie, warum ist über moderne Eremiten heute so wenig in der zu hören?

Weil die Lebensform auf den ersten Blick so überhaupt nicht modern und attraktiv erscheint. Wer will schon verzichten, keusch leben, Demut üben? Wer hält heutzutage in unserem zugedröhnten Alltag überhaupt noch Stille aus oder die Konzentration auf sich selbst? Das erscheint sicher nicht chick, nicht erstrebenswert. Eremiten bieten ihre Lebensform ja auch nun mal gar nicht preis. Schwester Benedicta etwa sagt: „Wir haben alle eine große Scheu. Das, was wir leben, haben wir in einem irdenen Gefäß. Das ist zerbrechlich. Das muss man hüten und schützen.“ Von daher war es oft ein Balanceakt, an diese zurückgezogenen Menschen überhaupt heranzukommen, so dass sie sich öffneten. Ich bin froh, über die Recherche Kontakt zu einigen wunderbaren Menschen gefunden zu haben.

Herzlichen Dank für das interessante Gespräch!

Das Gütersloher Verlagshaus stellt uns ein Verlosungsexemplar von „Allein ist auch genug“ zur Verfügung. Mit Eurem Kommentar, bis Freitag 20 Uhr, unter diesem Beitrag nehmt ihr automatisch an der Verlosung teil. Viel Glück!

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4 Kommentare

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4 Antworten zu “Ebba Hagenberg – Miliu: Allein ist auch genug

  1. IWe

    Vor Jahren hatte ich mal ein Buch über Eremiten in Frankreich in der Hand. Dass es diese Lebensweise auch in Deutschland gibt, weiß ich erst seit kurzem. Es ist auch schwer vorstellbar, weil hier so viele Menschen nah aufeinander leben. In Frankreich ist die Bevölkerungsdichte nicht so groß.

  2. Maria Lahnstein

    Das Buch ist bestimmt hochinteressant. Ich würde gerne mehr darüber erfahren, wie es ist, als Eremit zu leben.

  3. Rudolf Jekel

    …Wenn die Autorin ihre Leserschaft auch nicht dazu aufruft Eremit zu werden, so hat sie es jedoch geschafft, dass ich das Tempo des eigenen Lebens neu justiere!…

    Ich denke, solche Anstöße sind heute wichtiger denn je. Ich bin gespannt auf das Lesen dieses Buches.

  4. Maria

    Hallo,

    das Buch hört sich interessant an. Ich könnte mir aber nicht vorstellen, selbst als Eremit zu leben. Na ja, mit 4 Kindern auch nicht machbar. Ich habe es aber schon gern mal ruhig und freue mich, wenn mal alle aus dem Haus sind, aber nach paar Stunden brauche ich wieder den Trubel. Mich würde aber schon interessieren, wie es sich so ganz allein und abgeschieden lebt und wie man sein Leben dann verbringt.

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