Helen Endemann: Operation Unsichtbar

Helen Endemannoperation unsichtbar

Foto: Helen Endemann

Viel mehr Schüler, als zugeben, sind davon betroffen. Mobbing ist in unserer Gesellschaft zu einem Problem geworden, dem alle Beteiligten ziemlich hilflos gegenüber stehen.

Helen Endemann hat in ihrem Buch sehr gut erzählt wie Eltern, Lehrer und vor allem der zwölfjährige Nikolas mit dem Problem Mobbing umgehen. Glücklicherweise beschreibt die Frankfurter Rechtsanwältin nicht nur trocken die Abläufe einer Mobbinggeschichte, sondern macht eine faszinierende Erzählung daraus.

Zunächst bemerkt Nikolas es gar nicht. Auf dem Heimweg von der Schule erwartet er bereits die Schläge und Schupser seiner beiden Peiniger, aber sie bleiben aus. Warum? Zuhause angekommen, sieht ihn selbst die eigene Mutter nicht mehr. Ganz langsam begreift der Junge, dass er unsichtbar geworden ist. Die Ursache, den Grund dafür weiß er nicht.

Unsichtbar geht Nikolas ab sofort durchs Leben. Besonders im Schulalltag trifft er auf weitere Unsichtbare. Die Autorin besitzt die Gabe, ein an sich schlimmes Thema literarisch genial umzusetzen. Man rauscht geradezu durch dieses Buch hindurch. Dies spricht für die Qualität und den Spannungsbogen des Buches.

Sehr gut eingefädelt ist es auch, dass jeder Leser aus dieser Geschichte genau das für sich herausziehen kann, was er von seiner eigenen Betroffenheit her sieht, braucht oder bereits erleben musste.

Man merkt diesem Buch an, dass es keine Themenexpertin geschrieben hat, da sind keine theoretischen Phrasen, hier spricht der Alltag. Lediglich einen Fehler hat die ganze Geschichte: Helen Endemann hätte nicht Anwältin sondern Autorin werden sollen!

Brunnen, ISBN 978-3-7655-4187-2, Preis 9,99 Euro

Helen Endermann hat buecheraendernleben nun folgende Fragen beantwortet:

Liebe Helen Endemann, Sie sind eine gestrenge Rechtsanwältin. Wie kommen Sie dazu Bücher zu schreiben?

Schreiben wollte ich eigentlich schon immer. Ich habe ganze Wälder von Tagebüchern vollgeschrieben, außerdem Gedichte. Aber nach dem Abi dachte ich, man müsste einen vernüftigen Beruf lernen, mit dem man eine Familie ernähren kann. Da wurde ich Rechtsanwältin. Aber irgendwann hat sich das Schreiben dann doch Bahn gebrochen.

In „Operation Unsichtbar“ geht es um das Thema Mobbing. Wieso hat Sie gerade dieses Thema gereizt?

Wenn man sich noch ein kleines bisschen an seine eigene Schulzeit erinnert und wenn man selbst Kinder hat, geht einem das Thema eigentlich immer ans Herz. Mit „Operation Unsichtbar“ war es so, dass ich die Idee hatte, von einer Gruppe unsichtbarer Kindern zu schreiben und gerade überlegte, warum die Kinder unsichtbar sein sollten. In diese Überlegungen fiel dann ein sehr inspirierender Vortrag des Konfliktberaters Dr. Peter Rosenkranz über Anti-Mobbing-Methoden an der Schule meiner Kinder. Und da hatte ich meinen Grund und das Thema für mein Buch.

Mobbing im Schulalltag ist eine Sache die aktuell ist und ich vermute die auch verstärkt auftritt. Warum machen sich Menschen gegenseitig das Leben so schwer?

Diese Lust am Quälen kann ich mir auch nicht erklären. Es muss etwas mit Macht und Angst zutun haben. Meistens sind es ja nur ganz wenige, die aktiv quälen und schikanieren. Die brauchen das, um sich selbst gut zu fühlen, warum auch immer. Das Schlimme ist, dass so viele mitlachen, zusehen, nichts dagegen setzen. Das geschieht wohl meistens aus Angst.

Begeistert bin ich von Ihrem Buch vor allem deshalb, weil es auch die hilflosen Eltern und die hilflosen Lehrer zeigt. Sind wir Mobbing gegenüber wirklich so ohnmächtig?

Was die Eltern betrifft, können sie leider nur wenig tun. Ihr Einfluss endet einfach an der Schulgrenze. Die Kinder brauchen Anerkennung durch ihre Mitschüler, das können Erwachsene nicht „machen“. Die Eltern sind zudem selbst emotional so betroffen, dass ihre Intervention sogar das Gegenteil bewirken kann. Aber die Schulen sind eigentlich nicht ohnmächtig. Hier muss die Schulleitung und das ganze Kollegium unmissverständlich klarmachen, dass Mobbing an der Schule nicht geduldet wird. Das kann man bei der Einschulung, an Elternabenden, bei Schulfesten, in Projektwochen, im Schulprogramm tun. Dazu gehört, einen Vertrauenslehrer zu wählen, den alle Schüler kennen und an den sie sich wenden können, auch anonym. Dazu gehört, dass alle Lehrer für Anzeichen von Mobbing sensibilisiert sind und in ihren Klassen auf einen respektvollen Umgangston unter den Schülern bestehen. Außerdem müssen einige Lehrer im Kollegium mit den Anti-Mobbing-Methoden vertraut sein und Kontakt zu ausgebildeten Konfliktberatern bei den Schulbehörden haben. Schließlich muss bei den Schülern ankommen, dass Übergriffe und Gemeinheiten früher oder später ans Licht kommen und Konsequenzen haben. Es gibt Schulen, die so verfahren. Ich hoffe, dass sich dies noch viel mehr durchsetzt. Denn durch das Internet und die sozialen Medien hat Mobbing mittlerweile eine ganz neue Dimension bekommen.

Wie sehen die ersten Lesermeinungen aus und wie kommen die Meinungen des Lesers zum Autor?

Die Lesermeinungen sind sehr positiv, sowohl bei jugendlichen als auch bei erwachsenen Lesern. Die Kinder haben generell gar kein Problem mit der Fantasy, während die erwachsenen Leser z.B. über die Person von Frau Schmidtbauer geteilter Meinung sind: Ist es richtig, dass sie Teil der Fantasy ist oder sollte sie lieber real sein? Das finde ich interessant, vor allem, weil ich selbst in dieser Frage hin und her überlegt habe. Die Meinungen erreichen mich größtenteils per e-mail, aber auch in persönlichen Gesprächen.

Gibt es Pläne für ein drittes Buch?

Ja, viele! Das nächste Buch ist schon fast fertig und wird wieder ein „Pfarrhauskrimi“ mit dem gleichen Setting wie in „Sommergrollen“. Der Krimi wird voraussichtlich im Herbst erscheinen. Für ein neues Jugendbuch habe ich aber auch schon ganz spannende Ideen.

Die Autorin stellt uns ein signiertes Exemplar von „Operation Unsichtbar“ zur Verlosung zur Verfügung. Wer also bis Sonntag 20 Uhr seinen Kommentar unter diesem Beitrag postet, bewirbt sich automatisch um den Titel. Viel Glück

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4 Kommentare

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4 Antworten zu “Helen Endemann: Operation Unsichtbar

  1. Esther M.

    Ich habe bisher nur gute Rezensionen zu diesem Buch gelesen und würde mich freuen, mir selbst ein Bild machen zu können! Die Story klingt auf jeden Fall interessant! 🙂

  2. Maria Lahnstein

    Sehr wichtiges Thema ! Und leider hatte ich auch schon damit zu tun.

  3. Sigrid Wink

    Oft habe ich mich schon gefragt, wie es zu Mobbing kommt. Es ist mittlerweile überall vorhanden, Schule, Beruf sogar in Vereinen kommt es zum Mobbing. Woran liegt es? Werden den Kindern keine Werte mehr vermittelt? (Die Achtung gegenüber dem anderen?) Geht es nur um Vorteilnahme und Unterdrückung ? Fühlen sich die „Mobber“ nur dann überlegen, wenn sie anderen Schaden zufügen können? Aber es sind ja nicht nur die Kinder, sondern auch sehr oft Erwachsene, die sich so verhalten. Wie und wo soll das noch enden? Inder Presse habe ich über den Selbstmord von Mobbingopfern gelesen und war entsetzt – soweit ist es nun schon gekommen.

  4. Adeline Warkentin

    Wirklich ein sehr aktuelles Thema. Es würde mich interessieren, wie die Autorin das umgesetzt hat.

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