Fröhling / Reuß: Schicksalsmomente

schicksalsmomente

Was die beiden schreibenden Theologen hier mit ihren Lesern machen, ist Pädagogik vom Feinsten. Sie schauen in Biografien bekannter Leute und beschreiben wichtige Ereignisse oder eben Schicksalsmomente“, die deren Leben beeinflussen oder gar völlig verändert haben.

Einiges, wie beispielsweise Luther und sein Erlebnis mit dem Blitzeinschlag, dürfte bekannt sein. Aber über Theodor Fontane, Sophie Scholl, Hanns Dieter Hüsch und Computergenie Steve Jobs schließt sich der Kreis, der bis zur Gegenwart reicht. Nahtlos schließt sich für mich die Frage nach meinen Schicksalsmomenten an.

Schicksalsmomente“ ist eines jener zeitlosen Bücher zu denen man immer wieder zurückkehren kann. Vielleicht wird es dann umso wertvoller, weil Altvertrautes durch neu selbst Erlebtes inzwischen anders gesehen wird. Schicksalsmomente im Leben anderer zu erkennen heißt auch, mit sich selbst ins Reine kommen.

Eigentlich fordern beide Autoren mich mit ihrem Buch heraus. Sie legen es von Anfang an darauf an, dass ich mich zwangsläufig meiner eigenen Schicksalsmomente“ zuwende!

Brendow, ISBN 978-3-865-06460-8, Preis 14,95 Euro

Autor Andreas Reuß beantwortete buecheraendernleben folgende Fragen:

Lieber Andreas Reuß, ebenso wie Sie ist auch der zweite Autor von „Schicksalsmomente“, Stefan Fröhling, ein Theologe. Wie kommt es, dass Sie sich beide auf die Suche nach Schicksalsmomenten im Leben bekannter Persönlichkeiten begeben haben?

Wir haben uns in unseren Büchern und Artikeln immer wieder mit bedeutenden Persönlichkeiten beschäftigt und uns von ihnen anregen lassen. Es entstand die Erfahrung, dass jeder Mensch „Augenblicke der Inspiration“, ja „Erleuchtungen“ hat; man muss nur einmal in sich gehen und die Momente ernst nehmen. Oft werden daraus Schicksalsmomente, zumindest für das private Leben. Als Theologen sahen wir uns kompetent, solche Augenblicke herauszufinden und einzuordnen.

Sie erzählen Bekanntes, da ist die Geschichte von Luther und seinem erlebten Blitzeinschlag. Sie erzählen aber auch die berührenden Momente aus dem Leben von Hanns Dieter Hüsch. Warum ist es wichtig solche Geschichten zu erzählen?

Durch unsere Zusammenstellung können Leserinnen und Leser Vergleiche, auch mit der eigenen Biographie, anstellen und das Spezifische der erzählten Biographien erkennen. Das Ganze wird dann wichtig für die Selbsterkundung und die Erfahrung der eigenen „Gestalt in der Zeit“.

Schaue ich in meine eigene Biografie und die ist länger als fünf Jahrzehnte, fallen mir sofort zwei solcher „Schicksalsmomente“ ein. Ich rede nicht gern über sie. Sie haben jeweils eine neue Tür meiner Biografie geöffnet. Ein bis dahin gelebtes Kapitel wurde geschlossen. Warum ist es wichtig über eigene „Schicksalsmomente“ zu reden?

Wer sich nicht mit sich selbst auseinandersetzt – und dazu gehört auch das angemessene Reden über die eigenen Schicksalsmomente -, der verdrängt und wird damit anfällig für Süchte, Sekten oder Ideologien. Das natürliche menschliche Leben hat diese zwei untrennbaren Seiten: die Selbsterkundung oder innere Einkehr, zu der auch die Suche nach Gott gehören kann, und der (vielleicht aktiv wirkende) Austausch in einer Gemeinschaft bzw. mit der Gesellschaft, ja sogar der Öffentlichkeit. Letztlich bleibt jeder Mensch freilich ein Geheimnis, auch wenn uns nichts mehr interessiert als eben dieses Geheimnis in uns und im anderen Menschen – sei es einer Frau oder eines Mannes oder der Gesellschaft.

Nachdenklich und kritisch werden Sie an den Stellen in Ihrem Buch, an denen Sie die Geschichte verlassen. Die Gegenwart skizzieren Sie sogar als „gesichtslose Gesellschaft“. Was meinen Sie damit? Und was hat das für Jugendliche in der Gegenwart zu bedeuten?

Mit dem Wort von der „Gesichtslosen Gesellschaft“ versuchten wir, aktuelle Beobachtungen und Diagnosen in Gestalt einer These bzw. Arbeitshypothese auf einen Begriff zu bringen. In Bamberg wurden ja schon die „Risikogesellschaft“ (Ulrich Beck), die „Erlebnisgesellschaft“ (Gerhard Schulze) und die „Multioptionsgesellschaft“ (Peter Gross) entworfen. Der Begriff „Gesichtslose Gesellschaft“ setzt voraus, dass der Mensch nur dann ein einzigartiges Gesicht hat oder bekommt, wenn er sich selbst erkundet und sich mit übergeordneten Gedankengebäuden existenziell auseinandersetzt, dass er im Innersten hart um religiöse, philosophische oder auch politische Fragen ringt. Bis 1989 beschäftigte auch die damaligen Jugendlichen der Ost-West-Konflikt und seine geistigen Hintergründe. Einen solchen Konflikt im globalen Sinne gibt es heute nicht mehr. Wie können dann Jugendliche sich noch mit einem individuellen Gesicht profilieren? Dass nicht nur sie ein Problem damit haben, erkennt man schon an den immer komplizierter werdenden Bewerbungsvorgängen (Settings usw.); die Menschen, gerade die Jugendlichen und ihre „Qualifikationen“, ihre „Alleinstellungsmerkmale“,scheinen immer weniger unterscheidbar geworden zu sein, sie werden in diesem Sinne immer gesichtsloser. Das ist also mehr im übertragenen Sinne gemeint.

Der Gegenwart kann sich niemand entziehen. Was schlagen Sie vor, wo sind die Orte der Inspiration für und Menschen heute?

Marcel Reich-Ranicki wurde einmal gefragt, ob er glaube, dass er die Jugendlichen heutzutage noch für seine Inhalte interessieren könne. Er antwortete sinngemäß: „Ich richte mich nicht nach den Jugendlichen. Die sollen darauf schauen, was ich mache, nicht umgekehrt!“ Er hatte wohl recht. Wir sollten auf die heutigen Intellektuellen sehen, auf das, was sie tun oder schreiben bzw. geschrieben haben. Gerade auch in den Feuilletons der großen Zeitungen wird man da fast täglich fündig. – Es ist sehr interessant und anregend, dass sie von „Orten“ der Inspiration sprechen. Solche Orte gibt es noch viele, zum Beispiel hier im Münsterland, wo ich gerade Urlaub mache. Manchmal sind es ganze Städte oder Stadtteile, in die man wie in ein philosophisches System bei einem Spaziergang eindringen kann. Der Geist der Romanik, der Gotik, des Westfälischen Friedens, der Droste, des Grafen von Galen, der Botanischen Wissenschaften – all das ist hier auf engem Raum versammelt, kann erforscht und geliebt werden, also zu Herzen gehen, in nicht nur einem einzigen Augenblick der Inspiration.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Der Brendow Verlag stellt unserem Blog ein Exemplar dieses Titels zur Verlosung zur Verfügung. Wer also seinen Kommentar bis Montag 20 Uhr unter diesem Beitrag postet nimmt automatisch an der Verlosung teil. Viel Glück!

Herzliche Grüße

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4 Kommentare

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4 Antworten zu “Fröhling / Reuß: Schicksalsmomente

  1. IWe

    Ich würde mich sehr über ein Exemplar freuen. Die Kombination der ausgewählten Persönlichkeiten klingt ausgesprochen interessant.

  2. Edelgard K.

    Ich liebe Biographien, egal welcher Art. Die Geschichten, die das Leben schreibt bzw. die Gott mit unserem Leben schreibt, sind einfach die spannendsten und mich am meisten inspirieren.

  3. Maria Lahnstein

    Schicksalsmomente sind was Spannendes. Ich kenne sie auch.

  4. Ruth Ebeling

    Dem Leben ein Gesicht geben, das ist ein Wort der Ermunterung für jeden, der von sich glaubt, er sei nichts.

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