Regula Stämpfli: Die Vermessung der Frau

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Foto: Regula Stämpfli (copy: Michael Contes)

Endlich mal ein Buch in dem Klartext gesprochen wird. Die Frau Doktor nimmt kein Blatt vor den Mund. In 15 Kapiteln ihres Buches macht sie klar, dass um unser aller Willen Schluss sein muss mit der Vermessung der Frau. Es geht nicht um Einheit sondern um Vielfalt und es geht darum warum wir Menschen uns gewisse Bilder oder auch Schönheitsideale einreden lassen.

Die Autorin schaut aus unterschiedlichen Blickwinkeln auf Botox, Hormone und den Irrsinn vieler zum Teil Jahrhunderte alter Fehlentwicklungen. Sie macht mit ihrer klaren Sprache deutlich wessen wir uns berauben wenn wir weiterhin den Weg der Vereinheitlichung gehen.

Anfangs dachte ich, dies Buch sei mehr etwas für Frauen. Bei weiterem Lesen allerdings wurde schnell klar; für Männer ist es ebenso wichtig zu lesen. Es geht in diesem Buch nicht nur um Diäten, „Titten aus Zement“ und Frauenmaße, es geht um überholte Frauenbilder und um die Frage wie wir in Zukunft miteinander leben wollen.

Regula Stämpfli nennt alles was sie denkt unverblümt beim Namen. Glücklicherweise ist sie weit entfernt davon eine zweite Alice Schwarzer zu werden. Die angesehene Politphilosophin ist nicht auf Krawall gebürstet, sie zweifelt an längst überholten Denkschablonen und zeigt Wege auf die zu einem besseren Miteinander der Geschlechter führen könnten.

Gütersloher Verlagshaus, ISBN 978-3-579-06639-4, Preis 17,99 Euro

Regula Stämpfli hat buecheraendernleben nun folgende Fragen beantwortet:

Liebe Regula Stämpfli, soeben ist Ihr Buch „Die Vermessung der Frau“ erschienen. Thema Ihres Buches sind Frauen, warum sollte Ihr Buch auch von Männern gelesen werden?

Weil wir Menschen und nicht einfach Geschlechtswesen sind. Zudem geht das Thema „Vermessung“ aller menschlicher Zusammenhänge auch die Männer an.

Ich habe mir einfach zum ersten mal erlaubt als Norm die Frau und nicht den Mann zu nehmen, laach. Das erinnert mich an das Schulbuch meines jüngsten Sohnes: Deutschunterricht „Ein Bauer hat eine Frau, zwei Kinder, drei Kühe und ein Schwein“. Selbst mein Kleiner realisierte sofort, dass da irgendetwas nicht stimmt und als ich dies auf Facebook postete, war dies sehr erheiternd. Es ist immer noch so, selbst in der Sprache: Der Mann sieht, die Frau wird gesehen. Der Mann handelt, die Frau wird behandelt. Die Frau fragt, der Mann antwortet (laach, bei uns ist es jetzt grad anders, wir sind aber eine Ausnahme:-). Ich habe als Philosophin mal einfach die Frau als Norm für den Menschen genommen.

Wieso laufen so viele Frauen zum Schönheitschirurgen? Befördern sie damit nicht den Schönheitswahn?

Sind Sie sicher, dass es so viele Frauen sind? Wir hören immer nur aus den Medien, wie die Zahl der Schönheitsoperationen in die Höhe geschossen ist. Überprüft werden solche Zahlen nie, ebenso wenig was unter Schönheitsoperationen verstanden wird. In meinem Buch erkläre ich, dass es nicht um Schönheit oder Schönheitswahn, sondern um das Nachleben einer eigentlichen neuen Religion geht. Die Warenwirtschaft fördert den Warenkörper – also müssen wir alle wie die Gurke einer gewissen Norm entsprechen, wollen wir den gesellschaftlichen Maßstäben genügen (lacht wiederum, heute ist ja grad 25 Jahre EU-Gurkenverordnung, das passt doch).

Woher kommt eigentlich unser angebliches Traumbild einer Frau. Bei Lichte betrachtet, muss sie ja halb verhungert sein und ein Kilo Botox intus haben. In anderen Regionen der Welt gibt es ja völlig andere Bilder von der Traumfrau.

Sie haben völlig recht. Doch sobald die westliche Kultur in einem Land Einfluss kriegt, verändern sich die Körper der Frauen und auch die Traumfraubilder. Eine Marilyn Monroe wäre nach heutigen Maßstäben viel zu dick, um irgendeine Karriere zu machen! Als 1995 auf Fiji das Fernsehen eingeführt wurde, nahmen in den folgenden Jahren die Essstörungen unter den Frauen massiv zu. Dies in einem Ort, in welchem es nicht einmal einen Begriff für Essstörungen gab.

Da versuche ich mit meinem Buch einzusetzen. In meinem ersten Denkentwurf „Vom Stummbürger zum Stimmbürger“ schrieb ich, dass das Menschenbild immer darüber entscheidet, wie Macht und Herrschaft ausgeübt werden. In meiner „Vermessung“ erkläre ich nun, wie Macht und Herrschaft unter modernen Bedingungen den Körper eigentlich formt. Das ist echt spannend. Wer würde denn schon bei einer Diät daran denken, dass ich hier nicht frei bin, sondern dass das Korsett der Großmütter schon im Stammhirn abgespeichert wurde? Oder wer sieht bei der täglichen Waage schon René Descartes hinterhältig lächeln, indem er flüstert: „Nicht wie Du Dich fühlst, ist wichtig, sondern wie Du von den anderen gewogen und zu schwer oder zu leicht empfunden wirst….“?

In Ihrem Buch sind Sie oft sehr direkt. Von „Frauen von der Stange“ und von „Titten aus Zement“ lese ich dort. Warum braucht es bei diesem Thema solch eine deutliche Sprache?

Ah, die Schamhaftigkeit der Frauen sollte auch von mir gewahrt werden? Machtpolitische Zusammenhänge verstecken sich gerne hinter einem Blabla. Da braucht es klare Sprache, klare Bilder. Die „Titten aus Zement“ sind übrigens nicht von mir, sondern vom Philosophen Peter Sloterdijk. Und die „Frauen von der Stange“ entspricht dem wahrhaft menschenverachtenden Pornogeschäft, in welchem gerade in Deutschland mittlerweile Flatrates in Bordellen angeboten werden, was die Arbeit von Prostituierten noch menschenunwürdiger macht als sie grundsätzlich ist.

Es sollte doch nach endlosen Filmen und zahlreichen Büchern jeder Frau und jedem Mann klar sein, dass sich eine Frau vor allem auch über Eigenschaften und innerer Werte profiliert, warum scheint dies noch immer kein Allgemeinwissen geworden zu sein?

Weil Männer besser sehen als denken können, laach. Nein im Ernst. In meinem Buch geht es ja nicht nur um Attraktivität, sondern um die Philosophie dahinter. Dass wir Menschen nicht mehr miteinander reden sollten, sondern eigentlich nur wie im Markt uns als gutaussehende, normierte und datafrische Waren präsentieren dürfen.

Was raten Sie, was sollte die Frau und der Mann von Heute tun, damit Schönheitschirurgen arbeitslos werden und Botox nicht mehr nachgefragt wird?

Lachen. Lesen. Essen. Nicht-Essen. Streiten. Weinen. Lieben. Tanzen. Reden. Alles – nur nicht zu oft alleine! Einfach lebendig sein und sich nicht scheuen, das Bild von sich und seinen Mitmenschen immer wieder auch verändern zu dürfen.

Vielleicht eines zum Schluss: Meine Vermessung ist eine Populärversion der aktuellen philosophischen und politischen Debatten um die „Googlesierung“ der Welt – sie geht also viel weiter als „nur“ um Schönheit, Körper, Frauen, sondern sie erklärt, welche Themen in der oberflächlichen Betrachtung von Frauen, Männern, schlank und rank nie wirklich behandelt werden.

Vielen Dank für das erfrischende Gespräch!

Das Gütersloher Verlagshaus stellt ein Verlosungsexemplar dieses Titels zur Verfügung. Wer also seinen Kommentar unter diesem Beitrag bis Dienstag 20 Uhr postet nimmt automatisch an unserer Verlosung teil. Viel Glück!

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5 Kommentare

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5 Antworten zu “Regula Stämpfli: Die Vermessung der Frau

  1. Björn

    Vielleicht bald meins.

  2. Maria

    Das hört sich interessant an. Ich kenne keine Frau, die beim Schönheitschirurgen war. Und in unserem Dorf sieht auch keine Frau so aus, als ob sie etwas hätte machen lassen, alle sehen ganz natürlich aus:-)

  3. Theresa

    Klingt spannend, ich würds gern lesen.

  4. Ruth Ebeling

    Das werde ich meiner Tochter zum Geburtstag schenken, kommt gerade zur rechten Zeit.

  5. Maria Lahnstein

    Hört sich sehr interessant an !

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