Andreas Müller: Schluss mit der Sozialromantik

schluss mit der sozialromantikAndreas Müller

Foto: Andreas Müller

Der Brandenburger Jugendrichter Andreas Müller macht genau dort weiter, wo seine Kollegin und langjährige Freundin Kirsten Heisig einst angesetzt hatte. Auch für sie schreibt er dieses Buch und will, wie er sagt, deutlich machen, dass „unter dem Deckmäntelchen der Menschlichkeit“ bis hinein in die Gegenwart Fehler in der deutschen Rechtsprechung gemacht werden. Ich füge hinzu, insbesondere was das Jugendstrafrecht anbelangt. Nachdem ich selbst meinem Landgericht vier Jahre als Schöffe gedient habe, erahne ich ein klein wenig, was Andreas Müller hier meint, wovon er schreibt, was er kritisiert und was ihn teilweise auch ohnmächtig zeigt.

Müller hat bereits nach seiner Ausbildung schnell seinen Ruf als „Quertreiber“ weg. Sein erster Richterfall erregte nicht nur im Land Brandenburg großes Aufsehen. Im Dolgenbrodt-Verfahren geht es um Rechtsradikalismus. Interessant ist, wie der Autor heute das Verfahren einschätzt und ebenso interessant ist, was er heute anders machen würde in der Prozessgestaltung.

Der Autor geht mehr als einmal darauf ein, was man nicht alles mit schönen Statistiken machen kann, er beschreibt auch den Umgang der Gesellschaft mit jugendlichen Straftätern, dabei wird sehr deutlich, was z.Z. alles schief läuft.

Immer wieder wird klar, es muss Schluss sein mit der Sozialromantik, sie war/ist ein Irrweg. Das fatale ist nur, es erfolgt jetzt seit Jahren schon keine andere Weichenstellung. Genau dafür braucht/sucht Müller das öffentliche Bewusstsein – wir sollten sie mit ihm gemeinsam einfordern, damit wir nicht eines Tages feststellen: Es ist bereits zu spät. Der Autor bringt eine Vielzahl von Beispielen, in denen er seine kreativen Strafen und deren Nachwirkungen beschreibt. Andreas Müller kommt selbst aus nicht einfachen familiären Verhältnissen, vielleicht weiß er auch deshalb, was eine angemessene Strafe ist.

Wer dieses Buch liest wird erschrocken sein, aber Augen auf (!) ist der einzig mögliche Schritt, um gemachte Fehler zu entdecken und in Zukunft nach anderen Lösungen zu suchen!

Herder Verlag, ISBN 978-3-451-30909-0, Preis 16,99 Euro

Der Bernauer Jugendrichter hat buecheraendernleben nun folgende Fragen beantwortet:

Auf einer Autofahrt zu einer Fernsehsendung hatte ich Glück und Andreas Müller hatte ein paar Minuten für ein kurzes Gespräch Zeit. Seine Antworten im folgenden Gespräch sind keine wörtlichen Zitate, lediglich meine Widergabe.

Hallo Herr Müller, Ihr Buch schlägt zur Zeit hohe Wellen und bricht viele Rekorde. Was Sagen Sie dazu?

Na ja, ich habe erwartet, dass es ganz gut geht. Es muss endlich eine gesellschaftliche Diskussion darüber los gehen, wie wir in Zukunft mit unseren jugendlichen Straftätern umgehen, denn so wie es bislang läuft, ist es nicht in Ordnung.

Sie sind zur Zeit in vielen Talkshows im Fernsehen anzutreffen, aber auch in Zeitungen findet man sie. Viele Boulevardblätter verpassen Ihnen Titel wie „Richter gnadenlos“ oder „härtester Richter Deutschlands“, wie finden Sie das?

Gnadenlos ist natürlich schon sehr verletzend und hat mit meiner Arbeit nichts zu tun. „Gnade gehört zum Recht.“

Sie stammen aus einer streng katholischen Gegend. Wurden ab der 5. Schulklasse von katholischen Padres unterrichtet. Wie wirkt sich all dies heute auf Ihre Arbeit aus?

Ja natürlich, all das was ich tue, geschieht im Einklang mit meinem christlichen Hintergrund. Der Schutz von Schwachen ist ein genau so wichtiger Aspekt meiner richterlichen Arbeit, wie das in den Knast stecken von Straftätern. Aber es gibt Lücken im System und unsere Gesellschaft muss sich dringend darum kümmern. Mein Buch soll ein Anstoß dafür sein.

Gelegentlich widersprechen Sie dem bekannten Kriminologen Pfeiffer. Haben Sie von ihm schon eine Reaktion auf Ihr Buch bekommen?

Ja natürlich, er hat mich bereits zum Essen eingeladen. Wissen Sie, als Kriminalist hat Herr Pfeiffer wirklich große Verdienste, er macht große Studien und will mich wissenschaftlich widerlegen, aber ich habe täglich in Prozessen die Menschen vor mir und habe Entscheidungen zu treffen.

Ihr Buch verkauft sich im Minutentakt. Stellen Sie sich mal vor, wir wären jetzt ein halbes Jahr weiter und Ihr Buch hätte Veränderungen gebracht. Auf welche hoffen Sie am meisten?

Neben der Einführung eines Erziehungsrichters und einer besseren Vernetzung von Polizei, Justiz und sozialer Arbeit muss es endlich ein bundesweites Register geben, in dem alle jugendrichterlichen Weisungen eingetragen werden. Stellen Sie sich mal vor, in ihrer Stadt treffen sich gewaltbereite Jugendliche immer an einem bestimmten Ort. Sie begehen dort Straftaten. Was geschieht im Normalfall? Vielleicht bekommen sie eine Anzeige und dann dauert es viel zu lange, bis die Jugendlichen vor Gericht antreten müssen.

Hätten wir aber so ein Register, könnte der Polizeibeamte den Namen des Jugendlichen in das Register eingeben und schon wüsste er genau, mit wem er es zu tun hat. Viel schneller müsste dann ein Wiederholungstäter vor Gericht erscheinen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Der Herder Verlag stellt uns ein Verlosungsexemplar dieses Titels zur Verfügung. Wer seinen Kommentar bis Dienstag 20 Uhr unter diesem Beitrag postet, nimmt automatisch an unserer Verlosung teil. Viel Glück!

Was meinst Du, sollten jugendliche Straftäter viel eher und schneller in den Knast?

Advertisements

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Uncategorized

Eine Antwort zu “Andreas Müller: Schluss mit der Sozialromantik

  1. Ich habe Andreas Müller vor einigen Jahren kennengelernt und finde ihn sehr beeindruckend. In Bernau mußten Neonazi-Täter, die mit Springerstiefel zum Prozess kamen, diese vor der Tür des Gerichtssaals ausziehen, denn – so Richter Müller: Waffen dürfen nicht in den Gerichtssaal mitgebracht werden. Und dies gilt deshalb auch für Springerstiefel.

    Ich finde auch, es geht nicht um die Frage, ob jugendliche Straftäter schneller in den Knast sollen, sondern daß alle Beteiligten (Richter, Jugendgerichtshilfe, Jugendsozialarbeit etc.) ein differenziertes Instrumentarium haben, das auf den jeweiligen Straftäter und sein Umfeld abgestimmt wird. Das würde auch den Schritt von „Kuschelpädagogik“ zu konfrontierender Sozialarbeit bedeuten.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s