Mouhanad Khorchide: Scharia – der missverstandene Gott

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Foto: Prof. Mouhanad Khorchide (Copyright: Peter Grewer)

Hören wir heutzutage in den Nachrichten von der Scharia, fallen uns sogleich mehrere Urteile ein, die wir Europäer für menschenverachtend ansehen – mir jedenfalls geht es so!

Der Autor dieses Buches tut sich besonders hervor, indem er sich den Koran sehr genau anschaut und von dem trennt, was der Mensch später dazugefügt hat. So war für mich beispielsweise ganz neu, dass der Islam sehr wohl Prinzipien wie Gerechtigkeit und Gleichheit würdigt, aber an keiner einzigen Stelle Maßnahmen/Strafen auf Geheiß Gottes fordert , wenn jemand gegen diese Prinzipien verstößt. Ausdrücklich meint Mouhanad Khorchide, dies ist nicht Aufgabe der Scharia.

Was der Autor erreichen will ist eine grundlegend erneuerte Einstellung der Muslime zu ihrem Gott. Nicht in Angst, sondern in Liebe sollen sie ihm begegnen und zu ihm beten. Khorchide weiß selbst am besten, wie viel Sprengkraft in seinen Sätzen steckt. Sein Gott ist ein liebender Gott der Barmherzigkeit. Natürlich weiß er um den Widerstand, der ihm entgegenschlagen wird.

Ich als Christ bewundere diesen Mann. Er tritt für einen modernen, vielleicht europäischen Islam ein. Dabei legt er sich selbst mit den Salafisten an und erklärt, warum diese ein Interesse an einer Fehlauslegung der Scharia haben.

Sehr gespannt bin ich auf die Reaktionen zu diesem Buch und hoffe sehr, dass Prof. Khorchide viele Anhänger um sich versammeln kann.

Mutig und notwendig!

Herder, ISBN 978-3-451-30911-3, Preis 18,99 Euro

Prof. Mouhanad Khorchide hat buecheraendernleben nun folgende Fragen beantortet:

Lieber Herr Prof. Mouhanad Khorchide, soeben ist ihr neues Buch „Scharia – der missverstandene Gott“ erschienen. Warum war dieses Buch gerade jetzt für sie wichtig?

Mit diesem Buch möchte ich mit vielen Klischees Rund um das Thema „Scharia“ aufräumen. Muslimische Laien oder auch Nicht-Muslime verstehen unter Scharia ein juristisches Schema, das alle Lebensbereiche umfasse und für jede Lebenslage eine Antwort biete. Scharia bedeutet im Arabischen‚ der Weg zur Quelle’, auf den Islam übertragen, bedeutet sie nichts anderes, als der Weg zu Gott, das ist der Weg des Herzens und der Weg zu einer gerechten Gesellschaftsordnung. Dieser Weg bringt uns in die Nähe Gottes. Juristische Aussagen oder Gesetze sind keineswegs ein Selbstzweck, sondern dienen der Herstellung einer gerechten Gesellschaftsordnung. Alles, was zu einer gerechten Gesellschaftsordnung führt, ist Teil der Scharia. Ein Leben nach der Scharia wäre somit ein Leben nach Prinzipien, wie Gerechtigkeit und Verantwortlichkeit, sowie ein Leben auf dem spirituellen Weg zu Gottesgemeinschaft unter anderem durch religiöse Rituale wie das Gebet und das Fasten, die wiederum ihren Ausdruck im Charakter und Handeln des Menschen haben müssen. Es geht also keineswegs um juristische Paragraphen.

Sie schreiben in ihrem Buch, dass im Koran nichts über konkrete Bestrafungen geschrieben steht. Woher kommt dann dieser Zusammenhang? Ich bin doch nicht der Einzige der das glaubt.

Im Koran ist durchaus die Rede von drei Körperstrafen, wie zum Beispiel das Handabtrennen des Diebes. Diese Strafen stellen jedoch keinen Selbstzweck dar. Gott ist doch nicht bestrebt, Menschen Hände abzuhacken. Das waren übliche Körperstrafen im siebten Jahrhundert auf der arabischen Halbinsel, die der Koran rezipiert. Dahinter steckt jedoch die Bestrebung nach der Schaffung einer gerechten Gesellschaftsordnung mit den damals zur Verfügung gestandenen Mitteln. Und genau das ist es worum es geht, eine gerechte Gesellschaftsordnung. Die Mittel dazu sind verhandelbar und historisch wandelbar. Der Koran spricht auch zum Beispiel von Pferden und Eseln als Transportmittel. Keiner würde heute auf die Idee kommen, das Autofahren, oder Fahrradfahren deshalb zu verbieten, weil die im Koran beschriebenen Mittel andere sind. Nicht auf die Mittel kommt es an, sondern auf das Ziel.

Vor einem Jahr haben wir auf diesem Blog über ihr Buch „Islam ist Barmherzigkeit“ gesprochen. Wie waren die Leserreaktionen auf ihr erstes Buch?

Sehr unterschiedlich. Überwiegend große Zustimmung bei Muslimen wie Nichtmuslimen. Ich habe hunderte von E-Mails von Muslimen erhalten, die in meinem Buch Antworten auf viele offene Fragen gefunden hätten, die ihnen geholfen und eine andere Perspektive geöffnet hätten. Nur diejenigen unter den Muslimen, denen es nicht um den Islam selbst, sondern um Macht und Politik geht, finden in der großen Akzeptanz von Muslimen und Nichtmuslimen eine Bedrohung für die von ihnen beanspruchte Monopolstellung, alleine für den Islam sprechen zu wollen. Ich kann mir gut vorstellen, dass sie jetzt ganz fleißig beim Lesen des neuen Buches sind, mit der Hoffnung, auf den einen oder anderen Satz zu stoßen, mit dem sie dann verkünden, Khorchide ist ein Häretiker. Das ist alles ein schmutziges Geschäft und hat mit Religion nichts mehr zu tun. Der durchschnittliche Muslim interessiert sich zum Glück nicht dafür. Er sucht mit viel Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit nach Gott und freut sich über jeden Beitrag, der ihm ein Stück weiterhilft.

In ihrem Buch jetzt schreiben sie, dass den Salafisten sehr daran gelegen ist, den Eindruck zu erwecken, dass all die unmenschlichen Strafen Gottgewollt sind. Warum ist das für die Salafisten so wichtig?

Weil ein angstjagender Gott an ihrer Seite, ihnen die Macht gibt, die sie benötigen, um ihren äußerst hochmütigen Auftritt im Namen Gottes zu legitimieren. Ein liebender barmherziger Gott ist für sie nicht männlich genug, er ist für sie zu schwach, um mit ihm, allen ihren Gegnern den Krieg zu erklären.

Warum beruht die Beziehung zu Gott im Islam auf Angst und Furcht?

Das ist die menschliche Projektion in Gott, die vor allem von machtsüchtigen Politikern und Personen, gemacht wird, um einen Geist der Unterwerfung zu etablieren. Der Politiker profitiert davon, ebenso der Familienvater, der Lehrer, der Imam, der Vorgesetzte usw., um ihren Willen ohne viel Widerspruch durchzusetzen. Die jungen Muslime lehnen jedoch diesen Geist der Unterwerfung ab. Nicht weil sie ungehorsam sein wollen, sondern weil sie frei und mündig sein wollen. Die jungen Muslime sind viel offener und nehmen ihre Religion viel ernster und reflektierter als die Elterngeneration. Sie freuen sich zu hören, dass uns Gott zu sich mit Mitteln der Liebe und Barmherzigkeit einlädt.

Freuen sich Muslime heute darüber, dass sie plötzlich vom liebenden Gott erfahren?

Nur diejenigen, die es nicht verlernt haben, zu lieben. Denn wenn das Herz abgestorben ist, ist er nicht mehr in der Lage Gottes Liebe wahrzunehmen, geschweige davon zu schmecken und selbst weiterzugeben. Diejenigen, deren Herzen mit Liebe pulsieren, erkennen die Liebe Gottes und freuen sich über jeden Beitrag, der diese Aspekte im Islam betont. Wer jedoch nicht nach Liebe im Islam sucht, wird sie auch nicht finden, da sein Herz dafür verschlossen ist. Hass und Hochmut gegenüber seinen Mitmenschen und zugleich Liebe zu Gott können sich niemals im selben Herzen vereinen.

Vielen Dank für das interessante Gespräch!

M. Khorchide hält für einen Gewinner ein signiertes Exemplar seines Buches bereit. Wer seinen Kommentar bis Montag 20 Uhr unter diesem Beitrag postet, nimmt automatisch an unserer Verlosung teil. Viel Glück!

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6 Kommentare

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6 Antworten zu “Mouhanad Khorchide: Scharia – der missverstandene Gott

  1. Jutta Soraya Wiest

    Ich freue mich schon sehr darauf, Ihr zweites Buch zu lesen & wünsche Ihnen von Herzen weiterhin alles Gute für Ihr Wirken für ein besseres Verständnis für den Islam & somit auch für ein besseres Miteinander! As salam alleikum fi amani Allah *

  2. queenie1906

    Vielen dank für dieses Interview. Ich lese zur Zeit beide Bücher von Herrn Khorchide und bin einfach sprachlos und überglücklich zugleich das endlich jemand diese Dinge ausspricht und als Buch veröffentlicht. Jemand der negative Aspekte sucht, wird ÜBERALL fündig. Diese Menschen sollten allerdings nicht der Maßstab sein.
    Das entscheidende ist das eigene Herz. Und da hat Herr Khorchide auf den Punkt gebracht. Ohne diese Voraussetzung ist der Leser nicht empfänglich für die Worte aus dem Buch.
    Eine sachliche Auseinandersetzung aber wäre so wünschenswert.

  3. Tariq

    Ein aufschlussreiches Interview über das neue Buch. Das Buch ist eine konsequente Fortsetzung des vorherigen Buches „Islam ist Barmherzigkeit“. Nachdem die Gott-Mensch-Beziehung im Koran von Prof. Khorchide im letzten Buch richtiggestellt wurde, geht er in diesem Buch daran, den „Weg zu Gott“ (Scharia) klarzustellen.

  4. Said

    Das erste Buch von Herrn Prof. Khorchide hat einen festen Platz in meinem Bücherregal – sinnbildlich gesprochen, denn oft verleihe ich es an Interessierte…seien es Muslime oder Nicht-Muslime. Ich freue mich schon auf sein aktuelles Werk.

  5. Jürgen Tibusek

    Ein aktuelles und interessantes Thema. Das Interview zeigt, dass der Autor zum Nachdenken über die eigenen Vorurteile bringt – gerade auch Christen mit einem sehr einseitigen Verständnis darüber, was Islam ist. Das ist hilfreich und informativ.

  6. Endlich finde ich in diesem Buch Antwort auf meine Frage : wie kann eine angeblich zum Frieden führende Religion mit der grausamen angeblich von Allah selbst gemachten Regeln (der Scharia) zusammen passen? Als gläubige Muslimin, glaube ich ganz fest an den Koran, habe aber immer Zweifel an Scharia. Ihr kleines Gespräch über Scharia hat mir kleines Licht und zugleich Ruhe gegeben. Ich danke Ihnen, Herrn. Khorchide, für Ihr sicherlich wunderbares Buch.

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