Guido Baltes: Jesus, der Jude

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Foto: Dr. Guido Baltes

Guido Baltes war eigentlich anfangs nicht so versessen darauf nach Jerusalem zu gehen. Seine Frau, ja die schwärmte für Israel. Nach dieser kleinen privaten Einführung hatte mich der Autor gewonnen, selbst komme ich mit den beinah fanatisch rüberkommenden Israelfreunden der Gegenwart nicht klar.

Was Guido Baltes als Reisewarnung vorausschickt, kommt mir sehr entgegen. Tatsächlich kommt er sehr gut ohne Fachbegriffe aus und dies erhöht die Lesbarkeit dieses interessanten Buches sehr.

Sogleich begebe ich mich dann mit dem Autor nach Jerusalem und den Ton den der Reiseleiter Baltes dabei anschlägt, der kommt mir sehr entgegen. Er selbst ist nicht der Allwissende. Er stellt sich viel mehr mit mir, dem ich etwas Neues erfahren möchte, in eine Reihe und plaudert einfach drauf los. Missverständnisse werden aus dem Text heraus noch einmal in knapper Form in einem Textkasten sichtbar gemacht. Zum Schluss werde ich 80 Missverständnisse gelesen haben.

Manches wusste ich bereits, vieles war für mich neu und immer hatte ich meinen Reiseführer dabei, der mir genau schilderte, woher er seine Informationen hat. Die gute Mischung aus Altem und Neuem Testament, sowie aus dem Erleben des Alltags in Israel heute und des Autors eigener Reflexion bei der Aufdeckung von Missverständnissen haben mich überzeugt!

In acht Kapiteln beleuchtet der Autor die historische Gestalt des Jesus in seiner jüdischen Welt und dehnt seine Suche auf alle ebenen aus die in Zusammenhang mit Jesus zu betrachten sind. Dies führt unter anderem dazu, dass ich beim Lesen dieses Buches hin und wieder selbst zur Bibel greife, weil Baltes gleich mehrmals darauf hinweist, dass in der Bibel nicht alles so steht wie wir es heute behaupten oder gern hätten. So manch ein Aha – Erlebnis kann ich da versprechen.

Nun weiß ich, dass es „die Juden“ nicht einmal gab als Jesus geboren wurde und das längst nicht alle „den Messias“ erwartet haben. Guido Baltes räumt mutig auf mit allen Missverständnissen der Christen Jesus gegenüber.

Manchmal heißt es bestimmte Ansichten fallen zu lassen um Jesus näher zu kommen!

Verlag der Franckebuchhandlung, ISBN 978-3-868-27414-1, Preis 12,95 Preis

Autor Dr. Guido Baltes hat buecheraendernleben nun folgende Fragen beantwortet:

Lieber Guido Baltes, „Jesus, der Jude“ heißt Ihr Buch. Warum war es notwendig dieses Buch zu schreiben?

Ob es wirklich notwendig war, weiß ich nicht. Es war eher mein persönliches Interesse an der Sache, was mich zum Schreiben bewegt hat. Und viele Gespräche mit Leuten in meiner Gemeinde, mit Schülern unserer Bibelschule und mit Studenten. Immer, wenn mich jemand fragte: „Wo kann man das denn mal nachlesen?“, sind mir nur akademische Fachbücher oder englische Literatur eingefallen. Da dachte ich, ich schreibe mal ein allgemein verständliches deutsches Buch über diese Fragen.

Auf den vorderen Seiten schreiben Sie, es wäre nicht so einfach ohne Fachbegriffe auszukommen. Ihnen ist dies sehr gut gelungen. Warum aber verstecken sich so viele theologisch wichtigen Aussagen oftmals hinter einer ganzen Reihe von Fachbegriffen, die wir Laien nicht verstehen?

Ich glaube, es ist kein Verstecken. In der Tat sind unsere Kenntnisse über die Welt und Umwelt des Neuen Testaments in den letzten hundert Jahren wesentlich vielfältiger, aber damit eben auch komplizierter geworden. Während man vor hundert Jahren noch sehr holzschnittartig über „die Urchristen“ und „die Juden“ sprach, muss man heute sehr vielfältig und differenziert denken. Dafür sind Fachbegriffe eigentlich hilfreich und notwendig. Das Problem ist aber, dass diese komplexere Sicht der Dinge vielen „normalen“ Gemeindechristen zu kompliziert ist, und sie bleiben daher leider zu oft bei den vertrauten holzschnittartigen Bilder der Vergangenheit. Es ist also eine wichtige Verantwortung für uns als Fachleute, die Entdeckungen der letzten Jahrzehnte auch in eine verständliche Sprache zu übersetzen, selbst wenn dabei manche Nuance verlorengeht.

Was glauben Sie, warum tun sich noch heute so viele Christen schwer damit in Jesus auch einen Juden zu sehen?

Vermutlich haben die meisten Christen heute gar kein Problem mehr mit dem Gedanken, dass Jesus ein Jude war. Das Problem liegt eher darin, diesen Gedanken wirklich zu Ende zu denken. Denn man akzeptiert zwar, dass Jesus ein Jude war. Dennoch möchte man gern glauben, dass er in den meisten Fragen des Glaubens und Lebens dann eben doch ganz anders dachte und lebte als alle anderen Juden. Zu tief sitzt der Gedanke, dass der jüdische Glaube ein Holzweg war, auf dem man nicht zu Gott kommen kann. Deshalb musste Jesus einen anderen, einen neuen Weg bringen. Was aber wäre, wenn Jesus gekommen ist, um eben diesen alten Weg bis zum Ende zu gehen, weil es von Anfang an Gottes Weg war?

Verändert unsere Sicht auf Jesus sich, wenn uns bewusst wird, dass er Jude ist?

Zum Teil ja, zum Teil nein. Mir persönlich geht es so, dass meine Grundüberzeugungen über Jesus sich nicht geändert haben durch diese neue Sicht: Die Hauptbotschaft des Neuen Testaments ist und bleibt, dass Gott in Jesus ein Mensch wurde, der die Herrschaft Gottes verkündete, den Menschen diente, sein Leben gab als eine Sühne für unsere Sünden, und schließlich von den Toten auferstanden ist. Diese Überzeugungen machen ja den christlichen Glauben an Jesus, den Juden, aus. Und sie ändern sich auch nicht dadurch, dass es ein Jude war, der dies alles tat. Neu ist vielleicht für manche der Gedanke, dass Jesus mit all dem nicht das Judentum abschaffte oder in Frage stellte, sondern im Gegenteil, die jüdische Hoffnung bestätigte und erfüllte.

Abgesehen davon gibt es natürlich auch Ansichten über Jesus, die sich radikal ändern müssen, wenn man Jesus als Juden ernstnimmt: Etwa, dass es ihm darum ging, die Menschen „vom Gesetz zu befreien“. Oder ein falsches Gottesbild des Judentums zu überwinden. Oder die Grenze zwischen Juden und Nichtjuden aufzuheben. Diese Ansichten sind zwar unter Christen sehr verbreitet, bei Jesus wird man sie aber nur schwer finden.

Was haben Sie sechs Jahre lang in Israel gemacht?

Ich gehöre seit vielen Jahren zu einer ökumenischen Gemeinschaft von Christen in Marburg, dem Christus-Treff e.V. Einer unserer Arbeitszweige ist ein kleines christliches Begegnungshaus in Jerusalem, das direkt an der Via Dolorosa liegt, dem Pilgerweg auf den Spuren der Passion. Meine Frau hat dieses Haus sechs Jahre lang geleitet, und ich habe ebenfalls mitgearbeitet. Wir haben dort geistliche Angebote für Reisende gemacht, aber auch für junge Deutsche, die in Israel leben und arbeiten. Außerdem haben wir in verschiedenen Gemeinden und christlichen Projekten mitgearbeitet und uns im christlich-jüdischen Dialog engagiert. Persönlich habe ich an einer Forschungsarbeit über den jüdischen Hintergrund des Neuen Testaments gearbeitet.

Ich nehme einmal an, dass Sie heute ganz froh darüber sind, dass Sie Ihrem anfänglichen Zögern nach Jerusalem zu gehen keine echte Chance gaben. Aber bringen Sie es einmal in Kurzform aufs Papier: Was haben Ihnen die Jahre in Israel gebracht?

Mit der Kurzform ist es schwierig, denn das Land hat so viele verschiedene Facetten. Einige Stichworte: Ich habe das Land der Bibel besser kennengelernt, seine Orte, Landschaften, Gerüche und Farben. Ich habe gelebten jüdischen Glauben kennengelernt. Aber auch den Glauben der muslimischen Nachbarn und Freunde. Ich habe Christen und Kirchen verschiedenster Traditionen kennengelernt und die Vielfalt der Christenheit neu schätzen gelernt. Ich habe Einblicke bekommen in einen sehr komplexen politischen Konflikt und verstanden, dass einseitige „Solidarität“ von Christen auf beiden Seiten diesen Konflikt eher verstärkt als zu helfen. Ich habe ermutigende Beispiele dafür erlebt, wie das Evangelium in einem solchen Umfeld das Leben von Menschen verändert. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs. Aber hoffentlich ein Anreiz für die Leser, selbst einmal auf die Reise zu gehen.

Herzlichen Dank für das interessante Gespräch!

Guido Baltes hält ein signiertes Exemplar seines Buches bereit. Wer also seinen Kommentar bis Sonntag 20 Uhr unter diesem Beitrag postet, nimmt automatisch an unserer Verlosung teil. Viel Glück!

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4 Kommentare

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4 Antworten zu “Guido Baltes: Jesus, der Jude

  1. Esther

    Dieses Thema finde ich super spannend und würde mich daher sehr über den Gewinn freuen! 🙂

  2. Das klingt sehr interessant. Ich habe den Eindruck, daß auf Gemeindeebene die Erkenntnis, daß Jesus Jude war vielfach noch nicht richtig angekommen ist. Deshalb wünsche ich diesem Buch, daß es von vielen Menschen gelesen wird.

  3. .waldy

    Gutes Thema. Gutes Buch. Würde mich freuen

  4. Ich habe den Autor Guido Baltes bereits einmal als befragte Fachperson in einem Film gesehen. Ein sehr interessanter Zeitgenosse, der sehr sympathisch und eloquent rüberkommt. Ich würde mich über sein Buch freuen.

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