Sabine Tetzner: Turquoise

turquoiseSabine Tetzner

Foto: Sabine Tetzner

Sehr hart geht Sabine Tetzner mit dem christlichen Glauben zu Gericht. Ihre Protagonistin Miriam ist ein sogenanntes „Bastardkind“. Von ihrer Mutter empfängt die Teenagerin lediglich Schweigen und Vorwürfe. Aber auch die Mutter selbst ist für ihren einzigen Seitensprung ein Leben lang gezeichnet. In ständiger Reue und Demut lebt sie gebückt vor ihrem Ehemann und Gott. Sehr gut zeichnet die Autorin hier den christlichen Glauben, besonders aber fundamentalistische oder einfach nur falsche Verhaltensweisen auf, die manche Zeitgeister noch heute als rechten Weg der Nachfolge bezeichnen.

Miriam lebt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und hat keine Aussicht auf einen Ehemann. Wer nimmt schon ein „Bastardkind“ zum Eheweib?

Oft wird Miriam von einem brutalen Mann aus ihrem Dorf bedrängt, schließlich vergewaltigt. Unter Vorspielung falscher Tatsachen nimmt dieser Mann Miriam dann mit nach Arizona. Die Eltern, vor allem der brutale Vater, sind froh dieses Kind los zu sein.

In der neuen Heimat lebt Miriam eher schlecht als recht mit ihrem Ehemann zusammen. In direkter Nachbarschaft, leben sie mit anderen Farmern, dicht an dicht mit Indianern.

Die Spannung der Story ist gut aufgebaut. Mann spürt als Leser, dass sich zum Ende hin, alles entladen wird. Quasi bis zum Schluss hin, kann der Spannungsbogen gehalten werden, bevor dann alles ein Ende nimmt, welches ich Miriam nicht gewünscht hätte.

Große Themen wie Sünde, Demut und Vergebung wälzt die Autorin mit Leichtigkeit. Ja, sie vergleicht den christlichen Glauben sogar mit der Naturreligion der Indianer. An einigen Stellen hätte ich mir eine Vertiefung der Szenen gewünscht, die Hochzeit zwischen Miriam und ihrem John fehl gleich ganz. Dennoch ist dieses Buch spannend und horizonterweiternd für den Leser. Wobei ich fundamentalistisch – fromme Kreise bereits in die Luft gehen sehe!

Für mich war dieser Roman eine gewinnbringende Auseinandersetzung mit meinem Glauben und ein schöner Lesegenuss!

Turmhut Verlag, ISBN 978-3-936-08446-7, Preis 11,90 Euro

Sabine Tetzner stellte sich nun den Fragen von buecheraendernleben:

Liebe Sabine Tetzner, ich habe Ihr Buch „Turquoise“ gelesen und dachte während des Lesens so manches Mal: „Na, die Autorin hat ja ganz schön Wut auf einige Sichtweisen in der christlichen Fraktion.“ Ist meine Vermutung ein Trugschluss oder warum kritisieren Sie zu Recht so vehement einzelne christliche Verhaltensweisen in Vergangenheit und ja wohl auch in der Zukunft?

Die Frage ist (für mich) ganz schwierig zu beantworten. Ich mag dieses „Heiligenschein-Denken“ generell nicht. Menschen, die sich über andere stellen. Menschen, die meinen, sie müssen anderen ihr Denken aufzwängen und sich dabei von ganzem Herzen im Recht fühlen. Leider gerät der einstig gute Grundgedanke dabei fast immer in den Hintergrund. Im Fall von „Turquoise“ hat diese „Negativwendung“ eben die Christen getroffen.

Ich muss aber zugeben, dass meine Art zu Glauben nicht immer dem christlichen Glauben entspricht und ja, ich kritisiere einzelne Verhaltensweisen, obwohl ich nicht unbedingt behaupten will, dass es sich dabei ausschließlich um christliche Verhaltensweisen handelt.

„Turquoise“ ist meines Wissens Ihr erster veröffentlichter Roman. Warum ist es ausgerechnet die Geschichte um das „Bastardkind“ Miriam geworden?

„Turquoise“ ist mein erster veröffentlichter Roman, aber nicht meine erste geschriebene Geschichte. Normalerweise schreibe ich Jugendromane. Mit „Turquoise“ habe ich eine selbstgezogene Grenze, was das Beschreiben von Gewalt betrifft, überschritten. Dennoch liegt mir eben diese Geschichte besonders am Herzen. Nicht wegen dem „Bastardkind“ Miriam, sondern, weil ich versuchen wollte, das Denken zweier grundverschiedener Kulturen miteinander zu verbinden. Und das ging (für mich) am besten aus der Sicht Miriams. Miriam lernt und wächst schließlich über sich selbst hinaus. Ein Lernprozess, der ihr nur durch ihre Offenheit gelingt. Trotzdem kann sie nicht über ihren Schatten springen. Und nun kommt das Entscheidende: Sie kann nicht über ihren Schatten springen, lässt sich aber dennoch nicht von ihrem Weg abbringen.

Miriam geht mit einem brutalen Kerl die Ehe ein und wandert mit ihm aus nach Arizona. Der Leser erfährt zuvor bereits etwas aus dem Zusammenleben Miriams mit ihrer Familie. Warum haben Sie ausgerechnet die Hochzeit zwischen Miriam und John nicht beschrieben? Gerade in der besonderen Konstellation der beiden zueinander hätte man da noch so viel hineinlegen können.

Die Hochzeit von Miriam und John wäre meines Erachtens einer Lüge gleichgekommen. Ich wollte Miriam diese Lüge nicht antun. Genauso wenig wie ich dieser Lüge Gottes Segen geben wollte. Man hat nun einmal so seine Prinzipien…

In Arizona lebt Miriam dann in der Nähe der Indianer. Zeitweise kam ich mir beim Lesen wie im Vergleich der Religionen vor. Ist die Religion der Indianer fehlerlos? Gibt es da keine fundamentalistischen Fraktionen?

Nein, die Religion der Indianer ist mit Sicherheit nicht fehlerlos. Religion ist niemals fehlerlos. Aber Religion hat auch immer ihre guten, bzw. nützlichen Seiten. Sie lässt uns nachdenken und erhält uns am Leben.

Vielleicht war ich auch ein bisschen egoistisch und wollte Miriams Leben nicht noch schwieriger machen. Irgendwoher muss ein Mensch schließlich Kraft schöpfen können und „meine“ Miriam findet ihren Frieden mit Gott, in dem sie das für sie wichtige aus beiden Religionen schöpft.

Die letzten beiden Zeilen in Ihrem Buch weisen auf ein Buch von Dee Brown hin. Was hat es damit auf sich?

Dee Brown schildert in seinem Buch „Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses“ die Geschichte der nordamerikanischen Indianer in der Zeit der Besiedelung durch die Europäer. Wer sich über diese Geschichte informieren möchte, sollte sich dieses Buch nicht entgehen lassen

Vielen Dank für das Gespräch!

Der Turmhut Verlag stellt uns drei Verlosungsexemplare zur Verfügung. Falls jemand der Autorin eine weitere Frage stellen möchte, kann er dies gern hier tun. Sabine Tetzner schaut hier gern vorbei um Eure Fragen zu beantworten. Bis Montag 20 Uhr läuft unsere Verlosung. Viel Glück!

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5 Kommentare

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5 Antworten zu “Sabine Tetzner: Turquoise

  1. Theresa

    Klingt interessant und schön dramatisch 😉

  2. Maria

    Das hört sich ganz schön spannend an. Zu der Zeit hatten Frauen es ja richtig schwer und dann noch eine alleinerziehende Frau. Wie sind Sie auf die Idee gekommen? Normalerweise sind Romane, die in der Zeit spielen, doch eher romantisch. Das Buch würde ich sehr gerne lesen.

    • Sabine Tetzner

      Hallo Maria,
      die alleinerziehende Mutter von Miriam wird nur am Rande erwähnt. Dennoch spielt sie eine wichtige Rolle, denn ohne ihre Position wäre Miriams Leben mit Sicherheit angenehmer verlaufen.
      Vielleicht hätte ich den Roman ein klein weniger romantischer gestalten sollen (mag schon sein), aber ich wollte keinesfalls eine klischeebehaftete „Weiß verliebt sich in Rot“-Geschichte schreiben.
      „Turquoise“ ist in Erinnerung an einen Amerika-Aufenthalt vor einigen Jahren entstanden. Ich habe damals die Navajo-Hopi-Reservation besucht und dieser Besuch hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

  3. Pingback: 3. Advent: Turmhut lädt alle Leser ein | buecheraendernleben

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