Totensonntag: „Ich spreche von einem revolutionären Kulturwandel …“

christian schüle

Foto: Christian Schüle

Der Hamburger Publizist Christian Schüle hat uns folgendes zum Thema Tod und Sterben geschrieben:

Lange hat der Geist der Zeit uns gelehrt, Tragik, Drama und Verhängnis des eigenen Menschseins zu ignorieren; Sterben und Tod waren der Tyrannei ihrer Verleugnung ausgeliefert: Wir verleugnen und verdrängen den Tod, um uns nicht eingestehen zu müssen, dass das Ende des Lebens immer schon gegenwärtig ist.

Trügen aber die Zeichen nicht, hat seit kurzem ein Wandel die Republik erfasst – nicht flächendeckend, aber zunehmend breiter, nicht stürmisch, aber fließend, nicht radikal, aber anschwellend. Im Fahrwasser des ökonomischen Sogs durch Funktionstüchtigkeit, Fitness und Flexibilität haben seit einigen Jahren denkwürdigerweise die letzten Dinge an Bedeutung gewonnen: Funktionsuntüchtigkeit, Verfall, Vergänglichkeit.

Ein neuer Geist bildet neue Vorstellungen, Bilder und Begriffe von Leben und Sterben aus. Er formatiert die Matrix eines zeitgemäßen Todesbegriffs und formuliert bisher ungewohnte Aussagen über Leid, Schmerz und Trauer und Erinnerung.

Das paternalistische Denken im Umgang mit Tod und Trauer schwindet, weltanschauliche Ideologien verebben, religiöse Dogmen erodieren. In den vergangenen fünfzehn Jahren hat sich in Deutschland ein Kulturwandel ereignet: Der Mensch von heute lässt sich seinen Tod nicht mehr aus der Hand nehmen. Man hat Sterben, Tod und Trauer ab jetzt neu zu denken – und das hat Konsequenzen für Medizin, Rechtsphilosophie, Ethik und Politik.

Weltanschauliche Fragen spielen dabei eine immer kleinere Rolle, und allgemeinverbindliche Regeln im Umgang mit Tod und Trauer gibt es nicht mehr.

Am gewandelten Umgang mit dem Skandal der Sterblichkeit lässt sich ein verändertes Selbstverständnis ablesen. Das Bild des Menschen ist im Begriff, sich zu verändern. Ich spreche von einem revolutionären Kulturwandel im Umgang mit Sterben, Tod und Trauer, weil wir als Gesellschaft, so meine ich, immer stärker darin übereinkommen, dass ein gelingendes Leben einen gelingenden Tod voraussetzt.

Wann aber gelingt der Tod?

Er gelingt dann, wenn wir die Gewissheit haben, selbstbestimmend mit ihm umzugehen und das Sterben zum Tod möglichst eigenverantwortlich zu gestalten.

Er gelingt, wenn wir Menschenwürde als Sterbenswürde begreifen, wenn wir den Schmerz lindern, wo es geht, wenn wir dem Sterbenden die Angst zu sterben nehmen, die oft eine Angst vor dem Schmerz ist.

Er gelingt, wenn Ärzte sterbendes Leben auch sterben lassen, wenn Sterbende in den Tod begleitet werden, in vertrautem Heim, von vertrauten Menschen, in Zuwendung und Ansprache, und nicht abgeschoben, in Abstellkammern, verkabelt mit Schläuchen, als Last, als zu entsorgende Ware.

Und er gelingt, wenn wir wissen, dass unser Wunsch, verbrannt und danach in einem Ruheforst begraben zu sein, anonym oder nicht, respektiert und umgesetzt wird.

All das können wir selbstbestimmt festlegen und gestalten. Insofern ist der Umgang des Zeitgenossen mit Sterben und Tod die folgerichtige Ausweitung des radikalen Individualismus auf das Anti-Ideal: auf die letzten Dinge.

wie wir sterben lernen

Pattloch, ISBN 978-3-629-13042-6, Preis 18,00 Euro

Über das Sterben redet es sich nicht so leicht. Deshalb ist es um so mutiger, dass der Hamburger Publizist Christian Schüle sich dem Thema „Wie wir sterben lernen“ auf so revolutionäre Weise angenommen hat.

Ohne zu fragen, ganz ohne Vorwarnung überschreitet er religiöse und ethische Grenzen und erlaubt es sich einfach so über unsere Kultur des Sterbens nachzudenken und zu schreiben. Dabei geht er auf zu beobachtende Veränderungen ein und hat immer den Hinterbliebenen im Fokus.

Leicht ist sein Thema nicht, aber notwendig, weil für jeden unausweichlich!

Der Pattloch Verlag stellt uns ein Verlosungsexemplar dieses Buches zur Verfügung. Wer seinen Kommentar bis Dienstag 20 Uhr unter diesem Beitrag postet, nimmt an unserer Verlosung teil. Viel Glück!

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Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “Totensonntag: „Ich spreche von einem revolutionären Kulturwandel …“

  1. Maria Lahnstein

    Ehrlich gesagt, hört sich das für mich zu sehr nach Selbstbestimmung an. Halte ich für gefährlich. Irgendwann sind wir soweit, dass wir bestimmen wann und wie wir sterben, gerade wenn wir krank werden. Und irgendwann auch über andere bestimmen.

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