Leo G. Linder: Judas, der Komplize

Leo G. Linder, 65terjudas der komplize

Foto: Leo G. Linder

Die Frage nach der Person des Judas, der den Herrn verraten hat, ist alt. Antwortversuche gab es in der Vergangenheit bereits einige. Was literarisch dazu in den letzten Jahren auf den Büchermarkt gekommen ist, beschreibt Leo G. Linder auf den ersten Seiten seines Buches.

Dann aber lässt er in einer fiktiven Gerichtsverhandlung die Evangelisten einzeln antreten. Er befragt sie, treibt sie in die Enge und fragt zielstrebig nach, warum über Judas gerade so und nicht anders geschrieben wurde. Es wird von Seite zu Seite spannender, weil der Autor versucht die Evangelisten in Widersprüche zu verwickeln.

Das Bild, welches Leo G. Linder dann in seinem Auswertungsprotokoll von Judas entwirft, hat nichts mehr mit dem Verräterbild des Judas zu tun, dass ihm bis heute anhaftet, ganz im Gegenteil. Es ist faszinierend, wie der Autor mit Hilfe der Evangelisten und ihrer schriftlichen Aufzeichnungen dem Judas das Gewand eines besonders engen Vertrauten umhängt.

Doch Vorsicht, wer dem Autor in seiner Argumentation folgen kann, der muss auch über die Konsequenzen genau nachdenken. Dann wäre Judas ein ganz besonderer Jünger Jesu und dessen Kreuzestod ein abgekartetes Szenario.

Super spannend!

Gütersloher Verlagshaus, ISBN 978-3-579-08502-9, Preis 19,99 Euro

Leo G. Linder hat bücherändernleben nun folgende Fragen beantwortet:

Lieber Leo G. Linder, in diesen Tagen erscheint Ihr Buch „Judas, der Komplize“. Wie kamen Sie auf dieses Thema, was war Anlass für dieses Buch?

Wer die Evangelien mit Verstand liest, stolpert früher oder später über zahlreiche Ungereimtheiten in der Darstellung des sog. Verrats. Jeder Evangelist hat seine eigene Version, keiner vermag den Hergang plausibel zu erzählen, alle arbeiten sich an der Figur des Judas mit spürbarer Verzweiflung ab. Speziell die Entlarvungsszene beim letzten Abendmahl in der Version von Markus, Lukas und Matthäus hat meinen Verdacht erregt – sie ist vollkommen wirr, sie lässt alle Fragen offen. Irgendwann drängte sich mir der Eindruck auf: Judas ist den Evangelisten peinlich. Sie verschweigen das Entscheidende.

Sie behaupten, die Theologen hätten nie wirklich interessiert was Judas mit seiner Tat erreichen wollte. Wie kommen Sie zu dieser Annahme?

Solange man rein theologisch an die Sache herangeht, stimmt ja alles: Der Gottessohn findet in Judas seinen teuflischen Gegenspieler – das passt. In der Theologie kommt Judas deshalb bis heute schlecht weg, auch wenn Geldgier vielen Theologen als Motiv nicht mehr glaubwürdig erscheint. Man müsste die Evangelien ja gegen den theologischen Strich lesen, um hinter die wahre Funktion des Judas zu kommen.

Alle vier Evangelisten lassen Sie in einer Gerichtsverhandlung antreten und Sie befragen sehr genau, warum diese über Judas genau auf diese Art über ihn geschrieben haben. Was haben Ihnen diese Verhöre gebracht?

In den Verhören – oder sagen wir: Befragungen – treten alle Widersprüche zu Tage, in die sich die Evangelisten bei ihrer Schilderung von Tat und Täter verwickeln. Im Grunde handelt es sich dabei ja um nichts anderes als einen konsequenten Vergleich der Textstellen, die Judas betreffen, und da merkt man dann, wie sich jeder Evangelist auf andere Art aus der Affäre zu ziehen versucht. Die Frage ist: Um welche Affäre handelt es sich hier eigentlich? Und jetzt liefert Johannes mit seiner Darstellung der sog. Entlarvungsszene den Schlüssel: Jesus zeichnet Judas mit der Geste des Fütterns als seinen besten Freund und engsten Vertrauten aus.
Es gab übrigens Theologen, die das bemerkt haben. Nur haben sie sich gescheut, daraus die logischen Schlüsse zu ziehen.

Mein Judasbild haben Sie ein wenig korrigiert. Was kann mich sicher machen, dass Sie recht haben?

Wenn Sie meine Schlussfolgerungen nachvollziehen können, habe ich wohl recht. Ich spekuliere ja nicht, ich belege alles mit Textstellen aus den Evangelien und der Apostelgeschichte.

Warum ist es für uns heute wichtig ob Judas ein Verräter oder vielleicht doch erster Märtyrer war?

Nun ja, die ganze Passionsgeschichte erscheint ja in einem anderen Licht, wenn Judas kein Verräter war. Auch deshalb, weil man sich nun fragen muss: Was hat Jesus dazu bewegt, derartig gezielt auf seine Kreuzigung hinzuarbeiten? Das Ergebnis ist immerhin die erste nicht-theologische, die erste lebensgeschichtliche Begründung für den Tod Jesu am Kreuz. Im Übrigen ist es wohl von Interesse, dass der Verräter in Wirklichkeit die Lichtgestalt unter den Jüngern war.

Vielen Dank für das Gespräch?

Leo G. Linder hält ein signiertes Verlosungsexemplar seines Buches für einen Gewinner bereit. Wer seinen Kommentar bis zum 29.1. unter diesem Beitrag postet, nimmt automatisch an unserer Verlosung teil. Viel Glück!

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Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “Leo G. Linder: Judas, der Komplize

  1. Esther

    Ich habe letztens erst ein Buch gelesen, in dem Judas eine Hauptrolle spielte und fände es spannend, Lindners Ansichten mit denen der anderen Autorin zu vergleichen.

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