Faix/Hofmann/Künkler: Warum ich nicht mehr glaube

warum ich nicht mehr glaubetobias Faix

Foto: Tobias Faix

Haben Sie schon einmal etwas von „Dekonversion“ gehört? Also ich nicht!

Gemeint ist, dass Nicht-mehr-Glauben. In diesem Buch kommen junge Leute zu Wort, die in ihren christlichen Gemeinden aktiv waren, diese dann aber verlassen haben. Die acht biografischen Skizzen, wecken in mir Schamgefühle. Warum? Weil bei mir der Eindruck entsteht, wir haben die jungen Leute einfach so laufen lassen, ohne nach dem Weshalb ihres Gehens zu fragen. Für meine Schamgefühle ist hier zunächst nicht viel Platz und mit diesen ist auch keinem geholfen.

Zielstrebig verfolgt das Autorenteam die Frage nach, warum die jungen Leute ihre Gemeinden verlassen haben. Natürlich hat da jeder seine einzelnen, biografisch bedingten Gründe, aber es kristallisieren sich auch Punkte heraus, die zu denken geben müssen. Christen müssen diese Gründe zur Kenntnis nehmen. Christliche Gemeinden müssen reagieren. Es kann nicht sein, dass uns junge engagierte Menschen davonlaufen, weil uns ihre Art zu leben nicht passt oder . . .

Wie gesagt, es gibt vielerlei Gründe, die in dieser Studie herausgearbeitet wurden und die nun in diesem Arbeitsbuch auf dem Tisch liegen. Dieses Buch will nicht erreichen, dass christliche Gemeinden auf alle aktuellen Wünsche junger Leute eingehen zum Preis dafür, dass sie doch in den Gemeinden verbleiben. Oft habe ich beim Lesen der biografischen Skizzen den Eindruck gewonnen: Wir soliden Christen haben uns eingerichtet und jeder der daher kommt und anders ist und Fragen stellt, den sehen wir als Ruhestörer an. Dabei könnte er Bereicherung sein. Bei manch einem im Buch zu Wort gekommenen jungen Menschen kam mir der Gedanke: Ob Jesus heute ebenso an christlicher Gemeinde scheitern würde?

Das Buch macht mich betroffen, meine Schamgefühle werde ich nicht los und doch müssen Konsequenzen her!

Meines Erachtens macht dieses Buch sehr deutlich, dass von beiden Seiten aus ein Umdenken erfolgen muss. Die Dekonvertierten sollten christliche Gemeinden hartnäckiger An- und Hinterfragen. Christliche Gemeinden müssen unbedingt ihr kuschliges, trautes, erstarrtes Heim aufgeben und den Mut aufbringen mit interessierten Leuten ins Gespräch zu kommen, selbst dann wenn sie kritische Fragen haben.

Dieses Buch weist sehr eindeutig in die Zukunft. Beide hier geschilderten Gruppen müssen sich ernst nehmen, fair miteinander umgehen, keinen Druck ausüben und lernen, dass sie einander bereichern. Ein spannender Prozess kann nun beginnen!

SCM R.Brockhaus, ISBN 978-3-417-26583-5, Preis 17,95 Euro

Prof.Dr.TobiasFaix hat bücherändernleben nun folgende Fragen beantwortet:

Lieber Tobias Faix, „Warum ich nicht mehr glaube“ heißt dein neues Buch. Du hast es zusammen mit Martin Hofmann und Tobias Künkler geschrieben. Stell uns doch bitte mal Deine Kollegen vor und was euch bewogen hat, dieses Buch zu schreiben.

Gerne, Martin Hofmann ist Soziologe und promoviert an der Technischen Universität Darmstadt und arbeitet wie auch Dr. Tobias Künkler am Institut empirica mit. Tobias ist auch ein Kollege von mir am Marburger Bildungs- und Studienzentrum und leitet mit mir das Studienprogramm Gesellschaftstransformation. Die Idee zu der Studie kam eigentlich schon vor ein paar Jahren als ich mit einem Freund überlegt habe, was die „alten Freunde“ von früher heute so machen und wie sie den Glauben so sehen. Dann kam irgendwann die Anfrage für die Studie und das stieß bei uns gleich auf ein großes Interesse.

Junge Leute die sich inzwischen von Gemeinde und Glaube abgewendet haben, kommen im Buch zu Wort, manchmal schäme ich mich, wenn ich über deren Zeit in christlichen Gemeinden lese. Was hat sie im wesentlichen aus den Gemeinden herausgejagt?

Meistens lief das ja eher subtil ab, richtig rausgejagt wurden die wenigsten. Die Erfahrungen mit Kirchen und Gemeinden waren für unsere Interviewpartner sehr unterschiedlich. Von positiv über neutral bis zu negativ. Und es stimmt, dass die negativen Erfahrungen überwiegen, was natürlich auch am Thema liegt. Und es stimmt weiter, dass manche Geschichten zum schämen sind und ehrlich gesagt auch sehr traurig und manches hat mich auch regelrecht wütend gemacht. Ich konnte bei manchen gut nachvollziehen, warum sie sich entkehrt haben. Das, was oftmals so schwierig war, waren die ungeschriebenen Gesetzte in Gemeinden, die einen gewissen Verhaltenskodex voraussetzen und somit im Gegensatz standen, was sonst theologisch gelehrt wurde. Wie sagte eine Interviewpartnerin: „Christen sind nicht das was sie singen.“ Dazu gab es auch Manipulationen, Gruppendruck und eine Vergeistlichung wie bei Ines bspw. der es nicht gut ging und der dann gesagt wurde, dass sie nur mehr beten und glauben und vor den Thron Gottes kommen müsse, dann würde schon alles besser.

Was ergibt sich daraus für Gemeinden, Verantwortliche und uns ganz normale Christen?

Ich habe schon mal eine ganze Menge gelernt. Auffällig war zum Beispiel, dass kaum jemand von den Befragten in den Monaten und Jahren des Entkehrungsprozesses in der Gemeinde mit jemand darüber gesprochen hat. Das lag sicher auch an den Befragten selbst, aber auch daran, dass es kaum Raum für Zweifel, Widerspruch oder Verzweiflung in vielen Gemeinden gibt. Eine andere Sache, die damit auch zusammenhängt, ist die Förderung von mündigem und gesundem Glauben. Ein Glaube, der Zweifel aushält, Widerspruch zulässt und mit Verzweiflung umgehen kann. Aber das muss gemeinsam eingeübt werden, dafür sollten gemeinsam da sein und nicht dass alle eine bestimmte Meinung oder einen Frömmigkeitsstil abnicken.

Spannend wär’s für mich gewesen, auch über junge Leute aus dem Osten unseres Landes etwas zu lesen, leider habt ihr diesen Flecken weiß gelassen. Hat das Gründe?

Ja, das ist eine gute Frage, stimmt aber so nicht ganz. Bei der Onlineumfrage haben viele Leute aus dem Osten mitgemacht und auch bei den 15 Interviewten sind Leute aus dem Osten dabei, aber durch die Anonymisierung ist das für die Leser nicht mehr nachvollziehbar. Das ist Schade, war aber unumgänglich.

Gibt es Initiativen der Gemeinden, sich mit denen in Verbindung zu setzen und nach den Motiven des Abwendens zu fragen? Im Buch finde ich darüber nichts ermutigendes.

Nein, das war auch nicht unser vorrangiges Ziel. Wenn Kirchen und Gemeinden das machen und echtes Interesse an den Menschen und ihren Geschichten haben, dann ist das ja zu begrüßen, vielleicht passiert das ja durch die Lektüre dieses Buches. Grundsätzlich war es eher so, dass die meisten Interviewten die Gemeinden verlassen haben und auch nur noch wenig Kontakte zu Christen haben. Einige drückten gegenüber uns auch ihre Dankbarkeit aus, weil sie zum ersten Mal ihre Geschichte erzählen konnten.

Was kann, was soll dieses Buch jetzt leisten? Erzähl uns bitte etwas von Deinen Hoffnungen.

Zuerst war es unser Anliegen, den Menschen eine Stimme zu geben, ihnen zuzuhören. Daraus ergeben sich dann ganz unterschiedliche Möglichkeiten. Eine Hoffnung wäre, dass Gemeinden über Machtstrukturen offen reden, so dass Missbrauch verhindert werden kann und es eine Offenheit für die Vielfalt des Glaubens geben kann. Das würde nicht nur den Einzelnen in seinem Glauben fördern, sondern ganze Kirchen und Gemeinden.

Vielen Dank für das Gespräch!

Tobias Faix signiert ein Verlosungsexemplar und verschickt es an einen Gewinner. Bewirb dich bis zum 9. Februar mit deinem Kommentar unter diesem Beitrag. Viel Glück!

Herzlichen Glückwunsch Jens, du hast das Buch gewonnen!!!

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20 Kommentare

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20 Antworten zu “Faix/Hofmann/Künkler: Warum ich nicht mehr glaube

  1. Johann

    Spannendes Thema, mich hättet ihr auch interviewen können. 😉 Und so ein geschenktes Exemplar würde ich auch nehmen.

  2. Susanne Degenhardt

    Da bewerbe ich mich mal für meinen Ehemann 😉 Der ist Jugendreferent und ihn interessiert das Buch sehr.

  3. Björn

    Werde dieses Buch kaufen, doch vorher die Chance nutzen es zu gewinnen.

  4. Margrit

    Ich sah das Buch bei den Neuerscheinungen, aber vielleicht komme ich ja auf diesem Wege dazu …

  5. Ich finde diese Studie interessant und wichtig. Was mich auch interessieren würde: Eine Studie über Dekonversion von Leuten, die lange als Christen gelebt haben und dann einen anderen Weg gegangen sind, also erst in einem fortgeschritteneren Lebensalter „abgesprungen“ sind.

  6. Jennie

    Ein wichtiges Thema mit dem es sich auf jeden Fall auseinander zu setzen lohnt!

  7. Rahel

    Ein sehr spannendes Thema, mit dem wir uns auch zurzeit beschäftigen!

  8. Ich bin zwar getauft, konnte aber nie Zeichen vpn göttlichem Wirken erkennen, schon gar nicht das Wirken eines guten und gnädigen Gottes, wie ihn das Christentum heutzutage lehrt (die Bibel zeigt auch andere Seiten). Es gibt zu viel Krankheit, Leid und Tod – und ehrlich gesagt, ich glaube, dass es ohne einen Gott in unserer Welt ebenfalls genau so aussehen würde.

    Ich weiss nicht ob „dekonvertit“ für mich passt, ich bezeichne mich als Agnostiker – vielleicht gibt es einen Gott oder Götter, aber sie sind für mich nicht zu erkennen. Nicht aktiv, überfordert, interesse an der Menschheit verloren? Oder gar nicht existent? Ich weiss es nicht, und ich glaube auch nicht, dass wir es herausfinden können. Aber auf der Erde scheint alles seinen Gang zu gehen, den es auch ohne Götter/ohne Gott gehen würde.

    • PS: Habe den eigentlichen Punkt vergessen – ich glaube es gibt noch viele wie mich, die Zweifel haben, die in die Welt schauen, und keinen Gott sehehn können. Und die sich dann von der Kirche (Kirche ist für mich nicht gleich mit Christentum oder Glauben) abwenden, weil die Kirche Dinge erzählt, die nicht zu der Welt passen, wie wir sie täglich gezeigt bekommen. Das dürften auch eine nicht zu vernachlässigende zahl von Leuten sein, die sich (enttäuscht, oder einfach desinteressier) von der Kirche abwenden.

    • PPS: Ich möchte an der Verlosung nicht teilnehmen. Ich glaube, es gibt Leute, die mit dem Buch mehr anfangen können, und ich möchte denen nicht die Chancen schmälern 🙂

  9. Christian

    Für mich hört sich das so an, dass die Gründe für das Abwenden vom Glauben fast immer mit der Form und dem Umgang zu tun hatten und es nicht um theologische Fragen ging. Stimmt das so, zumindest in den meisten Fällen?

  10. Danke für die vielen Kommentare und auch persönlichen Berichte.
    @Christian: Wir haben in der Studie beides festgestellt. Natürlich sind die „moralischen Fälle“ etwas „spektakulärer“, aber es gab viele, die sich mit theologischen Fragen auseinandergesetzt haben und daran verzweifelt sind oder einfach festgestellt haben: Das macht für mich keine Sinn mehr. Das geht von der Theodizeefrage bis zum neuen Atheismus. Oder auch wie es „Gedankenweber“ gut beschrieben hat. Ich würde also sagen, das ich das so nicht bestätigen kann.

    • Christian

      Danke für die Antwort. Macht das Buch für mich interessanter, als wenn es nur um Äußeres, der Umgang miteinander oder die Form ginge.

  11. Caroline

    Wow sehr spannend, würde das Buch gerne geschenkt bekommen. Ich bin Jugendleiterin in der Gemeinde und habe viele Freunde von früher, die jetzt nicht mehr kommen. Meine Mitbewohnerin gehört ebenfalls zu einer dieser jungen Leute. Es ist ein Thema das mich immer wieder sehr beschäftigt!

  12. Helge

    Sehr interessant, vielen Dank!

  13. Gin

    Wow, dieses Buch kommt auf meine Must-Read-Liste, weil wir alle damit konfrontiert sind. Ich würde es also gerne auch gewinnen. 😉

  14. Moni

    Meine Schwester ist 9 Jahre älter als ich, war als Jugendliche auch in der Gemeinde und ist etwas vorgefallen, was sie dazu bewogen hat, allem was mit Glauben und Gott zu tun hat den Rücken zu kehren. Ich hätte sooooo gerne ein Exemplar von deinem Buch. Vielleicht kann ich sie dann besser verstehen.

  15. Esther

    Ich schätze die Bücher von Tobias Faix sehr – in vieler Hinsicht sind sie wegweisend. Als Jugendleiterin habe ich ein großes Interesse daran, dass meine Schützlinge ihren Glauben als junge Erwachsene eben NICHT verlieren – und würde mich auch über ein Exemplar freuen.

  16. Wir alle haben vermutlich unsere Horrorstories bezügl der Untugenden von Gemeinden, die uns den Glauben erschwert haben. Und wir alle haben vermutlich unseren eigenen Anteil daran, dass andere es schwer hatten/haben zu glauben. Um so mehr hoffe ich, dass ein Gegenstück zu diesem Buch herauskommt, mit 10 Geschichten von Jugendlichen, die in gesunden Gemeinden Hilfe, Glaube und Orientierung gefunden haben und und zur Erkenntnis gelangt sind, dass eine Gemeinde nur so „perfekt“ sein kann wie die Menschen, die zu ihr gehören. Aussteiger-Geschichten sind natürlich immer die aufsehenerregendere Variante.

  17. Salome_a

    Mein Thema zur Zeit!

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