Christian Hartung: Orgelnachspiel

orgelnachspielPfr. Hartung

Foto: Christian Hartung (Rechte bei Andre Zelck)

„Orgelnachspiel“ heißt der Kirchenkrimi von Christian Hartung und ist bei Weitem mehr als nur ein Krimi. Zwei Jungs bekommen vom Geschichtslehrer den Auftrag einen Vortrag zu erarbeiten. Dieser Vortrag führt sie zurück in die braune Geschichte ihres Heimatortes Haan.

Und weil ich nicht abwarten konnte, habe ich vor dem Krimi das Nachwort gelesen und erfahren, hier treffen Krimi und historische Fakten aufeinander. Neugierig stürzte ich mich nun auf diesen Krimi und wurde nicht enttäuscht.

Die beiden Jungs ermitteln nicht einfach so, sie kommen auch sehr schnell drauf, wie ihre eigenen Familien sich während der Nazidiktatur verhalten haben. Schnell wird klar, in der einen Familie nutzte man die Vorteile der Diktatur und in der anderen Familie gab es daneben eine junge Frau, die sich in einen Kommunisten verliebte.

Der Autor ist selbst Pastor und muss hier einem Amtsbruder begegnen, der sich sehr gut mit der Naziideologie angefreundet hatte. Plötzlich erleben beide Jungs, wie Geschichte auch heute noch hautnah erlebbar werden kann.

Dem Autor ist das Kunststück gelungen, Vergangenheitsbewältigung glaubhaft in einem Krimi zu verarbeiten. Selbst lebe ich weit entfernt von Haan und könnte doch sehr ähnliche Fakten aus meiner Kirchengemeinde beisteuern, also eine notwendige Vergangenheitsbewältigung weit über die Haaner Stadtgrenzen hinaus.

Neukirchener Verlag, ISBN 978-3-7615-6096-9, Preis 9,99 Euro

Christian Hartung hat bücherändernleben nun folgende Fragen beantwortet:

Lieber Christian Hartung, in diesen Tagen kommt ihr Krimi „Orgelnachspiel“ in die Buchläden. Mithilfe eines Krimis das politische Dunkel einer Kirchengemeinde zu erhellen, hat bestimmt nicht viele Beispiele. Wie kam es zu dieser Idee?

Die ev. Kirchengemeinde Haan, in der ich aufgewachsen bin, feiert in diesem Jahr das 150. Jubiläum ihrer Kirche und bat mich um einen Krimi, der in Haan und um die Kirche herum spielt. Da ich Haan 1982 nach dem Abitur verlassen habe, schien es mir am plausibelsten, die Erzählung in meiner Schulzeit anzusiedeln. Ein hervorragender Leistungskurs „Geschichte“ hatte sich u.a. mit dem Aufstieg der NSDAP in Haan befasst, z. B. auch durch eine Archiv-Recherche. Das greife ich auf. Mein damaliger Lehrer hat später über das Thema promoviert, seine Arbeit war eine wichtige Hilfe bei der Recherche für den Roman.

Es geht in ihrem Krimi um nichts anderes als die Aufarbeitung der Nazivergangenheit ihrer Kirchengemeinde. Sie selbst sind in Haan zur Schule gegangen und haben dort Abitur gemacht. Sind ihnen heute noch Leute begegnet die lieber Schweigen als Erzählen?

Ich habe neulich mein Buch in der sehr gut besuchten Haaner Kirche vorgestellt. Dabei war ich auf kritische Rückfragen eingestellt, die aber unterblieben. Allerdings wurde ich auf das Schweigen der Archive und Protokolle von Stadt und Kirchengemeinde angesprochen. Eine Besucherin wies darauf hin, dass 1945 offensichtlich Unterlagen vernichtet worden seien. Von meinen Eltern, die in Haan leben und bei der Vorbereitung der Jubiläumsfestschrift mitwirkten, weiß ich von auffälligen Lücken in den Sitzungsprotokollen der Gemeinde. Generell war die dunkle Vergangenheit gar kein Thema in einer Gemeinde, die ich bereits als Kind und Jugendlicher als liberal und weltoffen erlebte. Die Verantwortlichen für die Jubiläumsveranstaltungen haben mich in meinem Projekt aber klar unterstützt und es begrüßt, mithilfe einer fiktiven Geschichte die damalige Situation aufzuarbeiten.

Zwei Jungs bekommen in ihrem Kirchenkrimi von ihrem Geschichtslehrer den Auftrag für einen Vortrag in der Geschichte zu recherchieren. Recht schnell wird klar, dass ihre eigenen Vorfahren völlig entgegengesetzten politischen Lagern angehört haben. Warum ist es heute so viele Jahrzehnte später noch wichtig, die Geschichte freizulegen?

Ich bin im Elternhaus bereits sehr früh über das Nazireich aufgeklärt worden und habe in der Oberstufe des Gymnasiums einen sehr gründlichen und differenzierten Unterricht zu allen Themen der deutschen Geschichte nach 1871 bekommen. Das hat mir geholfen, auch aktuelle politische Entwicklungen zu verstehen. Darüber hinaus ist es mir ein Anliegen, dass Menschen, die damals zu Opfern wurden, nicht vergessen werden. In der alten Bundesrepublik gab es z. B. überhaupt keine Möglichkeit, angemessen an den kommunistischen Widerstand 1933 zu erinnern – in der DDR dagegen scheint zu diesem Thema eher eine unkritische Heldenverehrung stattgefunden zu haben. Kommunisten haben um 1933 nicht nur deshalb Widerstand geleistet, weil sie eine andere politische Ideologie vertraten, sondern auch aufgrund von Wertüberzeugungen und mit einem hohen Maß an Zivilcourage. Mir ist es wichtig, das nicht zu vergessen. Mir ging es in meinem Roman um den Widerstand wie um das Versagen von ganz normalen Menschen in einer kleinen Stadt.

Gab es beim Freilegen der Geschichte für sie persönlich Überraschungen in ihrer Heimatstadt?

Mir war nur ungefähr bewusst, wie sehr Haan bis 1933 eine kommunistische Hochburg war und wie sehr die Pfarrer und Presbyter (Kirchenvorstand) auch vor 1933 schon deutschnational eingestellt waren oder sogar schon vor der „Machtergreifung“ offen mit der NSDAP sympathisierten. Nach 1945 ist Haan eine eher konservative Provinzstadt geworden, wenn auch mit einer recht starken SPD. Die Verstrickung der Kirchengemeinde war bis jetzt noch kein Thema. Mir war noch nicht so bewusst gewesen, dass eine nicht unerhebliche Zahl Haaner Bürger 1933 aus politischen Gründen inhaftiert wurde.

Welches Ziel verfolgen Sie mit ihrem Krimi? Was kann so ein Buch leisten?

Zum einen natürlich Aufklärung. Zum anderen Unterhaltung. Ich möchte nicht nur anklagen, sondern eine Geschichte erzählen, die auch menschlich berührt. So gehörte die unglückliche Liebesgeschichte schon von Anfang an zum Kern meines Buches. Und schließlich möchte ich – wenn auch zugegebenermaßen sehr aus heutiger Sicht – eine alternative Geschichte darüber erzählen, wie der christliche Glaube in einer Situation wie 1933 stärkt und zum Widerstand befähigt. Der junge Felix, meine Hauptperson, verliert seine letzten Glaubensreste fast völlig an Zweifel – das verstärkt sich noch, als er erfährt, wie seiner Familie mitgespielt wurde und wie das alles zugedeckt und verschwiegen wurde. Durch einen verständnisvollen Pfarrer findet er erste Ansätze zu einem Glauben, der die Zweifel nicht verdrängt oder verleugnet.

Vielen Dank für das Gespräch!

Christian Hartung hält ein signiertes Exemplar seines Krimis für einen Gewinner bereit. Wer seinen Kommentar bis zum 10. Februar unter diesem Beitrag postet, nimmt automatisch an unserer Verlosung teil. Viel Glück!

Herzlichen Glückwunsch Theresa, Du hast das Buch gewonnen !!!

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4 Kommentare

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4 Antworten zu “Christian Hartung: Orgelnachspiel

  1. Björn

    Vielleicht bald mein Krimi.

  2. Margrit

    Nach der Rezension und dem Interview macht es nun doch neugierig …

  3. Theresa

    Yeah, ein Krimi 🙂

  4. Maria

    Spannende Lektüre ist immer gut!

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