Ulrich Kraetzer: Salafisten

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Foto: Ulrich Kraetzer

Wer erwartet, dass Ulrich Kraetzer die Salafisten als Gruppe super gefährlicher Spinner beschreibt, wird von diesem Buch enttäuscht sein und sollte es lieber gleich liegenlassen.

Viel mehr entfaltet der Autor ein buntes Bild von großen und kleinen Salafistengruppen, die über Deutschland verteilt ihrer Religion nachgehen. Spannend ist, dass in den neuen Bundesländern Salafisten nur in Leipzig bekannt sind.

Alle Salafisten lehnen jegliche Gesetze ab. Für sie gelten nur die Gesetze ihres Propheten. Im Weiteren jedoch splittern sich dann die Salafisten in viele unterschiedliche Gruppierungen auf. Kraetzer geht dieser Vielfalt nach.

Gefesselt hat mich der Autor mit seinem Buch besonders deshalb, weil er beschreibt, wie es ihm gelingt in einzelne Gruppen hineinzukommen und wie er mit einzelnen Salafisten ins Gespräch kommt. Schnell wird deutlich, es gibt sie nicht, die Salafisten. Manche Gewaltbereite trifft er. Viele davon sind Deutsche mit deutschen Vorfahren, einige gehen ins Ausland und lernen in Afghanistan und Syrien den Umgang mit Waffen und Sprengmitteln, kommen dann nach Deutschland zurück und sind gefährlich wie lebende Zeitbomben. Niemand weiß, wann wo ein Anschlag geschieht. Vor einigen konnten uns die deutschen Sicherheitsbehörden bewahren, mir scheint es ist nur eine Frage der Zeit, bis der erste Schlag so verläuft, wie gewalttätige Salafisten ihn geplant haben.

Der Zeitaufwand, die Recherche muss für den Autor gigantisch gewesen sein. Überall in Deutschland ist er unterwegs, um direkt vor Ort auf die Menschen zu treffen, die uns oft Angst einjagen.

Dieses spannende Sachbuch macht klar, dass es die Salafisten nicht gibt, dafür wirbt Ulrich Kraetzer für Toleranz gegenüber den Salafisten die Gewalt ablehnen!

Gütersloher Verlagshaus, ISBN 978-3-579-07064-3, Preis 19,99 Euro

Zu diesem Buch gibt es diesen spannenden Trailer

Ulrich Kraetzer hat bücherändernleben folgende Fragen beantwortet:

Lieber Ulrich Kraetzer, in diesen Tagen erscheint Ihr Buch “Salafisten”. Wie wurde dieses Thema zu Ihrem Thema?

Ich habe mich schon vor Jahren dafür interessiert, was junge Menschen an extremistischen Bewegungen fasziniert. Mir ist zudem aufgefallen, dass die Berichterstattung und die Diskussion über islamistische Szenen von Klischees und Ungenauigkeiten geprägt sind. Von daher haben mich diese Themen zunächst aus journalistischer Neugier interessiert. Über den Salafismus habe ich, zunächst für den Rundfunk Berlin-Brandenburg, später als Reporter im Rechercheressort der Nachrichtenagentur dapd, schon geschrieben, als die Bewegung noch weitgehend unbekannt war. Dabei hat mich vor allem fasziniert, wie es den salafistischen Predigern und Propagandisten gelungen ist, eine fundamentalistische Lesart des Islam mit Elementen der aktuellen Jungendkultur zu vermischen und sich so neue Anhänger zu erschließen.

Als Ossi ist mir in Erinnerung geblieben, dass außer in Leipzig, in den neuen Bundesländern keine Salafisten-Gruppen anzutreffen sind. Wie erklären Sie sich dies?

Das ist im Grunde recht simpel. Denn der salafistischen Bewegung gehören zwar mittlerweile etwa ein Drittel deutschstämmige Konvertiten an. Das Fundament bilden aber gebürtige Muslime. Und in den neuen Bundesländern gibt es ganz einfach deutlich weniger Muslime. In Leipzig ist die Szene einerseits relativ stark, weil es dort eine Uni gibt, die ein Anziehungspunkt auch für muslimische Studenten insbesondere aus arabischen Ländern ist. Mit dem bereits Ende der neunziger Jahren aus Syrien als Medizinstudenten eingewanderten Hassan Dabbagh ist in Leipzig zudem einer der aktivsten und charismatischsten salafistischen Prediger Deutschlands aktiv.

Folge ich Ihrem Buch, lerne ich eine Vielzahl gefährlicher und auch harmloser Gruppen in Deutschland kennen. Bei einigen schreiben Sie, dass Sie sich mit Mitgliedern zu Gesprächen getroffen haben. Aber wie haben Sie es geschafft, den Blick von innen heraus zu bekommen? Geht man da einfach so hin und sagt: “So jetzt bin ich hier, ich will etwas über euch erfahren oder wie funktioniert das?

Tatsächlich ist es mindestens bei vergleichsweise gemäßigten Salafisten recht einfach, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Das Bild der salafistischen Szene ist ja von der Klischeevorstellung geprägt, dass die alle abgeschottet in dunklen Hinterhof-Moscheen sitzen und auf arabisch unablässig Pläne für den Untergang des christlichen Abendlandes schmieden. In der Realität sind das aber ja zunächst mal ganz normale Menschen, mit denen man ganz normal reden kann – auch wenn man mit ihren Ansichten nicht übereinstimmt und sie sogar für verfassungsfeindlich oder gar für gefährlich hält. Die Skepsis gegenüber den Medien hat unter Anhängern des Salafismus allerdings angesichts zunehmenden Berichterstattung zugenommen. Teilweise ist das verständlich, weil viele Berichte – auch wenn sie von eher gemäßigten Salafisten-Gruppen handeln – zu stark vereinfachen und auch friedliche Salafisten in die Terrorecke stellen. Andererseits nähren Salafisten auch selbst gerne das Bild, dass sich die ganze Welt gegen „den Islam“ verschworen hat, was ein offenes Gespräch nicht gerade leichter macht.

Wie lange haben Sie für Ihr Buch recherchiert?

Die ersten Recherchen für Fernsehbeiträge habe ich bereits 2009 gemacht. Den Begriff Salafismus kannte man damals eigentlich noch gar nicht. Für die dapd-Nachrichtenagentur bin ich dann sehr tief in die Szene eingetaucht und habe regelmäßig berichtet. Für das Buch habe ich über ein halbes Jahr lang nochmals viele sehr ausführliche Gespräche mit Wortführern und Anhängern der salafistischen Bewegung geführt, aber auch mit Vertretern von Sicherheitsbehörden, Islamwissenschaftlern und Extremismusexperten. In dieser Zeit habe ich mich auch intensiv mit der wissenschaftlichen Forschung zum Thema befasst, die in vielen Punkten aber noch in den Kinderschuhen steckt.

Sie erwähnen in Ihrem Buch den Münsteraner Prof. für Islamische Theologie Mouhanad Khorchide. Mit zwei Büchern hat er Furore gemacht und tritt für einen reformiert-europäischen Islam ein. Wagen Sie eine Einschätzung, ob Khorchide in Salafistenkreisen gehört wird, ob über seine Ideen diskutiert wird?

Khorchide wird dort sehr wohl gehört – und gehasst! Salafistische Wortführer wie Pierre Vogel haben sich regelrecht auf ihn eingeschossen und haben ihn sogar zum Ungläubigen erklärt. Knallharte Salafisten kann Khorchide mit seiner Sichtweise also kaum beeinflussen. Er kann aber sehr wohl eine Diskussion in Gang bringen, die auf längere Sicht helfen kann, den Salafisten ihre ideologische Legitimationsgrundlage zu nehmen.

Was wünschen Sie sich von Ihrem Buch, was soll es beim Leser erreichen?

Ich hoffe, Informationen zu liefern, die einen differenzierteren Blick auf die salafistische Szene erlauben, um so Strategien für einen sinnvollen Umgang mit ihr entwickeln zu können. Diese Diskussion ist ja noch nicht sehr weit fortgeschritten und meiner Ansicht von Missverständnissen, Klischeevorstellungen und unzulässigen Verallgemeinerungen geprägt. Ich will die Gefahren, die vom Salafismus ausgehen können, nicht klein reden. Aber bevor man über Gegenmaßnahmen spricht, sollte man erst mal verstehen, wie diese Szene funktioniert, was ihre ideologischen Grundlangen sind, wie sie neue Anhänger gewinnt und warum die Ideologie und die Bewegung für immer mehr junge Menschen so attraktiv ist.

Herzlichen Dank für dieses interessante Gespräch!

Das Gütersloher Verlagshaus stellt uns ein Verlosungsexemplar dieses Buches zur Verfügung. Wer seinen Kommentar bis zum 3. März unter diesem Beitrag postet, nimmt automatisch an unserer Verlosung teil. Viel Glück!

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6 Kommentare

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6 Antworten zu “Ulrich Kraetzer: Salafisten

  1. Angi

    Bücher, die mit Vorurteilen – gleich welcher Art – aufräumen, sind immer lesenswert. Danke für diesen Tipp! 🙂

  2. Irene

    Ein Buch zum aktuellen Thema, würde ich gerne lesen.

  3. Adeline

    Ein Thema, was ich mich interessiert. Bin dabei.

  4. Maria Lahnstein

    Sehr erschreckend die Entwicklung. Ich möchte gerne mehr darüber erfahren.

  5. Dina

    Klingt sehr interessant!

  6. tanja h

    ich denke dieses buch sollte jeder mal lesen, da es wirklich mehr als erschreckend ist wie es bei uns so zugeht

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