Uwe Siemon-Netto: Duc, der Deutsche

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Foto: Uwe Siemon-Netto

Gleich nach dem Mauerfall stieß ich immer wieder in christlichen Zeitschriften auf Beiträge von Uwe Siemon-Netto. Durch die unkonventionelle Art seine Meinung klar und deutlich zu sagen, machte der gebürtige Leipziger Eindruck auf mich. Gespannt war ich nun auf sein Buch. Wobei ich bereits beim Lesen des Titels ahnte, dass der Autor meine gesamte Erinnerung an den Vietnamkrieg auf den Kopf stellen würde. Ganz zu schweigen davon, was mir meine Schule im real existierenden Sozialismus in den 70er Jahren dazu weismachen wollte.

Was ich tatsächlich im Buch des langjährigen Kriegsreporters zu lesen bekomme, ist eine einzige große Liebeserklärung an Vietnam. Diese Liebeserklärung beschreibt Land und Leute, aber auch ein ungeheures Maß an Grausamkeiten, deren Augenzeuge Uwe Siemon-Netto wurde.

So beschreibt er beispielsweise den Moment, als er von Vietnamesen abgeschlachtete Vietnamesen findet. Er sieht die aus Massengräbern herausragenden Finger von Vietnamesen. Landsmänner hatten sie lebendig begraben. Wie konnte dies alles nur möglich werden? Schnell begreife ich, dass das Thema Vietnamkrieg vielschichtiger ist, als ich je ahnte.

Die Rückschau des Autors ist aber nicht nur die Aufzählung von Verbrechen und deren Ursachenforschung. Dem Autor gelingt zugleich in lockerer, gut verständlicher Sprache, Sympathie für das vietnamesische Volk zu wecken und den großen Kontext deutlich werden zu lassen und aufzuzeigen wie das Land in diese Situation hineingeriet.

Aus welchen Gründen auch immer, vielfach wird der Vietnamkrieg noch heute so gedeutet, dass die große USA dieses kleine Land gnadenlos überfallen hat. Uwe Siemon-Netto zeigt deutlich, wie es dazu kam, dass ein Volk sozusagen über sich selbst herfiel und die USA sich auch nicht gerade heldenhaft benahm.

Meine Vorahnung hat sich erfüllt. Siemon-Netto schert aus und erzählt von dem was er gesehen und vor Ort erlebt hat. Dabei kommt ein für mich neues Bild des Vietnamkrieges heraus.

Nach dem Lesen wird ebenfalls sehr klar sein, warum dieses Thema auch besonders die 68er Generation etwas angeht und dies ist längst nicht der einzige Bezugspunkt in die Gegenwart.

Brunnen Basel, ISBN 978-3-765-52024-2, Preis 15,99 Euro

Uwe Siemon-Netto hat bücherändernleben nun folgende Fragen beantwortet:

Lieber Uwe Siemon-Netto, in den 70er Jahren ging ich in der DDR in die Schule. Monate lang hatten wir Pioniere Wandzeitungen für das heldenhafte Brudervolk von Vietnam gebastelt. Jeder Woche hielten wir im tiefen Mecklenburg einen Fahnenappell auf unserem Schulhof ab und bekamen neue uns wütend machende Nachrichten über den imperialistischen Aggressor USA zu hören. Plötzlich eines Morgens ließ unsere Lehrerin uns Aufstellung nehmen und verkündete mit Tränen in den Augen, dass das heldenhafte Vietnam gewonnen hat. Glücklich sangen wir alle „Saigon ist frei“. Jetzt kommen Sie mit Ihrem Buch und behaupten die Falschen hätten gesiegt. Warum haben wir die Vielschichtigkeit dieses Krieges bis heute nicht ausreichend zur Kenntnis genommen?

Das konnten Sie doch gar nicht ausreichend zur Kenntnis nehmen. In der DDR gab’s keine freie Presse; Sie waren der ständigen Propaganda ausgesetzt, konnten allerdings das westdeutsche Fernsehen empfangen, und dieses leistete im Allgemeinen auch saubere Arbeit. Aber zum einen musste das Westfernsehen fairerweise auch die kommunistische Seite zu Wort kommen lassen, die wiederum die DDR-Propaganda bestätigte. Zum anderen wird die Vielschichtigkeit eines Themas erst wirklich durch das gedruckte Wort erhellt. Genau dieses wurde den Menschen in der DDR vorenthalten, weil es dort eben nur eine Einheitspresse gab.

Ausgerechnet 1973 findet der bis dahin eher „lasche“ Christ Uwe Siemon-Netto zu Gott. Was war da passiert?

Der Glaube ist ein Gottesgeschenk. Einigen wird er vielleicht in allopathischer Form verabreicht. Bumm! Eine Vision! Ein Glaubenserlebnis! Die Schuppen fallen Dir von den Augen! Du bist erlöst! So lief das bei mir nicht. Mich therapierte Gott mit homöopathischen Mitteln. Ein befreundeter Pfarrer nannte mich einmal einen radikalen Sünder, der die ganze Radikalität des Evangeliums benötigt. Das wird nicht mit Donnerschlägen vermittelt sondern nach dem Motto: Steter Tropfen höhlt den Stein. Die Kriegserlebnisse arbeiteten über Jahre hinweg an mir, bis dann schließlich der Durchbruch kam, und zwar auf eine amüsante Weise: Ich leitete damals eine große Redaktion, die zu einem Drittel aus harten Marxisten bestand, mit denen ich dauernd im Clinch lag. Einmal fragte mich die radikalste Vertreterin dieser Clique nach einer besonders hitzigen Frühkonferenz: „Wenn Sie schon nicht Karl Marx folgen, wem dann?“ Und da hörte ich mich sagen: Jesus Christus. Da wusste ich: Jetzt musst Du Dich binden! Dann ging es freilich immer noch homöopathisch weiter, bis ich mich ein dutzend Jahre später an einer lutherischen Hochschule in Chicago als Theologiestudent einschrieb.

Sie schreiben von weinenden Soldaten und von Massengräbern. Vietnamesen haben Vietnamesen abgeschlachtet und sogar bei lebendigem Leib in Massengräbern beerdigt. Warum sind Sie Kriegsreporter geworden und was hat das Mitansehen schrecklichster Gräueltaten mit Ihnen gemacht?

Ich wurde nicht „Kriegsreporter“ sondern ganz einfach ein Reporter, und zwar ein passionierter. Ein passionierter junger Reporter will die „big story“ wahrnehmen: das große Ereignis, kostete es, was es wolle. Das große internationale Ereignis in den Sechzigerjahren war nun einmal der Vietnam-Krieg. Was das Ansehen schrecklicher Gräueltaten innerlich bei mir bewirkte, habe ich soeben beschrieben: Es hat mein Glaubensleben wieder angekurbelt. Außerdem hat es meine Liebe zum verratenen südvietnamesischen Volk zu meinem Lebensthema gemacht. Einige meiner besten Freunde in Kalifornien und Europa sind vietnamesische Flüchtlinge Für sie habe ich dieses Buch in erster Linie geschrieben.

Die Grenzen sind überhaupt nicht verschwunden. Es gibt immer noch zwei Vietnams: das kommunistisch regierte Land und das wirtschaftlich erfolgreiche, freiheitliche Vietnam vieler Millionen Exilvietnamesen in der ganzen Welt. Sie sind im Herzen ihrer Heimat treu geblieben und arbeiten sehr geschickt daran, dass sich diese Heimat dereinst von der Tyrannei befreit. Ich weiß, dass sie dort viele Anhänger haben. Geschichte ist, wie wir wissen, nach vorn immer offen. Warten wir gespannt darauf, was da noch kommen wird.

Seit vier Jahrzehnten ist der Vietnamkrieg Geschichte. Warum ist Ihnen dieses Buch heute so wichtig?

Aus zwei Gründen. Erstens darf ein riesiges Unrecht nicht unter den Teppich gelehrt werden, nur weil das Thema nicht kommod ist. Ohne diese Ehrlichkeit können solche Wunden jahrzehntelang weiter schwären, denken wir an den türkischen Völkermord an den Armeniern. Zweitens aber geschah in Vietnam die womöglich todbringende Ursünde der westlichen Demokratie: Millionen starben, weil Amerika nicht die Geduld hatte, seinen Verbündeten weiter beizustehen. Damit bestätigte sich die Erkenntnis des nordvietnamesischen Verteidigungsministers Vo Nguyen Giap, dass der Westen politisch und psychologisch nicht das Zeug habe, einen ihm von einem totalitären Regime aufgezwungenen langfristigen Krieg zu einem siegreichen Ende zu bringen. Der el-Kaida-Chef Osama bin Laden sagte einmal das Gleiche, und ich bin überzeugt, dass Wladimir Putin heute genauso denkt. Wenn wir nicht Acht geben, könnten künftige Historiker sehr wohl Vietnam als den Anfang vom Ende der Demokratie auslegen, die wir so liebgewonnen haben, und zwar weil die Demokratie in jeder Hinsicht zu einer Wegwerfgesellschaft verkam.

Noch heute blicken Sie auf Vietnam. In den täglichen Nachrichtensendungen bei uns, taucht dieses Land so gut wie nicht auf. Wie geht es Vietnam heute aus Ihrer Sicht?

Wie einem prosperierenden Patienten, an dem innerlich der Krebs des eigenen Unrechts wuchert. Dieses Unrecht war zugleich ein Absurdum: ein mit Lüge, Mord und Terror errungener Sieg.

Herzlichen Dank für das Interview!

Der Brunnen Verlag Basel hält drei Verlosungsbücher dieses spannenden Buches für uns bereit. Wer seinen Kommentar bis zum 16. März unter diesem Beitrag postet, nimmt automatisch an unserer Verlosung teil. Viel Glück!

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7 Kommentare

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7 Antworten zu “Uwe Siemon-Netto: Duc, der Deutsche

  1. Maria Lahnstein

    Was für ein spannender Beitrag ! Das Buch würde ich echt gerne lesen.

  2. Esther

    Ich bin auf dieses Buch bereits durch die Werbung aufmerksam geworden und würde mich wirklich darüber freuen. 🙂

  3. Angela

    Beim Lesen dieses Artikels musste ich sofort an meinen Vater denken, dem nach der Wende auch durch Uwe Siemon-Netto die Augen für Vieles geöffnet wurden und der immer sehr von ihm begeistert war. Selbst für mich Politik- und Geschichtsmuffel klingt das Thema interessant. Aber auf jeden Fall würde mein Vater das Buch gerne lesen!

  4. Angi S.

    Die Aussagen im Interview haben mich sehr beeindruckt, scheint ein extrem interessanter Mann zu sein. Schreckliche Kriegsbilder sind schon in gedruckter Form ein kaum zu ertragendes Zeugnis menschlicher Abgründe, aber er hat das alles live erlebt. Gerne würde ich sein Buch und seine Eindrücke kennenlernen.

  5. My Nga Nguyen

    Das Buch würde ich auf jeden Fall lesen, weil ich nicht nur eine Exilvietnamesin bin, sondern wegen seiner „Liebe“ zur meinen Heimat ist.

  6. Dr. Thanh Nguyen-Brem

    Als gebürtiger Südvietnamese, der seine Heimat im Medienkrieg gegen die Wahrheit verteidigte, bin ich sehr glücklich über die Erscheinung dieses Buches.

    Dr. Uwe Siemon-Netto gehörte zu den wenigen Auslandskorrespondenten, die den Mut hatten, das tatsächliche Geschehen im Vietnamkrieg zu beschreiben, wie es war. Er rannte nicht dem politischen Hype nach, tauschte seinen Presseausweis nicht gegen ein einträchtiges Honorar der „Meinungsmacher“ und rettete damit die Ehre seines Berufsstandes.

    Er wusste, dass nur tote Fische mit dem Strom – dem linken Mainstream, dem verführerischen aber ehrlosen Zeitgeist – schwimmen. Er saß während des Krieges nicht in Saigon im Rex-Hotel und spielte auch nicht Tennis im Cercle Sportif du Saigon. Er wartete nicht gelassen auf die „Five O’Clock Follies“, die alltägliche Pressekonferenz um 17:00 Uhr, um kostenlos Frontberichte zu bekommen und dann verfälscht an die Agenturen zu verkaufen. Er ging an die Front, teilte sein Leben mit den Soldaten und Zivilisten unter dem mörderischen Feuer der Nordvietnamesen, erlebte hautnah die Brutalität des Krieges. Zwischen Leben und Tod begann er, die geschundenen Menschen zu verstehen. In seinem Herzen entfachte er dabei die Liebe fürs verletzte Volk Vietnams-

    Sein Werk mag „zu spät“ erschienen sein, erst vier Dekaden nach Kriegsende. Mindestens ist es zu spät für die vielen Menschen, die den Schergen von Ho Chi Minh und Co. zum Opfer gefallen waren. Uwe Siemon-Nettos „Liebe für das verletzte Volk Vietnams“ (Titel der US-Edition „A reporter’s love for the wounded people of Vietnam) ist eine unerschütterliche Liebeserklärung an ein schwergeprüftes Volk. Es ist zugleich Balsam für die Seele aller Opfer, Soldaten und Zivilisten, Südvietnamesen und Ausländer,die diesen Krieg ertragen mussten. Sie starben im Krieg und nach Kriegsende, im Land und auf hoher See (als Boat-People), in Umerziehungslagern, in Gefangenschaft … Sie überlebten den Krieg als menschliches Wrack, physisch und psychisch.

    Die Namen der Opfer schmückten die Siegestreppen der Aggressoren aus Nordvietnam, unter „standing ovation“ der linken Medien. Die Berichtserstattung über den Vietnam-Krieg war in der Tat ein Schandfleck der Mediengeschichte, eine Vergewaltigung der Menschlichkeit, ein Terror gegen die Wahrheit, eine Huldigung der Gewalt, ein Kotau vor der Brutalität des revolutionären Sozialismus.

    Dieses wunderbare Werk möge auch zur Heilung der noch blutenden Kriegswunden auf beiden Seiten beitragen. Denn diejenigen, die durch Lug und Trug, mit Morphium betäubt, in den revolutionären Heldentod von ihren „Führern“ geschickt wurden, litten genauso unter diesem erbarmungslosen Krieg wie ihre Klassenfeinde. Sie, die Nordvietnamesen, gingen in den „Befreiungskrieg“ in dem Glauben, für ihr Land zu kämpfen und als Patriot zu sterben. Tatsächlich waren sie nur die Figuren auf dem internationalen Schachbrett des Sowjet-Imperialismus und daher nur die bemitleidenswerten Kreaturen in einem System, in dem Menschen nur als Werkzeuge galten und gelten.

    Uwe Siemon-Nettos Liebeserklärung bleibt trotz Kriegsendes erhalten. Dies betonte er in seiner Lesereise. Diese unerschütterliche Liebe wird noch bestärkt durch die politische Lage der Gegenwart. Seine Liebe gilt weiterhin dem gequälten Volk, das nun unter dem roten Manchester-Kapitalismus leidet. Vietnams Mensch und Natur ersticken im Würgegriff grenzenloser Gier und die Welt schaut tatenlos zu oder kassiert im Namen der Globalisierung mit, kritiklos.

    Danke, Uwe!

  7. Paul

    Und ich habe den sympathischen Charismatiker Siemon-Netto in der Gedenkbibliothek zu Ehren der Opfer des Kommunismus in Berlin bei einem spannenden Vortrag erlebt, alle Achtung!

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