Jörg Kailus: Immer Ärger mit diesem Mönch

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Foto: Jörg Kailus

Wissenschaftliche Abhandlungen über Martin Luther gibt es wohl viele Meter. Aber dieses Buch ist kein wissenschaftliches Werk und doch informiert es sehr solide über die Zeit um Martin Luther.

Der Autor setzt den, heute so groß gefeierten, Reformator in einen großen Kontext. Als Leser lerne ich Reformatoren aus der Zeit vor Luther kennen und erfahre viel vom Leben des ausgehenden Mittelalters, gerade auch in den fiktiven Geschichten die Jörg Kailus in sein Werk mit eingebaut hat.

Besonders gut finde ich und damit wird das Buch für mich auch erst so recht glaubhaft, der Autor stellt Martin Luther eben nicht als den großen Reformator dar und setzt ihm keinen Glorienschein auf, er zeigt sehr genau auch die wichtigen historischen Persönlichkeiten um Luther herum und erwähnt ihre speziellen Begabungen.

Eine sehr informative Geschichte der Reformation, die völlig ohne das Chinesisch der Theologen auskommt!

Brunnen, ISBN 978-3-7655-4225-1, Preis 12,99 Euro

Lieber Jörg Kailus, es luthert an allen Ecken und Enden. Jetzt ist auch noch Ihr Buch „Immer Ärger mit diesem Mönch“ erschienen. Warum sollte ich es lesen?

Das kommt darauf an, wer Sie sind. Ein Fachtheologe, der die Reformation schon gut kennt, wird in dem Buch keine neuen Forschungsergebnisse finden. Aber jemand, für den das Thema neu ist, könnte einen guten Einstieg in die Welt von Luther & Co. finden, weitgehend ohne Fachsprache, Staub und Spinnweben. Ich habe in der Studienzeit erlebt, dass die Jugendlichen in unserer Gemeinde bei Kirchengeschichte gelangweilt abgeschaltet haben, und das fand ich schade, weil ich das Thema total spannend finde. Solchen Leuten will ich es einfacher machen.

Sie präsentieren Kirchengeschichte so, dass der Leser ohne Vorkenntnisse sich guten Gewissens auf Ihr Buch einlassen kann. Martin Luther setzen Sie dabei nicht auf einen hohen Sockel und einen Glorienschein verpassen Sie ihm auch nicht. Deutlich wird in Ihrem Buch, dass vor ihm bereits Reformatoren gewirkt haben, warum war gerade Luther erfolgreich?

Ich glaube, er war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Ohne Friedrich den Weisen und seine Unterstützung hätte der Kaiser dem unbequemen Theologieprofessor schnell ein Ende gemacht. Ohne die Erfindung der Druckerpresse wären seine Gedanken nicht so leicht unters Volk gebracht worden. Ohne die Ablassthesen und ihr unerwartetes Echo in der Bevölkerung wären Luthers tiefere theologische Kritikpunkte wohl im Rahmen der Wittenberger Universität disputiert – und vergessen worden.

Meinen Sie Luther wäre heute stolz auf uns, wenn er unsere Vielfalt sehen könnte?

Schwierige Frage. Ich glaube, als spätmittelalterlicher Mensch müsste sich Luther erst an unsere Zeit und ihr Denken gewöhnen. Er war ein kämpferischer Zeitgenosse, der seine eigenen Erkenntnisse viel stärker absolut setzen konnte als Melanchthon und Bucer. Theologische Vielfalt würde ihm wohl schwerer im Magen liegen als eine Vielfalt an Frömmigkeitsstilen. In äußeren Dingen hatte er ein weites Herz und eine Menge Humor. Wahrscheinlich würde es ihn freuen, die Mitte seiner Glaubensentdeckung, Rechtfertigung und Christus als Zentrum, in vielen verschiedenen Gemeinden wiederzufinden.

Leider habe ich mir Ihren Satz nicht gleich notiert, aber an einer Stelle im Buch sagen sie sinngemäß, Weil heute so vieles gleich gültig ist, wird vieles gleichgültig. Wie meinen Sie das, wollen Sie uns etwa kritisieren?

Ich glaube, wir verlieren etwas ganz Wichtiges, wenn wir Toleranz so verstehen, dass es in Glaubensdingen keine Wahrheit und keinen Irrtum, kein Richtig und kein Falsch geben dürfe. Einander ausschließende Überzeugungen in Glaubensfragen müssen geäußert werden dürfen. Toleranz ist, seine Meinung zu vertreten und dies auch dem Anderen zuzugestehen. Mir gefällt ein Zitat von Voltaire: “Ich kann Ihre Meinung nicht teilen, aber ich setze mein Leben dafür ein, dass Sie sie äußern dürfen.”

Zwischen Ihre einzelnen Texte in denen Sie geschichtliche Fakten vermitteln, setzen Sie immer wieder fiktive Geschichten und zeigen damit etwas von den Lebensumständen zu Luthers Zeiten. In der letzten dieser Geschichten kommt jemand aus dem Mittelalter in die Gegenwart. Da wanderten meine Gedanken in das Jahr 2117 und ich schwanke zwischen Hoffnung und Pessimismus. Wenn Sie jetzt dieses Spielchen mitspielen, was sehen Sie in der deutschen Kirchenlandschaft des Jahres 2117?

Vielleicht wäre es für uns auch ein Kulturschock. Aber ich glaube, wir würden in einer noch größeren Vielfalt an Frömmigkeitsstilen und Gemeinden auch die Glaubensmitte der Reformation wiederfinden. Und neben einer futuristischen Orgel mit biomechanischen Pfeifen schwebt auf dem Antigravaltar womöglich die Lutherbibel in der Überarbeitung von 2094…

Sie haben sogar über Martin Luther promoviert. Was hat Sie an ihm fasziniert? Bitte skizzieren Sie für uns die Person Martin Luther, wo kann er heute für uns noch Vorbild sein und was ist heute vielleicht überhaupt nicht mehr tragbar?

An Luther beeindruckt mich gerade, dass er kein gemalter Heiliger war, sondern ein Mensch mit großen Glaubenseinsichten und massiven Anfechtungen. Ich weiß nicht, ob man bei irgendeinem anderen Theologen so viele starke seelsorgerliche Aussagen finden könnte. Ich denke, Gott gebraucht hier einen echten Menschen, trotz und mit seinen Fehlern. Luther konnte auch irren. Mit seinen Schriften gegen die Juden hat er in fataler Weise danebengegriffen. Hier müssen wir uns von ihm abgrenzen. Aber das nimmt seinen guten Aussagen zu vielen anderen Themen nicht ihren Wert.

Vielen Dank für das Gespräch!

Dr. Jörg Kailus hält ein sig. Verlosungsexemplar für einen glücklichen Gewinner bereit. Wer seinen Kommentar bis zum 5. Mai unter diesem Beitrag postet, nimmt automatisch an unserer Verlosung teil. Viel Glück!

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4 Kommentare

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4 Antworten zu “Jörg Kailus: Immer Ärger mit diesem Mönch

  1. Björn

    Immer diese Mönche 🙂

  2. ….das könnte meinem mann gefallen…ich mache mal mit….
    herzliche grüße
    annette baumann

  3. Margrit

    … falls ich das Buch gewinne, weiß ich schon, wer es bekommt … !

  4. B.B

    „Theologie ohne Fachsprache, Staub und Spinnweben…“…ich bin dabei ^^

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