Renate Hartwig: Der goldene Skalp

der goldene skalp

Bücher aus dem Brunnen Verlag in Basel gehören für mich zu den Highlights in der christlichen Literaturszene, nicht zuletzt deshalb, weil sie es regelmäßig schaffen, auch Leser der nichtchristlichen Ecke anzusprechen. Um so verwunderter war ich, als ich bei diesem Titel die reißerische Aufmachung sah. Die Gesundheitsindustrie zieht uns das Fell ab und sogar von „mafiösen Machenschaften“ mitten in Deutschland lese ich da. Jetzt, da ich das Buch kenne, wundere ich mich nicht mehr, geahnt und vermutet habe ich einiges, aber das in unserem Gesundheitssystem scheinbar nur noch die Gier herrscht, macht mich wütend und ich fühle mich dem ohnmächtig gegenüber.

Renate Hartwig nennt in ihrem Buch viele Zahlen, Namen und auch Statistiken, aber dennoch ist dieser Augenöffner sehr gut zu lesen, weil die Autorin viele Missstände mit selbst erlebten Geschichten belegt.

Eigentlich hatte ich erwartet, dass die Autorin Ärzte, Politiker und natürlich die Gesundheitsindustrie auf die Anklagebank setzt, dies tut sie auch, aber uns Patienten setzt sie ebenso auf die Anklagebank. Das mag zu Anfang etwas verwunderlich klingen, aber folgt man Renate Hartwig, ist das die logische Konsequenz. Ich erinnere mich noch sehr genau an das erwähnte Beispiel im Buch. Hartwigs Bekannte lässt sich die Füße bei der Fußpflege schick machen. Nichts dagegen, aber muss dies wirklich die Krankenkasse bezahlen? In diese Richtung lüftet die Autorin weitere Geheimnisse, von denen ich bislang noch nie etwas gehört hatte.

„Das Solidarsystem existiert nicht mehr.“ stellt Renate Hartwig fest und erläutert was damit mal gemeint war. Viele Patienten fragen sich heute, bekomme ich eigentlich alle monatlich gezahlten Beiträge auch irgendwie wieder heraus? Aber genau dies war nie mit dem Solidarsystem gemeint. Die Autorin überführt uns ebenso der Gier wie auch die Ärzte und die Gesundheitsindustrie. Folgerichtig schreibt Renate Hartwig: „Diese gierigen Fremden, nach denen ich so lange gesucht habe, das sind wir alle.“

Was sie über die Verflechtungen von Industrie und Politik schreibt, ist einfach niederschmetternd zu lesen. Interessant auch die Seiten im Buch auf denen Renate Hartwig sich einige Politikerbiografien etwas näher anschaut. Einem Chamäleon gleich schaffen es deutsche Politiker über alle Parteigrenzen hinweg sehr erfolgreich mal Lobbyisten und mal dem Bürger zu dienen, ein Schelm der da an Interessenvermischung denkt. Die Autorin nennt Ross und Reiter.

Als ich dieses Buch durchgelesen hatte und es liest sich spannend wie ein Krimi, kam ich mir vor, als wäre unser Gesundheitssystem ein Milliardengrab, an dem alle Beteiligten versuchen möglichst viel Kohle für sich herauszuholen. Ich bin bereit zur Kapitulation. Die Autorin allerdings meint mit ihrer Bürgerinitiative „Patient informiert sich“ etwas dagegen tun zu können.

Brunnen Basel, ISBN 978-3-765-52026-6, Preis 13,99 Euro

Renate Hartwig hat bücherändernleben nun folgende Fragen beantwortet:

Am Ostermontag habe ich mich unsanft vom Fahrrad stürzend, auf die Nase gelegt. Über Nacht bekam ich vor Schmerzen in den Handgelenken Schüttelfrost und bin zur Notaufnahme ins Krankenhaus gegangen. Dort wurde ich zunächst darauf hingewiesen, dass ich als erstes zu meinem Allgemeinmediziner hätte gehen müssen. Gnädigerweise durfte ich aber doch bleiben und musste der Dame in der Aufnahme meine Unfallgeschichte erzählen. Nachdem ich etwa eine Stunde gewartet habe, rief mich eine Krankenschwester in ein Behandlungszimmer und forderte mich auf ein zweites Mal meine Geschichte zu erzählen. Nach einer weiteren halben Stunde kam ein Arzt und ich erzählte meine Geschichte ein drittes Mal und dies war nicht das letzte Mal an diesem Tag. Nach mehr als fünf Stunden verließ ich die Notaufnahme mit zwei verbundenen Armen, einen davon vergipst.

Am Tag danach musste ich zur Gipskontrolle zu meinem Hausarzt. Dann musste ich mir zur Weiterbehandlung einen ambulanten Chirurgen suchen, als ich den gefunden hatte, stellte er alle bisherigen Befunde in Frage …

Liebe Renate Hartwig, was habe ich da kennengelernt? Ein gut funktionierendes Gesundheitssystem oder jede Menge Ärzte die gut an mir verdient haben?

Weder noch. So wie Sie das erzählen nehme ich an Sie sind Kassenpatient. Sie wurden doch sicher als erstes gefragt, wie Sie versichert sind? Und da gibt es das systembedingte Zauberwort und das heißt Privatpatient. Hätten Sie das gesagt wäre der Herr Doktor sofort gekommen und Sie hätten weder Ihre Geschichte mehrfach erzählen müssen, noch warten. Wahrscheinlich hätte man Sie sogar stationär aufgenommen. Denn bei privat versichert gibt es keine Fallpauschalen wie beim Kassenpatient, sondern jeder Handgriff kann abgerechnet werden. Und was Sie erlebten, sagt mir, Sie wurden als Notfall verarztet und dann weiter gereicht. Ihr Hausarzt hat Ihre Karte eingelesen, kurz auf den Gips geschaut und dann ebenso weiter gereicht. So waren Sie bei ihm ein „guter Patient“ denn sein Budget wird nicht belastet. Und nun landeten Sie beim ambulanten Chirurgen, der die Befunde in Frage stellt. Mich würde nicht wundern wenn der nun sagt, man muss neu eingipsen.

In diesen Tagen kommt Ihr neues Buch „Der goldene Skalp“ auf den Markt. Acht Jahre lang haben Sie dafür recherchiert. Sie müssen es also wissen: Ist es richtig wenn ich vermute, dass unser Gesundheitssystem immer mehr Geld verschlingt, aber ich den Eindruck habe, unser System wird immer lückenhafter?

Die Frage die sich stellt: WER verschlingt das Geld? Genau der bin ich in meinem Buch nachgegangen. Schon längst hat sich das Gesundheitssystem dem Markt angepasst. Es geht um Gewinn und Verlust. Krankheit als gewinnbringendes Produkt. Das System entwickelt sich weg vom Menschen, hin zur Industrialisierung. An erster Stelle steht der Mammon und der Tanz um das goldene Kalb.

Anders als erwartet setzen Sie die Ärzte nicht allein auf die Anklagebank. Sie werfen mir, dem Patienten, auch etwas vor, unter anderem Gier. Was meinen Sie damit?

Renate-Hartwig-Webseite-sma

Foto: Renate Hartwig

Nach acht Jahren stelle ich fest: Das System verändert uns alle. Aus Ärzten macht es Handelsvertreter, aus uns Patienten Schnäppchenjäger. Gier werfe ich den Ärzten – und Kassenfunktionären vor und das beweise ich auch in meinem Buch. Auf der Anklagebank sitzt an vorderster Stelle die Politik. Die macht die Rahmenbedingungen, durch die dieses System erst so unmenschlich werden konnte.

In Ihrem Buch schreiben Sie „Das Solidarsystem existiert nicht mehr.“ Erklären Sie uns bitte wie sich die Erfinder des Solisarsystems dies einst vorgestellt hatten!

Die Väter des Systems wollten damals, dass unsere Beiträge in die Krankenkasse die Gesunden für die Kranken, die Jungen für die Alten einzahlen. Im Grunde ein höchst christliches Verhalten.

Mein Mann und ich sind bis heute als Selbstständige freiwillig in der gesetzlichen Krankenkasse geblieben, da wir diesen Grundgedanken, der Starke für den Schwachen, gut finden.

Ich fühle mich diesem System ohnmächtig und ausgeliefert gegenüber. Sie haben eine Initiative gegründet, was will diese Initiative? Was sind Ihre Ziele?

Die Initiative entstand als ich 2007 nach einem Arztbesuch bemerkte, ich bin eine uninformierte Patientin. Deshalb heißt die Webseite http://www.patient-informiert-sich.de

Daraus entwickelte sich eine Bürgerbewegung mit Hunderten regionalen Bürgertreffs. Die treffen sich einmal im Monat. So entsteht nicht nur ein regionales Miteinander, sondern informierte Patienten. Oft konnten mithilfe dieser Bewegung Menschen geholfen werden. Unsere Initiative arbeitet auch eng mit einer Rechtsanwaltskanzlei zusammen.

Der Name der Initiative „Bürgerschulterschluss“ beinhaltet auch gleichzeitig mein Ziel – Menschen für Menschen im Schulterschluss!

Über Ihr Buch wird viel geredet werden. Glauben Sie wirklich im Traum daran, stärker als Politiker, Lobbisten und Gesundheitsindustrie zu sein? Was kann Ihr Buch im günstigsten Fall bewirken?

Mir geht es nicht ums stärker sein, sondern um ganz klar Position zu beziehen und es ist nicht das ersten Mal, dass ich beweisen konnte – wer wagt gewinnt! Allein 2008 und 2009 als ich das Olympiastadion in München mietete für eine Großveranstaltung und insgesamt ca. 50 000 informierte Menschen kamen um gegen diese Entwicklung im Gesundheitswesen aufzustehen, kam die Politik ganz schön ins Schwitzen. 70 Millionen Menschen sind in Deutschland in gesetzlichen Krankenkassen – wenn nur 10 Prozent informiert werden über diese Unglaublichkeiten und Zusammenhänge in diesem Gesundheitssystem, wird es nicht mehr möglich sein uns als Ware zu behandeln, zu verkaufen und zu verraten.

Und mein Buch kann sehr wohl etwas bewirken, wenn jeder der es liest von sich aus 10 Menschen darüber informiert und die dann andere informieren…..können wir nicht nur, sondern werden etwas bewirken!

Genau deshalb habe ich auch auf eigens Risiko in meinem Buch nichts umschrieben, sondern ganz klar und unmissverständlich Ross und Reiter genannt!

Der Brunnen-Verlag Basel stellt uns drei Verlosungsexemplare dieses Titels zur Verfügung. Wer seinen Kommentar bis zum 13. Mai unter diesem Beitrag postet, nimmt automatisch an unserer Verlosung teil. Viel Glück!

Advertisements

9 Kommentare

Eingeordnet unter Uncategorized

9 Antworten zu “Renate Hartwig: Der goldene Skalp

  1. B.B

    Oha….spannder Stoff. Da ich in der Branche arbeite bin ich sehr an dem Buch interessiert.

  2. Eine sehr interessante Thematik, die alle angeht…

  3. Margrit

    Sicherlich Interessant und aktuell – bin gespannt, ob in diesem Buch auch etwas „christliches“ erscheint … ?

    • Liebe Margrit, ich denke diese Erawrtung kann ich ruhigen Gewissens erfüllen. Denn für mich ist Einmischen nicht nur Bürgerpflicht, sondern eine höchst christliche Notwendigkeit. Viel Freude mit dem Buch, verbunden mit der Bitte die dort erworbenen Informationen weiter zu tragen. Danke – Renate Hartwig

  4. Irene

    Sehr interessant. Bin dabei.

  5. Maria Lahnstein

    Das hört sich ja schrecklich an und ich habe es gerade selbst erlebt, beim Zahnarzt…

  6. Björn

    Brunnen Verlag packt wichtige Themen an.

  7. Adeline

    Es ist wirklich schrecklich. Ich würde es so gerne lesen, da wir als Familie auch von sowas betroffen sind!

    • Adeline, weshalb steht da „würde es so gerne lesen“ was hindert Sie daran? Es gibt leider fast keine Familie, die nicht schon Erfahrungen mit dem Umbau des Gesundheitssystems in eine Gesundheitsindustrie gemacht hat. Deshalb ist es so wichtig, dass viele die Hintergründe erfahren. Das macht dann auch Mut, sich nicht alles bieten zu lassen. RH

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s