Birgit Hämmerle: Farid der Träumer

farid der träumer

Ich habe keinen blassen Schimmer, warum der Verlag dieses Buch einer Leserschaft empfiehlt, die zwischen 15 und 20 Jahre alt ist. Selbst habe ich diese Altersgrenze mehr als drei Mal überschritten, aber dennoch bin ich begeistert von diesem Buch.

Farid wächst im Ägypten des Präsidenten Mubarak auf. Der Präsident und sein Sohn, der bereits als Kronprinz gehandelt wird, sind nicht sonderlich beliebt, aber weit mehr sind die Muslimbrüder gefürchtet. Sie scheinen überall zu sein und wissen auch alles. Sie bemerken sofort, dass Farid ein wenig auf Abstand zu ihnen geht. Da kommen sie und bieten ihm einen Platz im Koranchor und auch sonstige Hilfe an, die Farid dringend nötig hätte. Sein Vater ist verschollen und somit ist Farid verantwortlich für den Rest seiner Familie.

Die Autorin, die lange Zeit in Alexandria, Farids Heimatort, gelebt hat, schildert mit den Augen Farids die innenpolitische Lage des beginnenden Arabischen Frühlings. Besonders interessant sind für mich auch die Beobachtungen, die Farid im Vergleich von Allah und Gott anstellt. Zum ersten Mal bekomme ich in einem Roman einen so fundierten Einblick in den Lebensalltag der muslimischen Welt. Sympathisch werden mir Autorin und Story besonders als ich erkenne, Brigitte Hämmerle beschreibt, wertet jedoch nicht.

Farid entschließt sich, weil er um sein Leben fürchtet, seine Heimat zu verlassen. Unter abenteuerlichen Umständen erreicht er den vermeintlich so reichen Kontinent seiner Träume.

Die Welt ist in Bewegung geraten, Religionen und Ideologien prallen aufeinander und Menschen geraten ins Abseits. Birgit Hämmerle gibt einen realistischen Einblick in das Geschehen und schickt uns gemeinsam mit Farid in die Schule des Lernens, in der ideologische Scheuklappen über Bord geworfen werden!

SCM Hänssler, ISBN 978-3-775-15564-9, Preis 13,95 Euro

Birgit Hämmerle hat bücherändernleben nun folgende Fragen beantwortet:

Liebe Birgit Hämmerle, soeben ist Ihr „Farid der Träumer“ erschienen. Ihr Roman spielt in einer für uns völlig fremden Welt. Warum kennen Sie sich so gut in dieser fremden Welt aus oder ist doch alles nur Ihrer Fantasie entsprungen?

Ich denke, weil ich so neugierig und vielleicht ein bisschen ein Querkopf bin! Wenn man 8 Jahre in einer Stadt lebt, in der die islamistischen Gruppen stark mitreden, kann man als Europäer entweder sein Leben isoliert in den Clubs der oberen Schichten zubringen (das wird einem nahegelegt), oder aktiv in ärmere Stadtviertel gehen. Wir haben als Familie neben der Arbeit an Seeleuten im Hafen eine Freundschaft zu einer Familie im Fischerviertel gepflegt. Das Arabisch aus der Sprachschule haben wir dann bei Herrn Hamo und Co. angewandt. So konnte ich viel über das Leben und die Kämpfe der Leute herausfinden und erfahren, wer dort den Ton angibt. Farid als Figur habe ich ausgedacht. Was er und seine Freunde erleben, kommt aber direkt aus dem realen Leben von Anfuschi, dem Fischer- und Werftviertel Alexandrias.

Entschuldigen Sie, aber ich bin von Geburt an sehr neugierig. Was haben Sie acht Jahre lang in Alexandria gearbeitet?

Mein Mann und ich führten eine Auslandsstation der „Deutschen Seemannsmission“, das Deutsche Seemannsheim in Alexandria. Das ist ein traditionsreicher, christlicher Sozialdienst, der Seeleute auf Containerschiffen im Hafen betreut und ihnen an Land einen Club anbietet, der auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten ist.

Farid ist mir schnell ans Herz gewachsen. Er kommt in Ihrem Roman sehr sympathisch rüber, obwohl er doch so völlig anders ist. Hat es einen Grund, dass Sie ausgerechnet einen männlichen Helden geschaffen haben?

Zum Einen wollte ich für meinen Sohn (19) eine Geschichte schreiben, die ihn interessieren würde. Zum Anderen hat es mich betroffen gemacht, als ich von verschiedenen Schicksalen hörte, in denen junge Männer aus den unteren Schichten der Bevölkerung so wie Farid unter Druck stehen. Mir fiel auf, dass das in Deutschland in den Medien nicht so beleuchtet wurde.

So ganz nebenbei erzählen Sie auch vom Gottesbild und dem religiösen Alltag in dem Farid lebt. Sie erwecken in mir den Eindruck, dass Muslime so gut wie nichts hinterfragen. Da kommen beispielsweise die Muslimbrüder und sind ihm keinesfalls wohlgesonnen und fast alle freuen sich, dass sich da endlich um die vaterlose Familie von Farid kümmert. Warum hinterfragen wir Christen so vieles bei Gott und die Muslime scheinbar so wenig bei Allah?

Für die Christen kann ich nicht sprechen und „die Muslime“ gibt es wohl so auch nicht. Aber die Mehrheit der Menschen in Ägypten ist grundsätzlich religiös. Die Muslimbrüder haben nun noch in den letzten Jahrzehnten die Parole „Islam ist die Lösung“ ausgegeben und soziale Projekte für die Armen gemacht. So hat der einfache Mann auf der Straße mehr und mehr geglaubt, dass Allah das Land wirtschaftlich auf die Beine und wieder in eine ehrenvolle Vormachtstellung bringen würde, wenn man nur rigoroser den islamischen Geboten folgte. Der Islam hat zu der Zeit, in der das Buch spielt, in Alexandria das öffentliche Leben dominiert. Die Liberalen, die durch Internet und andere Medien Zugang zu mehr Informationen haben, haben sich zwar dem nicht unterworfen, aber niemand hätte gewagt, die Religion öffentlich zu hinterfragen. Und die Armen haben nicht viel Wahl. Wenn Farids Mutter froh ist, dass die Bruderschaft sich um sie bemüht, dann deshalb, weil das – gefühlt – ihre einzig greifbare Chance für ein besseres Leben ist.

In dem kurzen Regime der Muslimbrüder unter Präsident Mursi haben alle ganz praktisch erkennen können, dass es Ägypten durch mehr Islam nicht besser, sondern schlechter ging. Neuerdings gibt es daher auch eine Reihe von Muslimen, die sich offen zu einem Atheismus bekennen, man trifft sich in bestimmten Cafes, um viel zu diskutieren. Aber das kam nach der Handlungszeit im Buch.

birgit hämmerle

Foto: Birgit Hämmerle

Für wen haben Sie Ihr Buch ganz speziell geschrieben?

Für die junge Generation in Europa. Ich bin noch mit der Mauer und den kommunistischen Regimen aufgewachsen. Meine Kinder werden sich in ihrer Lebenszeit dagegen intensiv mit dem Islam als Weltanschauung auseinander setzen müssen, er ist ja jetzt schon das dominierende Thema der Medien geworden. Ich träume davon, dass junge Menschen sich einen schärferen Blick auf die Realität des Islam in seinen Stammländern verschaffen, um den eigenen Standpunkt klarer zu definieren. Farid soll dazu inspirieren.

Farid träumt sehr viel, warum spielen Träume in Ihrer Geschichte so eine große Rolle?

Der Ziehvater unserer Zivilisation ist der Rationalismus – wir vertrauen unserem Verstand bei der Beurteilung wichtiger Dinge. Die ärmere Bevölkerung in einem nahöstlichen Land aber lebt in einer Mischung aus Islam und Animismus – sie interpretieren das Leben mithilfe von Tradition (z.B. islamische 5 Säulen) und Intuition, z.B. heilige Orte (Schreine heiliger Leute), Dinge (z.B. Amulette) oder Kräfte (z.B. der böse Blick). Schon seit der Antike werden Träume als Interpretation des Lebens sehr wichtig genommen. Das wollte ich aufgreifen.

Schriftstellerisch wollte ich andererseits eine Form haben, in der ich meine Liebe zur Geschichte einbauen konnte, ohne zu langweilen. Deshalb träumt Farid das, was an bestimmten Orten vor langer Zeit tatsächlich geschehen ist. Das aber ist für ihn eine sehr existentielle Herausforderung. Z.B. wird in einem Traum eine militärische Eroberung Ägyptens präsent gemacht. Das widerspricht an der Grundlinie dem Nationalstolz der Ägypter, der Farid eingebläut wurde (Ägypten ist unbesiegt) und dem Glauben an Ägypten als die unübertreffliche „Mutter der Welt“, die in der Nationalhymne beschworen wird.

Eine weitere Realität im Nahen Osten ist auch die, dass viele Muslime in ihren Träumen eine direkte Begegnung mit Jesus Christus haben. Gott selber also gebraucht diesen intuitiven Zugang, um sich vorzustellen. Ich kenne etliche Personen, denen eine Hinwendung zu dem Jesua der Christen alles das wert war, was ihnen vor dem Traum je wichtig gewesen ist.

Eines Tages besteigt Farid in Alexandria einen Fischkutter. Er lernt die Welt und unseren Gott kennen. Was wollen Sie mit Ihrem Buch erreichen?

Farid kennt die Härte des Lebens. Er sucht sehr nach einem Vorbild, das ihm den verlorenen Vater ersetzen könnte: zuerst bei den Muslimbrüdern, dann bei den Ausländern, die er in Libyen trifft. Erst spät trifft er auf Christen, die für ihn greifbar und überzeugend ihre Sicht der Dinge leben, v.a. seinen väterlichen Freund Vito. Ich denke, das Thema „Lebensvorbilder“ und die Suche nach welchen, die überzeugen, ist auch für viele junge Menschen in Deutschland angesagt. Ob er unseren Gott kennenlernt, weiß ich noch nicht…

Es wäre ein guter Anfang und ich würde mich schon sehr freuen, wenn viele meiner muslimischen Freunde auf Christen träfen, die sie nicht belehren wollen, sondern ihnen durch ihr Leben den Mund wässerig danach machten, mehr über ihren Gott zu erfahren, wie Farid. Wie heißt es doch im Gleichnis? „Wer meinst du wohl, ist dem der Nächste geworden, der unter die Schlepper – pardon: Räuber! – fiel?“

Vielen Dank für das interessante Gespräch!

Drei Verlosungsexemplare stellt uns der SCM Hänssler Verlag zur Verfügung. Wer seinen Kommentar bis zum 3. November 2014 unter diesem Beitrag postet, nimmt automatisch an unserer Verlosung teil. Viel Glück!

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8 Kommentare

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8 Antworten zu “Birgit Hämmerle: Farid der Träumer

  1. ……..könnte was für mich als auch für meine kinder sein….
    annette

  2. Margrit

    .. und ich bin auch mal gespannt …

  3. Rahel

    6 Jahre zu viel, aber trotzdem 🙂

  4. Isa

    Freue mich sehr auf das Buch 🙂

  5. Angela

    Klingt ja wirklich sehr komplex und anspruchsvoll für ein Jugendbuch. Aber das gilt ja eigentlich auch für Kinderbücher, dass man die wirklich guten auch als Erwachsener mit Gewinn lesen kann. Das Interview ist auch sehr interessant. Aus dem Buch könnte ich sicher selbst noch einiges lernen und es auch an meinen 16- und 17jährigen Neffen testen. Für Jungs in dem Alter sind gute christliche Bücher leider Mangelware.

  6. Nadine Lauer

    Wiedermal ein sorgsam ausgesuchtes Buch von euch. Klasse. Ich muss ganz ehrlich sagen, ich bin ein recht unbeschriebenes Blatt, was die Muslime betrifft, jedoch sehr interessiert an diesem Thema, das uns fast jeden Tag in irgendeiner Weise, begegnet. Sehr interessanter Klappentext. Bin sehr gespannt und würde mich geehrt fühlen, dieses Werk , mein Eigen nennen zu dürfen.

  7. Esther

    Ich hüpfe auch gern in den Lostopf!

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