Missbrauchsopfer melden sich anonym …

Gestern habe ich meinen Beitrag zum soeben erschienen Buch „Die Gottesversprecher“ veröffentlicht. Er wurde inzwischen so oft angeklickt wie kein anderer Beitrag in so kurzer Zeit auf diesem Blog. Über Nacht habe ich nun acht private Mails bekommen. Sechs davon berichten wie sie selbst geistlichen Missbrauch erlebt haben, einige über Jahre hinweg.
Eine Dame musste ihrem geistlichen Leiter für immer mehr Stunden täglich zur Verfügung stehen. Wenn sie hin und wieder kritisch nachfragte oder mal nicht konnte, führte es der Typ auf den schlechten Glauben der Frau zurück ….
Ich muss mich erst an den Gedanken gewöhnen, dass es so etwas heute in Deutschland gibt. Glücklicherweise habe ich selbst so etwas nie erfahren müssen.
Die Mailschreiber schreiben mir privat, weil sie Angst davor haben offiziell ihren Kommentar unter meinen Beitrag von gestern zu posten. Ich möchte gern jeden ausdrücklich dazu ermutigen über selbst erlebten geistlichen Missbrauch hier in aller Öffentlichkeit zu berichten. Dazu ist es nicht notwendig den eigenen Vor- und Nachnamen anzugeben. Nur ich allein sehe die Mailadresse des Absenders und werde diese in keinem Fall weitergeben. Öffentlichkeit ist vielleicht ein wirksames Mittel gegen diese Form des Missbrauchs. Deshalb finde ich das Buch von Ute Aland „Die Gottesversprecher“ so enorm wichtig.

die gottesversprecher

Der Redakteur des Brunnen Verlages, Ralf Tibusek in Gießen, sagte bücherändernleben soeben: „Wir als herausgebender Verlag stellen zur Zeit fest, dass es ein absolut hochsensibles Thema ist, das Ute Aland hier anspricht. In einem Verlag gibt es vor der Veröffentlichung in verschiedensten Stadien ja „erste Leser“ – innerhalb und außerhalb des Verlages. Außergewöhnlich waren die vielen ausführlichen und teilweise hochemotionalen Rückmeldungen dieser Leser. Das ging und geht über die gesamte vorstellbare Bandbreite. Vom erstaunten „Dass es so etwas in unseren christlichen Gemeinden gibt“ über ein verärgertes „Das ist Nestbeschmutzung und spielt dem unsäglichen NDR-Bericht in die Hände“ über das unerwartete Bekenntnis „ich habe ein Stück meiner Lebensgeschichte hier wiedergefunden, das ich verdrängt hatte“ bis hin zu „es ist, als schreibe Ute Aland meine Geschichte“.

Eines ist mir durch die Vielzahl der Rückmeldungen deutlich geworden: Geistlicher Missbrauch ist ein Thema, das in christlichen Gemeinden viel stärker vorhanden ist, als ich je dachte. Und es gibt Verletzungen bei Menschen, bei denen ich nie auf die Idee gekommen wäre, dass sie betroffenen sein könnten. Gelernt habe ich aber auch, dass es Vorbehalte und eine gewisse Angst gibt, über das Thema zu sprechen – im „eigenen“ christlichen Umfeld. Hier hoffe ich, dass die sich langsam auftuende Diskussion und auch Ute Alands Buch „Die Gottesversprecher“ eine Atmosphäre schafft, die es gerade Betroffenen einfacher macht, ihre Gefühle, Verletzungen, Ängste zu artikulieren. Einfach ist das nicht. Das jedenfalls ist mir jetzt schon deutlich geworden.“

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2 Kommentare

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2 Antworten zu “Missbrauchsopfer melden sich anonym …

  1. Ute Aland

    Tja, das überrascht mich auch selber sehr, wie vehement die Reaktionen zu meinem Buch sind, obwohl mir klar war, dass geistlicher Missbrauch in unterschiedlicher Abstufung leider weiter verbreitet ist, als wir es wahr haben wollen.
    Ich bin überzeugt, wir tun dem Leib Christi keinen Gefallen, wenn wir diese Dinge verschweigen. Immerhin gehört „Wahrhaftigkeit“ zu unserem Geistlichen Rüstzeug.
    Ich wünsche vor allem allen Betroffenen, dass sie Gottes Größe, scheinbar verlorene Jahre wiedererstatten zu können, nicht unterschätzen.
    Er richtet auf! Er wird auch eines Tages die ungerechten Hirten richten, üben wir uns daher im Verzicht auf Hass und in der Vegebung.
    Gott befohlen, Ute Aland

  2. Ich selber habe mal ein Tagesseminar mit Inge Tempelmann (http://www.tempelmann-consulting.eu) zu diesem Thema erlebt und kann jedem nur empfehlen sich mit diesem wichtigen Thema auseinanderzusetzen. Heilung ist möglich. Ich finde es gut, dass sie nicht nur über den geistlichen Mißbrauch spricht, sondern auch über grenzverletzende Dynamiken im frommen Umfeld. Diese kommen viel häufiger vor als wir denken.

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