Thomas Franke: Der Geschichtensammler

Der Geschichtensammler

Sieben Jahrzehnte nach dem II. Weltkrieg kommt der Geschichtenerzähler Thomas Franke und legt einen neuen Kriegsroman vor. Der fällt allerdings völlig aus dem Rahmen und Berichte über Kampfhandlungen und genaue Kriegstaktiken fehlen völlig.

Dafür schließt der Leser sehr schnell den jungen Flakhelfer Rasmus in sein Herz. Der ist Anfang ’45 für Emmi unterwegs zum Humboldthain …

In Zeiten wie diesen und da meine ich das Jahr 2015, da der Krieg selbst für Europa kein Fremdwort mehr ist und Flüchtlinge in unserer unmittelbaren Nähe Schutz suchen, gewinnt dieses Buch noch einmal auf ganz unbequeme Art an Brisanz. Pastorensohn Rasmus Eichdorff beginnt als Teenager, in den Krieg zu ziehen, trifft noch einmal auf Emmi, seine große Liebe und ehe er sich versieht, geht es ab nach Sibirien…

Glücklicherweise trifft er den Geschichtensammler Erwin. Mein Empfinden sagt mir, Geschichten haben Rasmus das Leben gerettet. Viel später wird Rasmus erkennen, dass Geschichten die Kraft haben, die Welt zu verändern. Dieser Roman setzt sich zusammen aus vielen Geschichten. Hin und wieder wird man erst auf den zweiten Blick erkennen, dass sie alle zusammengehören und zusammengesetzt die große Lebens- und Liebesgeschichte von Rasmus und Emmi ergeben.

Philosophische Betrachtungen stellt der Autor an. Er bettet seine Gedanken so perfekt in die Handlung, dass sie zu lebendigen Szenen werden. Sehr deutlich wird: Erst wenn niemand mehr Geschichten erzählt, aufhört an die Kraft der Hoffnung zu glauben, dann gibt es tatsächlich keine Möglichkeit mehr „das dunkle Tal der Todesschatten …“ zu verlassen. Rasmus bringt die Kraft auf, obwohl die äußeren Umstände nicht dazu geeignet scheinen: sein Vater der Herr Pastor ist nicht gerade eine Leuchte vor dem Herrn, der Krieg hat gerade das ganze Land in Schutt und Asche gelegt und Emmi ist inzwischen mit einem anderen Mann verlobt …

Thomas Franke hat genau aufgeschrieben worauf es ankommt, wenn man überleben will!

Gerth Medien, ISBN 978-3-957-34043-6, Preis 16,99 Euro

Thomas Franke hat bücherändernleben nun folgende Fragen beantwortet:

Hallo Thomas, das neue Jahr beginnt und Du legst mit Deinem Buch nun schon Deinen vierten Roman vor. Warum musste es 70 Jahre nach dem II. Weltkrieg ausgerechnet ein Kriegsroman sein?

Das hat zwei Gründe.
„Der Geschichtensammler“ ist das Prequel meines Debütromans „Das Haus der Geschichten“. Es wird die Geschichte einer der Hauptfiguren erzählt, nämlich die des Antiquars Rasmus Salomo Eichdorff. Wobei, das muss ich an dieser Stelle kurz erwähnen, beide Romane in sich abgeschlossen sind und sich auch problemlos ohne die Kenntnis des jeweils anderen lesen lassen. Rasmus ist in „Das Haus der Geschichten“ ein sehr alter Mann. Er muss daher den zweiten Weltkrieg erlebt haben und dies hat ihn, wie jeden, der diese Zeit durchleben musste, sehr geprägt. Das ist der eine schlichte Grund für diesen Kriegs- bzw. Nachkriegsroman.
Der andere ist eher allgemeiner Natur: Wir können in Deutschland sehr dankbar sein für siebzig Jahre Frieden im eigenen Land. Aber der Krieg mit all seinen Begleit- und Folgeerscheinungen ist weiterhin eine furchtbare Realität für Millionen von Menschen. Diese Realität konfrontiert auf sehr direkte und brutale Art mit den großen Fragen der Menschheit: Wer sind wir? Warum sind wir so, wie wir sind? Und gibt es etwas, das tiefer reicht als die Erfahrung sinnloser Zerstörung, Gewalt und Bosheit?

Und dies sind Fragen, die allemal einen Roman wert sind.

Viele Jahre habe ich mit geistig Behinderten gearbeitet, dies ist auch Dein Beruf, deshalb habe ich mich besonders über deinen Protagonisten Hans gefreut. „Einfältig“ beschreibst du ihn. Kann es sein, dass ausgerechnet diese Leute völlig unbedarft große Lebensweisheiten aussprechen? Hans habe ich gleich mehrmals dabei ertappt.

Es gibt eine Weisheit jenseits sophistischer Gedankenspiele, eine Weisheit, die nicht darin besteht, die Wahrheit mithilfe ausgeklügelter Formeln in unseren Intellekt pressen zu wollen. Es ist eine Weisheit, die sich vielmehr darin zeigt, wie Menschen mit ihren Lebensumständen umgehen und wie sie anderen Menschen begegnen. Ich bin grundsätzlich eher vorsichtig mit Verallgemeinerungen, aber gerade in Bezug auf ungetrübte Lebensfreude und die Konzentration auf das Hier und Jetzt kenne ich Menschen mit geistiger Behinderung, von denen ich noch einiges zu lernen habe.

Bei Hans hatte ich stets einen Menschen mit kindlichem Herzen vor Augen. Keinen kindischen, aber einen kindlichen Menschen.

Spätestens nach diesem Roman hast Du bei mir den Spitznamen Geschichtenerzähler weg. erkläre uns bitte warum Du daran glaubst, dass man mit Geschichten die Welt verändern kann!

Ich glaube, dass Geschichten die Welt verändern können, weil sie bereits die Welt verändert haben.

Geschichten sprechen unser ganzes Sein an, sie helfen uns, ein Stück der Wirklichkeit zu begreifen. Selbst Menschen, die niemals ein Buch anfassen würden, sind nicht frei davon.

Ich glaube an die Kraft von Geschichten, weil ich an den einen großen Geschichtenerzähler glaube.

Als Jesus den Menschen erklären wollte, wie wir miteinander umgehen sollten, da sagte er nicht: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“, sondern er erzählte eine Geschichte:

„Ein Mann wanderte von Jerusalem nach Jericho. Unterwegs wurde er von Räubern überfallen …“

thomas franke

Foto: Thomas Franke

Gab es in den Trümmern Berlins 1945 tatsächlich Buchhändler die mit einem Ziehwagen voller Bücher durch die Straßen gezogen sind oder ist das Deiner Fantasie entsprungen?

Ich würde es mal so formulieren: Es ist eine historisch recht wahrscheinliche Fantasie.

Würdest Du mir widersprechen wenn ich behaupte, „Der Geschichtensammler“ ist ein philosophisches Werk im Gewand eines Romans?

Philosophie ist ja ein enorm weiter Begriff. Nicht jeder versteht darunter die ursprünglich damit bezeichnete Liebe zur Weisheit. Manche meinen damit vor allem etwas, das eigentlich irrelevant oder zumindest unendlich langweilig ist. Und manche banalisieren den Begriff und sprechen von Philosophie, wenn es um die Art geht, wie sie ihren Kaffee zubereiten. Insofern sind die Vorstellungen, die eine solche Beschreibung hervorruft, vermutlich sehr unterschiedlich.

Jede Geschichte ist die Einladung zu einer Reise. Jedes Mitfühlen und Mithoffen wird automatisch auch zu einem Mitfragen. Wenn die Figuren einer Geschichte in existenzielle Nöte geraten, beginnen sie auch existenzielle Fragen zu stellen.

Und solche Fragen zu stellen ist, so glaube ich, der Anfang jeder Weisheit.

Habe ich damit deine Frage eigentlich beantwortet?

Also lieber Thomas, eigentlich bin ich hier derjenige der die Fragen stellt. Wenn allerdings deine letzte Antwort kein Angriff auf mich als Kaffeefan ist, dann will ich dir gern zustimmen. Die Reise mit deinem Buch hat sich sehr gelohnt!

Thomas Franke stellt uns ein signiertes Verlosungsexemplar seines neuen Buches zur Verfügung. Wer seinen Kommentar oder auch eine Frage bis zum 21.1.2015 an den Autor unter diesen Beitrag postet, nimmt automatisch an unserer Verlosung teil. Viel Glück!

Und hier noch ein ganz aktueller Geheimtipp, also Platz im Bücherregal schaffen!

Björn – herzlichen Glückwunsch!
Der Autor wird in den nächsten Tagen dein Buch an dich abschicken.

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16 Kommentare

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16 Antworten zu “Thomas Franke: Der Geschichtensammler

  1. Dani

    Ich kenne „Das Haus der Geschichten“ nicht und freue mich daher, hier über den Zusammenhang aufgeklärt worden zu sein, denn „Der Geschichtensammler“ ist mir in den Vorschauen gerade gestern aufgefallen! Danke für die Vorstellung und das Interview!

  2. Susanne D.

    Nachdem ich Deine Rezi hier gelesen habe muss ich wohl dringend mal ein Buch von Thomas Franke lesen!

  3. Angela

    Ehrlich gesagt lese ich fast keine Romane mehr. Habe schon zuviel Lebenszeit damit vergeudet. Aber hier könnte sich die Lektüre lohnen. „Das Haus der Geschichten wollte ich eigentlich auch schon immer mal lesen, aber das gab es noch nirgends zu gewinnen… 😉

  4. Klingt nach einem sehr interessanten Buch, die Geschichte von Rasmus würde ich gerne lesen! 🙂

  5. Margrit

    … da melde ich mich auch mal …

  6. ….seine bücher sind klassse

  7. Esther

    „Das Haus der Geschichten“ fand ich super – daher würde ich SO GERN auch die Vorgeschichte dazu lesen! 🙂

  8. Das würde mich sehr interessiren und es danach an meine Tochter weitergeben, die auch gerne philosophische Geschichten liest.

  9. Katharina

    Thomas Franke ist mein absoluter Lieblingsautor. Er schreibt anspruchsvoll und voller Fantasie. Jedes Buch hat seinen eigenen Zauber. Ich freue mich schon sehr darauf, sein neues Werk lesen zu dürfen.

  10. Niklas

    Klasse klasse klasse. Ich bin so gespannt!
    Auf das Buch – fertig – los! 🙂

  11. theresa

    Da bin ich auch dabei!

  12. Gerade entdeckt und noch schnell dabei….

  13. Andreas Steuer

    „Das Haus der Geschichten“ ist ein so geniales Buch, dass ich mich sehr auf die „Vorgeschichte“ freue!

  14. Petra

    Zu Weihnachten bekam ich den „Spiegel des Schöpfers“ geschenkt. Nachdem ich das Buch verschlungen habe, musste ich unbedingt „Das Haus der Geschichten“ und „Das Tagebuch“ nachlegen 😉 So habe ich in diesem jungen Jahr, alle 3 Bücher schon gelesen. Naheliegend, dass ich es kaum erwarten kann, den Geschichtenerzähler in Händen zu halten. Die Romane sind ausgesprochen klug und zugleich wahnsinnig spannend. Die Art, wie Thomas Franke den Kern der christlichen Botschaft vermittelt, erinnert mich stark an C.S. Lewis.Großartig!

  15. Da will ich doch auch noch schnell in den Lostopf hüpfen! Das Haus der Geschichten fand ich richtig gut, daher bin ich gespannt auf die Vorgeschichte!

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