Stephanie Rapp: Die Gehilfin des Buchdruckers

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Deutschland um 1500: Lucas Strom kommt in ein kleines Dorf. Wer ist dieser Mann? Was will er hier? Er bleibt Jahre, heiratet eine Frau, wird Familienvater und erzählt nicht, wer er wirklich ist. Seine Frau muss es von fremden Männern erfahren …

Aus der Ehe zwischen Lucas und seiner Lisbeth gehen vier Kinder hervor. Zwei davon sterben bald nach ihrer Geburt. Ein Sohn und die Tochter Lena wachsen und gedeihen.

Stephanie Rapp beginnt zu erzählen und der Funke springt sofort über. Szenen laufen beim Lesen sofort bildhaft mit. Detailreich beschreibt die Autorin das Leben jener Zeit. Dabei landet sie immer wieder auch bei religiösen Fragen. Es ist bedrückend und beeindruckend zugleich, wie die Menschen vor Luther an Gott glaubten und was die Mächtigen jener Zeit sich selbst mithilfe eigens dafür erdachter Regeln und Gesetze in ihre eigenen Taschen steckten.

Für Lena wird dann die neue lutherische Sichtweise revolutionierend für ihr eigenes Leben. Wie jeder Mensch, bis zum heutigen Tag, begeht auch sie Sünden. Sie hält es nicht mehr aus, will auf Pilgerreise gehen um Buße zu tun. Wer will schon im Fegefeuer landen? Und wenn man dies aus heutiger Sicht belächelt, bei der Story von Stephanie Rapp wird sehr deutlich wie existent das Fegefeuer und die berechneten Jahre in der Hölle waren. Durch Geld und Ablass war es möglich diese Zeit zu verkürzen. Lenas Mutter nimmt die letzten Gulden aus der Kasse des ohnehin armen Bauernhauses und gibt sie dem Priester.

In ihrer größten Not geht Lena zu Bruder Heinrich. Ein Geistlicher, der regelmäßig vorbeikommt und dem sie nun ihre größte Sünde beichten wird. Heinrich hört aufmerksam zu und glaubt nicht was er da hört. Und während Lena auf die Strafe gespannt ist, vielleicht 100 Gebete oder doch eine Pilgerreise (?), reagiert Bruder Heinrich völlig anders, als sie es je erwartet hätte: „Allein aus Gnade bist du für die Ewigkeit gerettet.“ (S.299).

Da luthert es bereits mächtig und dies sogar in dem kleinen Dorf irgendwo zwischen Mainz und Worms. Selbst Luther begegnet der Leser in diesem Buch mit seinen herrlichen Beschreibungen vom Leben vor 500 Jahren. Sehr schön, in eine spannende Handlung eingebettet, zeigt die Autorin konkrete Auswirkungen der Freiheiten, die sich plötzlich dieser Luther heraus nimmt. Immer an der Seite von Lena bleibend, wird der Leser mit in die Zeit und an wichtige Orte der Reformation mitgenommen. Neben Martin Luther begegnet der Leser auch dem Buchdrucker Peter Schöffer den es nicht nur in diesem Roman wirklich gegeben hat.

Mit Lena, der „Gehilfin des Buchdruckers“, ist Stephanie Rapp ein sehr spannender Roman gelungen, der ein farbenprächtiges Bild der Lutherzeit ergibt, besonders quälend für den Leser ist, dass die Autorin die Spannung sehr lange aufrecht hält!

SCM Hänssler, ISBN 978-3-7751-5514-4, Preis 18,95 Euro

Stephanie Rapp hat bücheraendernleben nun folgende Fragen beantwortet:

Hallo Stephanie, in diesen Tagen kommt „Die Gehilfin des Buchdruckers“ auf den Büchermarkt. Wie lange hast du an deinem 530-Seiten-Wälzer gearbeitet?

Sechs Monate lang habe ich nur recherchiert und mir dabei auch verboten, schon loszuschreiben. Als ich dann alles Wissen und alle Ideen in meinem Kopf gesammelt hatte, begann ich zu schreiben. Für das Manuskript selbst habe ich zehn Monate gebraucht.

Beim Lesen ist mir aufgefallen, du musst sehr viel recherchiert haben. An einer Stelle beschreibst du sogar, wie ein ungeborenes Kind bereits getauft wird. Woher hast du deine Informationen geholt?

Ich habe Fachbücher von Theologen und Geschichtsprofessoren gewälzt. Das Schwierige an dem Projekt war unter anderem, dass die Reformation am Übergang vom Mittelalter zur Frühen Neuzeit stattfand, dass ich mich also in beide Epochen einarbeiten musste, um die Zeit genau zu verstehen. Zwischendurch fuhr ich mit einer Freundin nach Worms, wo ein Großteil der Geschichte spielt, nahm an einer historischen Kostümstadtführung in Heidelberg teil und besuchte das Bauernkriegsmuseum in Böblingen. Dort machte ich mir Skizzen von den Waffen und vom Werkzeug der Bauern. Ich wollte diese Welt richtig verstehen.

Was beim Lesen gut rüber kommt, ist die reale Angst der Menschen vor 500 Jahren vor Hölle und Fegefeuer. Gab es bei all deinen Recherchen einen ganz persönlichen Knackpunkt, an dem selbst du gesagt hast: „Das wusste ich bisher noch nicht!“

Für die Menschen damals spielte das Übernatürliche eine riesige Rolle im Alltag und Gefühlsleben. In den meisten Mittelalterfilmen und Mittelalterromanen, die ich kenne, kommt das nicht so klar rüber, deshalb war es mir bis dahin nicht so bewusst. Aber die mittelalterlichen Menschen lebten ja noch vor der Aufklärung. Jeder glaubte – sei es nun, dass er abergläubisch oder religiös war, letztendlich war ja alles auch vermischt. Die enorme Bedrückung der Religiosität ist mir bei meinen Recherchen zum ersten Mal richtig klar geworden und genau das wollte ich auch herausstellen in dem Buch. Was für ein krasser Befreiungsschlag für diese Menschen die Reformation bedeutete.

Stephanie Rapp-1 (klein)

Foto: Stephanie Rapp

An allen Ecken luthert es bereits seit Jahren, alles bewegt sich hin auf das Jubiläumsjahr 2017. Lass uns mal ein wenig spinnen! Wenn Martin Luther plötzlich wieder auftauchen würde, was würde er sofort reformieren?

Was, wenn er sich einfach nur freuen würde an den heutigen Früchten der Reformation?! Er hat ja damals selbst gesehen, dass die neue Lehre auch leider viel Leid, Krieg und Tod mit sich gebracht hat. Aber heute leben wir – aus kirchengeschichtlicher Perspektive – in einer Zeit, in der es uns unglaublich gut geht. Die Christen in Deutschland werden nicht verfolgt, Katholiken und Protestanten bringen sich nicht gegenseitig um, die Täufer werden nicht gefoltert und getötet; Laien dürfen in der Kirche Verantwortung tragen, weil wir alle „Könige und Priester“ sind, und wir haben Zugang zu der Information, dass es einzig und allein darauf ankommt, eine Liebesbeziehung mit dem Gott der Bibel zu haben, um in den Himmel zu kommen. Da würde er vielleicht einfach nur sagen: „Ich habe viel an mir gezweifelt, Angst gehabt, mich aufgeregt und leider auch Fehler gemacht – aber für das hier hat sich der ganze Stress gelohnt.“

An deiner Protagonistin Lena wird sehr deutlich, wie die neue Theologie des Martin Luther konkrete Auswirkungen am Glauben zu Gott hat und was dies alles auch für das Leben der Menschen schon hier auf Erden bedeutet. Warum sollte mich das heute noch interessieren, schließlich ist es doch schon 500 Jahre her?

Während ich schrieb, fragte ich mich immer wieder, warum die Menschen nicht alle glücklich über die neue Lehre waren. Welche Gründe mochten sie bewogen haben, diese Botschaft „Gerettet aus Gnade“ bewusst abzulehnen? Und spielen diese Gründe für uns heute noch eine Rolle?

Ich glaube, dass der Leistungsgedanke tief in uns Menschen drin steckt. Wir ticken so: Wir machen etwas und bekommen die Rechnung dafür präsentiert – entweder als Strafe oder als Belohnung. Das sind die täglichen Erfahrungen, die wir machen. Das prägt uns. Selbst meine Kinder, denen ich immer gesagt habe, dass es nur auf Glauben ankommt und auf nichts sonst, haben mich früher immer wieder gefragt, was sie tun müssen, um in den Himmel zu kommen. Und meine Oma, die Pfarrersfrau war, sagte einmal in einer traumatischen Situation zu mir – (ihr Mann war gerade gestorben): “Er ist doch jetzt bestimmt im Himmel, er hat doch nie was Böses getan.“ Ich will ihr keinen Vorwurf machen, die Situation war extrem belastend für uns alle und sie war dadurch verwirrt, aber das zeigt doch, wie tief der Gedanke der Werksgerechtigkeit in uns Menschen steckt. Auch heute noch. Und wie oft ertappe ich mich dabei, dass ich etwas tun will, um Gott zu gefallen, um mir irgendein Wohlgefallen bei ihm zu erarbeiten!

Vor exakt drei Jahren habe ich von dir „Ungeschminkt in London“ gelesen. Muss ich nun wieder drei Jahre auf ein neues Buch von Dir warten?

Du muss ich jetzt schmunzeln…

Ich lektoriere auch, da sind auch immer wieder Bücher dabei, bei denen ich als Lektorin nicht nur Kommas setze, sondern die ich stark umschreibe, in Absprache mit Autor und Verlag. Das ist ein sehr kreativer Prozess, für den man als Lektor aber keine Publicity bekommt. Aber darauf kommt es mir auch nicht an.

Wie ich die beiden Beschäftigungen – Lektorat und Schreiben – in den nächsten Jahren gewichte, muss ich mal sehen. Ich melde mich aber bei dir, wenn ich wieder ein eigenes Buch geschrieben habe…

Das will ich doch wohl hoffen. Vielen Dank für deine Antworten!

Zwei signierte Verlosungsexemplare stellt uns die Autorin zur Verfügung. Wer seinen Kommentar oder auch eine Frage an die Autorin unter diesem Beitrag bis zum 8. Februar postet, nimmt automatisch an der Verlosung teil. Viel Glück!

Herzlichen Glückwunsch,
Maria & Margit dürfen sich auf das signierte Verlosungsexemplar freuen!

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10 Kommentare

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10 Antworten zu “Stephanie Rapp: Die Gehilfin des Buchdruckers

  1. Björn

    Bisher noch nichts von dieser Autorin gelesen.

  2. theresa

    Das klingt richtig gut!

  3. Margrit

    … ein Roman aus der Lutherzeit … interessant …

  4. Adeline

    Ich habe bis jetzt noch nie etwas von der Autorin gehört… Finde die Geschichte aber sehr interessant und würde es gerne lesen.

  5. Edelgard

    Nach dem Lesen der Rezension habe ich Lust auf mehr 🙂

  6. Fred

    Ich bin doch sehr gespannt, wie sich die Autorin schriftstellerisch seit „Ungeschminkt in London“ entwickelt hat.

  7. Rahel

    Hier! Hier! 😊

  8. Maria

    Da würde ich auch nicht nein sagen!

  9. Esther

    Ich würde mich so über das Buch freuen – „Ungeschminkt in London“ hat mich begeistert, ;-).

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