Florian Huber: Kind, versprich mir, dass du dich erschießt

kind versprich mir

Zum einen war ich auf dieses Buch sehr gespannt, weil ich in Demmins Nachbarstadt einige Jahre verbracht habe, zum anderen, weil ich als DDR-Schüler nie etwas von diesem Sog der Selbsttötungen erzählt bekommen habe. Erst mit diesem Buch gehen mir sozusagen die Augen auf, dass selbst dies Politik war.

Was der Hamburger Autor Florian Huber in seinem Buch ausgehend vom verschlafenen Städtchen Demmin schreibt, macht nicht nur betroffen, es führt zugleich auch in eine Situation, die ich mir absolut nicht vorstellen, schon gar nicht begreifen kann und vielleicht auch nicht mag. Da bringen sich tausendfach einfache Menschen um und dies nicht als große Hitler-Fans.

In vier Teilen versucht Huber dem Thema und vor allem auch dem Umgang mit diesem lange verschwiegenen Thema näher zu kommen. In seinem Teil III. schildert er ausführlich, welch ein ungeheures Gefühlschaos selbst in den nicht so politischen Menschen, weit ab von Berlin, geherrscht haben muss. Über zehn Jahre wurden sie von der Hitler-Ideologie berieselt. Sie haben sich vielleicht selbst schon ein Stückchen weit als Weltenherrscher gesehen und mussten dann miterleben, wie all dies stückchenweise zusammenbrach. Es trat der bis dahin unvorstellbare Fakt ein, dass sie über ein Jahrzehnt lang einer menschenverachtenden Ideologie angehangen waren. Plötzlich war Hitler nicht mehr der starke Mann, der immer Recht hatte, plötzlich kam die rote Armee von ostwärts täglich bedrohlich näher. Das mussten die Leute erst einmal seelisch verarbeiten und dann kam die ungeheure Angst vor den Russen hinzu. Tausendfach war dann der Selbstmord der letzte Weg dem allen zu entfliehen.

Wenn ich mir überlege, dies war die Generation meiner Großeltern, aber ich habe bis heute von dem Ausmaß dieser Selbstmordwelle nichts gehört, finde ich es schon beängstigend, was auch von jüngster deutscher Geschichte alles so ausgeblendet wird, sei es staatlich gelenkt oder auch im Familienverband totgeschwiegen.

Ein berührendes, sehr aufschlussreiches Buch!

Berlin Verlag, ISBN 978-3-827-01247-0, Preis 22,99 Euro

Florian Huber hat bücherändernleben jetzt folgende Fragen beantwortet:

Lieber Florian Huber, in diesen Tagen erscheint Ihr Buch „Kind, versprich mir, dass du dich erschießt“. Warum wird seit Jahrzehnten zu diesem Thema der tausendfachen Selbsttötung am Ende des II. Weltkrieges geschwiegen? Oder habe ich da etwas verpasst?

Das Thema des zehntausendfachen Selbstmords im Deutschen Reich bei Kriegsende ist so gut wie unbekannt. Es hat die ein oder andere Veröffentlichung dazu gegeben, z.B. im Spiegel oder Stern. Aber das blieb ohne nachhaltiges Echo. Das Schicksal dieser Menschen ist nie im Bewusstsein unserer Gesellschaft angekommen. Dabei haben wir uns in den letzten Jahrzehnten unablässig mit unserer jüngeren Vergangenheit beschäftigt. Doch die Geschichte vom massenhaften Selbstmord oft ganz normaler Menschen passt einfach nicht in den gängigen Vergangenheitsdiskurs, in das Schema vom Opfer oder Täter. Sie waren weder Helden noch Schurken. So sind sie vergessen worden.

Wie kamen Sie zu diesem Thema und war es schwer einen Verlag zu finden?

Mich hat immer der Augenblick interessiert, als das Dritte Reich zuende ging und seine Menschen plötzlich innerlich vor dem totalen Nichts standen. Schon mein Vater, der damals zehn Jahre alt war, hat uns Kindern von jenen unheimlichen, schier bodenlosen Stunden erzählt, als in seinem kleinen pfälzischen Dorf der letzte deutsche Soldat verschwunden und der gefürchtete Feind vor den Toren stand. Ich wollte versuchen, in die Köpfe der Menschen von damals zu blicken, welche Gedanken und Gefühle sie angesichts ihres eigenen Untergangs hatten. Der Massenselbstmord ist sicher eine extreme Antwort auf diese Frage. Aber es war eben eine extreme Situation, nach zwölf Jahren permanentem Ausnahmezustand unter diesem Regime und im Angesicht der völligen Selbstzerstörung.

An diesem Stoff und meiner Idee der Umsetzung waren gleich mehrere Verlage sehr interessiert. Zu meiner großen Überraschung, denn es ist ja keine leicht konsumierbare Bettlektüre.

Ich habe viele Jahre selbst in der Nähe von Demmin gewohnt und bin mir sicher, dass zu der Zeit, Mitte der 40er Jahre, viele Menschen dort Christen waren. Der Selbstmord sollte für Christen kein Ausweg sein, haben Sie zu diesem Thema innerhalb Ihrer Recherche etwas herausgefunden?

Viele Menschen in Vorpommern waren (überwiegend evangelische) Christen, denen die Selbsttötung von ihrer Kirche eigentlich strengstens verboten war. Tatsächlich bin ich auf Fälle von Pfarrern und Bischöfen in Deutschland gestoßen, die in jener Zeit massiv gegen den Selbstmord angepredigt haben. Allerdings häufig vergeblich – die Verzweiflung der Menschen war größer. Das Selbstmord-Tabu, das seit Jahrhunderten bestand, war in diesen Wochen außer Kraft gesetzt.

florian huber

Foto: Florian Huber

Was meinen Sie, warum ist es wichtig, dass wir uns heute mit diesem dunklen Thema beschäftigen sollten? Warum muss endlich Licht ins Dunkel?

Die Selbstmordepidemie bei Kriegsende 1945 hatte solche Ausmaße, dass man sie nicht als Fußnote der Geschichte ignorieren kann. An ihr lässt sich ablesen, dass der äußerlichen Trümmerwüste in Deutschland eine kaum geringere Verwüstung in den Köpfen der Menschen, ihren Gedanken und Emotionen entsprach. Zehntausende reagierten auf diesen Sinnverlust mit Selbstmord. Millionen dagegen mit Schweigen und Verdrängung. Diese innere Verfassung der ganz normalen Leute gilt es zu erforschen.

Ich würde mir auch wünschen, dass diejenigen, die von dieser Selbstmordwelle direkt und indirekt betroffen waren, den Mut finden, darüber zu sprechen. Die Last des Verdrängten wird mit den Jahren bestimmt nicht leichter.

Vielen Dank für Ihre Antworten!

Florian Huber hält ein signiertes Verlosungsexemplar bereit. Wer seinen Kommentar bis zum 25. Februar unter diesem Beitrag postet, nimmt automatisch an unserer Verlosung teil Viel Glück!

beastybabe hat das Verlosungsexemplar gewonnen,
herzlichen Glückwunsch!

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9 Kommentare

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9 Antworten zu “Florian Huber: Kind, versprich mir, dass du dich erschießt

  1. Björn

    Krasser Titel.

  2. beastybabe

    Darüber hab ich auch schon anderweitig viel Positives gehört. Ich versuch mal mein Glück! 🙂

  3. Angela

    Von diesen Dingen höre ich hier auch das erste Wort. Schon seltsam, man denkt ja dass das Thema Drittes Reich in den letzten Jahrzehnten wirklich von alles Seiten beleuchtet wurde.

  4. …..davon wusste ich bis jetzt nichts…..das würde mich sehr interessieren….

  5. Frankaway

    Habe gestern hier an dieser Stelle die Buchvorstellung gelesen und heute durch reinen Zufall auf 3Sat eine Buchvorstellung dieses Buches gesehen. Krass! Ich habe mich viel mit dem Ende der NS-Zeit befasst und auch schon des öfteren von Selbstmorden gehört und gelesen. Es ist in der Tat interessant, dass sich mit Florian Huber erst jetzt emand ernsthaft dieses Themas als Massenphänomen (und nicht nur als jeweilige Einzelschicksale) annimmt, Und trotzdem: Jeder Selbstmord bleibt ein tragisches Einzelschicksal!

  6. Das Thema interessiert mich sehr – ich würde es sehr gerne lesen.

  7. beastybabe

    Juhu! Ich freu mich! Danke!!! 🙂

  8. Parcoureur

    Leider benutzen Neonazi’s die schreckliche Ereignisse in Demmin für ihre Propaganda und profitieren dabei von der bestehende Mangel an allgemeine anerkannter Fakten. Ich sehe die Ereignisse auch als Massenselbstmord aber muss diese Benennung dabei nuancieren weil viele Selbstmörder vorerst die eigene Kinder, Familienmitglieder und Anverwandte umgebracht haben. Aber last es Klar sein das die Tote aus Demmin am Ende Opfer sind der Nazi-Aggressoren, und alles zu machen das solch ein Geschichte sich nie wiederholt.

  9. Pingback: Florian Huber: Kind, versprich mir, dass du dich erschießt [Rezension] | Tintenhain

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