Uwe Siemon-Netto: Griewatsch!

Griewatsch

Griewatsch Uwe Siemon-Netto wurde vor 78 Jahren in Leipzig geboren. Die DDR-Zeit erlebte der Sachse beim Klassenfeind, lebt heute in den USA. Er wurde ein geachteter Journalist, Vietnamexperte, schrieb Reportagen für den Stern und andere Zeitungen. Seine Liebe zur Stadt Leipzig zieht sich jedoch bis auf den heutigen Tag durch sein Leben.

Die tausendjährige Stadt Leipzig und der Autor haben gemeinsam Verluste zu beklagen, aber auch Werte erhalten und wiederentdeckt, die zu bewahren es sich durchaus lohnt.

Erst nach der politischen Wende von 1989 konnte Siemon-Netto sich wieder völlig ungehindert in seinem Leipzig umschauen. Er hat dies sehr gründlich getan und nimmt mich als Leser mit auf seine Wiederentdeckungstour. Ungezwungen und an vielen Stellen wohl auch ungefragt gibt der Sachse seinen Kommentar ab, lässt interessantes aus Leipzigs Stadtgeschichte miteinfließen und zieht durchaus kritische Vergleiche zur Gegenwart.

Der Theologe Uwe Siemon-Netto, der Sohn eines Staatsanwaltes und einer Konzertsängerin, gestaltet seinen Rundgang im modernen Leipzig keinesfalls melancholisch-friedlich. Er sagt klipp und klar, unmissverständlich seine Meinung. Egal ob es die Leipziger Prediger der Gegenwart oder aber kommunale Themen betrifft.

Der Leipziger Lümmel, nichts anderes bedeutet Griewatsch, Uwe Siemon-Netto widmet mit diesem Buch seiner Heimatstadt Leipzig eine große Liebeserklärung und zeigt, wie er mit seinem Leben dem tausendjährigen Leipzig zutiefst verbunden ist!

Fontis Brunnen Basel, ISBN 978-3-038-48038-9, Preis 19,99 Euro

Uwe Siemon-Netto hat bücherändernleben nun folgende Fragen beantwortet:

Mit Ihrem neuen Buch „Griewatsch!“ bringen Sie mich ein wenig in Schwierigkeiten. Ist es eine Autobiografie oder doch mehr eine Liebeserklärung an Ihre Heimatstadt Leipzig, in der Sie nach Lebensjahren bemessen, doch nur einen sehr kurzen Abschnitt Ihres Lebensweges gelebt haben?

Das Buch ist notabene beides: Autobiografie und Liebeserklärung, ganz einfach weil eine glaubwürdige Liebeserklärung an die Heimatstadt autobiografisch untermauert werden muss. Ja, ich habe nur eine kurze Zeit meines Lebens in Leipzig zugebracht, aber eine prägende Zeit. In dieser Phase wurde mir ungeachtet der nationalsozialistischen und dann der kommunistischen Diktaturen die Schönheit der bildungsbürgerlichen Kultur eingeflößt, die Leipzig geformt hatte. In dieser Phase habe ich im Luftschutzkeller in den Armen meiner Großmutter, einer großartigen Gestalt aus dem 19. Jahrhundert, gelernt, meine Furcht vor dem Bombentod zu überwinden, und zwar mit Gottvertrauen, Humor und Stil. In dieser Phase wurde ich in der Stadt Johann Sebastian Bachs mit der Macht der Musik vertraut gemacht. Davon profitiere ich auch heute noch. Obendrein war dies die einzige Zeit in meiner Kindheit, in der ich in einer einigermaßen intakten Familie lebte.

Ich wage zu behaupten, dass Leipzig mit Abstand für Sie der bedeutendste Sehnsuchtsort Ihres Lebens ist. Falls es für Sie so etwas tatsächlich gibt, ist dem so und warum sind Sehnsuchtsorte wichtig?

Sie haben beinahe Recht: Leipzig ist einer von zwei bedeutenden Sehnsuchtsorten für mich. Der andere ist New York, wo ich – mit Unterbrechungen – die ersten 40 meiner mittlerweile 52 glücklichen Ehejahre verbrachte. Sehnsuchtsorte sind wie der Mutterboden, ohne den keine Pflanze gedeihen kann. Im Leipziger Mutterboden wurde ich mit den Werten genährt, von denen ich heute noch zehre. Ich erwähnte sie bereits: bildungsbürgerlich-zivilisatorische, theologische, musikalische und rein menschliche Werte. In New York kamen kosmopolitische Werte hinzu. In gewisser Weise ergänzen sich meine beiden Sehnsuchtsorte. In New York fühlte ich mich immer wieder an Leipzig erinnert, so unterschiedlich die beiden Städte auch sein mögen. Ohne Sehnsuchtsort wäre ich wurzellos. Deshalb bin ich im Herzen immer ein Leipziger geblieben, auch wenn ich jahrelang nicht nach Hause durfte.

uwe siemon-netto

Foto: Uwe Siemon-Netto

Griewatsch Uwe hat im Knabenalter sein Leipzig verlassen, kam zwischendurch mal wieder und hat sich unbeliebt gemacht, nach der Wende haben Sie Leipzig neu entdeckt. Sie schreiben in Ihrem Buch von den Werten, die diese Stadt einmal ausgezeichnet haben. Welche Werte haben überlebt und welche sind für alle Zeiten dahin?

Die musikalischen Werte und der Humor haben überlebt, der Humor vor allem bei den nach wie vor hinreißenden Leipziger Frauen, die diese Qualität ungemein ziert. Die bildungsbürgerlichen Werte einschließlich guter Umgangsformen waren in zwei Diktaturen und der neudeutschen Vulgarität fast verkommen. Vor allem bei vielen jüngeren Männern beobachte ich furchtbar schlechte Manieren, die in meiner Kindheit quer durch die Stände nie goutiert worden wären: Sie haben nie gelernt, Damen die Tür aufzuhalten oder ihnen in den Mantel zu helfen, sich erst hinzusetzen, wenn keine Dame mehr steht, andere Ansichten zu dulden, vor allem solche, die wider den Zeitgeist verstoßen (Letzteres gilt allerdings auch für Frauen). Aber vielleicht ist’s Wunschdenken, wenn ich behaupte, erste Knospen eines sich regenerierenden Bildungsbürgertums zu erkennen. Dahin scheinen allerdings die theologischen Werte zu sein, die Standbein-Spielbein-Dialektik lutherischer Lehre, die sich in der weltoffenen Mentalität früherer Leipziger niederschlug: Sie standen fest auf dem Boden des Evangeliums (Standbein) und konnten deshalb ungezwungen in der Welt agieren (Spielbein). Das ist futsch, sehe ich von einigen noblen Ausnahmen ab. Als einer, der das Kraftpotential lutherischer Verkündigung kennt, bebe ich vor Zorn über das platte, pseudosoziologische Gelabere auf den heutigen Leipziger Kanzeln. Das war sogar zu DDR-Zeiten besser. „Hmmm, ich denke mal…“ ist keine hilfreiche theologische Aussage. Aber als Theologe widerspreche ich vehement der Unterstellung, dass irgendetwas „für alle Zeiten“ dahin sein könnte. Nur der Zeitgeist verschwindet „auf alle Zeiten“ – und schnell. Ich bekenne mich zu einem ganz anderen Geist.

Sie sind heute 78 Jahre alt. Betrachte ich Ihren Lebensweg und die Geschichte der tausendjährigen Stadt Leipzig, kommt mir symbolhaft immer wieder ein Uhrpendel in den Sinn. Ist das Leben ein stetes hin und her? Wiederholt sich Geschichte immer wieder und begreifen wir das alles erst wenn wir es mit Abstand betrachten?

Das Uhrpendel ist ein gutes Symbol. Das Leben ist tatsächlich ein hin und her. Aber dieser Wechsel verläuft niemals mechanisch, und die Geschichte wiederholt sich allenfalls in Bruchstücken. Dies ist schon deshalb so, weil geschichtliche Abläufe immer auch von Menschen bestimmt werden, die nie mit früheren Menschen identisch sind. Putin ist zum Beispiel kein Stalin, obwohl er nicht minder gefährlich sein könnte. Außerdem muss ich als Theologe sagen: Die Geschichte wiederholt sich deswegen nicht haargenau, weil Gott der Herr der Geschichte ist; über seine Wege zu spekulieren, ist müßig. Historische Kenntnisse sind jedoch unverzichtbar, wenn wir nicht aberwitzige Fehler erneut begehen wollen. Umso ärgerlicher empfinde ich die zur Tugend hochstilisierte historische Ignoranz, die ich allenthalben in allen Schichten breitmacht – auch in Leipzig! Ausgerechnet in dieser früheren Hochburg des Bildungsbürgertums! Das macht mich ganz böse.

Was ist Leipzig heute für Sie?

Was es immer war: meine Heimatstadt, der zwar immer noch ferne, aber wieder erreichbare Hort meiner prägenden Kindheitserinnerungen und eines der wichtigen Objekte meines täglichen Gebets.

Vielen Dank für das Gespräch!

Der Verlag stellt uns drei Verlosungsexemplare zur Verfügung. Wer seinen Kommentar bis zum 22. März 2015 unter diesem Beitrag postet, nimmt automatisch an unserer Verlosung teil. Viel Glück!

Herzlichen Glückwunsch,
Frankaway, Margit und Maria haben je ein Verlosungsexemplar gewonnen!

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6 Kommentare

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6 Antworten zu “Uwe Siemon-Netto: Griewatsch!

  1. Björn

    fontis Verlag startet durch. Schön.

  2. Frankaway

    Wow! Tolle Interview-Statements und eine echte Liebeserklärung an Leipzig! Jemand, der Klartext und unverblümt reden und schreiben kann, ohne dabei gleich ins Vulgäre und Plakative abzugleiten. Wir brauchen mehr solcher Publizisten! Hoffentlich wächst auch eine jüngere Generation heran, die sich so klar und trotzdem differenziert äußern kann und dabei Position bezieht!

  3. Angela

    Hm, eine regelrechte Autobiographie wäre auch schön gewesen…aber das ist ja schon mal ein guter Anfang!

  4. Margrit

    … Biografisches ist in der Regel immer lesenswert …

  5. Maria

    Das Buch würde ich sehr gerne für Freunde von uns gewinnen, die 1989 aus Leipzig hierher kamen und erstmal über 3 Monate mit ihren Töchtern bei uns wohnten. Eine Tochter lebt inzwischen wieder in Leipzig. Ich denke mal, das Buch würde ihnen sehr gefallen.

  6. Gerhard Julius SCHMITT

    USN verkörpert einen Welt- und Bildungsbürgertypus mit dem man gerne tage- und nächtelang durch Leipzig streifen möchte. Mir ist auch ein READER’S DIGEST – Artikel von ihm bekannt, in dem er bereits 1976 sehr gleichlautende Ausführungen machte. Leipzig hat sich seither schon grossartig entwickelt, jetzt muss auch die Zahl der Bildungsbürger und beflissenen Musenstädter ansteigen.

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